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Herne, 19. Januar.
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Nr. 17
A«fertts«Svret-1 Die einspaltige Petit-eile für ganz Ober- Neffen, die Kreise Wetzlar m* Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.
Reklamen die PetttzeUe 30 resp. 40 Pfg.
Mattion u. HaaptexpMtion^ Gießen, GelterSweg 88.
Kerufprechmtschlutz Nr. SSL
(Kießener Gageölatt)
für Oberheffeu und die Kreise Marburg und Wetzlar; LökaLamsiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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— Eine Lehre aus dem Bergarbeiterstreik. —
Wenn der Handelsminister Möller im preußischen Abgeordnetenhause erklärt hat, daß der Grubenarbeiterausstand im Ruhrgebiet in förmlich explosiver Form eingetreten sei, so entspricht dies vollständig den Tatsachen. Aber wo Rauch ist, da ist auch Feuer, und wo es knallt, da muß Pulver gelegen haben. Die elementare Wucht dieser Ausstandsbewegung wäre nicht erklärlich, wenn nicht jahrzehntelang der Zündstoff angesammelt worden wäre. Zugestandenermaßen sind die Löhne und die Arbeitsbedingungen weit weniger schuld an diesem unerfreulichen Ereignis, als die Beschwerden über die Behandlung der Arbeiter durch die mittelbaren und unmittelbaren Vorgesetzten. Vielleicht spielt aber hierbei der Ton des Verkehrs eine geringere Rolle, als die Empfindung der Bergknappen, daß sie innerlich mit den Unternehmungen, den sie mit Einsetzung ihrer ganzen Persönlichkeit und unter Umständen auch ihres Lebens dienen, nicht veuvachsen sind. Die Behandlung durch die Vorgesetzten läßt mit Deutlichkeit erkennen, daß sie für den Betriebsunternehmer nur Werkzeuge und Ziffern sind, daß aber das unsichtbare ideale Band eines menschlichen Mitempfindens zwischen Unternehmer und Arbeitern vollständig fehlt. Von niemand wird dieser Eindruck so scharf geschildert als von dem Mitarbeiter eines Berliner Blattes, der seine langjährige Erfahrungen in Amerika als scharfen Hintergrund für dieses sozialpolitische Kulturbild aus dem Ruhrgebiet seinen Lesern vorführt. In Amerika zeigen die Unternehmer auch an dem einzelnen Arbeiter ein menschliches Interesse und selbst der Präsident Roosevelt unterläßt es niemals, sich auf seinen Reisen mit einem Händedruck von den Bahnangestellten fu verabschieden. Solch ein Händedruck, meinte er mit Recht, ' iühlen Millionen mit, denn es ist die sichtbare Anerkennung der Gleichwertigkeit aller Volkskldssen.
Darin liegt eine beherzigenswerte Mahnung für alle Unternehmer, die entschieden, wenn sie den Geist unserer Zeit und unserer Gesetzgebung auf den in der berühmten Botschaft Kaiser Wilhelms I. gewiesenen Sperren folgen wollen, die Arbeiter auch mit ihrer Seele und ihrem Herzen an das gemeinsame Werk fesseln müssen. Nichts erzieht so so sehr den Klasseninstinkt und den dumpfbrütenden Haß der unteren Schichten gegen die oberen Klassen des Volkes, als das Zerschneiden des gemeinsamen menschlichen Bandes zwischen beiden Kategorien. Die Geiahr einer solchen Ent- Wicfelung wird um so größer, je mehr die Persönlichkeit der eigentlichen Betriebsunternehmer zurücktritt, wie dies durch die gesellschaftliche Form der Aktienbetriebe und die Zusammenschweißung der Einzelunternehmungen in Syndikate bewirkt wird. Hier wird die ganze Strategie der industriellen Tätigkeit vom grünen Tisch aus geleitet, und die Einzelpersönlichkeiten der Angestellten marschieren hierbei als tote Ziffern auf. Sie sind es aber doch nur für den Kalkulator, während sie als Faktoren des Betriebs mit der Einsetzung der ganzer: Persönlichkeit in den Dienst des Unternehmers doch auch, auf die Wahrung ihrer Individualität und auf die Berücksichtigung der menschlichen Interessen rechnen. Es gibt keine größere soziale Gefahr, als die Vernachlässigung dieses kritischen Moments in den Verhältnissen zwischen Dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer. Mögen die Unternehmer davor hüten, in den Arbeitern die Empfindung emporwachsen zu lassen, als seien sie, wie auf Rechnungsbogen des Kalkulators, nur Ziffern und . Der Ausstand im Ruhrgebiet schreibt über
l ^hema ein sehr beherzigenswertes Kapitel.
Oer Ficrero-Rufstand im Erlöschen.
Die neuen Stad; ritten aus Deutsch-Südwestafrika lassen er ennen, aß Widerstand der Herero vollständig ge- ^* Heeresführung hat es nicht mehr m,t pesten Massen von Siegern, sondern nur noch mit der- Mengten Banden zu tun, an deren Zusannnenschluß zu einer ,^' p^"7°pg°u Kriegführung nicht wieder 'n denken L?« ( x’ 6rQUWin8= befinden sich'mit den SÄTT ^f, ^°n haben folgen können, in un- haltbarer Lage so daß sie sich zum Teil schon auf Gnade und Ungnade den de.üschen Truppen haben übergeben müssen. Von unserem ^-Mitarbeiter erhalten wir das fol- gen De Situationsbild:
Sirre dem Reichstage zugegangene, vom Großen Geue- Eab ausgearbeitete Denkschrift über den Verlauf des Aufstandes gewahrt ein deutliches Bild von der Folae her ^eigniije^ in deren Mittelpunkt der Zusammenstoß bei Waterberg steht. Es ist durchaus berechtigt, von einem ,^eutiarnen Erfolge zu sprechen, den die deutsche Heeres- durch die heißen Stunden der Kämpfe am Waterberg Zungen hat. Daß eine völlige Einschließung des Volkes Herero und demgemäß eine Vernichtung resp, ein Ab- ^^ emem Schlage möglich sein könnte, war eine die man in eingeweihten militärischen Kreisen teilte. Dazu waren die zu bewältigenden Entfernungen
Freitag, Den 20. Januar 1905
Zlnaöyängige Iageszeitrmg
zu große nnd die zur Verfügung peyenoen Truppen zu geringe. Es konnte daher nur darauf ankommen, die Widerstandskraft des Feindes zu brechen und dem Volk der Herero die Einsicht beizubringen, daß eine weitere Kriegführung vergeblich sei.
Das ist in vollem Umfange geschehen, und die Folgen beginnen sich zu zeigen. Von allen anderen Ri'ick- zugslinien durch unsere geschickt geführten Truppen abge- drängt, blieb den auseinander gesprengten Herero nichts übrig, als sich nach Südosten hin zu retten. Dort aber breitet sich in furchtbarer Oede und unerforschter Ausdehnung das gefürchtete Durstgebiet der Omoheke aus.
Hier im Sandfeld hat die Häuptlinge einen nach dem andern der Untergang erreicht, so daß den letzten, die übrig geblieben sind, die Hoffnung zu schwinden beginnt und sie die Unterwerfung anbieten. Das Vieh, der zum Leben nötige Besitz der Her-ero, war auf der Flucht verloren oder im Sandfelde verhungert und verdurstet. Die Krieger zer- streritLn sich und versuchten in bewohnbare Gegenden zrirück- LUgelangeN. Einigen wenigen gelang es, auf englisches Gebiet Liberzntreten. Wer von den Häuptlingen nicht, wie neLâerdingH auch der einflußreiche SalatieL umgetomnien ist, zieht sich auf die Stellen hin, Wo es wieder Wasser gibt. Dort aber treffen sie auf die Wacht der deutschen Streiter. So mußte sich Zacharias Zeraua unterwerfen. So hat nun auch Wilhelin Maharero, der letzte, der noch eine Schar gut bewaffneter Okahandyokrieger zusammengehalten hatte, seine Unterwerfung angezeigt und ist auf Dem Marsche ins deutsche Lager. Nur ©mund Maharero ist nach Nordosten zu entflohen, aber sein Anhang ist immer kleiner geworden und nur wenige Berittene sind noch bei ihm. Auch ihm wird keine andere Möglichkeit bleiben, als Die Unterwerfung, wenn er sein Leben retten will.
Damit kann der eigentliche Aufstand des Volkes der Herero als niedergeschlagen betrachtet werden. Freilich bleibt unseren Truppen noch eine schwere Aufgabe, nämlidj der Kleinkrieg gegen die Banden, denen es gelungen ist, sich durch die Absperrung au^ dem Sandfeld zurückzuschleichen unD die nun räubernd und inarodierend im Lande auftauchen. ____________
Der Krieg in Ostafie»..
Die Berichte über den letzten Kosakenritt des Generals Mischtschenkow werden immer verwickelter. Von russischer Seite war behauptet worden, daß die Chinesen den Japanern bei dieser Gelegenheit Vorschub geleistet haben sollten, Die Chinesen beklagten sich über angebliche Verletzungen ihrer Neutralität durch die russischen Reilerschwärrne, die die Grenze nicht respektiert hätten, und jetzt kommen zuguterletzt Die Japaner und behaupten, daß
die Russen von chinesischen Truppen unterstützt worden seien. Aus Tokio wird nämlich über die letzten Treffen in der Mandschurei gemeldet:
Die Russen wurden von vielen chinesischen regulären
Truppen unterstützt. Die Verluste der Russen bei San- chiaho westlich von Niutschwang am 14. Januar betrugen 300 Mann. Mischtschenkos Abteilung war 5—6000 Mann stark mit zehn Geschützen. Nachdem sie bei Niutschwang zurückgeschlagen war, zog sie sich nach Norden zurück. Japanische Kavallerie hat eine Anzahl erschöpfter
Russen am 14. Januar bei Laohoshe gefangen genommen.
Aus der Stellung, die Chinas Regierung zwischen den beiden kriegführenden Mächten zurzeit einnimmt, ist allmählich wirklich nicht mehr klug zu werden. Me Syrnpathien des chinesischen Volkes sind im allgemeinen wohl'unbestritten auf feiten der Japaner. Doch ist es möglich, daß der Hof den kleinen gelben Vettern nicht traut, trotzdem sie sich stets als Freunde und Befreier bezeichnen. Die herrschende Dynassie fürchtet nicht mit Unrecht, daß der nächste Schritt der Japaner, wenn man sie ins Land hineinließe, darin bestehen würde, sie vom Throne zu stoßen. Eine jetzt aufgetauchte starke revolutionäre Bewegung gegen das chinesische Kaiserhaus wird in Peking mit gutem Grunde japanischen Einflüssen zugeschrieben. Die Bewegung ist gut organisiert und wohl mit Waffen versehen. Viele hervorragende und reiche Chinesen nehmen an ihr teil. Die Hauptbeschwerde, die die Führer und Teilnehmer an der Bewegung gegen die jetzige Dynastie erheben, sind die erzwungenen Beitreibungen für Heeresreform und Unterhaltung des Hofes; auch empfindet man die Steuer lästig, die der letzte Krieg notwendig gemacht hat. Eine große Anzahl von Priestern, namentlich aus der Provinz Chili sind in die Reihen der Aufständischen getrieben worden, nachden: in vielen Orftchaften das Tenrpel- eigentuln beschlagnahmt worden ist. Die Bewegung steht in enger Verbindung mit den Kolaohui, den Häuptern des gegenwärtiger: Aufnlhrs in Kuangsi. Diese Kolaohui-Ge- sellschaft wurde ursprünglich durch alte kaiserliche Soldatei: nach der Taipinger Rebellion als eine patriotische Vereini gung begründet. Jetzt steht sie an der Spitze der, anti dynastischen Bewegung und sie umfaßt unter ihren Mitglie ton den größeren Teil der Soldaten, die in Südchina gefroren sind.
14 Jahrgang
Sw»»«e»e«t-prers: abgehsit monatlich do Pig., H^s gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljâhrl. Mt. 1.50.
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(Hietzener Aerkung)
im Revier des Bergarbeiter streike.
Der Verlauf der gewaltigen Arbeiterbewegung im westfälischen Kohlenrevier wird mit fieberhafter Aufmerksamkeit im In- und Auslande verfolgt. Die nächsten Tage müssen die endgültige Entscheidung über das Wohl und Wehe von etwa einer Viertelmillion von Arbeitern und einer ganzen Anzahl von industriellen Werken bringen, in denen viele Millionen Kapital stecken. Sie ziehen ihre Lebenskraft von den schwarzen Diamanten, die unter der „roten Erde" Westfalens in dichten Adern lagern. Die fleißige Hand, die sie mit Axt und Schaufel ans Tageslicht förderte, feiert jetzt in freiwilliger Muße. Wird diese lange währen? Werden dem deutschen Nationalwohlstand Wunden geschlagen werden, Die erst in Jahren wieder verharschen können? Das ist die bange Frage, die alle Gemüter bewegt. Noch ist nicht alle Hoffnung verloren, daß es schließlich doch in letzter Stunde zu einem Vergleich kommt. Trotz der Erbitterung, die unter den Arbeitern herrscht, ist bisher von den Streikenden im allgemeinen strenge Selbstzucht geübt worden. Von größeren Ausschreitungen, die die Verwendung von Gendarmerie und Militär notwendig gemacht hätten, ist infolgedessen nicht die Rede gewesen. Ob aber diese Zucht unter den Massen auf die Dauer standhalten wird? Wer will das Voraussagen? Vorläufig scheint die Organisation straft genug, das beweisen die nachfolgenden
Stimmungsbilder aus dem Streikgebiet
Essen, 19. Januar.
In Stadt und Umgegend hat sich bisher die Physiognomie des täglichen Lebens durch den Streik kaum geändert. Allerdings trifft man in den Straßen ab und zu Gruppen feiernder Bergarbeiter, doch halten diese eine musterhafte Ordnung und gehen ruhig ihres Weges. Vor einzelnen Lokalen, so namentlich in der Rotfttraße vor dem Restaurant Borussia, bemerkt man durch Rosetten kenntlich gemachte Ordner, die dafür sorgen, daß der Verkehr nicht gestört wird. In allen Restaurants ' 'n den Geschäften der Hauptverkehrsstraßen gingen Sa. . ,\en für die Streikenden umher. Da die Bürgerschaft zum großen Teil mit diesen sympathisiert, sollen ganz erkleckliche Summen zusammengekommen sein. Troh- dem hält man es für ausgeschlossen, daß, falls her Streik für permanent erklärt wird, die nötigen Mittel zur Unterhaltung der 180 000 Streikenden und ihrer Familien aufgebracht werden können. Das mindeste, was an Streikmitteln aufgebracht werde:: müßte, sind wöchentlich 2 000 000 Mark. Kenner der Verhältnisse behaupten, daß jetzt in diesen kalten Wintertcmrn, in dienen die Bauhandwerker feiern, die Sozialdemokratie trotz aller Anstrengungen inklusive der Gewerkschaften noch nicht 40 000 Mark wöchentlich aufzubringen imstande sei. In den Versammlungen der Bergleute hier trat aber bisher so mA rmhige, zu den äußersten Opfern bereite Entschlossenheit zutage, daß an ein Nachgeben wegen finanzieller Not nicht zu denken ist. Die Verwaltung der Hanielschen Zeche „Rheinpreußen" hat die Forderungen der Bergleute angenommen. Die Belegschaft hat infolgedessen beschlossen, weiterzuarbeiten.
Bochum, 19. Januar.
Die Lage wird stündlich bedrohlicher. Wie hier verlautet, sollen zurzeit nicht 180 000 Mann, wie offiziell angegeben wurde, sondern schon über 200 000 feiern. Die Arbeiter ziehen in Trupps durch die Straßen, bisher still und ruhig, man sieht den verbissenen Gesichtern aber die Erbitterung an. Daß der Großgewerke Stinnes es abgelehnt hat, vor dem Wittener Berggewerbegericht als Einigungsamt zu erscheinen, hat die Stimmung ungemein verschärft. Von der Bürgerschaft werden die Arbeiter tatkräftig unterstützt. Die Polizei hat bisher keinen Grund zum Einschreiten gehabt, doch ist, um allen Eventualitäten zu begegnen, die Polizeistunde in den Wirtschaften der Stadt auf lf W\ in den Außenbezirken auf 10 Uhr festgesetzt Worben. Es wird behauptet, daß der Kaiser den Kommerzienrat Lueg zu sich besohlen habe, um sich über den Streik Bericht erstatten zu lassen. Die Arbeiterfrauen beteiligen sich lebhaft an der Agitation. Eine Frauenversammlung, in der die bekannte Frau Blume auftreten wollte, wurde verboten Es werden überall Streikbureaus errichtet, so hat das Christliche Gelverkschaftskartell auch hier ein solches gebildet. Am Freitagvormittag wird hier eine große Bergarbeiterversammlung stattfinden, in der über den Streik
Wer sich an dien Bergarbeiterputsch von 1898 erinnert und ähnliche Zustände wie damals, wo in der Bahnhofstraße auf das einrückende Militär geschossen wurde, auch jetzt be- fürchtet, sieht sich angenehm enttäuscht durch die gesetzte Haltung der Streikenden. Sie machen ihrem Herzen in tot Versammlungen Luft, manchmal recht derbe, aber auf der Straße benehmen sie sich still und gesittet. Aus der Straße von Herne nach Bruch begegnet inan allenthalben Gruppen