Nr. 219.
Montag, den 18. September 1905.
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__14. Jahrgang
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Heuere Wachrichlen
(Hießener Ungevratt) MaShängige Tageszeitung (Giehener Zeitung)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gietzen und Umnebum. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gietzen, des Grotzh. Polizeiamtes Gietzen und anderer Behörden von Oberbessen
Das Auskunftei-Mesen.
Die Institute, welche sich mit der geschäftlichen und persönlichen Auskunftserteilung befassen, haben allmählich eine ganz bedeutende Stellung im wirtschaftlichen Leben errungen. Die Geschäftswelt ist in Deutschland direkt gezwungen, sich der berufsmäßigen Auskunfteien zu bedienen, will sie sich anders vor Schaden bewahren. Leider gibt cs neben der Majorität der soliden Geschäftsleute in Deutschland auch eine recht ins Gewicht fallende Minorität, die es mit der Ehrlichkeit in Handel und Wandel nicht eben genau nimmt, die ohne genügenden Hinterhalt und ohne den ernstlichen Willen zur Erfüllung ihrer Pflichten auf Kosten anderer für sich Vorteile zu erreichen sucht. Wird ein solches unreelles Gebaren auch schließlich von der gesetzlichen Strafe getroffen, so ist dem hereingefallenen Kreditgeber damit wenig gedient — sein Verlust ist in den meisten stillen nicht mehr einzubringen. Wie viele ernst und arbeitsam vorwärts strebende Kaufleute sind durch unvorsichtiges Orebitgeben schon auf Jahre lang zurückgeworfen oder gar ruiniert worden. Die früher vielfach übliche und heute noch hier und da angewandte Auskunstserteilung durch Geschäftsfreunde langt bei weitem nicht mehr zu bei bem sich infolge des Aufblühens von Handel und Verkehr immer mehr verzweigenden Kreditverkehr. Deshalb sind die ge- .werbsmäßigen Auskunfteien eine Notwendigkeit geworben, deren der Kaufmann nicht mehr entraten kann.
Aber wie bei allen menschlichen Einrichtungen haben sich auch auf diesem Gebiete der kaufmännischen Tätigkeit Unvollkommenheiten gezeigt. Neben soliden und ver- trauenswürdigen Firmen haben sich unsichere Erislenzen der Sache bemächtigt. Auskünfte, die leichtfertig erteilt mürben, nur der Provision halber und ohne Bedenken auf Richtigkeit und Sicherheit, stifteten in vielen Fällen Unheil und zogen ein Mißtrauen groß, das sich manchmal gegen die ganze Einrichtung wandte. Das geht jedenfalls viel zu weit, ist sogar direkt verwerflich. Denn um einiger räudiger Schafe willen kann man ein im übrigen nützlich wirkendes Hilfsmittel des kaufmännischen Verkehrs nicht verdammen.
Es braucht aber nicht Wunder zu nehmen, wenn die Frage nach Reformen im Auskunftswesen auftauchten. Ta ist vorgeschlagen worden, die Auskunftserteilung staatlich zu organisieren oder aber eine Haftbarkeit zu konstruieren, bei der im Verlustfalle die Auskunftei selbst für den entstandenen Schaden aufzukommen hätte. Beide Forderungen gehen in ihrer starren Konsequenz wohl über das wünschens- leerte Maß hinaus. Der Ruf nach direkter Staatshilfe ist in neuerer Zeit oft und vielfältig erklungen. Trotzdem kann man ihm die Berechtigung kaum zuerkennen. Die freie Betätigung hat unserem Wirtschaftsleben unendlich mehr Vorteile gebracht, als engherzige veraltete Buchstabengerechtigkeit, die jeden aus den gewohnten Bahnen hinans- itrebenben Aufschwung in den Zirkel ihrer Zwangsbestimmungen bannt. Gewiß hat der ^taat das Recht und auch die Pflicht, den einzelnen Berufsschichten die Wege zur Ent- mltung zu bahnen, sie vor Schwindel und unverdienter Eristenzuntergrabung zu schützen. Das kann und darf aber nicht fomeit gehen, daß das gemeine Wesen jedesmal für die Fehler und Schwächen des einzelnen eintreten soll. Die Spannkraft und Elastizität, die im geschäftlichen Leben ebenso notwendig sind, wie bei jeder anderen Betätigung, würden einer dumpfen Erschlaffung, einem blinden Vertrauen auf Hilfe von außen Platz machen, die dem Emporblühen eines gesunden und starken, ans eigene Krast vertrauenden Volkstums nichts weniger wie förderlich wäre. Deshalb kann der ötaat selbst die Haftbarkeit nicht übernehmen. Sellst- verständlich wird dadurch nicht der Erlaß ^geeigneter Vor- 1 Christen zur Bekämpfung von bewußter Spekulation auf Benachteilignna des rechtlichen Bürgers ausgeschlossen. Hier wäre also einzusetzen und die Haftbarkeit der Auskunfteien, 'alls diese nachgëwicsenermaßen leichtfertig oder betrügerisch verfahren, kann getrost einer ernsthaften Diskussion unterzogen werden.
Die Auskunfteien aber selbst absolut haftbar zu machen, dürfte ebensowenig angehen. Sie würden dadurch einfach zu Kreditversicherungen, deren Prämien so weit in die Höhe schnellen müßten, daß ihre Dienste entweder gänzlich unbrauchbar oder doch nur in einzelnen Fällen anwendbar blieben. Die Un rteifWcit der Auskunfterteilungen würde wahrscheinlich 'benfalls schlimme Einbuße erleiden. Denn her mit einer hohen Prämie Versicherte wäre unbedingt einer anderen Behandlung gewiß wie der Fernstehende" oder gering versicherte Kaufmann.
Genaue Auswahl der auskunfterteilenden Stelle, also Benutzung einer angesehenen und leistungsfähigen Firma üt der Geschäftswelt deshalb anzuraten, wenn auch die Ge- bnhr von dieser etwas höher bemessen wird, als bei zweifelhaften und unkundigen Unternehmungen, die lediglich auf den Geldbeutel ihrer Klienten spekulieren. Tritt zu dieser Vorsicht dann vielleicht noch ein erhöhter Schutz gegen direkte Betrügereien, dann können die Auskunfteien auch unter den bisherigen Verhältnissen Nützliches und Gutes wirken.
Kaisermanöver 1905.
(V 0 n unserem Spezialberichterstatter.)
Der letzte Tag. — Die Zeitungen als Verräter. — Die Schlachtordnung. — Das Treffen. — Unentschieden. — Schluß und Kritik. — Verpflegung. — Heimkehr.
(Nachdr. Verb.) * Limburg a. d. Lahn, 16. Sept.
Der letzte Tag des Kaisermanövers brachte den kämpfenden Truppen in den frühen Morgenstunden wieder starten, die Aufklärung sehr beeinträchtigenden Nebel im ganzen Lahntal. Die Bestimmungen über die gestrige „besondere Kriegslage" mürben erst morgens bekannt gegeben. Der Grund für die späte Bekanntgabe lag in der Besorgnis, dap aus den Tageszeitungen die gegnerischen Armeen über ihre Verhältnisse Nachricht erhalten könnten, wie dies früher bei Nichtbeobachtung dieser Vorsicht vorgekommen sein soll. Die Entsendung der 25. Juf.-Division des 18. Armeekorps nach Hadamar fand vorgestern nur in der Annahme statt, tn ber Tat fand man sie gestern als Verstärkung beim blauen Uorp* Die Rücksichten auf den Abtransport der Truppen am letzten Manövertage machen oft derartige Truppenverschiebungen nötig. Die noch am Vorabend von Rot eingenommene Stellung war folgende: 49. Brigade um Holz- heim, 28. Jnf.-Division um Sinter, 21. Jns.-Dwipon um Lindenholzhausen, Kavallerie-Division B auf dem vorge- _wncn linken Flügel um Oberbrechen, Sicherungen weit südlich vorgeschoben. Blau stand in Lmie Eamberg, Panrod, Dörsdorf mit den Sicherungen, Kavallerie-Twipon A bei Wellrabensteiu, 16. Jnf.-Division bei Limbach, io. xM1 Division südlich Panrod, die 47. Inf -Division bei Ketten- baw, die 25. Jnf.-Division (neu zu Blau hinzugetreten) bei
fpsgenbe Absichten gestern maßgebend: Blau (S Armeekoro-)' will aus der Linie Bechtheim-Panrod- ^ettenbach-Eisighofen gegen die Bahnübergänge Mischen. Runkel ilnd Diez vorgehen. Rot (18. Armeekorps) will einem Angriff zwi'chen der Aar und dein Morsbach entgegen treten Rot bereitete während der Nacht mittels trefflich angelegter Schützengräben eine Stellung vor, die es gestern am frühen Morgen besetzte. Tie Artillerie-Lime belegte den Mensfelder Kopf, Nauheimer Kopf und Sensenkopt, drei an der Straße Limburg-Wiesbaden gelegene formitabw Höhen Unter ihr und im begrünten Gelände kaum zu er ' ecken von feindlicher Seite verlief die lange ^chutzengrab-ew race. Tie vielen toten Winkel, zu denen das Gelände rügte, waren durch Schützengrabenstücke sehr geschickt ver- rieben. Geaen diese Stellung setzte nun Blau, im Vor- irarfd) bis 9^- Uhr durch Nebel begünstigt, an. Der Kommandierende General wollte den roten linken Flügel um füfen, deshalb ließ er die 16. Jnf.-Division von Kirbach aus T auborn ausbiegen und auf Niederbrechen vorgehen. Hier trat dem Angriff die rote 21. Division bei Werschau entgegen und errang über die 16. Division den ^ieg. Tie leiben Kavallerie-Divisionen) gerieten zwischen Werschau- Oberbrechen in einer Attacke aneinander, die für die (blaue) Division A verderblich werden mußte, weil sie in ein rasendes Feuer des zur 21. Division gehörenden 87. Jnf.-Regts. geriet. Als die 15., 41. und 25. Division, in der angeführten Weise vorgehend, vor die Mensfelden-Nauheim- Werschâuer rote Feuerstellung kam, geschah die (blaue) Entwickelung in voller zeitiger und räumlich lückenloser Ueber- cinstimmung. Es märe fraglich gewesen, ob die bedeutende Ueberlegenheit von Blau um 1 -6 Divisionen zur Einnahme der roten Stellung geführt hätte, die geradezu beherrschend incr. Ta es aber auch weniger auf den Austrag des Kampfes als auf die Entschlüsse und die hieran sich knüpfende Entwickelung ankam, so brach der Kaiser gegen %12 Uhr das Gefecht ab und gab mit dem Signalballon das Schlußzeichen für das ganze Manöver. — Tie Kaiserin war zu Pferde im Manövergelände und ritt im Galopp die ganze blaue Stellung ab. Ter Kaiser hielt die Kritik auf dem Nauheimer Kopf und sprach beiden Armeekorps uneinge-
schränkt seine Anerkennung
für Führung und Truppen
leistung aus.
Schließlich verabschiedete er sich von seinen
Manövergästen und fuhr nach Limburg, um den Limburger Dom zu besichtigen und sodann den Hofzug zu besteigen, der ihn mit der Kaiserin nach Homburg führte.
Die Verpflegung fand während der Manöver aus Magazinen statt, die in Freiendiez, Limburg, Kemel, Dornmühlen, Runkel, Idstein errichtet waren. Bei jeder Division befarb sich eine militärische Proviantkolonne und eine militärisch organisierte Kolonne aus ermicteten Privatgeschirren. Tie Kavallerie Divisionen hatten 2 militärisch organisierte Ve"- Pflegungskolonnen und 2 $imatsFoIoi uen. Mann und Pferd trug täglich eine volle Mundportion nebst Kochholz bezw. eine Hafertagesration.
Im ganzen waren nach Schluß der Manöver 1050 Offiziere, 50 000 Mann, 2400 Pferde in Sonderz .''gc.i heimzu- bcförbcm. Der Transport wickelte sich in nfricbcnfteltcnh ' Weise ab, so daß auch er wie der ganze Verlauf der heißen Tage ein glänzendes Bild von der Kriegsbereitschaft des deutscher! Heeres bot.
Vie Krisis in Südrussland.
(@ig. Bericht.) Petersburg, 16. September.
,. ^ Schach die Lnpe im glichen Teile des europni. scheu Rußland sich gestaltet hat, ist aus einem Aufruf zu er» sehen, den der kaiserliche Statthalter in Tiflis an die Bevölkerung des Kaukasus-Gebiets soeben erlassen hat. Der Ausruf macht auf die verderblichen Folgen der Propaganda der revolutionären Organisationen anfmcrfiani die zu agi. tatorischen Zwecken die Bedürfnisse der Arbeiter und Bauern ai'sbeuteten und diese, wie es sich gezeigt habe, dem Ruin eutgegenführten. So sei Baku, das, vor kurzem noch in Blüte, tausenden von Arbeitern durch seinen gewaltigen Handel und seine Fabriken die Mittel zum Lebensunterhalt gewährt habe, in Untätigfeit verfallen. Die Fabriken hätten zu arbeiten aufgehört, die Bauern, durch die Agitation verleitet, schickten sich an, die Grundeigentümer zu berauben, deren wirlschastlicher Untergang sie selbst um ihre Einkünfte bringe. Der Aufruf weist ferner die Bauern auf die Verpflichtung hin, die durch die Plünderungen hervorgerufenen Verluste zu ersetzen, und setzt den wohltuenden Einfluß der Einführung der Reichsduma auf die Interessen der Bevölkerung auseinander: sie werde den geheimen Organisationen den Boden zur Ausübung ihrer Tätigkeit entziehen. Der Statthalter fordert 311m Schlüsse Bevölkerung, Presse, und die öffentlichen Körperschaften auf, ihm bei der Beruhigung des Landes zu unterstützen.
So nimmt sich die Lage in amtlicher Darstellung aus. Die wahre Ursache für die gefährliche Entwickelung aber wird hier verschwiegen. Seit die Russen im Besitz des .Kaukasus und des Küstengebietes am Schwarzen Meer gelangt sind, haben sie ihre Politik darauf angelegt, die verschiedener dort wohnenden Völkerschaften widereinander miszn- spielen. Die tiefer stehenda tatarische Bevölkerung wurde auf die der russischen Herrschaft widerstrebenden Armenier gehetzt. Da waren die beute- und blutlüsternen Tataren in ihrem rechten Element. Das alte Räuberblut regte sich, und nun ist es schwer, die Geister zu bannen, die man ge rufen hat. Die entfesselte Leidenschaft macht nicht bei der Ausrottung der Armenier Halt, sie men bet sich naturgemäß gegen alle höhere Kultur. Mord, Totschlag und Brandstiftung bebroht alles, was da ist, und mit Entsetzen muß ber Russe sehen, daß auch er als Fremdling und Eindringling betrachtet wird, wider den sich die entflammte Gier der Tataren wendet.
Kaum ist der Krieg im fernen Osten beendet, so muß die Mobilisierung ganzer Bezirke wieder ausgenommen werden. Aus bem inneren Rußland werden Regimenter und Batterien aufgeboten, um am Kaukasus die Angehörigen des eigenen Weiches zu bekämpfen. Dort aber steht ein Gegner bereit, der eine Kampfesweise anwendet, wie sie die Japaner nicht mehr kannten.
Es wird schwere Kämpfe kosten, um am Kaukasus die Ruhe herzustellen. Dann aber wird sich zeugen, wie bedcut- iame Werke der Kultur dort zu Grunde gerichtet sind. Tas änb die Folgen einer Politik, die von vornherein die schn-erste Gefahr in sich trug.
politische Rundschau.
Deutfebee Reich.
* Man erwartet in beteiligten Kreisen, daß der Gesetz- müninf wegen Sicherung der Bauhandwerker-Fordcrnngrn dem Bundesrat alsbald nach Beendigung der Sominer- ferien vorgelegt werde. Die Ausschüsse des Bundesrats beginnen ihre Arbeiten schon Ende September, der Bundesrat selbst tritt Anfang Oktober zusammen.
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’ Tie Reichstagsabgeordneten, welche sich an der Stndi-''*- fahrt nach Kamerun beteiligten, befinden sich jetzt aus Rückfahrt. Der Postdampfer „Eleonore Woerrnann" Sekondi an der englischen Goldküste an sind erledigte damit den letzten Punkt des Programms. Er wird voraussichtlich am 30. September wieder in Hamburg eintreffen.
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* Abermals wird eine grobe Olrenzverletznug durch einen russischen Soldaten aus Deutsch-Piekar gemeldet. Ein Grenzwächter lockte einen deutschen Arbeiter über die Grenze, um Schnaps von ihm zu erbitten. Er erhielt das Gewünschte auch, dann schoß er auf den Mann nnd verletzte ihn schwer. Es wurde sofort Anzeige bei der preußu schen Behörde erstattet. *
* Selbst ka ndwirtschaftliche Kreise erkennen jetzt das Bestehen einer Fleischnot an. Die SanbeSbenammliing der Landwirte Württembergs beschloß eine Resolution, worin sich die Versammlung ber Protestbewegung gegen die ^leuch- teuerung anschließt. Gefordert wird die Oessnung d e r G r e n z e n. *
* Der deutsche Gesandte Dr. Rosen hatte eine lange Unterreduna mit dem frcmzösuchen Ministerpräsidenten