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Nr. 142.____________________________Dienstag den 20. Juni 19u5.____________________14. Jahrgang.
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Aerusprechaufchluß Nr. 86Ä, x^*/ I W Das Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.
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(Hießener Tageöratt) Unabhängige Tageszeitung (Hießenev Zeitung)
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für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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KnegsIauf und Kriegskurs.
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Fast anderthalb Jahrs dauert der russisch-japanische * Krieg bereits, und noch kann man -nicht mit Bestimmtheit t lagen, wann er zu Ende gehen wird. Der nahe Friedens- / schluß ist vorläufig bloß eine Hoffnung, die jetzt allerdings eine außerordentliche Kräftigung erfahren hat, da General Kuropatkin sich für die Fortsetzung des Krieges erklärt hat. r Dieser Organisator der russischen Niederlagen, von dem j man bisher nur Rückzugsbefehle hören konnte, hat den bei ihn besonders merkwürdigen Mut gefunden, sich für den Krieg um jeden Preis zu erklären und den sicheren Sieg zur prophezeien. General Kuropatkins Ankündigungen und V-ersprechungen sind noch immer von den Tatsachen Lügen gestraft worden — es fehlt jeder Anlaß zu der Voraus- sechung, daß das Verhältnis des unglücklichen Generals zur Wahrheit sich plötzlich geändert haben möchte.
Dank den Bemühungen des Präsidenten Roosevelt, die von anderer Seite stille, aber barum nicht weniger wirksame Unterstützung gefunden haben, wird es wahrscheinlich nicht nrehr lange auf sich warten lassen, daß Bevollmächtigte Rußlands und Japans in Washington zusammentreten werden. Ihre erste Aufgabe wird sein, festzustellen, ob das Bild, das man sich auf der einen Seite von den zu vereinbarenden Friedensbedingungen gemacht hat, eine, wenn auch nur entfernte Ähnlichkeit mit dem Bilde zeigt, das der andern Seite vorschwebt. Im bejahenden Fall können die eigentlichen Verhandlungen beginnen, denen vermutlich die Verabredung eines einstweiligen Waffenstillstands vorausgeht — im anderen Fall ist jedes weitere Wort verloren, bis die
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: beiden Parteien durch die fernere Gestaltung der Kriegslage zu einer gleichmäßigeren Beurteilung der Konsequenzen dieser Sage gekommen sein werden.
Wir nehnren an, daß die Vorvcrständigung allzu große Schwierigkeiten nicht'haben wird, da Veibe Parteien wochl du rin einig sein werden, daß der Besiegte zwar eine Kriegsentschädigung zahlen, aber nicht in eine Gebietsabtretung willigen soll. Das erleichtert die Sache ganz außerordentlich. Sobald Rußland keine Gebietseinbuße zu- gemutet wird, bleibt sein Prestige nach innen und außen so unberührt, wie es nach einem unglücklichen Krieg nur irgend sein kann. Ob Japan den Einflnß auf Korea, den es tatsächlich bereits besitzt, in Zukuifft auch mit Rußlands Zustimmung ausüben soll, kann keine Seele im weiten Rußland erregen. Auch daß die Mandschurei vertragsmäßig unter chinesische Verwaltung zurücklehrt, wird kein noch so empfindsames rusisches Gemüt kränken. Bleibt eigentlich nur die Frage der Kriegskosten- Entschädigung, die nicht klein, doch auch nicht so bedeutsam ist daß an ihr. der Friedensschluß scheitern sollte. Selbstverständlich wird Japan so viel als möglich nehmen wollen; aber ebenso selbstverständlich ist, daß die Japaner, an deren Klugheit zu zwei- 1 fein man keine Ursache hat, ihre Forderungen nicht überspannen werden. Der Entschluß zum Frieden ist nicht znm kleinsten Teil durch die Rücksicht auf wachsende finanzielle Schwierigkeiten bedingt; es heißt daher von diesem Entschluß gewaltsam abbringen, wenn man den Frieden mit Bedingungen belastet, die feine finanziellen Schwierigkeiten denen der Kriegsfortsetzung gleichstellen.
Der bisherige Kriegslauf ist bekannt. Rußland hat nicht das Glück gehabt, an irgend einer Stelle, wenn auch nur vorübergehenden Erfolg zu erringen, weder 311 Lande, noch zu Wasser. Es hat Port Arthur nicht behaupten können, seine Flotte verloren, seine Heere zurückziehen müssen. Andererseits hat Japan bei seinem Vordringen die empfindlichsten Einbußen erlitten, unter denen es darum nicht weniger leidet, weil es sie heroisch erträgt,
Die Abschätzung der errungenen Vorteile und der erlittenen Einbußen im Kriegslauf zeigt sich in den Kriegskursen. Diese machen offenbar, wie der Kredit eines kriegführenden Landes sich hebt oder sinkt, zu welchen Bedingungen man ihm Wohl weitere Anlehen abnehmen würde. Aus den Kriegskursen ist zu erkennen, ob ein Land überhaupt darauf rechnen darf, gur Fortsetzung des Krieges neue Mittel zu erhalten. Ein Blick auf den Kurszettel, ein Vergleich der heutigen Kurse mit denen zu Beginn und vor Beginn des Krieges ist deshalb recht interessant und belehrend.
Am Tage der Kriegserklärung, 9. Februar 1904, standen öle vierprozentigen russischen Papiere 94°/0 — der Kriegsausbruch hatte sie binnen 8 Tagen um 3°/0 geworfen — bte vierprozentigen japanischen Papiere 64%; den Japanern hatte der Kriegsausbruch innerhalb 8 Tagen einen Kursrückgang von 11% gebracht. Jetzt stehen die japanischen Papiere ebenso wie die russischen gleichmäßig 89,50%. Die russischen Werte sind also seit Kriegsausbruch 4,50% gefallen, bte japanischen 25,50% gestiegen. Das sagt noch mehr, als die Zahl selbst schon ausdrückt. Denn die Zahl der zum Teil sehr finanzkräftigen Personen, die ein lebhaftes Interesse daran haben, den Kurs der russischen Werte möglichst hoch zu halten, ist Legion, während auf japanischer Seite solcheJnteressenten kaum vorhanden sind. Daher könnte es kommen, daß bei einer Fortsetzung des Krieges Rußland neuen Kredit, freilich zu erschwerten Bedingungen, Japan aber gar keinen Kredit findet.
Dieses Verhältnis stärkt die Friedenshoffnung, denn es läßt erwarten, daß die Japaner ihre Bedingungen mit kluger Bescheidenheit bemessen werden. Ihre Ausgaben werden sie natürlich wieder haben wollen, die unmittelbaren und die mittelbaren (Jnvaliden-Pensionen usw.) Jene werden aus 1600—1800 Millionen Mark geschätzt, diese dürften kaum hinter 1500 Millionen zurückbleiben, so daß auf eine japanische Kostenenffchädigung von etwa 3500 Millionen Mark zu rechnen ist.
Der Krieg in Ostasien.
Während die Diplomaten weiter ihre Ansichten über bi< Friedenskonferenz aus tauschen, bisher mit dem einzigen greifbaren Resultat, daß diese in Washington stattfinden soll, beginnen die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz von neuem ein recht ernstes Gesicht zu zeigen. Aus den Vorposten- kämpfen, die bereits seit längerer Zeit im Gange waren, scheint sich
die japanische Offensivbewegung, die man nach mehreren Anzeichen für bevorstehend hielt, tatsächlich in großem Maßstabe zu entwickeln. Aus Tokio wird gemeldet:
Eine Abteilung des japanischen Zentrums schlug arn 16. Juni die russischen Vorposten bei Lenchiaupeng, sechzehn Meilen nordöstlich von Hangping, zurück und verfolgte sie. Die Abteilung griff sodann die russische Stel- bung bei Liaoyangwopin an und nahm sie nach heftigem Gefechte ein. Die russische Kavallerie, die sich nach Nor- den zurückzog, wurde von dem linken Flügel der japanischen Abteilung heftig beschossen. Schließlich wurden die Russen mit schweren Verlusten und in großer Verwirrung rurückmwert>u. AM - ^ssa.Len von GefangeWn war Liaoyangwopin von 5000 Mann russischer Kavallerie und zwanzig Geschützen, erneut Teile des Heeres General Mitschenkos, besetzt gewesen Die Russen, die anscheinend von einer Panik ergriffen wurden, ließen Vorräte und Kleidungsstücke im Stich. Die japanischen Verluste betragen 30 Tote und 135 Verwundete, die der Russen sind nicht bekannt, scheinen jedoch groß zu sein.
Wie weiter gemeldet wird, sind aus zurückliegenden Stellungen ständig neue russische Reserven vorgeschoben worden, um die Frontstellungen zu verstärken. Kurokis Vorposten standen am 18. Juni nur etwa 7 Meilen von den russischen entfernt, so daß jeden Augenblick ein größeres Engagement entbrennen konnte. Ja, es wird sogar behaup- tet, daß Linewitsch bereits in einen Kampf verwickelt worden sei und die erste Verteidigungslinie nach großen Verlusten habe räumen müssen. Günstiger für die Russen laufen wlgende Nachrichten, die am 18. Juni beim Stabe Line- w-.csa-s mifgegeben wurden: Von unserer linken Flanke wird gcnielbet daß der Ort Liaoyangwopin von der russischen Kavallerie wieder genommen worden ist. Ein Gerücht besagt: Am 16. d. Mts. vormittags 10 Uhr besetzte japanische Kavallerie das Dorf Symiatschen an der Harrptstraße von Chantafou nach Mamakai, konnte sich aber der Ueberganas- itelle über den Fluß nicht bemächtigen. Um 3 Uhr nachlnit- tags war Symiatschen durch die russische Schwadron wieder genommen. Die Japaner gingen nach Südwesten.
Verheerende Krankheiten in Charbin.
Aus Jingkau kommen Meldungen, die neuen Schrecken in Petersburg verbreiten. In Charbin sind gefährliche Gäste eingezogen, die noch schlimmer unter dem russischen Heere aufräumen, als die japanischen Granaten. Cholera und Dysenterie forderten täglich an hundert Opfer. Außerhalb der Stadt seien 18 Isolierbaracken erbaut worden. a6 000 Mann in Charbin seien krank oder verwundet.
Hebungen von den Einzelregierungen angestellt. Diese er« strecken sich 1. auf die hauptsächlichsten Arten der Auswüchse im Ausverkaufswesen und 2. auf die allenfallsigen Abäude- rungs- oder Ergänzungsvorschläge zum Reichsgesetz betreffend die Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes vom 27. Mai 1896. Alles das hätte längst geschehen können.
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- G Eine wichtige Erweiterung der Zuständigkeit dcâ Haager Schiedsgerichts beabsichtigt der Präsident der inter- parlamentarischen Union Richard Bartholdt herbeizufüh. ren, der zurzeit in Berlin weilt, um sich vom dortigen Aus- wärtigen Amt Material für seine Zwecke zu verschaffen. Aus Grund dessen soll ein Muster-Schiedsgerichtsvertrag ausge- arbeitet werden, in dem alle Fälle spezifiziert werden sollen, in denen das Haager Schiedsgericht automatisch wirkt, d. b. bie eo ipso dem Schiedssprüche unterliegen. Jetzt kann dieser Gerichtshof nur in Tätigkeit treten, wenn die streitenden Parteien ihn anrufen. In Zukunft aber, vorausgesetzt, daß die Mächte zustimmen, soll das Schiedsgericht die Machtbefugnis erhalten, von selbst einzuschreiten. Außerdem strebt Herr' Bartholdt — der amerikanischer Bürger, aber geborener Deutscher ist — ein allgemeines Weltparlament an, dem die bedeutendsten Männer aller Nationen ständig angehören sollen.
Die Politik.
r^^Die Fraye der Reichstagsdiäten wird jetzt, nach M- >ch-ub der Session, zwar nicht von den Verbündeten Negierungen, aber von unberufenen Ratgebern erörtert Täten sie das auf eigene Reckwung, so wäre das weiter nicht schlimm. Aergerlich jedoch ist es, wenn sie als Plan der Verbündeten Regierungen ausgeben, was an rinverantwort- licher Stelle ersonnen worden. Die neueste Phantasie stellt es als Absicht der Verbündeten Regierungen hin, den Reichsboten Diäten nur für die ersten fünf Monate jeder Session SU gewahren. Es ist kaum nötig, ausdrücklich zu sagen, das; an keiner maßgebenden Stelle ein solcher Plan gefaßt oder borgefdüagen worden ist, der schon deswegen ganz sachwidrig Ware, weil wir Sessionen von zwei- und dreijähriger Dauer gehabt haben, die nur durch formale Vertagungen unterbrochen waren. Es spricht manches gegen die Gewährung von Tagegeldern an die Reichsboten, manches dnfiir, aber gar nichts spricht für eine Einrichtung, die die Tagegelder und damit in der Wirkung die BeWußfähigkeit auf 5 Monate beschränkt.
D» Ueber die Mißbräuche im Ansderkaufswcscn werden Zurzeit auf Anordnung des Reick>samts des Innern Er-
^ Die Verhandlungen f 6er die Eisenbahn-Betriebsmittes- gemeinschaft, die zu Oberhof in Thüringen stattfanden, haben günstige Resultate ergeben. Man ist sich bereits über den Hauptinhalt des zwischen den beteiligten Staaten abzuschließenden Vertrages einig geworden. Besonders hat es sich bei den Verhandlungen um den organisatorischen Aufbau des Gemeinschaftsamtes gehandelt, also um die Wichtst geren bei der Gründung des Gemeinschaftsamtes zu lösenden politischen Fragen. Auch die früher von uns erwähnten, in SübbenOtblanb bemcrgefreteuen Bedenken über die Bau- art des rollenden Materials, über die Beschaffung von Kohlen, Wagen und Lokomotiven können im wesentlichen als be- seitigt angesehen werden. Nachdem man sich so über den Aufbau und die Wirksamkeit des Gemeinschastsamtes klar geworden ist, wird die zum 28. d. Mts. anberaumte Ausschußsitzung der Regierunasvertreter sich nur noch mit %t Regelung der inneren finanziellen Verhältnisse der Betriebsmittelgemeinschaft zu befassen haben.
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0 Zur Verwendung in den überseeischen deutschen Besitz, ungen soll nunmehr zur Ausbildung von besonderen Kolo- nmfbeamten geschritten werden. Junge Leute, die die Ab- schlußprüfung auf einer höheren, zum Studium berechtigenden Anstalt abgelegt haben und tropendienstfähig sind werden in zwei Dienstperioden im deutsch-ostasrikanischeu Schutzgebiet zu mittleren und je nach ihrer Befähigung auch Höhe- ren Beamteuposten herangezogen.
o'J Ein Protest gegen das tippesche Thronfosstegesetz vom 1t April d. I., den Gras Erich zur Lippe-Bi«sterfeld-Wei. tzenfeld erhoben hatte, ist jetzt vom lippeschen StaatSminifte. rium amtlich als „rechtsunwirksam" erklärt worden.
-& Ein deutsch-spanischer Handelsvertrag soll in die Weg« geleitet werden. Schon für die allernächste Zeit wird die Ernennung deutscher Unterhändler für Madrid erwartet
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^ Der weitere Anèban her bayerischen Wasserwege wurde auf dem Festmahl des bayerischen Kanalvereins von Prinz Ludwig von Bayern in seinem Trinksprnch als notwendiq und wünschenswert bezeichnet. Der Kanalverein dürfe feine Sslhgfetf nicht auf die Verbindung Bayerns mit dem Rhein beschränken, sondern eine Verbindung des Landes mit der Elbe und Weser erstreben.
Oertcrretcb-Ungarn
A Das nene Kabinett Fejervary ist vereidigt worden ulid Hat seine schnnerige Aufgabe begonnen, eine Verständigung Vmfcficn den Forderungen der Majorität und der Krone her. beizufuhrcii. Wie König Franz Josef in einem Handschreiben an den Ministerpräsidenten Fejervary nochmals hervorhebt tonne er die Forderungen in bezug auf die Armee nur in den Grenzen anneOmcn, die unbedingt eingehalten werden mutzten um die Schlagfertigkeit des Heeres ungeschmälert aufreajt zu erhalten. Denn was auf dem Gebiete der inneren Verwaltung und der Volkswirtschaft verlangt würde, könne er dagegen seine Zustimmung geben. Ob es Fejervary ae- Irngen wird, bei bieder Sachlage, die ganz so ist wie vorher nach dem ausdrücklichen Wunsch des Königs eine Verständigung herbeizuführen, darf stark bezweifelt werden.
Skandinavien»
Der schwedisch-norwegische Konflikt zieht weitere Kreise. Wie es heißt, wird weder König Oskar noch der Kronprinz von Schweden einwilligen, daß ein Prinz des Hauses Bernadotte König von Norwegen wird, und ferner wird behauptet, daß DeutMand und Rußland es ablehnen, me norwegische Regierung anzuerkennen, bis König Oskar sich mit den von Norwegen getroffenen Maßnahmen einher-