14. Jahrgang.
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Nr. 143.
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Mittwoch, den 21. Juni 1965.
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(Gießener Magebtatt)
Unaöhängige Tageszeitung
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Reform oder Revolution r
(Eigener Bericht.)
Petersburg, 20. Juni
er die Reformen verweigern, die allseitig verlangt werden, und die mit dem „russischen Gedanken" nicht vereinbar sink wie der Zar ihn versteht?
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Reformversprechungen und revolutionäre Schritte wechseln in Rußland einander ab. Manchmal treffen sie auch zusammen, und dann hat es den Anschein, als ob die Vertrete, der verschiedenen Richtungen nicht mehr dieselbe Sprache sprächen, als ob der Nachbar den Nachbar nicht mehr verstände. Schlimmer noch als alles Andere ist das freiwilllge Mißverstehen, das die Absicht gegenleitiaer Täuschung zu, Voraussetzung hat.
Der Moskauer Semstwo-Kongreß hat, wie man weiß eine Adresse an den Zaren gerichtet. Diese Adresse spricht sich mit leidenschaftlichen Worten gegen die verrottcteu Beamten und Ratgeber des Zaren, gegen den Despotisniuö und gegen das selbstherrscherliche Regiment aus. Sic verlangt mit aller Entschiedenheit und beinahe drohenden ToneZ die Berufung einer Nationalversammlung, die von allen Staatsangehörigen ohne Unterschied und mit gleichem Recht gewählt werden müsse, um über Krieg und Frieden zu entscheiden und dem Land eine neue Organisation zu geben.
2s breffe schließt mit den Worten: „Zögern Sie nicht, Majestät, denn groß ist in dieser Stunde furchtbarer nationaler Prüfung Ihre Verantwortung vor Gott und vor Rußlarw.
Dem Semstwo-Kongreß wurde bedeutet, daß der Zar seine Vertreter nicht empfangen wolle, daß er seine Adresse, die inzwischen veröffentlicht worden war, auch nicht einreichen solle. ^ Der russische „Tchin", die Beamtenschaft, durch bie Minister vertreten, und die reaktionäre Großfürstenpartei, gleichfalls durch die Minister vertreten, erachteten es als in ihrem Interesse liegend, den Zaren wissen zu lassen, was der Semstwokongreß, eine Versammlung sehr ruhiger und gemäßigter, zum Teil dem höchsten Adel angehöriger Männer, dachte und wünschte. Doch die gesellschaftlichen Beziehungen und der persönliche Anhang dieser Männer waren zu stark. Zwar nicht die Minister, aber die Hofleute des Zaren er wirkten der Vertretung des Semstwokongresses und bei Stadt Petersburg eine Audienz. Die Minister wohnten ihr nicht bei. Doch ihr Geist war anwesend und fprady fid) in den Worten aus, die sie dem Zaren als Erwiderung Zuj die Zunge gelegt hatten und die ein Muster inneren Widerspruchs darstellen.
Der Zar konnte nicht umhin, den patriotischen Sinn bei vor ihm erschienenen Vertreter des Semstwokongresses anzrr- erkennen, mit ihnen das Kriegsunglück und die Wirrnisse im Inneren zu beklagen. Im übrigen aber lehnte er die Forderungen der Adresse und die Konsequenzen der ihm ge« machten Vorstellungen unbedingt ab — nicht mit ausdrücklichen Worten, sondern bloß unter der Betonung der Souveränität seines entgegengesetzten Willens, der unerschütterlich sei. Die Wünsche der Kongreßvertreter tat er mit den einfachen Worten ab: „Zerstreuen Sie Ihre Bedenken!" Eine Standesvertretung will er berufen, nicht weil das Volk es verlangt,'nicht weil die Intelligenz es befiehlt, sondern weil sein eigener „unerschütterlicher souveräner Wille" es vorschreibt. Von allgemeiner und gleicher Wahl, von einem gleichen Wahlrecht aller Untertanen des Zaren ist dabei keine Rede. Was die Vertreter des Semstwokongresses in dieser Beziehung vorzutragen haben, wird gar keiner Erwähnung für würdig erachtet. „Die Zulassung der Erwählten zu den Arbeiten des Staates wird ordnungsgemäß durchgeführt werden", heißt es in der Antwort des Zaren. Wem das noch nicht deutlich genug ist, dem muß die Bemerkung die Augen öffnen, daß nach dem Zaren die neue Ordnung der Dinge in einer der „ursprünglichen russischen Grundsätzen" entsprechenden Weise eingerichtet werden soll.
Damit ist klargestellt, daß der Zar zurzeit mit seinen Ministern und der Großfürstenpartei vollkommen übereinstimmt, daß er nicht daran denkt, den Forderungen bei Intelligenz in irgend einem Punkt nachzugeben. Die Volksvertretung, die er berufen will, soll keinerlei Macht, nur eine beratende, keine beschließende Stimme haben.
Was hier erzählt worden, hat sich am letzten Montag zugetragen. Die russische Regierung sorgte für rascheste Verbreitung. Merkwürdigerweise war sie weit weniger schnell bereit, die Oeffentlichkeit mit einem Vorgang besannt zu machen, der nicht minder wichtig und b^achtenswerl war und sich vier Tage früher abgespielt hatte. In Zarskoje Sselo haben einige hundert Offiziere eine gemeinsame Beratung politischer Art abgehalten, in der sie durch das Erscheinen des Generals Rehbinder gestört wurden, der Gehilfe des Großfürsten Wladimir, des Chef- kommandanten des Petersburger Militärbezirks ist. Dieser bezeichnete die Versammlung ungesetzlich und verlangte ihre sofortige Auflösung. Die Versammelten aber verweigerten die Auflösung und erklärten ihrem Vorgesetzten, daß sie nicht Polizeioffiziere und Henker sein wollten. General Rehbinder beharrte auf seine Forderung, daß die Offiziere auseinander gmgen, und versprach für nahe Zukunft die Berufung einer gesetzmäßigen Versammlung.
Das ist offenbare Revolution, ganz abgesehen von der Gehorsamsverweigerung. Wenn das Militär versagt, wenn dw Offiziere selbst mit denen gemeinsame Sache machen, die sich gegen das selbstherrscherliche Regiment wenden — soll stch denn der Zar stützen, um seinen „uner- jqutterlidben souveränen Willen" durchzusetzen? Wie will
Der Krieg in Ostasien,
Die japanischen Diplomaten zeigen keine besondere Rei gung, die Verhandlungen über den Friedensschluß zu überstürzen. Wie der japanische Gesandte Takahira dem Präsidenten Roosevelt mitgeteilt hat, könnten die japanischen Bevollmächtigten bis zum 1. August in Washington eintreffen. Falls es für Ruhland annehmbar sei, könne die Konferenz um diese Zeit zusammentreten. Bis zum 1. August vergehen noch sechs ganze Wochen. Bei der erneuten japanischen Offensive gegen das russische Feldheer unter General Line- Witsch ist es nicht ausgeschlossen, daß bis dahin die Lage sich noch mehr zu ungunsten der Russen verschoben hat. Eine Zertrümmerung der Macht des an die Stelle Kuropatkins getretenen Generals würde den russischen Bevollmächtigten auch die letzten Trümpfe aus der Hand nehmen.
Die Lage der russischen Feldarmee scheint in Wirklichkeit nichts weniger wie rosig zu fein Die gefedjte der letzten Tage sind für sie unglücklich gewesen, die Japaner haben wichtige Positionen erobert und Linewitsch war gezwungen, zurückzugehen. Bereits ist Chengchiatun, große russische Vorratsdepot jenseits der mongolischen bedroht und die japanischen Heersäulen drängen mastig vorwärts. Ob die Russen eingeschlossen sind, wie vielfach behauptet wird, kann einstweilen nicht festaestellt werden; jedenfalls darf man von Marschall Oyama nach dem bisherigen Verlauf der Dinge erwarten, daß er seine Operationen mit großer Vorsicht trifft und nach einem genau vorgezeichneten Plane handelt. General Nogi führt wahrscheinlich eine Umgehungsbewegung wie bei Mukden aus und kann jeden Allgenblick im Rücken der Russen austauchen Auf dem östlichen Flügel hält Kawamura die Russen im Schach und eine weitere Heeresabteilung der Japaner ist be- strebt die Verbindung zwischen Wladiwostok und Harbin .^Uimneioen. Bei dieser Sachlage kann man den Russen wirklich kein günstiges Prognostikon stellen und wenn nicht nod) im letzten Augenblick eine kaum zu erwartende Aenderung eintritt, muß das Zarenreich bei den Friedensverhand- ™ e^en tl^ri beigeben. Es erhält sich übrigens das Geruchk, daß außer Relidow auch Kuropatkin zum Bevoll- machtigten bei den Verhandlungen mit Japan ernannt sei. Sicherlich aber werden die Sympathien für die russische Sache nicht gestärkt durch die
Greueltaten von Kosaken, wie sie eben durch englische Kriegsberichterstatter be- kannt werden. Der Vorfall soll das Schlimmste gewesen sein, was bisher im Kriege vorgekommen ist. Die Abteilung Kosaken, die ganz unvermutet aufgetaucht war, feuerte zuerst auf kurze Entfernung mehrere Salven auf ein japanisches Lazarett ab und ritt dann mit gezogenem Säbel zum Angriff vor, obwohl die Aerzte und das Lazarettpersonal etma 300 Mann durch ihre Abzeichen leicht als Zugehörige des Roten Kreuzes kenntlich waren und sich als solche kenntlich zu machen suchten und um Schonung baten Die Kosaken schlugen wie wild auf das Sanitätspersonal ein und verwundeten viele Personen. Manche der russischen Reiter stiegen sogar ab und wüteten mit dem Bajonett gegen die Wehrlosen, die schreckliche Wunden erhielten. Schließlich wurden die Tragbahren, die Ambulanz- und die Vorrats- Wagen mit den Arzneimitteln und Instrumenten in Brand gesteckt und die Schlafräume geplündert. Beim Rückzug schleppten die Kosaken 20. Aerzte als Gefangene mit sich Es bleibt abzuwarten, was man in Rußland dazu sagen wird. Wenn auch die Nervosität der fortwährend geschlagenen Truppen verständlich erscheint, so darf das doch nicht soweit ausarten, daß zu der kriegerischeu Niederlage auch der voll- ständige moralische Zusammenbruch gefügt wird.
Der Minister führt aus, es liege keine Veranlassung vor, bestrafte Personen, selbst solche, die eine Freiheitsstrafe erlitten haben, von einer Beschäftigung ober Anstellung im Justizreffort grundsätzlich auszuschließen. Es sei vielmehr in jedem Einzelfalle zu prüfen, ob nach der Straftat und der zutage getretenen Gesinnung anzunehmen sei, daß der Bestrafte eine solche Einbuße erlitten habe, daß seine amtliche Wirksamkeit beeinträchtigt oder das berechtigte Ehrgefühl der Mitarbeiter verletzt werde.
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^ Einen bemerkenswerten Beschluß zur Ostmarken- Frage bat der Hauprverein des Evangelischen Bundes in Posen gefaßt. Danach beabsichtigt der Verein, mit den deutsch-nationalen Korporationen, auch denen der deutschen Katholiken, unter Wahrung seines protestantischen Charakters zusammenzugehen.
Die Bekämpfung des Herero-Aufstandes macht weitere Fortschritte. Im Hereroland wurden von den auf die wichtigsten Orte verteilten Stationsbesatzungen in den letzten Wochen zahlreiche Streifzüge unternommen, namentlich in der Gegend von Waterberg, Owikokorero, Otjihangwe, Epu- firo und in der weiteren Umgebung Windhuks. Hierbei sind insgesamt 120 Hereros im Gefecht gefallen, 572 gefangen genommen, 60 Gewehre und einiges Vieh erbeutet worden. Das Kaukau-Veldt hatte Hauptmann v. Oertzen bereits im Mai vom Feinde frei gefunden. Im Nama-Land griff .Hariptmann v. Erckert den 6. Juni am Gamtoap-Revier eine Werft von Hottentotten der Bande Morengas an. Der Feind
ließ 4 Tote und 4 Verwundete liegen, diesseits luste. Die Nachricht, daß Hendrik Witboi auf Gebiet bei Lehutitu sitze, wird erneut bestätigt.
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keine Ver- englischem
=f= Die vielfachen Gerüchte, die über Unruhen ..........
rungebicte kursierten, scheinen übertrieben gewesen zu sein. Der als gründlicher Kenner des Kamerungebietes bekannte Hauptmann Dominik, der aus Kamerun in Berlin einge-
im Kame-
troffen ist, äußerte seine Ansicht dahin, daß die Verhältnisse in Kamerun nicht anders Hegen, als sie üb erstaunt in den letzten zwölf Jahren gewesen sind,
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A In der Marokko-Angelegenheit scheint England cinlen= ken zu wollen, da das offensichtliche Bestreben, Deutschland zu isolieren, keinen Erfolg gezeitigt hat. Von London aus wird bestätigt, daß der französische Botschafter in London, Cambon, nachdem er mit Lansdowne eine Besprechung der marokkanischen Angelegenheit gepflogen, dem Ministerpräsidenten Rouvier die Versicherung ausgesprochen habe, daß die von dem britischen Vertreter in Fes erklärte Ablehnung der Teilnahme Englands an der vorgeschlagenen Konferenz nicht den amtlichen und bestimmten Charakter hatte, den man ihr Zuschrieb, und daß England sich der Haltung, die Frankreich in der Konferenzfrage einnimmt, anschließen werde. Das heißt mit anderen Worten, der diplomatische Schachzug, der die Entzweiung Frankreichs und Deutschlands herbeiführen sollte, ist mißglückt.
Die Politik.
Die Frage der deutschen Eisenbahn-Betriebsmittek- gemelnschaft wurde in der Württembergischen ersten Kammer angeschnitten. Der Minister des Aeußeren Freiherr von Soden erklärte, daß die Verhandlungen über die Betriebs» nuttelgemeinschaft in erfreulichem Fortschreiten begriffen leien und über kurz oder lang eine Verständigung erzielt werden dürfte. Vielleicht werde die Betriebsmittelgemein- schaff bereits im Oktober 1906 in Kraft treten können.
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I-53 Zu der Idee der Lotteriegemeinschnft zwischen Hessen und Preußen wird berichtet, daß eine Konferenz der Hesfi- 'chen, thüringischen und preußischen Minister und Finanz- dezernenten stattgefunden hat. In dem wichtigsten Punkte wü ein Einvernehmen erzielt worden sein.
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t Mit der Verwendung vorbestrafter Leute im Justizdienst beschäftigt sich ein Erlaß des preußischen Justizministers.
S1 Anscheinend sind Erhebungen über Verbesserungen im Gefängniswesen im Gange. Wie ein Berliner Blatt'mitzuteilen weiß, sind an die Gefängnisärzte Zirkulare ergangen, in denen sie befragt werden, welche Verbesserungen sie für Lazarett und sonstige ärztliche Verhältnisse für erwünscht halten.
Ocstwcub-Ungarn
— Die Errichtung einer neuen deutschen Universität in Mähren beabsichtigt die Wiener Regierung. Bei der Beratung des Staatsvoranschlags soll diese Absicht, sowie eine Erweiterung der beiden Universitäten in Prag angekündigt werden. Ein genauer Zeitpunkt für die Ausführung der Zieste ist noch nicht bestimmt.
Italien,
* Eine ungemein wichtige Enchklika des Papstes über die staatlichen Aufgaben der italienischen Katholiken wird veröffentlicht. Sie betrifft die Tätigkeit der christlich-demokratischen Katholiken und der Geistlichkeit. Der Papst ermun- tert darin zur Begründung von Volksvereinigungen, um die sich alle anderen katholischen Verbände volkswirtschaftlichen Charakters scharen müßten, und fordert die Katholiken auf, sich an dem öffentlichen politischen Leben zu beteiligen und zwar in einer der christlichen Zivilisation und dem materiellen Wohl des Volkes dienenden Weise. Der Papst fährt fort, die Kirche werde immer zeigen, daß sie die Fähigkeit habe, sich den der Zeit entsprechenden Bedürfnissen der bürgerlichen Gesellschaft .anzupassen. Die Katholiken, die wirtschaftlichen Vereinigungen angehörten und an öffentlichen Verwaltungen teilnähmen, müßten immer von der Oberhoheit der Kirche abhängig sein, sollten hingegen, soweit rein weltliche Interessen in Frage kämen, weiteste Freiheit genießen. Der Papst tadelt sodann diejenigen, die diesen Grundsätzen nicht folgten, und ermahnt die Geistlichkeit, sich von den Parteikämvfen fernzubalten. Die bürgerliche Betätigung der italienischen Katholiken war bisher eingeschränkt durch die bekannte Bulle „Non exnedit". die Papst