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Mittwoch, Den 18. Januar lyoö.
14 Jahrgang
ZnsertinnSpreiS » Die einspaltige Pâzeile für ganz Oberdesien, die Kreise Wetzlar «G Marburg 10 Pfg. sonst 1b Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Redaktion u. HcmptexpMtionr Gießen, Seltersweg SS. ^ernsprechanschlnß Nr. 86».
Gie ßener
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Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Nenelle Dachrichie»
(Gießener Ungevratt)
Mnaöhängtge Tageszeitung
(Gießener Ieitnng)
Mr Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen wd Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Gründe und folgen
des Bergarbeiter streike. f
Die Ankündigung des Generalstreiks der Bergarbeiter im Ruhrgebiet durch den Arbeiterausschuß ist ein Schritt, der Veit über lokale und provinzielle Interessen hinausgeht und den Lebensnerv der deutschen Industrie aufs empfindlichste berührt. Unser Berliner ^-Mitarbeiter hat es angesichts der großen Bedeutung der vorliegenden Streik- und Streitfragen für seine publizistische Pflicht gehalten, an unterrichteter Stelle Erkundigungen einzuziehen, wie man die Gründe und Aussichten des Generalausstandes beurteilt, und welche Stellung die preußische Regierung in diesem gewaltigen neuen Lohnkampf zu nehmen gedenkt. Ihm wurde folgendes eröffnet:
Der Ausbruch des Generalstreiks im Ruhrgebiet war in dem Augenblick zu erwarten, als der Bergbauliche Verein es oblehnte, mit den Vertretern der Arbeiterschaft in direkte Verhandlung zu treten. Der ablehnende Bescheid ist formell nicht in schroffem Ton gehalten, enthält aber sachlich eine so präzise Absage, daß einstweilen jeher Versuch zu einer güt- lichen Vermittelung auch für die Staatsbehörden völlig aussichtslos ist. Die ablehnende Haltung der Zechenbesitzer stützt sich auf die Tatsache, daß die Grubenarbeiter in einer Anzahl von Betrieben schon in den Ausstand getreten sind, ehe sie noch ihre Forderungen geltend gemacht hatten. Bei der ■ Zeche Bruchstraße liegen aber die Verhältnisse bekanntlich an. ders. Dort war durch die Verlängerung der Seilfahrt seitens der Zechenverwaltung eine Kündigung des alten Vertrags eingetreten, so daß also die dortigen Arbeiter der Vorwurf eines Kontraktbruches nach streng juristischen Grundsätzen nicht treffen kann. Indem sie die Aufnahme der Arbeiten verweigerten, bekundeten sie, daß sie unter den neuen i Vertragsbedingungen nicht mehr auf eine Beschäftigung in dieser Zeche reflektierten. Hier liegen also absolut klare Verhältnisse vor, während das Ueberspringen des elektrischen Funkens auf andere Zechen lediglich mit psychologischen I Gründen zu erklären ist. Es besteht hier offenbar seit langen ] Jahren ein Mißverhältnis zwischen der Arbeiterschaft und den Unternehmern.
Aber immerhin ist auch jetzt die Sachlage nicht trostlos, wenn nicht der ganze Streik künstlich zu einer Machtfrage ausgestaltet wird. Die Zechenbesitzer lehnen, wie im preußischen Landtage auch bereits mitgeteilt wurde, zwar eine unmittelbare Verhandlung mit den Vertretern der Arbeiterschaft ab, bitten aber zugleich den Staat, Erhebungen darüber anzustellen, ob wirklich Mißverhältnisse vorliegen. Auch in den Forderungen der Arbeiterschaft, wie sie von dem Verbandssekretär der christlichen Arbeitervereine Efferts for»
Ignaz von Tzargos, der Schäfer.
. Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.
Alle Rechte vorbehalen.
27) Nachdruckverboten.
Wie von Raubtieren wurde er überfallen, geknebelt und auf einer schnell hergerichteten Tragbahre durch den ganzen Forst bis zur Hermannsburg getragen. Dort angekommen wollten die Ziegeunec die Tortur an ihn, nach damaliger Sitte anwenden. Doch Urban hatte ein Menschenherz. Er verbot es ganz eutschieden Seine Bande wußte ein solch Verbot durfte nicht über- treten werden.
Man ließ ihn gefesselt bis zur Nacht liegen. Dann trat Urban als Haupt und Richter der Bande zu ihm, redete ihm in sein Gewissen, und frug, ob er noch etwas gut machen, oder zu bestellen habe. Jetzt sei es noch Zeit. In einer Stunde stehe er vor Gottes Rtchterstuhle.
Der Graf wußte, daß sein Stündlein geschlagen hatte. Rettung, dessen war er überzeugt, gab es keine. Ja. wenn Egmont von Eppe es wisse, der würde ihn noch retten. Doch der saß ja noch krank im Lehnstuhle am großen Kamine. Ecbarmuug von seinen Todfeinden war nicht zu erwarten. Ec hatte ja auch nie Erbacm- ung gehabt mit allen seinen Opfern.
Ec bat nur man möge dem Ignaz von Tzargos, wie er früher genannt sei, und den er vor seiner Krankheit als Schäfer gesehen habe, sagen: Die Lore- Mine, in Sassenburg, des Ignaz Frau, sei seine des Grafen Tochtec. Ec sei dec Graf, welcher in Wien die Eleonore von der Havel betrogen. Gut könne er nichts Mhr machen. Als Ausgestoßener aus seiner Familie habe ec kein Vermögen, um wenigstens im Irdischen gut zu machen, sei weit es möglich.
Graf Egmont von Eppe habe sich seiner erbarmt, sonst hätte er, der stets im Ueberstusse gelebt, elendig
muliert worden sind, findet sich die Position, daß die Oberbergamtsbehörde als Schiedsgericht fungieren soll. Die Anrufung der staatlichen Vermittelung ist also der Schnittpunkt, auf dem sich die Zechenbesitzer und die Grubenarbeiter zusam-, meufinden. Nachdem der Streik einmal ausgebrochen ist, hat der Staat selbst das größte Interesse daran, die sozialen Verhältnisse im Grubengebiet genau zu untersuchen und auf den Abschluß eines Generalsriedens auf lange Frist hinaus hinzuwirken. Wenn es auch nach wie vor Grundsatz der Staatsregierung bleiben muß, daß sie sich in die eigentlichen Arbeits- und Lohnfragen nicht einmischen darf, so muß sie umsomehr die Aufmerksamkeit auf die sozialen Forderungen richten, unter denen in erster Linie zu nennen sind: die For- d'rung einer Schaffung von Arbeiterausschüssen, die als Puffer zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer stehen, ferner die Forderung einer Reform des Knappschaftswesens und schließlich die Forderung einer Ernennung von Grubeninspektoren, die zum Teil aus der Wahl der Arbeiterschaft hervorgehen. In englischen Kohlenwerken ist dieses Institut bereits geschaffen und es steht solchen Grubeninspektoren das Recht zu, etwa alle 14 Tage die Gruben zu befahren.
Die Wirkung dieses Ausstandes ist einstweilen unberechenbar. Etwa eine Viertel Million Arbeiter ist vollständig beschäftigungslos, die Arbeitslosenunterstützungen verschlingen wöchentlich viele Millionen und die Produktionsverluste sind noch erheblich größer. Das ganze Geschäftsleben im Ruhrgebiet wird zur Jnanfpruchnahme eines großen Kredits gezwungen, die Gemeindebrtriebe für Beleuchtungs- und Ver- kehrszwecke werden ebenso wie großindustrielle Anlagen zu einer Betriebseinschränkung oder gar zu einer Betriebseinstellung gezwungen und selbst der staatliche Eisenbahnbetrieb wird bedroht, denn es kommen jetzt durch den Gesamtausstand etwa 10 000 bis 12 000 Doppelwaggon Kohlen täglich nicht zur Ablieferung. So liegen die Verhältnisse der- art ungünstig, daß ein langer Kamps ohne schwere Schädigung unseres nationalen Wohlstandes und unserer nationalen Wohlfahrt nicht möglich ist. Hoffentlich werden beide streitende Parteien dies wohl beherzigen.
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Die Lage und Stimmung im Streikgebiet.
Essen, 17. Januar.
Es ist nicht das erstemal, daß das Ruhrkohlenrevier die allgemeine Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nimmt. Der große Ausstand vor 15 Jahren ist noch in aller Erinnerung. Aber was jetzt sich ereignet, geht weit über das Maß der damaligen Bewegung hinaus. Denn der Kohlenbergbau im Ruhrrevier hat sich in ganz außerordentlicher Weise vergrößert, und entsprechend hat sich die Zahl der Bergarbeiter vermehrt. Man hat nach der Proklamierung des General- streiks mit der riesigen Armee von mindestens einer Viertelmillion Ausständiger zu rechnen.
verhungern müssen. Ja er, der stolze Graf er lag gebrochen nach diesem kurzen Bekenntnisse. Sein Sündenregister all zu erzählen war auch nicht möglich.
Kaum hatte der Graf mit seinem Bekenntnisse geendet, so schien, der bis dahin ruhig gebliebene Urban die Fassung zu vecliecen.
Mit wutverzerrtem Gesicht sprach der Ziegeunec: „Ja, Elender, ich richte deine letzte Bitte aus, aber dafür stirbst du auch jetzt und zwar sollst du mit der Hermannsburg verbrannt werden."
Ein Aufschrei des Schreckens und der Graf war tot. Ein Schlag hatte ihn lebendig verbrannt zu werden erlöst.
In diesem Augenblicke trat Tzargos herein. Er hatte das Recht der „Koppelhüte" auf Viermunder Gebiet mit seiner Herde benutzt. Ec sah schon seit Stunden die Ziegeunec auf der Hermannsburg ein-und ausgehen. Es mußte etwas besonders vorgehen. Vielleicht hatten sie den Graf gefunden. Ec wollte dann versuchen ihn zu retten, wenn er auch wenig Hoffnung hatte. Ec kam gerade dieses Bekenntniß des Grafen mit anzuhöcen. Ec taumelte, wie er es hörte. Ein alter Ziegeunec fing ihn auf. Als er aus seiner Ohnmacht erwachte, sah er wirr um sich. Urban war hinzugetreten und war bemüht ihn zu trösten. Doch er wehrte alles ab. Ohne seine Schuld hatte er Fluch auf sich geladen, er wollte es seiner kranken Frau schonend beibringen und dann schweigeu wie das Grab. Ec wollte dann sein Weib, Kind und Heim meiden, nur noch stiner Herde leben, diese und andere törichte Gedanken rasten du^ch sein Hirn.
Ec trieb seine Herde weiter, ohne Abschied von den Ziegeunern zu nehmen. Kaum waren die Schafe am Abend in die Hürden gebracht, so sah ec Feuerschein. Die abziehenden Ztegeuuec hatten den „roten Hahn" auf der Hermannsburg aufgesteckt. Als die Glut erlöscht
Genugsam Haden die Führer gewarnt: Nicht für Wochen, sondern für Monate müßt ihr sehen, wie ihr, ohne Lohn zu erhalten, euch mit euren Familien durchschlagt; und ihr sollt wissen, daß ihr einen einigermaßen ausreichenden Ersatz durch Unterstützungen nicht zu erwarten habt. — So riefen die Führer den Arbeitern zu. Indessen alle Hinweise auf die Zeit der Not, die der Ausstand bringen müsse, hat nichts gefruchtet. Der Generalstreik wurde erklärt.
Er stellt sich als eine Folge unglaublicher Erbitterung dar, die mit unwiderstehlicher Wucht zum Aeußersten drängte, die schließlich alles „Bremsen" der Führer (wie der Ausdruck im Kohlenrevier lautet) vergeblich und die Führer zu Geführten rnachte. Es handelt sich diesmal gar nicht so sehr um große Gesichtspunkte, um höhere Löhne, um einen Kampf der sozialen Gegensätze. Was zum Losvruw orangie, waren vielmehr die kleinen Vorkommnisse im gegenseitigen: Verkehr, so manche als Mißstände empfundenen Verhältnisses Aber gerade sie sind, wenn sie sich häufen, dazu geeignet, die Leidenschaften in einer Weise zu entfesseln, daß davor die vernünftige Ueberlegung zurücktritt. Diese Tatsache trat in dem letzten entscheidenden Stadium zutage, der dem Ausbruch des Kampfes voranging. Nichts hat die Erbitterung mehr geschürt und schließlich den Stein ins Rollen gebracht, als der Umstand, daß der Bergbauliche Verein den eingeschriebenen Brief, der seine Antwort auf die Forderungen der Bergarbeiter enthielt, so adressiert hatte, daß sein Iw halt, der jede Verhandlung ablehnt, erst dann der Versammlung der Vertrauensleute bekannt gegeben werden konnte, als schon durch Extrablätter der Zeitungen der volle Wort- laut veröffentlicht war. In diesem Augenblick gab es kein Halten mehr. Selbst die Führer traten nunmehr für den Ausstand ein, und ihre Sorge geht jetzt in erster Linie dahin, Ausschreitungen fernzuhalten, die eine Wendung zum Schlimmsten Ijcrb ar führen, wohl gar den Ausstand zum offenen Aufstand sich wenden lassen müßte. „Wir wollen Ordnung halten, wenn wir auch den Volkswillen nicht mehr unterdrücken konnten." So rief der Reichstagsabgeordnete Sachse, der Vorsitzende des alten sozialdemokratischen Verbandes, am Schlüsse der entscheidenden Versammlung seinen Kameraden zu. In einer Versammlung zu Carnap wurde denen geradezu mit Ausschluß gedroht, die Ausschreitungen begehen sollten. Besonders wird fortgesetzt vor Belästigung der Arbeitswilligen gewarnt. Vielfach ist man geneigt, das belgische System des Zusammenarbeiten^ von Arbeitern und Polizei zur Aufrechterhaltung der Ruhe zur Anwendung zu bringen. So haben sich in Obernhausen die Führer des alten Verbandes der Polizei direkt zur Verfügung gestellt, und diese hat 40 Bergleute als Ordner verpflichtet. Unnötig sind derartige Vorkehrungen nicht. Denn die Erbitterung ist besonders zwischen den unteren Beamten und den Arbeitern eine große. So sind auf der Zeche „Matthias Stinnes" bereits Schüsse gewechselt worden. Wie es dabei zugegangen, darüber stehen sich die Aussaaen schroff gegenüber. Von der »■■■■■■»■■■■■—»M ^«n ■■■■■■— Bll ■ I Ms
war, fand man die verbrannten Knochenreste des Grafen von V . . . Dieselben wurden gesammelt und neben das Grab der alten Monika begraben. Der Geistliche von Viermunden predigte bei diesec Beerdigung nicht, sondern las nur den Text Abs 6,8. Was der Mensch säet, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch säet, der wird von dem Fleisch das Verderben, ernten.
Den Feuerschein von der Hermannsburg hatten auch die Saffenburger gesehen. Ein törichter Mann schreit gerade vor dem Hirtenhäuschen: „Feuer auf der Hermannsburg". Die kranke Tzargos Mme höct aber nur das erste Wort: Feuer! Dec Schrecken war so groß, daß schon eine Stunde später ihr Leben beschlossen hatte. Ihr kleiner Junge kommt wild ins ärmliche Stübchen gesprungen, der Mutter die Nachricht vom Brande zu bringen. Er ruft dem kranken Mütterlein, doch keine A twort. Auch auf sein ungestümes Fragen bleibt's Mütterlein stumm. Da fängt er an mit seinen Liebkosungen, doch auf einmal schreit er laut auf. Nachbarn hören es, kommen in's Stübchen und finden, daß die Tzargos.Mine es überstanden hat. Schnell läuft einer hinaus in das Feld zum Schäfer die Nachricht vom Tode seiner Fj.au ihm zu überbringen. , „ *
Der alte Clemens geht langsam nach. Ec kann bald nicht mehr. Doch diese Nacht will er bei dem Tzargos seiner Herde bleiben, zum letzten Male. Der Bote hat dem Tzargos die Botschaft überbracht. Weinen kann er nicht, er steht da wie eine gebrochene Eiche. Da sieht er langsam den Clemens kommen. Da vricht es mit einem Male hervor. Diesem Mann muß und kann er alles sagen. Ec tut es, das Herz wird ihm leicht. Er erzählt, was er heute erlebt, verschweigt nichts.
(Fortsetzung folgt.)