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Samstag, den 20. Mai 1905

Zweites Blatt

Nr. 158

14. Jahrgang

(Gießener Veitnng)

AboLsementSpreiS : edgehslt monatlich 50 PfL-, in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährl. V k.l.dO. Gral§ebeilasen : Qb«hef«fck» FamilienzeUnug (täglich) und die Kir^-^« Srifanblascn (wöchentlich).

Das Blakt eifd mit an allen Werktagen nachmittags.

(Gießener AnseSkutt)

Aua-Hängige Tageszeitung

für OSerhefse« und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lotalanzeiger für Gieße« und Umgebung.

EntUilt alle amtliche» Bekanntmachunaen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und^ndere^Behörden von Oberhesse^

Die Halbbrüder Alfonsos XIII.

Ein Geheimnis des spanischen Königshauses. (Nachdr. verb.) Paris, 17. Mai.

Der Antrittsbesuch, den der junge König von Spanien demnächst in Frankreichs Hauptstadt machen wird, wirft be­reits seine Schatten voraus. Die Blätter schildern die glan­zenden Empfangsvorbereitungen, widmen der politischen Bedeutung Alfonsos XIII. tiefgründige Betrachtungen, und rollen das ganze Privatleben des jungen Königs auf. Anet- boten über Anekdoten werden da erzählt, die alle zur Ver­herrlichung seines Charakters und seiner Klugheit dienen sollen. Alfonso wird freudig von dieser seiner Popularität am Seinestrande im voraus Notiz nehmen. Unangenhem aber dürfte es ihn überraschen, daß gerade jetzt eine Affäre von hiesigen Sensationsblättern ans Tageslicht gezerrt und breitgetreten wird, die das Privatleben seines Vaters, Al­fonsos XII., vor der Oefsenilichteit bloßstellt.

Es war bis jetzt nur tvenigen Leuten bekannt, daß der Vater des jetzt regierenden Königs von Spanien zwei illegi­time Kinder hinterlassen bat, die seit ihrer Kindheit in Paris leben. Die Mutter der Kinder mar die berühmte Sängerin Elena Sanz. Die Knaben erhielten die Namen Ferdinand imb Heinrich Sanz Martis de A: ".»zala. So lange der König lebte, wurden sie und ihre Mutter reichlich unterstützt. Als Alfonso XII. starb, schloß die königliche ^clxüullenver- Verwaltung, um einen Slandell zu verhüten, mit Elena Sauz einen Vertrag, der dahin lautete, daß für die beiden Kinder bei einer Pariser Bank 500 000 Francs deponiert werden sollten, unter der Bedingung, daß bie toaljre Herkunft der Knaben verschwiegen touret. Die Zinsen des deponierten Kapitals bildeten das Vermögen der Halbbrüder Alfonsos XUI. Bis vor Jahresfrist wurden die Zinsen regelmäßig gezahlt; dann aber veNvcigerte >e Bank ob eigenwillig (der auf höhere Weisung, das leinte nicht ermittelt wer- den plötzlich die S^hnfc, und die Brüder Sanz mußten ben Rechtsweg besäße' len. Der Prozeß kam dieser Tage vor einer Pariser Sii/ilf 'K^wr ^ Verhandlung und endete, wie Vorauszusehen war, mit dem £ iege der beiden Brüder. Das Gericht beschloß, die 500 000 Francs in Beschlag neh­men und das Geld durch einen gerichtlichen Beschlagverweser für die Brüder Sanz verwalten zu lassen. Obwohl der Pro­zeß sozusagen diskret geführt wurde, ist das Geheimnis des spanischen Königshauses jetzt doch Allerweltsgeheimnis ge­ll 1, und ein Blatt, das die Brüder Sanz aufsuck^en und am,.eigen ließ, stellt mit Befriedigung fest, daß die sunaen .Herren mit Alfonso XIII. eine auffallende Familiermhnlicy- I feit haben. Ob der König bei Lutein Besuch sich gleichfalls I davon überzeugen wird?

Der neue Kleiderfcbnitt.

.(Von unserer ständigen Korrespondent! n.)

Das moderne Prinzip der Mrbri Steilung macht sich ( .auf allen Gebieten der Tätigkeit aeiiend. Selbst bei Ar- , , '/Weiten, die im Hause von den Frauen eigenhändig oder Hinzr^ziehung von Hilfskräften vorgenommen Verden, gelangt das maschinenmäßige Jneinaârg reifen mit Eutern Erfolg zu seinem Recht. Dadurch wird die Arbei;

bestellt sich bei ihm seine Anzüge. Damit ist er aller^Sor- (pm überhoben, mit Ausnahme der Bezahlung. Jung- gifeden sollen sich oft auch über diese nicht allzuviel Kopfzer­brechen machen. Die Geduld des Schneiders wird eil au; harte Proben gestellt. Doch wir wollen nicht indiskret lew Bei einer Frau dagegen spielt sich die Kleideranscha'sung md auf so einfache Weise ab. Nur sehx reiche grauen gestatte sich den Luxus, ihre Toiletten in einem K0Nf eki 0nshnu!e großen Stiles zu eimwrbcn. Unb auch diese nuMyn mcht selten den Versuch, auf irgend eine Wei se zu ei man b^ü geren Kleide zu gelangen. Die geschmackvolle und ^e^tc Kleidung einer Dame erfordert zu viele Sennin her, zu *ic notwendige Kleinigkeiten, als daß sie selbst bei schlickt" Sinne ihre Vedürfitisse s- g in Gesäiaften decken f^uüc. Gewiß ist es gegenwärtig ehr gebräuchlich, sich die .QIHbtc fertig zu kaufen. Für weniger bemittelte Damen fommen dabei wesentlich Kostüm- oder im Sommer Leinenröcke und Blusen in Betracht. Sie sind durchschnurlich recht preiswert und recht niedlich. Schlanke Erschcinuu.gen, jim^e Mäd­chen werden wohl ben meisten Vorteil aus solaren Ein­käufen ziehen. Tie fertige Konfektion ist ein Seg'w. bei un­erwarteten Gelegenheiten. Bei jäherem Eintreten der wär­meren, oder kälteren Jahreszeit sann man sich schnell mit dern fehlenden Kleide versehen. Es läßt sich freilich nicht leugnen, daß bei hem immerhin geringen Preis, mit dem jian ein solches ^lusenkleid bezahlt, an bei Qualität der Stosses und an seiner Meterzahl gespant rmrb. 6<r ergibt es sich denn, daß Wr stattlichere Er sch-" in'.«»wen die hjn.-en Konieknon etivas dürftig wirkt. Außerdem lwben Blaset- kleider aus den Sck^auKnstern gewöhnlich »üe ein sehr ahn liebes Ansehen ll^ so verlangt es auch 's, sua^n Lräo dx*M darnach, dann und mann anders geid^uttene uno ge- Kumte Kleider zu besitzen. Es bleibt der F^auerrv»elt allo 'i'chts anderes übrig, als sich die Kleider t^ der ^Gck "erin anfertigen zu lasten, lind in einer großes Familien herrscht noch der alte Brauch, sich eine Schneit ins Haus zu nehmen und Kbst bei der Anfertigung der Toilette Hand anzulegen.

Bei meinem Aufewd.ute in London machte ich eine, mich überrafdxmbe Seob^lming. So abhold die Englän­derinnen dec feinen Handarbeit sind, so geschickt handhaben sie die Nähnadel und die Schere, wenn es sich darum han­delt, sich Kleider zu nähen. Ob reich, ob arm, Mütter und Töchter sind gewohnt, sich einen großen Teil ihrer Toilette ügendändig herzustellen. Sie nähen Maschine und schnei­den sich die Stoffe selbst zu. In manchen Familien haben die Domen des Hauses besondere Schneiderstuben sich einge- richtet. In einem solchen Zimmer steht ein großer 8 'chneidetisch und die Nähmaschine neben vielen andern, zum Handwerk gehörenden Gerätschaften. Hier können die Damen ungestört arbeiten oder sorglos die begonnene Ar- leit lie^-u lassen, wenn Besuch sie abruft. Gleichzeitig onnte irt in London beobachten, daß es dort den grauen mch recht leicht gemacht wird, die passenden Toiletten ohne w'chult^ Hilfe entstehen zu lassen. In den großen Kon- ektionshausern, wie Peter Robinson und anderen, sind in )er Auslage neben den ausgestellten kostbaren Toiletten )ieselben Kleider in der gleichen Machart aus Papier auf- gestellt. Diese Modellkleider aus Papier werden mit 3,50 Nark ^ Stück verkauft. Die Damen machen es gewöhnlich o, daß sw sich den Stoff und die Besätze eines? ihnen beson­ders gut gefallenden Kleides in dem Laden kaufen und das f>api'Nkleid dazu erwerben. Und noch leichter wird es ihnen tentast. Es gibt Geschäfte, in denen man für billiges Geld ^ch einen für seine Person postenden Schnitt kaufen kann, ks genügt die Angabe des Körpermaßes, der Länge der Hermes einen haffenben modernen Schnitt km erhalten

Diele Neuerung in der Bekleidungskunst ba^ sich nun auch in D^itschland eingeführt. In den großen Städten gibt es Spezialgeschäfte, die Modellkleider und fertige Schnitte aus Papier feilhalten. Große Fabriken beschäftigen sich mit, diesem Zweig der Bekleidungskunst. Auch der Verlag Don' Frauenzeitschriften kann mit solchen fertigen Schnitten dienen. Ja, in den Warenhäusern sind sogar schnitte 4 aus Futterstoffen, die nur zusammengeheftet zu werden! A brauchen, in allen Größen vorrätig. Die Preise für die i Schnitte jedweder Art sind auch bei uns äußerst niedrige j Dabei ist das Wichtige, daß man die Nock- und Aermel: $ schnitte in den neuesten Formen erhält; für weite oder enge, krause oder glatte Röcke und Aermel.

Die neue Zeit kennt zlvar noch die alten Schnittbogen, die mit dem Rädchen bearbeitet werden, um einen Schnitt herauszuschälen. Man erinnert sich noch der Mühen, welche dieses Vorgehen erforderte. Aber die Maschine, die unserem Zeitalter das Gepräge au^drückt, hat das Werk der Haus- ßeidenn umgestaltet und, wie wir oben sagten, ihre Ar- ynb ihr Dasein erleichtert. Emma Reichs n.

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Hus dem Gerichts saaL

§ nerBlaubart" von Chicago hat sich jetzt vor den Ge­schworenen zu verantworten. Johann Hoch ist beschuldigt, in kurzen Zwischenräumen hintereinatw^r in diversen Städten der Vereinigten Staaten neununddreißigmal ge­heiratet und seine Frauen teils beraubt und verlassen, teils kurzweg vergiftet zu haben. Zur Vereinfachung des Pro­zesses wurde jedoch die Anklage gegen Hoch nur bezüglich eines dieser Morde erhoben, bei welchem Hoch Arsenik als Gift verwendet haben soll. Die Poli Men, die Hoch verhaf­teten, sagen aus, daß sie bei der Leibesdurchsuchung des Angeklagten eine Füllfeder fanden; die ebenfalls Arsenik enthielt. Der Verteidiger Hochs stellte die Behauptung auf, daß das^fragliche Gift von der Leiche, die vor der Ex- Humierung schon mehrere Monate begraben gewesen war, während des Verwesungsprozesses aus dem umliegenden Erdreiche absorbiert worden sei. Hätte Hoch nämlich selbst das vorgefundene Arsenik der Toten in solchen Quantitäten eingegeben, daß hierdurch die Auflösung herbeigeführt wor­den wäre, so hätten die Aerzte bei der Obduktion krebsartige Geschwüre an den Magenwänden vorfinden müssen, was aber nicht der Fall gewesen sei.

§ Raubmord um drei Mark. Das Schwurgericht in Plauen i. Vogtland verurteilte die Arbeiter Eduard und Hermann Neumann zum Tode. Sie hatten im Februar d. J. den Gutsbesitzer Forner überfallen und getötet, als er von einem Viehmarkt zu Fuß nach Hause ging. Die Mör­der vermuteten, bei ihrem Opfer eine große Geldsumme zu finden, erbeuteten aber nur drei Mark. Ein anderer Land­mann, namens Neck, auf den sie es auch abgesehen hatten, führte 900 Mark bar Geld bei sich; doch weigerte sich der jüngere Neumann, ein Neffe des anderen, an dem Anschläge Wider Beck teilzunehmen.

§ Ein jugendlicher Vatermörder stand vor dem Schwur­gericht in Marburg in Oesterreich. Der siebzehnjährige Johann Arnus hatte seinen leiblichen Vater im Schlaf über­fallen, ihm mit einem Knüppel den Schädel eingeschlâgeu und dem Toten noch zwei Messerstiche in den Hals versetzt. Das Motiv zu der entsetzlichen Tat war Geldgier. Der Raubmörder erbeutete eine Brieftasche mit 10 Mark. Der jugendliche Unmensch wurde zu achtzehn Jahren schweren Kerkers verurteilt.

Weichtert, Zeit erspart und das Leben beguemtT.

^. ^ , jie Bekleidungsfrage ist für Mann und Frau ein sehr

-* T* / 5t ^ftigèr Faktor des menschlichen Daseins. Der Mann

tlflhCi® fcen Sue? selbst bei hohen Ansprüchen, die. sein gesellschaftlicher r ing an seinen äußeren Menschen stellt, für sich Verhältnis- . .cima einfacher als die Frau. Er geht sum Schneider und

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Der herkömmliche Himmelfahrtsmarkt findet am 30. und 31. Mai statt und zwar am:

Dienstag, SO* Mai Biehmarkt

Mittwoch, 31. Mai Vieh- nab Krämermarkt.

Der für 6. und 7. Juni angesetzte Vieh- und Kcämermarkt fällt aus.

Gießen, den 5. Mai 1905.

Großh. Bürgermeisterei Gießen.

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