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Nr. 92

Dienstag, den 18. April 19ü5

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AbouaementSpretS: abgehsit monatlich 50 Psg-, in s Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl.M-1.b0. 6t«H8betlaete : Qberhesstf»« Familienzettnng stSgNch) und die Siegener Seifenblasen iwöchenlltch).

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Wetttarttttto t Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- Mm, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 16 Pfg. Reklamen die PetitzeUe 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Hauptexpedition: Gießen, Seltersweg 83. Ferufprechauichluß Nr. 368.

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(Gießener Tageklarr)

Knaöhängige Tageszeitung

(Gießener Zeitung)

für Dherhsssm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alte amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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Schulzwang und Rauserzuhung.

Ein Mahnwort an dis deutschen Mütter.

Wo Me OsterZensur der Kinder, namentlich der Zänlmqc döherer Lehranstalten, schlecht ausgefallen ist, da herrscht in dieser Zeit statt der Festfreude oft nervöse Erregbarkeit im Hause.Wenn doch erst bie Schuljahre vorbei wären!" klagen viele Mütter unb Väter, und in den meisten Kindern finden diese Worte einen starken Widerhall. Wie töricht sind all die, welche die Schuljahre abkürzen oder gar überspringen möchten. Im späteren Leben blicken die meisten Menschen fast neidisch auf die Kinderjahre zurück- benn es ist ja be­kannt, daß in der Erinnerung alles Unangenehme in seinen Farben verblaßt. Moderne Pädagogen wollen aus der Schule alles Unangenehme verbannen. Auch die Eltern möchten auf diese Weise ihr Leben und das ihrer Kinder sorgenfreier gestalten. In der Presse und im Hause wird neuerdings viel von der Schulreform gespochen. Es wird darauf hingewiesen, daß in unsere Schulen ein ganz neuer Geist einziehen müßte. Mit Recht! Und mit Freude sind diese Bestrebungen zu begrüßen! Nur möchten wir hier die Frage aufwerfen: ist es denn nötig, daß die Kinder selbst eingeweiht werden in die Notwendigkeit der Verbesserung unserer Schulen? Kinder haben doch feine Kritik, keine Urteilsfähigkeit; sie halten das, was ihnen unangenehm ist und ihnen schwer wird, für schlecht und altmodisch, das, was ihnen leicht wird, für gut und modern. In Gegenwart der Kinder wird gar oft über die Ungerechtigkeiten der Lehrer, über den Unwert des Latein für die Kaufleute, über den ungenügenden Unterricht in den neueren Sprachen unter be­freundeten Familien gesprochen. Alles mag stimmen. Aber die Kinder sollten doch erfüllt von ganz anderen Gedanken die Schule besuchen. Es wird ihnen so oft gesagt:Ihr lernt nicht für den Lehrer, ihr lernt für euch und für das Leben!" Die Schüler sollen daher die Schule als eine Vorbereitung für das Leben betrachten.

Für den Lebenskampf sind aber nicht allein Kenntnisse und Fertigkeiten von nöten, vor allem wird ein fester Cha­rakter erforderlich sein. Nur ein Mensch, der widerstands­fähig ist, der Ausdauer und Fleiß besitzt, wird sich durchringen und durchsetzen. Das Leben gleicht eben einem Rennen, in dem man über Hürden springen muß. Wohin man blickt, stößt man auf Widerstand, und darauf wird der Schüler in der Schule vorbereitet. Er muß von Hause darauf hinge­leitet werden, daß es feige ist und mutlos, sogleich die Waffen zu strecken, aber ehrlich und charaktervoll. Schwieriges zu überwinden. Mag ja manche Methode falsch in der Schule sein, mag ja viel Ballast dem Schüler mit auf den Weg gegeben werden, tropbem muß er lernen, seinen Widerwillen gegen Unangenehmes und Schwieriges zu überwinden. Das ist die Erziehung, die die Schule ihm gibt. .

Augenblicklich verhält es sich bei uns wie im 18. Jahr- Üunbert. Man hatte sich bisher wenig nm die Kinder ge-

Der Eselsmüller und die Falschmünzer

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Von Gustav Rohleder, Grünberg t H.

Alle Rechte vorbehalten.

(Nachdruck verboten.)

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Balzer dankte gerührt und ging heim durch die Hänschlucht nach Sassenburg zu. Der Esetsmüller konnte so verworfen nicht sein, wie er heute in Sassen­burg gehört hatte. Was hatte dieser Mann an ihm und seiner Familie nur in diesem einen Jahre getan. Verhungern hätte er mit seinen Kindern müssen, wenn der Eselsmüllec nicht gewesen wäre. Na, wenn wirklich der Eselsmüller, wie es hieß, Krontaler gemacht hatte, war denn dieses ein so entsetzliches Verbrechen? Der arme Balzer ließ sein Herz reden, aber nicht das Gesetz.

Nachdem Balzer fort war, ging der Eselsmüller in großer Erregung im Zimmer auf und ab. Ruhelos verstrich auch die Nacht. Was sollte er tun? Etwa fliehen? Ins Ausland? Nach Frankreich? Amerika? Lächerlich, nein und tausendmal nein, ich, der Esels­müller fliehen? Nein, die Eselsstirn will ich der Be­hörde zeigen, laß nur die Herren kommen. Ich soll ein Falschmünzer sein? Lächerlich, niemand kann mir es beweisen. Ha, die faulen Schurken, welche er so so lange gefüttert, der verdorbene Pfarrer und andere, hatte vielleicht einer geplaudert? Mag kommen was will, ich der Eselsmüller, kenne keine Furcht. Damit schloß er sein lautes Selbstgespräch. Er wußte nicht, daß draußen ein Lauscher war. Es war der Wind­beutel vom Kappenschneider.

Denselben konnte der Eselsmüllec nicht ausstehen. Eilig ging derselbe nach Sassenburg. Dort war schon der Kreisrichter Knoblauch mit dem alten Eigenbcod eingetroffen, um am anderen Tage in der Eselsmühle Haussuchung zu tun, und wenn irgend es anging, den Eselsmüllec sogleich zu verhaften. Der Kappenschneider ging sofort zu Böttchen und erzählte dem Herrn Kceis-

tummert Da setzte in Frankreich eine Bewegung ein unter Jean Jaques Rousseau, die sich der Kinder annahm, und wie jede Agitation Uebertreibungen zeitigt, so auch diese. Die Kinder wurden der Mittelpunkt des Interesses, nirgends zeigte sich eine Mutter mehr ohne ihre Kiiider, sie waren nicht länger auf das Kinderzimmer beschränkt, sondern bürsten Vloplid) im Salon im Beisein von Besuch tun und lassen, was ihnen genehm war. Es wurde durch diese Freiheit und durch das übergroße Interesse für das Kind dasenfant iMTible" geboren, das enfant terrible, das ja noch heute in Romanen spukt. Diesen Typus erziehen wir zwar jetzt nicht, dafür aber einen anderen, das nervöse Kind, das um fähig ist, den Anforderungen der Schule Widerstand zu leisten, und als Erwachsener durch diese Unfähigkeit im Berus und im Leben scheitern muß. Mit dem ersten Schultage muss die Stählung der geistigen Kräfte beginnen, denn die der körperlichen hat ja mit dem ersten Lebenstage begonnen. Zur Erreichung dieses Zieles müssen die Eltern sich für das Kind und seine neuen Aufgaben interessieren. Mit fester, aber nicht mit r .uher Hand wird die Mutter das Kind stützen. Sie wird aber bedacht sein, dem Kinde keine Krücken auzulegen, durch die das» Künd unselbständig wird. Das Kind muß beaufsichtigt werden, aber trotzdem ganz allein gehen, und diese Ueberwachung muß bleiben, während das Kind die verschiedenen Stufen der Schule erklimmt. Stellt es sich heraus, daß ein Kind nicht die geistigen und körper­lichen Kräfte hat, das Pensum einer höheren Anstalt zu er­ledigen, so darf nicht Eitelkeit und falscher Ehrgeiz die El­tern veranlassen, dem Kinde einen unerträglichen Zwang aufzuerlegen. Die Tragödie der kleinen Annemarie von Sudow hat erst kund getan, daß selbst die Nächsten den Schwachsinn eines Kindes nicht erkennen und an Faulheit und Böswilligkeit glauben, wo nur die Fähigkeiten fehlen. Es ist keine Schande, die höhere Schule nicht absolviert zu suchen, es ist eine viel größere Schande, untüchtig und wider­standslos im Leben zu bleiben. Ein Unglück ist es! Und das Bestreben unserer Zeit zielt dahin, glückliche Menschen zu schaffen. Sie können nur aus glücklichen Kindern heraus- wachsen, aber nur die Kinder sind glücklich, die ruhige Schul- fahre haben, die stets ihre Pflicht erfüllen. Sie dazu anzu­leiten, sie in diesem Bestreben zu fördern, das ist bi? vor­nehmste Aufgabe der Eltern, vor allem der Mutter. Es! wird ihr gelingen, wenn sie die Lichtseiten der Schule unter­streicht und die Schattenseiten dem Kinde gegenüber verdeck', wenn sie ihm klar mad)t, daß auf Erden kein Ding 1 om kommen sein kann. Emma Reichen.

Der Krieg in Ottilien.

Wenlgstens zum teil hat sich das Dunkel gelichtet, das über der Weiterfahrt des russischen Geschwaders lag. Von mehreren Seiten wird berichtet, daß 18 russische Kriegs­schiffe, darunter 5 Schlachtschiffe und 6 Kreuzer, in der

richter die eclanschte Rede des Eselsmüllers. Wahr­scheinlich hatte er, der Lump auf Belohnung gerechnet. Doch dec Herr Kceiscichtec winkte nur ohne ein Wort zu sagen, eine gnädige Entlassung. Lumpige Beamten, sprach dec Kappenschneidec, während ec die Treppe im Flur hinabstieg zu sich selber. Doch ec hatte vergessen, daß die Wände Ohren haben, denn der Sassenburgec Wachtmeister hatte ihn sofort im Genick.Sage es noch einmal, Kappenschneidec, was du eben von den Beamten sagtest."Herrgott, Wachtmeister, Geschwindigkeit ist keine Hexerei, das ist mein Sprüchwort" dabei gab er dem Wachtmeister einige Puffe und derselbe sauste pustend treppab. Der Kappenschneidec aber verschwand mit der Bemerkung, wenn alle Teufel die Beamten holten, so würde ec keinen mehr warnen.Hast recht, rief eine alte Biectcine", welche diese laut gesprochenen Worte gehört hatte.Hast recht Kappenschneider, geh heim, mache Kappen, und bekümmere dich nicht um Dinge, welche dich nichts angehen."Wagener, du alte Saust nase, du brauchst mir nicht zu Pcegigen. Das kannst du am besten bei deiner Annelies, wenn du spät be­soffen heimkommst und sie dir den Wassereimer auf deinen Mondscheinschädel gießt."Ist nicht so schlimm, elendiger Schneider, aber für Sassenburg ist ein Ziegen­bock genug, der zweite braucht nicht zu meckern." Da­mit hatte er in einen Haufen Ecde gegriffen und dem Kappenschneider derart ins Gesicht geworfen, daß der­selbe nicht meckerte, sondern mit einem lauten Schrei zu Boden stürzte. Wagener ging, als sei nichts ge­schehen, seines Weges. Der Kappenschneidec fühlte, ec war vei dem Wagener zu n5e-t gegangen. Ja, manch­mal hatte er selbst das Gefühl, daß ec wirklich ein Lump sei. Doch sein Leichtsinn trieb ihn immer wieder auf Jahrmärkte oder andere Plätze, wo ec Gelegenheit fand, seine Possen anzubcingen, statt zu arbeiten.

Doch zur Eselsmühle zucück. Am anderen Tage, nachdem Balzer dagewesen war, ging alles seinen regel­rechten Gang. Der junge Kernein kam, um ein wenig

Bucht von Kmnranh an der anamitischeu Küsts gesichtet worden sind. Roschdjestwenskys Pläne werden allerdings durch diese Nachrichten erst recht wieder zweifelhaft. Alle Kombinationen darüber sind im Augenblick müßig, man muß sich darauf beschränken, die tatsächlickM, Nachrichten, zu verzeichnen. ;

Russische Kohlenschiffe gekapert.

Die wichtigste davon ist, daß die japanischen Aufkla- rungskrenzer schon auf der Höhe der Küste vou Saigon lauerten und viele Kohlenschifse der Russen wegnahmen, die auf die Flotte Roschdjestwenskys warteten. Deren plötz­lichen Erscheinen setzte die Japaner natürlich in große Un­ruhe. Sechs Japaner landeten auf kurze Zeit bei Kap St. Jaques mit einer anamitischeu Dschunke. Weiter wird berichtet, daß das russische Geschwader seit der Abfahrt von Europa nur 8 Maun an Krankheiten verloren hat bei einem

Effektivbestand von 18 000 Mann.

das russische

HospitalschiffDrei", das Saigon angelaufen hatte, keinen Verwundeten an Bord halte, wird bestätigt. Woher hätten auch Verwundete kommen sollen, da keine Schlacht stattge- funden hatte!

Vom Landkriegsschanplatz

wird berichtet, daß große japanische Streitkräfte nach Kirin untermegS sind. Bedeutende Tschuntschuseubauden sind auf dem Wege nach Norden und vermeiden es, mit den russischen Truppen in Fühlung zu kommen. Die Japaner drängen die Einwohner der von ihnen besetzten Ortschaften nach Nor­den, so daß es oft vorkommt, daß auf diese irrtümlich ge­schossen wird, weil man sie für Japaner hält. Man hält es für leicht möglich, daß ein ernster Kampf innerhalb weniger Tage beginnen werde. General Liniewitsch besick)- tigte, wie er in einem Telegramm an den Zaren meldet, die Truppen des 5. und G. sibirischen Korps unb die des 10. und 17. Armeekorps auf ihren Kampfstellungen und fand sie ebenso, wie die neu aus dem europäischen Rußland einge­troffenen Truppen, in einem vorzüglichen Zustande. Die letzteren böten einen Prächtigen Anblick, sagt der ruffifdje Oberkommandierende. Das glaubt jeder ihm aufs Wort, daß aber die übrigen Truppen si.ch wirklich schon von den schweren Tagen von Mukden erholt haben sollten, darf mit Fug bezweifelt werden.

In Japan betreibt die Presse eifrig die

Festigung der englisch-japanischen Allianz.

Es wird offen die Erweiterung des zwischen den beiden Staaten bestehenden freundschaftlichen Abkommens in ein allgemeines formelles offensives und defensives Bündnis verlangt. Die Japaner glauben, daß gewisse europäische Mächte versuchen werden, ihnen die Früchte ihres Sie^s über Rußland zu entreißen, deshalb wollen sie sich die Unter­stützung Englands verschaffen.

vorzusprechen, dann aber weiter mit seinem Esel auf den Frankenberger zu reisen. Der Eselsmüller war ein­silbig. Die Mühle klapperte langsam. Die Esel gingen auf der Weide. Kernein saß beim aufgetragenen kräf­tigen Frühstück, er ließ es sich wohl schmecken. Nur eins verstand er nicht. Die eisige Ruhe des sonst so übersprudelnden Müllers. Der Eselsmüller schüttete in den Trichter immer wieder neue Frucht, um später längere Zeit Ruhe zu haben. Es ahnte ihm als ob noch heute ihm etwas Unangenehmes begegnete.

Auf einmal ertönt ein Ia, Ia von den drei Müllereseln, inbem als vierter Kernein sein Fränzchen einstimmt. Es war das Zeichen, daß Fremde auf die Mühle zukamen. Der Eselsmüllec lugt durchs Mühl­fenster und sieht den Kreisrichter von Condorf in Uni­form und den alten Gendarm Eigenbrod daher kommen. Was soll dieses bedeuten? Hier haben sie nichts zu tun, so sagte sich der Eselsmüller. Meine Mühle ge­hört in den Kreis Frankenburg, aber nicht zu dem des Knoblauch. Doch warte, den Knoblauchsgeruch vertreibe ich aus der Mühle. Kopf hoch, Eselsmüller! Nach einigen Minuten sind die beiden fürstlichen Beamten in die Mühle eingetreten. Sie frugen nach dem Esels­müller, ob er zu Hause und sofort zu sprechen sei. Die taube Haushälterin versteht die Herren nicht. Der stumme Mahlknappe zeigt den Herren den Weg zu den Mahlkasten, dort treffen sie den Efelsmüller beschäftigt Mehl für. den Balzer von Sassenburg einzusacken. Er läßt sich auch nicht stören, als der alte Gensdarm Eigenbrod fragt:Sind Sie dec Efelsmüller?"Selbst­verständlich bin ich derselbe!" so erwiderte der Müller. Em kurzes Schweigen, dann sprach Eigenbrod:Hier, dec Herr Kreisrichter von Knoblauch von Condorf und ich, Gensdarm Eigenbcod, sind zu ihnen gekommen, hier in der Eselsmühle Haussuchung zu halten. Viel­leicht auch Euch selbst zu verhaften."

(Fortsetzung folgt.)