Nr. 221.______________________
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Fer»sprecha«schl«ß Nr. 362.
Mittwoch, den 20. September 1905.
14. Jahrgang
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Ein Gmpfeblungsburcau.
1— Geschäftsmäßiger Vertrieb von Referenzen. —
Wenn der Mensch zu einem bestimmten Zwecke des empfehlenden Wortes eines angesehenen Mannes bedarf und dieser angesehene Mann mit dem guten Willen ist für den Suchenden nicht zu haben, so gerät er gar leicht in eine üble Lage. Dem ehrlichen Gesicht glaubt man wenig in dieser Welt des Scheines und des Betruges. Um dem oft em- pfundenen Mangel der Referenzenlosigkeit abzuhelfen, hat ein findiger Engländer nun einfach den Weg der geschäftlichen Organisation eingeschlagen. Eine englische Zeitschrift erzählt von einem Herrn in London, der aus vornehmer Familie stammt und Marineoffizier a. D. ist, der sich ein schönes Stück Geld bamit verdient, daß er Empfehlungen gibt. Wenn jemand in fremde Länder reisen und Empfehlungen haben möchte, um sich in der Fremde bald heimisch fühlen zu können, so wendet er sich an diesen Herrn, der ihn gegen ein angemessenes Honorar mit den besten Empfehlungen versieht, so daß er überall in der Welt Freunde und Gastfreundschaft findet. Ehe er aber als Knnde angenommen wird, muß er selbst gesellschaftliche und geschäftliche Referenzen aufgeben, und erst wenn diese befriedigen, wird der freundliche Herr seinen Wünschen nachkommen. Der ehemalige Marineoffizier mußte den Dienst aufgeben, . nachdem er bei einem Angriff auf ein arabisches Sklaven- schiff eine sck)were Wunde davongetragen hatte. Da er außer seiner kleinen Pension nur geringe Mittel hatte, versuchte er, zunächst ohne Erfolg, auf verschiedene Weise einen kleinen Zuschuß zu verdienen. Eines Tages bat ihn ein Freund, der nach Labrador zur Karibu-Jagd ging, um Empfehlungen an Leute in jener Gegend, da er wußte, daß der Offizier mehrere Jahre dort Zugebracht hatte. Dieser kam gern der Bitte nach. Bei näherem Ueberlegen kam er nun auf den Gedanken, daß er während seiner Dienstzeit mit „den besten Leuten" in allen Teilen der Welt in Berührung gekommen wäre und sich diese Beziehungen doch nutzbar machen könnte. Er unternahm zunächst noch eine Reise um die Welt, um die Zahl seiner Bekannten zu vergrößern, und nach seiner Rückkehr ließ er sich in einem vornehmen Westend- Diertel zur Ausübung seines eigenartigen Berufes nieder. Ueber seine Erfahrungen erzählt er selbst: „Ich verschicke nie Zirkulare und >uche nie jemand anzulocken, und doch habe ich reichliche Gelegenheit, solche Empfehlungen mitzugeben. Die meisten Leute, die da draußen in den Kolonien festsitzen, beifeen sehr gern neue Bekannte willkommen, wenn sie nur angenehme Leute sind. Oft genug schreiben mir meine Freunde in der Fremde, ich möchte ihnen doch wieder Bekannte empfehlen, aber ich bin auch sehr sorgfältig bei der Aufnahme meiner Kunden und empfehle sie nur, wenn ich sicher bin, daß sie bei meinen Freunden in Melbourne ober Montreal willkommen sind. Ich achte auch darauf, nicht etwa Leute mit entgegengesetztem Temperament und Geichmack zusammenzubringen. Ich beschränke mich jedoch nicht auf eine Gesellschaftsklasse. Kommt ein Geschäftsmann zu inir, so empfehle ich ihn an Geschäftsleute, Sportsleule, die jagen wollen, weise ich an eifrige Jäger, ja, durch meine Empfehlungen sind auch bereits mehrere glückliche Ehen zu- ’ stände gekommen. Manchmal gerate ich etwas in Verlegenheit, und einmal ist mir ein schlimmer Fehler Passiert, der schwere Unannehmlichkeiten zur Folge hatte. Ein Anwalt iam zu mir und bat mich um passende Einführungen an Leute der Gesellschaft in Auckland und Dunedin, da er über- arlleitet wäre und zu seiner Erholung eine Fahrt nach 9lem Seeland machen wollte. Ich tat es, aber nach einiger Zeit erfuhr ich zu meinem Schrecken, daß er wegen Unterschlagung verfolgt wurde. Ich kabelte sofort an meine Freunde, aber es war schon zu spät, der Mann hatte bereits auf Grund meiner Empfehlungen von drei Leuten, an die ich ibn gewiesen hatte, 14 000 Mark geborgt. Natürlich zahlte ich das Geld zurück, da der Betrüger durch meinen Irrtum Zutritt zu ihnen erlangt hatte. Sonst aber haben mir meine Kunden immer nur Ehre gemacht. Mein Honorar richtet sich natürlich nach der gesellschaftlichen Stellung meiner 1 Kunden und nach ihren finanziellen Verhältnissen. Aber ich kann sagen, daß mein Jahreseinkommen au diesem Beruf schon seit längerer Zeit über 40 000 Mark beträgt." Man sieht, daß ein derartiges Empfehlungsbureau seinen Mann nährt. Der neue Berufszweig hat außerdem jedenfalls Anspruch auf Originalität.
Hrbcitervcrsichcrungs-Kongress.
(Eig. Bericht.) Wien, 19. September.
f Zu dem 7. internationalen Kongreß für Arbeiterversicherung haben sich ungefähr 1500 Teilnehmer aus allen Ländern eingefunden. An dem .Kongreß nehmen auch teil der deutsche und der italienische Botschafter, die österrcichi- )chen Minister Graf Bylandt-Rbeydt und v. Nanda, Ver- ■ treter staatlicher und städtischer Behörden, sowie Neichsrats- und Landtags-Abgeordnete. Die Begrüßungsansprache hielt c er fn'ihere Ministerpräsident Dr. von Koerber. Der Ehren- l äsident des Komitees. Geheimrat Dr. Bödiker-Berlin,
ite allen denen Dank, die sich um den diesjährigen Kon- reß verdient gemacht hätten, und gedachte einer Anzahl Lun Mitarbeitern an der sozialen Aufgabe des Kongresses, die an der diesjährigen Tagung nicht teilzunehmen ver- iachten. Der Redner schloß seine Ansprache mit dem Hin- meife darauf, daß es nötig sei, unermüdlich zu verbessern und zu vervollkommnen.
Der Minister des Innern Graf von Bylandt-Rheydt begrüßte im Janien der Regierung den Kongreß. Der Minister Betonte: Daß der Ausbau des sozialen Versicherungswesens ein unaomcivhcbev Postulat ist, steht für sich fest. Den Geboten der Sittlichkeit zur Geltung zu verhelfen, bleibt immer der höchste Zweck jeder staatlichen Betätigung. E'ner si.tlichen Forderung aber entspricht es. denjenigen, die aus dm Ertrag ihrer Hände nnaei vielen sind, eine Menschen- n ürdige Lebensführung zu sichern. Vorwärts schreitend büt- sin wir den Blick nicht abwenden von diesem hohen Ziele, das der Staatskunst künftiger Generationen gesteckt ist, der Verwirklichung des Rechtes auf die Existenz. Indessen müssen wir uns jedoch bescheiden, des Tages Arbeit auf dasjenige zu richten, was unter den gegenwärtigen Verhältnissen zunächst für jene geleistet werden kann, die durch ihr Alter oder durch widriges Geschick ihrer Arbeitsfähigkeit beraubt sind. — Bürgermeister Lueger begrüßte den Kongreß im Namen der Stadt Wien und verwies darauf, daß nicht nur Arbeiter, sondern auch der Kleinbürger und der Bauernstand des Schutzes für das Alter bedürfen. Im Namen der deutschen Delegierten dankte Oberregierungsrat Werner: Der Herrscher Oesterreichs und sein treuer Bundesgenosse, unser Kaiser, fühlen sich eins in dem Gedanken, daß den Arbeiterstand heben nichts anderes heißt, als die Wohlfahrt des SanbeS steigern. Der ehemalige französische Minister Millerand sprach den Tank der Franzosen für den Empfang aus. Millerand gab eine Darstellung der Ziele des Kongresses, welcher dazu führen müsse, die Menschheit vorwärts zu bringen auf dein Woge der Humanität und Gerechtigkert.
Gine neue friedenskomödie.
Der Zar und Präsident Roosevelt sollen sich lebhaft für die Einberufung einer neuen Friedenskonferenz nach dem Haag interessieren. Beide streiten — natürlich friedlich — über die Priorität dieser gesegneten Idee; es heißt aber neuerdings, daß Roosevelt zugunsten Nikolaus' II. von der Initiative zurückgetreten wäre . . . Eine abermalige Friedenskomödie im gegenwärtigen Augenblick wäre weder tra- gisch, noch komisch; sie wäre vielmehr tragikomisch. Ter weiße Zar, der der Welt den Frieden verheißen und' das neue Evangelium der Völkereintracht weihevoll verkündet hat, kann mit seiner Idee nicht gerade glücklich genannt werden. Noch hatte er seinerzeit die Pose des Heilsverkünders nicht wieder abgelegt, da begann, zweifellos doch durch die Mitschuld von Petersburg, das männermorbenbe Ringen im fernen Osten, und seitdem ist kein Tag vergangen, der nicht von neuen Kämpfen, neuen blutigen Greueln Kunde brachte. Die Witzblätter Europas hatten Verständnis für den ebenso unfreiwilligen, wie grandiosen Treppenwitz, den hier der seltsame Widerspruch zwischen Taten und Worten bot, und etwas wie Weltenhumor stieg lächelnd herauf. Und nun soll diese Komödie ihre Wiederholung finden, soll abermals das Unzulängliche menschlichen Könnens seinen dentlicheu Ausdruck finden. Schaden kann ja eine zlveite Friedenskonferenz gewiß nichts; aber nützen kann sie ebensowenig. So lange der Wettkancps der Völker in wirtschaftlicher Beziehung besteht, so lange werden wahrscheinlich auch die letzten 'Konsequenzen mit bem Schwert in der Hand gezogen, und noch immer sprechen die Kanonen das letzte Wort.
Man sagt, durch das starke Interesse Roosevelts an dem Zustandekommen der neuen Konferenz sei einigermaßen die Gewähr geboten, daß Positives geleistet werden würde. Man hält also den ehemaligen Rauhreiter im Augenblick für einen der stärksten Realpolitiker der Welt und meint, schon seine Teilnahme verbürge unbedingten Erfolg. Solange man sich im Haag nur mit einer Revision der Genfer Konvention beschäftigt, mag das zu treffen; an diesen Bestimmungen läßt sich noch manches ändern, und gewiß werden die Lehren des ostasiatischen Krieges besonders in bezug auf den Seekampf auch in bcii internationalen Artikeln ihren Ausdruck finden müssen, die bestimmt sind, die Barbarei auS dem Kriege zu bannen. Der Krieg selbst aber läßt sich weder aus der Welt reden, noch aus der Welt schreiben. ■ Daran haben Bertha von Suttner und der weiße Zar nichts ändern können, wie der letztere ja am eigenen Leibe erfahren nmßte — daran wird auch der brave Tbeddh nichts ändern, so friedferti m Wille sein mag. Die augenblickliche Kom stellati er europäischen Mächte ist nichts weniger als garantiebietend für die Zukunft. Der neue Zweibund, der im Westen sein Haupt erhob, zeigt Frankreich und England in Fechterstellung. Oben in Skandinavien rüsten zwei Brndervölt'cr unaufhörlich, um durch Waffengerassel ihrer Stimme mehr Nachdruck zu verleihen. In Afrika aber kämpfen weiße Männer gegen treulose Eingeborenenstämme, und Ströme deutschen Blutes färben die öde Wüstener. Selbst wenn Rußland und Japan ihre Heerhaufen zurück
gezogen haben werden und dèr Friede sich über den Feldern der Mandschurei lagert, ist es doch nur ein Friede des Kirchhofs, der eine nur zu beredte Sprache spricht ... Die zweite Haager Konferenz mag kommen, und die Delegierten der Mächte mögen kluge Worte tauschen, den ewigen Völker- frieden wird man nicht im Haag und nicht in Petersbicrg dekretieren. Und darum wird auch diese vom Zaren iinb Roosevelt so stark propagierte Konferenz nur eine Komödie sein, die man als solche betrachten muß.
- politische Rundschau,
Deutsches Reich.
' Aus Deutsch-Südwestafrika meldet Generalleutnant von Trotha über das siegreiche Gefecht vom 13. September noch daß der Feind etwa 300 Köpfe stark war, darunter 200 Mann mit Gewehren, Hottentotten und auch Hereros unter Andreas. Der siegreiche Ausgang des Gefechts in der völlig unbekannten Gegend wurde nur durch die von langer Hano vorbereiteten persönlichen Erkundungen des Majors Maercker ermöglicht. Der Feind floh unter Zurücklassung von 60 Toten und 50 gesattelten Pferden in kleinen Trupps in nordöstlicher Richtung. Die unmittelbare Verfolgung wird durch Major Meister fortgesetzt. Der Korrespondent der „Times" in Johannesburg erklärt in Widerlegung der Behauptungen wegen der auf britisches Gebiet geflüchteten Hereros^ und des Waffenhandels, daß der einzige Trcipp von Flüchtlingen, der sich im Betschuana-Protektorat befindet, aus,840 Hereros, Männern, Frauen und Kinderir bestehe, die entwaffnet und in beträchtlicher Entfernung von der Grenze in der Niederlassung Batowana untergebracht worden seien. Die Befürchtungen, daß große Mengen Flüchtiger sich des Protektorats bedienen, um den Aufständischen zu helfen, seien unbegründet.
In Teutsch-Oftafnka greift der Aufstand weiter um sich. Stabsarzt Zupitza berichtet aus Jringa, daß das ganze Mahenge-Gebiet bis auf den Bereich des Sultans von Ki- Wanga aufständisch ist. Die,Verbindung zwischen Wied- bafen am Nyassa-See und Ssongea ist abgeschnitten. Den Rlsissionaren der Benediktiner-Mission Kigonsera im Bezirk Ssongea gelungen, sich nach Wiedhafeu zu retten. Der Stamm der Wahehe sowie der Sultan Kiwanga im Bezirk Mahenge sind treu geblieben. Die Mohammedaner halten überall zu der deutschen Herrschaft.
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* Ueber die Ergebnisse der parlamentarischen Stndicn- fahrt nach Afrika äußerte sich der wegen Erkrankung vorzeitig in Hamburg wieder chngetrof jene Abgeordnete Günter sehr befriedigt. Tie Besichtigung der Station Lome machte einen vorzüglichen Eindruck. Breite, saubere Straßen durchziehen den Ort, die Baulichkeiten haben ein hanmonisches Gepräge, und auch die sanitären Emrich ( tungen ließen eine umsichtige Verwaltung erkennen. Nach den Eindrücken, die ßome auf die Parlamentarier machte, kann dieser Ort den Vergleich mit den vorher angelaufenen englischen Stationen an der Westküste unbedingt aushalten. Auch Dr. Arendt war erkrankt, er hatte sich aber, als man in Lome ankam, wieder erholt, so daß er an der Weiterfahrt teilnehmen konnte. Abg. Günter ist übrigens wieder vollständig hergestellt.
* Der in Paris weilende deutsche Gesandte Dr. Rosen hatte bisher keine neue Besprechung in der Marokko- Angelegenheit mit bcni französischen Vertreter Nevoil, sollte aber gestern mit ihm zusamnienkommen. Trotzdem in den letten Tagen eine Stockung in den Verhandlungen eingetreten ist, bleibt man in den diplomatischen Kreisen sehr hoffnungsvoll und hofft auf baldige Erledigung aller Einzelheiten.
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Anläßlich eines Festmahles zu Ehren des von Berlin nach Paris berufenen amerikanischen Generalkonsuls Mason ivnrbeii auch die Handelsbeziehungen zwischen Amerika und Deutschland erwähnt. Generalkonsul Mason betonte die Schwieriakeiten, welche sich der Erhaltung harnwnischer Handelsbeziehungen zwischen Amerika und Deutschland entgegen, stellen, wodurch ein Problem geschaffen werde, dessen Lösung beiderseitige Konzessionen verlange. Man hoffe aber drüben wie hier, daß es zu zufriedenstellenden Vereinbarungen kommen werde, da zwischen zwei Nationen, deren Berührungspunkte sich stetig vermehren, gespannte handelspolitische Beziehungen undenkbar seien.
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* Die Lübecker Bürgerschaft faßte zur Bekämpfung der Fleischteucrung einen Beschluß, nach dem der Senat der Stadt im Bundesrat für Oeffnung der Grenzen und für die Vieheinfuhr eintreten sob Tie Handelskammer zu E l b e r- fe l d äußerte sich in ähnlichem Sinne. Tie angebliche Oess- nung der russischen Grenze für die Einfuhr des erhöhten Schweinekontingents ist nicht zutreffend. Das Gerücht ist darauf nirückzufübren, daß ein Beamter des preußischen Landwirtschafts-Ministeriums in den letzten Tagen auf den russischen Viehmärkten weilte.