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Nr. 115.

Mittwoch, den 17. Mai 1905

14. Jahrgang

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Z«kertto«Spre1» t Die einspaltige Petit-eile für ganz Ober- Hessen, die Kreise Wttztar und Marburg 10 Pfg sonst 15 Pfg. Reklamen die Petchetle 80 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Ha«pterpepition: Gieße«, Selters weg 83.

KerNsp^chfchdiß Nr. Mt.

(Gießener PngeSkatt)

Unabhängige Tageszeitung

(Gießener Weiinng)

für Oberheffe« und die Kreise Marburg und W^lar; Lskalauzeiger für Gieße« und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen mit anderer Behörden von Oberhessen.

Das Vermächtnis des Patriarchen.

Ein Nachklang zur Palästinafahrt des Kaisers.

Die Mission, die den Fürstbischof Dr. Kopp von Breslau « ch Metz geführt hat, bestand in der Ueberreichung des )rdens der Ritterschaft vom Heiligen Grabe an Kaiser Wilhelm. Dieser nahm die Ehrung, die ihm der (inzwischen erstorbene) Patriarch von Jerusalem durch Vermittelung les höchsten preußischen Würdenträgers der katholischen ärche zukommen ließ, mit Dankesworten cm, die anbeuten, )ab diesem Vorgänge eine weitgehende Bedeutung für die Stellung Deutschlands als Hort des Christentums im Orient beizumessen ist. Von unserem Berliner ^-Mitarbeiter ":rb uns dazu geschrieben:

Dor fast sieben Jahren hat Kaiser Wilhelm, von der

cm Protokoll »iferin begleitet, mit großem Gefolge die Reise nach Pa-

layer, sagen Sie inge, bic sich in st das Syâl

tina unternommen, die folgenreich geworden ist, ohne daß n von biefen Folgen viel geredet hätte. Das freund- r §e Zugeständnis des Sultans, das die kaiserliche Schen- ng der Dormitio Sanctae Mariae virginis zu einer tholischen Kirche ermöglichte, konnte als eine bloße liebens- iirbige Aufmerksamkeit des türkischen Großherrn er« yeinen, wurde wohl auch meist in diesem Sinne aufgefaßt, s lag aber doch mehr darin, und das tritt allmählich zu bge. Der Patriarch Piavi von Jerusalem, der am 25. Ja- uor gestorben ist, hat begreiflicherweise den Wunsch gehabt, em Kaiser für die ihm und der Kirche in Jerusalem ge« henkten Huldbeweise sich dankbar zu bezeigen. Er er- mute als Ausdruck seiner höchsten Dankbarkeit die Ver-

iber enllè^" io eine toloWi chger wurde, ic was er mit der

Ihung des Großkreuzes des Ordens vom Heiligen Grabe ' den Kaiser. Er versicherte sich der Zustimmung des ' ^pstes und ersuchte am 5. Januar d. I., also 20 Tage or seinem Tode, den Kardinal Fürstbischof Kopp, die In­onen des Ordens im Beisein zweier Ordensdelegierten km Kaiser zu überreichen. Die Ueberreichung hat am Mon- ag in Metz stattgefunden. Die Ordmsdelegierten waren m Erscheinen verhindert. Auch von der Anwesenheit des )rdensknriers Grafen Agliardi, der Diplom und Insignien bcrbrgcht hat, ist in den amtlichen Berichten nicht die Rede.

ordern ja einen ipt!" - Schrift- : Herr, bedenken o dafür bezahlt

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Bemerkenswert ist, daß Kardinal .Kopp in der Ansprache II den Kaiser diefreudige Zustimmung des j-e tz i g e n !e.pstes" zu der Absicht des Patriarchen Piavi von Jeru- lem erwähnte. Der Besuch des Kaisers in Jerusalem id seine Schenkung hat im Jahr 1898 stattgefunden - der jetzige Papst regiert seit August 1903 es ist kaum iznnehmkn, daß Patriarch Piavi 5 Jahre gebraucht hat, n auf dm Gedanken der Ordensverleihung an den Kai- ' zu kommen. Man könnte barau§ schließen, daß unter m vorigen Papst, Leo XIII., der Ordensverleihung genüber Bedenken erhoben wurden; und die Vermutung gestattet, daß sein Staatssekretär Kardinal Rampolla war, der diese Bedenken hegte und geltend gemacht hatte, mn damals war Frankreich noch nicht abtrünnig gewor- n, war es nochdie älteste Tochter der Kirche" imb liebte - Inanspruchnahme eines (von deutscher Sette für seine gehörigen allerdings bestrittenen) Protektorats über alle

''U^R^oliken. im Orient. Das hat sich, wie man weiß, in« geändert. Man wird im Vatikan die Liebe zu Un^* ^.mkreich nicht aufgegeben haben, denn die Liebe zu allen ^'kern ist dort Pflicht aber die Zeiten der Vorliebe für ----- ' /ankrcslch und feine Bevorzugung müssen wohl vorüber

UnXrÖe^ - I Der Kaiser hat den Ordengern entgegengenommen* k Ä ? bei der Entgegennahme geäußert, daß er in dieser lrn9 ^m nerres Band erblicke, das ihnmit der religiösen Ür de» itätigimg der Christenheit im Heiligen Land verbindet". - Wir fühlen uns nicht berufen, einem Kaiserwort T<u- ingen zu geben, die sich nicht aufzwingen, bie vielleicht *^r neben, als in dem Wort liegen. Wir glauben aber gen zu dürfen, daß das Katterwort einer N^eitergehenden, W ein deutsches Christenheitsprotektorat in Palästina ah­menden Deutung nicht widerspricht

«Bf g* 2 Oer Krieg w Ostasien.

}J^^ W^ud mon tn ^ im unklaren über den ^ » 15 L-Halt Noichbiestwenskys ist die Annahme, daß er ^f W 'F ^r Honkohebucht aufhalte, hat sich nicht erweisen

35 ti ; M ~ kommt plötzlich von dort eine Nachricht, die von

t ^.&u %" Grschüyfcuer auf hoher See

1 W , pZ'-'ahIen weiß. Der Kapitän eines norwegischen Damv- itt V-Ä ft ' ^ °"1 kT Mai in Most ankam, berichtete folgendes: Ätl ' 2°rant " Mai wurde von uns zwischen 8 unb tl Uhr g ^ . x- ^^ ^^^ ^^ (Srab 45 Min. nördlicher Breite und

kandexen .^re.^100 f° ^in- östlicher Länge (bei der jm

(ft iO^F Insel Kiuschiu) Geschützfeuer gehört.

° , Mit öur* bte Schusse verursachte Erschütterung wurde

1ui>^^"°n^men, doch war infolge des Nebels die Aus- beschrankt. Ein nach der angegebenen Richtung sah-

' Torpedoboot ist gesichtet worden.

Es ist kaum anzunehmen, daß es sich um einen Kamps handeln sollte. Wahrscheinlich werden es Signalschüsse ge- wesen sein, die die Norweger vernahmen, oder es hat ein Manöver japanischer Schiffe siattgefunden.

Tic geheimnisvolle Flotte.

Auch aus Hongkong wird wieder einmal das Auftauchen einer größeren Anzahl von Kriegsschiffen in den dortigen Gewässern gemeldet. Auf der Höhe von Gap rock wurden in der Nacht zum 16. Mai 12 -Kriegsschiffe gesichtet, deren Lichter abgeblendet waren. Nationalität und Bestimmung der Schiffe blieb unbekannt.

Die Japaner bleiben bei ihrem Verdacht, daß Roschdjest- weusky sich in der Honkohebucht aushält, trotzdem sie keiner­lei Beweise dafür haben. Dagegen wollen sie amtlich fest­gestellt haben, daß die baltische Flotte auf französischem Ge­biet eine Station für drahtlose Telegraphie errichtet und mit Hilfe derselben Nachrichten über Saigon nach Peters­burg gesandt hat.

Während eines Sturmes, der mehrere Tage lang wü­tete, ist der japanische Hilfskreuzer .Neko-Maru" auf der Höhe von Fusan auf ein Riff ausgelaufen und beschädigt worden. Drei Dampfer sind mit den Rettungsacb eiten be­schäftigt.

Vom LandkriegsschauplaH

wird gemeldet, daß die Japaner eine größere Unterneh­mung gegen die russische rechte Flanke ins Werk gesetzt haben. Eine große Streitmacht bewegt sich von Fakumönn nach Tuntsiaku. Dort sind zwei Pontonbrücken, sowie eint feste Brücke über den Liaufluß erbaut und große Depot? angelegt. Die Zufuhr geschieht auf Dschunken von Jnkor aus. Dort sind über 400 Dschunken in Betrieb, ebensoviel, bei TsiiUsiatuu» w

Stebt eine Seeschlacht ^evor?

* Berlin, ^^;^

Admiral Roschdjestwensky weiß weiter mit Erfolg sei ie Bewegungen zu verschleiern. Kaum glaubt man in Toki^, seinen Aufenthalt bestimmt zu haben, ist er schon wie^'r <.,if und davon nach ungewissem Ziel. Eben erst hatten japa­nische Späher berichtet, daß die russische Flotte wieder nach der Honkohebucht zurückgekehjrt sei. Der französische 1 P miral Jonquières machte sich darauf eiligst auf, um Ros ? djestwensky zum Verlassen der französisch-chinesischen Ter"i- torialgewässer aufzufordern, damit der Pariser Regierung nicht erneute Schwierigkeiten erwüchsen. Er berichtete dar- auf nach Paris, daß er kein russisches Kriegsschiff auf der Höhe der Honkohebucht angetroffen habe. In Tokio hi^t man das für Spiegelfechterei. Aber es scheint tatsächlich so, als ob Roschdjestwensky nicht nur für seine Feinde, fr i» bern auch für seine Freunde unsichtbar bleiben will.- A s Saigon wird berichtet, daß die 'russische Flotte abends u ' der auf der Höhe von Honkohe erschienen, vor Anker ge­gangen, aber schon in der Frühe des nächsten Morgens wei­ter gegangen sei. Seitdem wußte man auch in Saigon nichts mehr von den Russen.

Man kann die offiziöse französische Depeschenagentur, die diese Meldung weitergibt, wohl ohne weitere- in diesem Fall für ehrlich halten. Roschdjestwensky hat allen Grund, seine weiteren Bewegungen noch ängstlicher zu verhüllen als bisher. Er muß jetzt seine große Aufgabe ernstlich ins Aug-e fassen. Wenn er sie nicht bald löst, muß man zu der Ueberzeugung kommen, daß er an ihrer Lösung verzweifelt. Für Roschdjestwensky kommt alles darauf an, Wladiwostock so schnell als möglich zu erreichen. Einen Kampf mit Togo wird er, wenn irgend angängig, zu vermeiden suchen. Ihm muß vorzüglich daran liegen, ohne Verluste seine Flotten- basis zu erreichen und dort seine Schiffe von Grund auf zu reinigen, auszubessern und mit Kohle und Proviant zu ver­sehen. Togo dagegen muß alles daran setzen, zu verhindern, daß Roschdjestwensky sein Ziel erreicht. Geht's nicht an­ders, dann heißt es für ihn: Eher alles auf eine Karte, als daß das ganze Spiel verloren geht. Er wird deshalb suchen müssen, wo Roschdjestwensky sich durchschleichen will, und ihn angreifen, koste cs, was es wolle. Der russische Admiral wird den Kampf nur dann annehmen, wenn cs kein anderes Mittel für ihn gibt, durckuikommen. Togo muß die Offensive ergreifen, so wie Roschdjestwensky Miene macht, durchzubrechen.

Togo hat deshalb nach übereinstimmenden Berichten seine Flottenbasis 1m die Nordspitze Formosas, den Hafen von Kelung, vorgeschoben, um rechtzeitig genug Nachricht erhalten zu können, ob Roschdjestwensky den Weg östlich oder westlich Formosas gewählt hat. Sobald er den Weg kennt, den Roschdjestwensky vom chinesischen Meer aus zmu Stillen Ozean einschlägt, ist Togos Taktik ohne weiteres gegeben: Er muß sich dem Feind an die Fersen heften und ihn durch fortwährende Flankenangriffe zu beunruhigen und zu schwächen suchen. Sollte es ihm nicht gelingen, durch ständige Attacken, mit seinen leichten beweglichen Schiffen dem Feinde auf diese Weise so schwere Verluste beizubringen, daß jener die Weiterfahrt aufgibt, so darf Togo schlimmsten­falls auch vor einer größeren Aktion nicht zurückschrecken. Zur Schlacht zwingen kann er die Russen stets, wenn er will. Er wird es aber nur dann tun, wenn seine Angriffe

auf einzelne Teile der russischen Flotte erfolglos vermissen. Togo kennt zu gut die Ueberlegeuheit der Nüssen an schwerer Artillerie, wie seine eigene an schnellen Kreuzern und Tor­pedobooten. Sollte es also nicht zu einer Seeschlacht kom­men, werden wir jedenfalls eine Reihe interessanter See­gefechte in nächster Zeit erwarten dürfen.

Die Politik.

i»^ *[e französische Regierung ist mit der Auswahl der Sondergesandtschaft zur Hochzeit des deutschen Kronprinzen beschäftigt. Als Mitglieder der Mission werden bis jetzt genannt Leon Bourgeois, der Präsident der Suezkanal, gesellschaft Prinz Arenberg und Senator Baron de Courcel, der ehemalige Botschafter in Berlin.

#

3£ Aus England kommt das Gerücht, eine Abteilung deutscher Truppen habe Haitschu südlich von Schanrung be­setzt und dort die deutsche Flagge gehißt. Haitschu liegt an der Vai nördlich des alten Kanals von Hoangho. Von deut­scher Seite wird amtlich erklärt, daß das Gerückt jeder Be- gründung entbehre.

D A^ach Mitteilungen aus dem Aufstandsgebiet in Süd- west afrika ist die Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß bis zum Monat August Ruhe und Ordnung im Schutzgebiet herrschen werden. Die Ovambo im Norden bleiben ruhig und nur die Hottentotten im Süden bieten noch einen organisierten Widerstand. Ihre Hauptmacht, die aber nicht 1000 Mann stark ist, wird nach und

und kann nicht lange mehr Stand halten, rero verlassen ihre Standorte und suchen Weißen.

insgesamt noch nach umzingelt Zahlreiche He- STrheit bei hmi

Skandinavien,

,<£ Wichtige Beschlüsse zu den innerpolitischen Verhält. Nissen wurden in den letzten Tagen gefaßt. In Stockholm beschlossen beide Kammern des Reichstages, die Regierung zur Bildung eines neuen Ministeriums für Handel, In­dustrie und Schiffahrt aufzufordern. Der Storthing in Christiania faßte mit einer Dreiviertel-Majorität den Be­schluß, für den Storthing die direkte Wahl unter Zulassung von Stichwahlen einzuführen.

Russland*

cS3 Im Zarenreiche zeitigt die innere Gärung feSen Tag neue unliebsame Vorkommnisse. So wurde auf eine Ko- sakenpatrouille in Riga ein Sprengkörper geschleudert, der einen die Patrouille begleitenden Polizeibeamten am Fuß traf und beim Krepieren ein Pferd verwundete. In Perm entstanden große Straßenunruhen. Demonstranten fragen mit roten Fahnen durch die Straßen und stießen schließlich mit dem Militär zusammen. Zwanzig Leute wurden verwundet, mehrere getötet. In Petersburg !md in den letzten Tagen über 1200 Verhaftungen vor­genommen worden. In Odessa und Baku proklamierte man den Generalstreik.

rörhet

®er Streitfall zwischen Rumänien und der hohen Psorte wegen der Verhaftung zweier rumänischen Staats­angehörigen wird ohne Weiterungen beigelegt. Die Türkei gibt entsprechende ©enuytuung für das sremdenfeindliche Berhalten des Vali von Janina.

.^.^.Ein Kampf mit einer serbischen Bande hat bei Straza NN Wilaiet Ueski'b stattgefunden. Die Bande verlor sieben Verwundet "E^" Truppen hatten einen Toten und acht

_ Hmertha.

»..^t -e/^Ä^ wollen einen allgemeinen Boykott der üf^7^",^Tn durchführen. Die Haiidelskammer

1 verschickt Mengen von Zirkularen dmch ganz fe^ ^V^ ^"^^â eidlich zum Jnnehalten des Trotts verpflichtet werden sollen. Man beabsichtigt mit eine ^enberung der von den Vereinigten - faßten gegen dre Chinesen erlassenen Ausnahmegesetze.

ßof und Gesellschaft.

*_* Der Kaiser ist von Metz unter dem Geläute der großen Kathedralglocke,Mutte" genannt, nach Mörchingen abgereist. Dort finden militärische Uebungen und Besichti­gungen statt. Der Statthalter von Elsaß-Lothringen, Fürst zu Hohenlohe-Langenburg, und Staatssekretär Koeller sind nach Straßburg zurückgekehrt.

*** Ueber den Straßenschmuck bei der Einholung des Kronprinzenpaares ist man sich nun einig geworden. Die Stadt Berlin übernimmt die Ausschmückung des Mittelganges Unter den Linden. Eine Jllunnnation ist nicht vorgesehen, da die Herzoginbraut schon um 8 Uhr nach Schloß Bellevue zurückfährt. Die Bürger übernehmen die Ausschmückung der Trottoire, wollen aber für ihren Teil eine teilweise Beleuchtnng abends durchführen.