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N. 168.

Donnerstag, den 20. Juli 19v5.

^«sertt»«S»rei» x Die einspaltige Petttzeile für ganz Ober- ^m, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg- Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg-

«ledattion u. Hauptexpeditta«: Gießen, GeNersweg 88.

AetmsprechMtschlxß Nr.

Gre lotet

14. Jahrgang

Khvteilte«td|ittid: abgehslt monatlich bO Pta., in'« Hau- gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährl.Mk. l.bO. GrattSbeilage»: Qberhesfische Famitte«zeitu«g (täglich) und die Gießener Seifenblase« (wöchenUich).

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittag-.

(Gießener Hageötatt)

Zlnabhängige Tageszeitung

(Gießener Rettung)

für Oberheflen und die Kreise Marburg und Wetzlar; LZkalanZeiger für Gießen und Umgebung.

Eiilbält afie omtfirfwn Bekanntmachungen der Gronb. Bürgermeisterei Siegen und anderer Beüörden von Oberlmicn

Kinderarbeit und Kinderfebutz.

ZurnAusbau der sozialen Gesetzgebung.

Die soziale Gesetzgebung des Deutschen Reichs, die zum Muster für alle Welt geworden, hat denSchutz der Schwachen" zum vornehmlichen Zweck. Wer schwach ge­worden durch Alter, durch Krankheit oder durch Unfall, dem will die soziale Gesetzgebung Hilfe bringen, und sie tut es in Veranstaltungen von großartigem Umfang und aus­gezeichnet durchdachter Organisation. Doch mit den oben erwähnten Kategorien ist die Klasse der Schwachen, denen Hilfe und Schutz werden muß, noch nicht erschöpft. Ditz genannten Kategorien fallen der Schwäche erst im Verlauf der Zeit oder durch besondere Umstände anheim, während Kinder und Frauen unter allen Umständen schutzbedürftig erscheinen, grauen empfehlen sich durch ihr Geschlecht, Kin­der durch ihre natürliche Zartheit besonderer Rücksicht und besonderem Schutz. Die deutsche Sozialgesetzgebung hat das nicht übersehen. Zahlreiche Vorschriften sind erlassen wor­den, die der Frau vor und nach der Niederkunst Ruhe sichern, die ihr die nächtliche Fabrikarbert verbieten, ihre Arbeitszeit überhaupt in bestimmten Grenzen halten. Man hat sich da­bei vor jeder Uebertreibung gehütet, weil man recht gut weiß, daß die Medaille auch ihre Kehrseite hat, daß der Schutz der Frau gegen übermäßige, die Gesundheit namentlich des kommenden Geschlechts zerstörende oder mindestens gefähr- dende Arbeitsleistung immer dicht an die Grenze der Arbeits- ( Hinderung führt, während die harte wirtschaftliche Not den Litern erb der Frau für den Unterhalt der Familie und die Erhaltung des Hausstandes fordert. Das gilt von der ganzen Sczialgesetzgebung. So mancher hat am Sonntag gearbeitet, ist am Sonntag dem ^efd)äft nachgegangen, nicht weil ihm die Heilighaltung des Sonntags nicht am Herzen lag, nicht weil er sich nicht von Herzen gern selbst einen Ruhetag ge­gönnt hätte, sondern weil er den Ertrag der Sonntagsarbeit nicht entbehren konnte. Es war nicht ohne weiteres voraus zusetzen, daß nach dem staatlichen Gebot der Sonntagsruhe die sechstägige Wochenarbeit den gleichen Ertrag bringen würde, wie vorher die siebentägige, und eine .Kürzung war einfach wirtschaftlich nicht zu ertragen. Man hat die leb­haftesten Besorgnisse gehegt und ging mit aller Vorsicht aus dem eingeschlagenen Wege weiter, ließ allerhand Ausnahmen zu, die man allmählich einschränkte. Erst in allerneuester Zeit hat die Stadt Frankfurt a. M. sich entschlossen, jede sonntägliche Tätigkeit im Handelsgewerbe ohne Ausnahme zu verbieten. Es ging eben über Erwarten gut. Der Be­darf erzwang sich auch in der gekürzten Arbeitszeit, und es steht zu erwarten, daß noch bessere Ergebnisse sich werden erzielen lassen.

Selbstverständlich ist die soziale Gesetzgebung den Kin- bern ebenso wie den Frauen zu Hilse gefommen. Man hatte hier wie bohrt die gleichen ethischen und gesundheitlichen Be­weggründe; man wollte dahin wirken, tunlichst jede Stö­rung fernzuhalten, daß aus dem Kinde ein gesunder Mann, ein? gesunde Frau werde.

Gar so einfach lagen die Dinge hier nicht. Mit einem bloßen Verbot der gewerblichen Kinderarbeit war es nicht getan, ganz abgesehen davon, daß auch der Kindererwerb für das Haus zuweilen gar nicht zu entbehren war. Die wirtschaftliche Not findet jeden Ausweg, der irgend vorhan­den ist. An Stelle der verbotenen gewerblichen Arbeit der Kinder tritt die Hausarbeit der Kinder, und dann ist nur der Schauplatz der gesundheitlichen Schädigung verlegt, nicht die Schädigung verhütet. Die Hausarbeit aber läßt sich nur lapuer verbieten, schon weil kaum eine Kontrolle möglich ut und mehr noch, weil damit ein arger Eingriff in das natürliche Elternrecht verbunden wäre. Freilich haben El­tern kein Recht, ihre Kindgr an der Gesundheit zu schädigen. Aber der Hunger, die unzureichende Ernährung ist vielleicht der schlimmste Schädiger; und wenn die Eltern gehindert würden, die Arbeitskraft d?r Kinder mit heranguziehen, so können sie in eine Lage kommen, die ihnen unmöglich macht, die Kinder ausreichend zu ernähren.

Man darf übrigens nicht übertreiben. Gewiß wäre es wünschenswert, brauchte man kein Kind zum Erwerb tätig dein zu lassen. Eine mäßige Tätigkeit aber schadet dem - Kind? nichts. Man d^nke an die landwirtschaftliche Tätig- !teit zu der es sehr früh herangezogen wird und die seiner Gesundheit nicht abträglich ist. Aehnliches gilt Don der Hausarbeit, die die Kräfte nicht erschöpft und zeitlich nicht übermäßig ausgedehnt wird. Immerhin wird und soll die soziale Gesetzgebung nicht nachlassen, den Kinderschutz aus- Iudehnen, die gewerbliche Kinderarbeit in vernünftigen und gesundheitlich ratsamen Grenzen zu halten. Doch die tat- lächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse wollen dabei berück­sichtigt sein, schon weil sie sich sonst Berücksichtigung er- itoingen.

Der Krieg in Osta. ich»

In aller Stille hat sich eine bemerkenswerte Aktion aus dem Kriegsschauplätze in der Mandschurei vollzogen. Aus Japan kommt die Nachricht, daß eine japanische Armee nörd­lich von Wladiwostok gelandet ist. Die Tatsache ist bisher

geheim gehalten worden. Damit wäre die befestigte Stel­lung der Russen am Tjumen nicht allein im Rücken bedroht, sondern auch gegenstandslos geworden.

Die vollständige Einschließung von Wladiwostok wird, wenn sich der Anniarsch der Japaner von Narden her bestätigt, nur noch eine Frage von kurzer Zeit sein. Wichtig ist dabei auch besonders, daß bi? Japaner in diesem Falle russisches F e st l a n d betreten haben und somit der

Okkupation von Sachalin

einen zweiten Fall von Eindringen in russisches Gebiet an die Seite stellen. Die russische Besatzung von Sachalin steht vor der Frage der Kapitulation unb dürfte der Besitz der Insel für die Japaner lange vor Beginn der Friedensver­handlungen eine Tatsache sein. Auch in Korea entfalten die Japaner neue Tätigkeit. Sibmiral Kamimura meldet, daß ein? japanische Torpedobootszerstörer-Flottille wiederholt die russischen Patrouillen und Posten an der Nordostküste Koreas beschossen hat. Russische Artillerie beschoß die Flottille bei Iu- tiwan, wurde aber von den Torpedobootszerstörern zum Schweigen gebracht und vertrieben.

Die Hebung der russischen Schiffe vor Port Arthur niadjt bemerkenswerte Fortschritte. Ein von Port Arthur in Tokio eingetroffener Offizier berichtet, daß die Beschädi- gungen der gesunkenen russischen Schisse geringeren Um­fangs sind, als man angenommen hatte.^ Man habe gemußt daß die Russen im Innern der Schisse Sprengstosse zur Ex­plosion brachten und habe daher schwere Beschädigungen er- martet, doch seien die wichtigsten Teile be^r Schifte auffälliger. Weise unverletzt gesunden worden. Am schwersten beschädigt sei derBajan", welcher in den Hasen geschleppt mürbe. Der Pereswjet sei imstande mit seinen eigenen Maschinen zu fahren. Beide Schiffe mürben demnächst zur vollen Repa­ratur nach Japan gebracht. Man hoffe fogaJr, die sehr schwer beschädigtePattada" Mitte August und vorher nochRet- wisan" undPobjeda" flottzumachen.

Damit erhält die japanische Seemacht weitere Verstär- fungen durch die eroberten Schisse der Russen, so daß die russische Abneigung gegen den Friedensschluß, von der neuerdings wieder die Rede ist, wohl auf schwachen Füßen stehen bürste. Der aus der Reise besindliche Friedens- imicrbänbler Witte soll erklärt haben, der Zar habe sich dahin geäußert, er halte einen endgültigen Sieg Rußlands in der Mandschurei nicht für unmöglich, sondern für wahrsä)einlich. Rußland könne also nicht für besiegt erachtet werden und dürfte daher nur einen ehrenvollen Frieden annehmen. Witte sagte ferner wörtlich:Der Kaiser wünscht den Frieden, aber ich fürchte sehr, daß die japanischen Bedingun­gen solche sind, daß wir nicht zu einem Vertragsabschluß kommen können. Rußland ist nicht vernichtet. Die Un­ruhen im Innern sind sehr ernst, doch wird die wirkliche Be- b.mtiing dessen, was vorgeht, im Auslande nicht erkannt. Die Spaltungen werden verschwinden, falls das Volk die In­tegrität des Landes und seine Zukunst in der Geschichte als gefährdet erkennen sollte."

Daß Witte von vornherein nicht seine Trümpfe aus der Hand geben wird, ist selbstverständlich, ob er aber in seinem Innern nicht vor der Gewalt ber Ereignisse als kluger Poli­nker schon heute kapituliert, ist eine andere Frage. Daran mürbe auch der Optimismus des Zaren nichts ändern, und ma§ die Berufung auf das Volk anbelangt, so reden die er­schütternden Katastrophen im Innern und der stürmische Schrei nach Frieden eine beredte Sprache.

politische Rundschau.

Deutsches Reich,

* ^«ch der Schätzung des kaiserlichen statistischen Amts hat Bevölkerung des Deutschen Reiches im laufenden Jahre Millionen überschritten. Die 50. Million überschritt die ^^^.ohnerzahl Deutschlands im Jahre 1892; 1870 betrug des heutigen Deutschen Reiches 40,8 Mill., 1855 36,1, 1816 24,8 Millionen. Man kann ungefähr be­rechnen, das sich die Bevölkerung des Reichs seit 72 Jahren verdoppelt hat. Die am nächsten 1. Dezember stattfindende allgemeine Volkszählung wird das genaue rechnerische Er- gebmâ bringen.

* Die Bewegung unter den Eingeborenen auf Samoa bat den Gouverneur veranlaßt, die Eingeborenenregierung auszulösen. Mataafa gewährt dem Gouverneur die größte Unterstützung, die Steuern gehen prompt ein, und es wird angenommen, daß die Mißstimmung der Eingeborenen vor­bei ist.

* Mit der Rückzahlung der Schuld des Staates Venezuela an Deutschland wird jetzt Ernst gemacht. Die venezolanische Regierung bezahlte der deutschen und der englischen Gesandt­schaft je 2 797 959 Bolivares als erste Sechsmonatsrate ge­mäß dem Vertrage über die Konversion der auswärtigen Schuld.

. * Zu der Marokko-Konferenz haben die diplomaüschen Vertreter Deutschlands und Frankreichs im Auslande die Weisung erhalten, den Regierungen, bei denen sie beglaubigt sind, Mitteiluna von beni zwischen den Kabinetten von Varis

«»n<Ä è"°" Uebereinkommcn betreffend die Ma. « SÄT. Drh sowie die Zeit des Z.L

^ TÄ6 P^lament beschäftigte sich schon it der Sache Don deutscher unterrichteter Seite wurde beftätS l)onbhingen schweben, jedoch sei der Kauf noch nicht abae- ^Ä'( Das englische BlattDailg Mail" will wissen, dan der deutsclw Ankani der Walliser Kohlenbergwerke eine' bin. dende, nicht mehr anzuzweifelnde Tatsache sei Fachleute ?n7 r f f T n TT n 1 rw» L. < . . I 111HI 11 (} t II auf 400 ten^üege1 ^°nnen' bon ^enen ^e Hälfte in tieferen Schich-

* Die Preußische Regierung will gegen das Spiel-Unwesen vorgehen. Die Vorgänge imKlub 1900" zu Berlin werden den Ausgangspunkt eiiws einheitlichen behördlichen Verfah­rens gegen sämtliche sogenannte Spielklubs bilden Das Mimstermm des Innern hat von der einschlägigen Behörde Bencht über bie Spielklubs im allgemeinen und über die Vorgänge imKlub 1900" insbesondere eingefordert.

* Die Presse beschäftigte sich wiederholt mit einer angeb- nch neuerdings abgeschlossenen Jtttercssengemcinschaft zwi­schen der Preußischen Zentral-Genossenschastöknsse und der Landwirtschaftlichen Zentral-Tarlchnskasse in Renwied. Wie jetzt offiziell durch das preußische Ministerium festgestellt wird, haben die Institute, mit denen die Preußische Zentral- Genossenschaftskasse in Geschäftsverkehr treten darf, das Recht, sich bei ihr mit Permögenseinlagen zu beteiligen Die Previnzial-Genossenschaftskasse zu Breslau, die Landwirt­schaftliche Reichsgenossenschaftsbank zu D-rmstadt, die Ge­nossenschaftsbank zu Halle, die Landesgenossenschaftskasse zu Hannover, die Landwirtschaftliche Zentral-Darlehnskasse zu Neuwied, die Provinzial-Genossenschastskasse zu Posen, die Nassauische Hauptgenossenschastskasse zu Wiesbaden und die Ländliche Zentralkasse zu Wormditt haben von dieser Befug­nis Gebrauch gemacht und um Zulassung zur Kapitalbeteili­gung gebeten. Der Finanzminister hat diese Genehmigung erteilt. Auf diese Tatsache sind die zum Teil irrigen Erör- terungen über die Fusion zurückzuführen.

Oesterreich-Ungarn

** In Ungarn nimmt das Auftreten der Opposition gegen die Regierung immer schärfere Formen an. Der leitende Ausschuß hat eine Erklärung gegen bie Negierung erlassen, in der das Kabinett Fejervary als verfassungswidrig bezeich­net wird, weil es nach dem Mißtrauensvotum des Abgeord­netenhauses im Amte verblieben sei und erklärt habe, daß dieses Vowm seine Stellung nicht berühre. Die Verweige­rung. der Steuerzahlung sowie der Nekrutenstellung für die unp^lomeniarische Regierung sei Pflicht jedes Bürgers und jedes Beamten, und wenn die Negierung die Beschlüsse ber Kommunen annuliere, so gehe sie ungesetzlich vor. Die Ver­ordnung enthalte nichts, was die Nation an der Ausübung des passiven Widerstandes hindern könnte. Der Dank der Nation gebühre denjenigen, welche sie im Kampfe unter­stützen. Je größer der Widerstand sei, desto kürzer werde bie Zeit der Leiden sein. Wenn die Regierung mit Maßrege­lungen vorgehen sollte, werde sie zur Rechenschaft gezogen werden.

OUrkei.

n Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Mächten und der Pforte über die mazedonische Frage spitzen sich zu. Im englischen Oberhause erklärte Lord Lansdowne, Eng­land habe mit Oesterreich und Rußland Besprechungen g/- pfloaen Man sei zu dem Resultat gelangt, auf den Reform- forbirnngen zu bestehen. Es solle her Wan einer Jinan- ziellen Regelung unter internationaler Kontrolle bärtige- führt werben. Der Sultan werde feine ablehnende Haltung aufgeben müssen.

RusölancL

>* Der Kongreß der Semstwos ist gestern bereits in Mos­kau in der Wohnung des Fürsten Dolgoricckl zusammenge- treten. Zur Erörterung sollen gelangen ber Entwurf Buly­gins, die Stellungnahme der öffentlich wirkenden Männer zu dem erwarteten Volksvertretungsgesetz und Maßnahmen zur Verwirklichung der von den Vertretern der Semstwos und der Städte ausgearbeiteten Vorschläge. Allgemein wer­den von diesem Kongreß der Vertreter der russischen Ge- meir.ben entscheidende Beschlüsse erwartet, und man ist ve- sonders gespannt darauf, wie sich die Regierung zu der Ber- fenimhing stellen Wirb. Einem ebenfalls in Moskau tagen­den Kongreß der Börsenvertreter und Industriellen haben die Behörden verboten, die Verfassungsfrage zu besprechen, und als es dennoch geschah. wurde die Versammlungi anfge- fordert, ihre Arbeiten einzuitellen. Sie tagte aber trotz^ bc Verbots weiter. In Sosnowrce sind zahlreiche Arbei teMhrer verhaftet In D w i e s k kam es im Gefängnis zu ner Meuterei wobei die Gefangenen m't e.ngeschmuggel. ten Revolvern (jus die Wärter schollen ^n K r o n,la o r gärt es bedenklich auf der Flotte; eine Anzahl Kriegsfchlsle werden unter den Kanonen der Forts gehalten.