Nr. 65
Freitag, den 17. März I9o5.
14. Jahrgang
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Redaktion u. Hauptexpeditio«; Gießen, Selter-weg 83. SernfprechMMschluß Nr. 868.
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für OberheffeN und die Kreise Marburg und Wetzlar; LskalMzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntniachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
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KmdeMSrziebung.
Von unserem pädagogischen Mitarbeiter wird uns unter hi 16. März geschrieben: Der Prozeß gegen den Major P. Sydow, um feiner Ursache willen überaus bedauerlich, bringt dem denkenden Beobachter zwar nicht durchaus neue, âr sehr eindringliche und beherzigenswerte Lehren.
Wir sehen, wie der nachbarliche und Dienstboten-Klatsch sich unerfreulicher Vorkommnisse bemächtigt, sie übertreibend Meilerträgt und allmählich eine feststehende Meinung schafft, für Nie nachträglich eine Begründung gesucht und unter Um- fiänb eit auch leicht gefunden wird. Die Wahrnehmung an- Wtcnber strenger Behandlung eines Kindes ohne die gleich- HWe Wahrnehmung der oft recht begründeten Ursachen W die Eltern als hart, ja als grausam erscheinen, und das t’idig.e Mitleid mit dem Kind, an dessen Verhalten Aergernis iw nehmen man keinen Anlaß oder keine Gelegenheit gehabt M findet den bequemsten Ausdruck in der Verurteilung clteilMer „Grausamkeit". Ein Striemen auf der Haut, nne noch so leichte Anschwellung von Muskelteilen, für den Betroffenen kaum empfindlich, erscheint dem Unbeteiligten fltë Beweis schwerer Mißhandlung, die Leben und Gesundheit bedroht. Wird nun gar die angebliche Mißhandlung mit einem Instrument begangen, das Verletzungen hervor- rufem kann, so wird ohne weiteres angenommen, daß es Verletzungen Hervorrufen muß. Man denkt nicht daran, N gerade der, der mit einer Reitpeitsche umzugehen ge- ist — beispielsweise ein Rittmeister — vollkommen Herr darüber ist, mit der Reitpeitsche nur eben die Wirkung hervorzurufen, die hervorzurufen seine Absicht ist. Ein Mittelster will mit der Reitpeitsche in der Regel nicht mißhandeln, sondern nur eine Reizung bezwecken, einen Ansporn gckeic. Dieser Ansporn ist dem Kinde wohl schmerzlich, aber wahrlich ist er ihm nicht. Ein „Jagdhieb" hat noch nie- Misten an seiner Gesundheit geschädigt.
Das alles soll ohne direkte Bezugnahme auf den Prozeß IW sein, der zu den vorliegenden Betrachtungen die An- Wuug gegeben hat. Ob Rittmeister v. Sydow seinem Mltcrdjen gegenüber das ihm zustehende Züchtigungsrecht Wers chrüten hat oder nicht, geht uns nichts an, nachdem die -lugc legenheit dem berufenen Richter überantwortet ist. Es mag nur nebenbei erwähnt werden, daß wir von vornherein
selbstverständlich und natürlich halten, daß Eltern die Zuständigsten Beurteiler ihrer Kinder sind und auch die wohl- muendsten Beurteiler. Ebenso selbstverständlich <nb natür- Lid] ist es freilich, wennschon minder erfrerllich, daß bei der fielMdtung von Kindern die Nervösität der Eltern, ihre bün^ihmevolle Bekümmernis über vermeintliche oder wirk- ti^ Entartung, ihre Verärgerung durch gehäufte Ungezogensten, die Verwundung ihres Ehrgeizes im Interesse ^der Meer und ähnliches sehr mitspricht und zu einer Strenge fftitét die im Grunde doch nur der Ausdruck eines auf das
Der Eselsmüller und dieFalschmünzer.
Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.
Alle Rechte Vorbehalten.
11) (Nachdruck verboten»)
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„Wo ein Kernein feil h elt „regnets" Geld, so war Sprüchwort. „Aechte" Edelsteine aus Glas, Diamut, Ametist, Sophies, Rubinen, kurz, alle zwölf bocken hatte er zu verkaufen. Dabei konnte man sich auch bei ihm ein ganz „funkelnagelneuer" Brabanter gelegentlich einwechseln. Er nahin alte Taler auch gute Groschen dafür, kurz, wo Kernein war, gab es Leben, bein Esel stand bei dem „Gcauchen" des Eselsmüllers. Ae beiden kannten sich so genau wie ihre Herren.
Den Eselsmüller und Rüsseler begrüßte Kernein. rinn gab es eine kurze, leise geführte Beratung. Darauf e lte Rüffelec auf Nuttlar und Kernein ging zu seinem „Stand" auf dem Markte. Der Eselsmüller aber ging gemütlich auf dem Marktplatze hin und her. 6c sah wie Weil und Löwer die Kühe an den Kling- selber (trafen absetzten. Auch andere Gutsbesitzer kauften- Besondere Freude bereitete es ihm, als er die Wahr-
Mhmung machte, daß Weiler viel neue „Brabanter" herausgeben mußte. Die Käufer hatten meistens mit eltem Papiergeld bezahlt. Ec ging dann den Weg, welcher nach Iserlohn führt etwas hinauf. Dort sieht er ein junges Bürschlein herkommen, dasselbe hatte sein „Aefflein" auf dem Rücken, schwang sein Stöckchen und fang: „Muß' t denn, muß' i denn zum Städtlein hinaus" usw. Halt, sagte der Eselsmüller zu sich, das ist dem „Aeffchen" nach zu urteilen, ein Schneiderletn. Als das Mrschlein näher kommt und sieht den Eselsmüller, hört es auf mit dem Singen. „Na Junge, woher des Weges und wohin?" so redet ihn der Eselsmüller an.
„Vetter", sagte das Bürschlein, „ich habe beim «Lumpendewes" in Soffenburg gelernt, nicht nur Hosen Md Westen machen, sondern auch Kindermagd spielen, dabei aber auch das Hungerleiden. Nun soll ich auf
Beste der Kinder gerichteten Willens ist. Das Bibelwai-t ..wii der Herr lieb hat, den züchtigt er", gilt auch von den eitern.
Tos sollen die Eltern wissen und danach die Erziehung ! wer -Kinder einrichten. Sie sollen sich aber nicht minder q.Wtonrhg halten, daß ihnen Allweisheit versagt ist und M3 Ne deshalb bei Ausübung ihres Eltern- und Erziehungs- rechtes äußerste Vorsicht an den Tag Zu legen verpflichtet !ind. Wenn Eltern bei ihren Kindern Unarten beobachten die gutem Zureden gegenüber hartnäckig festgehalten werden' so sollten sie nicht gleich zu Maßregeln der Strenge greifen' sondern vor allem — den Arzt zu Rate ziehen. Ein be-' nihmter Nervenarzt unserer Zeit hat den Ausspruch getan daß ihm am Veitstanz leidende Kinder meist erst zugeführt werden, nachdem sie in Schule oder Haus ein halbes Jahr lang verprügelt worden sind. Selbstverständlich hat die Prugelpädagogik nichts geholfen, meist sogar geschadet — nnd die Strafen waren doch nur in der besten Absicht zu- diktiert.
Mit körperlichen Züchtigungen wird wohl überhaupt retten viel erreicht, obgleich sie nicht immer ganz entbehrlich sind. Das hat schon König Salomo gewußt, der ein guter Pädagoge gewesen sein muß — wenigstens theoretisch —, denn in seinen Sprüchen finden sich Auslassungen, die Beherzigung verdienen. Er ist für strenge Erziehung, aber Ueberftrenge verwirft er. Viel mehr läßt sich über dieses Kapitel auch heute noch nicht sagen.
Recht sehr verfehlt würde es sein und zu den bedauerlichsten, unerträglichsten Konsequenzen führen, dürften Dienstboten und Fernstehende sich zu Richtern über häus- liche Vorkommnisse aufwerfen, sich als Aufsichtsrat über elterliche Pädagogik auftun. In der Regel ist das bessere Urteil, der bessere Wille, die größere Liebe bei den Eltern, nicht bei Dritten. Bei den Eltern ist auch in der Regel das größere VerantwortlichikeitsLewußtsein, das. nur der Belehrung bedarf, um sich von Ausschreitungen des Züchtigungsrechts oder von seiner verfehlten Anwendung fernzuhalten.
Oer Kmg in Oftafien.
Was vorauszusehen war, ist eingetroffen. Kuropatkins
Rückzug hat bei Stelln nicht Halt gemacht. Ein heftiges Gefecht, das er den nachdrängenden Japanern lieferte, hatte nur den Zweck, sie aufzuhalten, nicht Stelln selbst zu halten. Kuropatkins Ziel ist ohne Zweifel Charbin. Ob er es mit dem Gros erreichen wird, steht noch immer nicht fest. Die Japaner haben sich durch die schweren Verluste, 1000 Mann an Toten und Verwundeten, die ihre Vorhut bei Stelln erlitt, keinen Augenblick in ihrem systematischen Vordringen beirren lassen und haben bereits ihrèn Einzug in Stelln gehalten.
die Wanderschaft. War schon bis Iserlohn. Dort aber sagte mir der Herbergsvater, ich sollte seitwärts über Brilon reisen, daselbst fände ich reichliche Arbeit."
„Hast recht Junge, dort 'naus gibts Arbeit, weiß schon ein Plätzchen für dich. Doch zuerst komm mit und esse etwas, du scheinst so ein „elfrippiger" zu sein, hast immer Appetit und nichts, denselben zu stillen"; so sagend, ging lachend der Eselsmüllec voraus. Das Schneiderlein folgte gehorsamst nach.
Beim Wirt Fingerling angekommen, sah der Eselsmüller vier Männer sitzen, welche ec gern gewünscht hätte nach Neuseeland. Der Sonnenwirt in Frankenberg war als Matrose dort gewesen. Oben am Tische sitzt der Jmmighäuser Kappenschneider und macht aus Taschentücher springende Mäuse. Dabei ruft er: „Meine Herren, Geschwindigkeit ist keine Hexerei".
„Holten dich doch alle Blocksbergshexen, du elendiger Schneider, du Lump von einem Menschen. Auf allen Jahrmärkten treibst du dich herum, du Faulenzer. Deine Kinder betteln und du bist noch schlechter als ein Bettler." Der Eselsmüller hätte sich bald vergessen, denn ec wurde laut Der junge Bursche sah ihn sprachlos an. Doch der Eselsmüller war so leicht nicht aus seiner Haut zu treiben. Er besah sich die ganze Gesellschaft in einer recht eisigen Ruhe. Nachdem ec gesehen, wie die Bauern der Umgegend dem Kappenschneider begeistert zusahen, wande er sich zu den anderen Gästen.
Auch die drei uniformierten Grünröcke hatten augenscheinlich ihre ganze Aufmerksamkeit dem Gaukler gewidmet. Es waren der uns schon bekannte Grenzjäger Heiner und seine beiden neuen Kollegen Knackwurst in Brilon und Neumeyer-Medebach. Letzterer war besonders deswegen ernannt und an den eben neu gegründeten Posten gesetzt, um einer weit verzweigten Falschmünzerbande auf die Spur zu kommen.
Der Eselsmüller winkte dem Wirte, bestellte für sich und den jungen Handwerksburschen ein kräftiges
Stelln Don den Japanern besetzt.
Nachdem bereits mehrfach aus privaten Quellen gemeldet worden war, daß die von den nachsetzenden Japanern hart bedrängten Russen Stelln nicht würden halten können und eine nndi^ ac Stellung vor der Stadt nach der anderen von den Japanern erobert worden fei, konnte Marschall Oyama das folgende amtliche Telegramm nach Tokio rid)ten:
Unsere Avantgarde verfolgt den Feind überall hartnäckig. Donnerstag nacht 12 Uhr 20 Minuten hat sie Stelln besetzt.
~ Besonders hatten die Russen unter dem unausgesetzten Feuer der japanischen schweren Geschütze auf ihren) Rückzüge zu leiden. Die Verluste sind sehr schwer, wenn auch Gerüchte, wie Gefangennahme des ganzen 16. Armeekorps, die Vernichtung des russischen rechten Flügels und des Zentrums mit einer Gesamtverlustziffer von 300 000 Mann von Petersburger offiziöser Seite energisch in das Reich der Fabeln verwiesen werden. Von Londoner Blättern wird mich jetzt wieder behauptet, daß ein Teil der russischen Armee neuerdings anfgcricben worden sei.
Es wird angenommen, daß die Russen sich bei Kaiyuan, 35 Klm. nordöstlich von Stelln, zu neuem Widerstand sammeln wollen. Es wird aber bezweifelt, daß dieser wirksam sein könnte. Das Zurückfluten der ungeordneten russischen Heeressäulen auf Charbin ist nicht mehr zu vermeiden, wenn es den Japanern nicht auch noch gelingt, and) diese letzte Zu- flucht den Russen zu rauben. Sie drücken mit ganz gewaltigen Kräften auf die russische rechte Flanke und die Kräfte der Russen sind bis zur Erschöpfung aufgebraucht.
Die Zahl der russischen Gefangenen
aus der Schlacht bei Mukden wird von japanischer Seite auf 43 000 Mann beziffert. Die Tokioter Regierung trifft bereits umfangreiche Maßregeln zu bereit Unterbringung in den verschiedenen japanischen Garnisonstädten. Im ganzen sollen zwanzig Städte sie aufnehmen.
Etwas post festum, aber darum nicht mit weniger Interesse begrüßt, kommen
Enthüllungen über die Affäre Gripenberg, die die ganz unglaubliche Disziplinlosigkeit dieses Generals erweisen. Er verweigerte seinem Oberbefehlshaber .Kuro- Patkin, als dessen Ankläger er in Petersburg auftrat, den Generalrapport. Er ignorierte briefliche Einladungen ins Hauptquartier, ja er ließ sogar die Telephonverbindung unterbrechen, als Kuropatkin ihn anrief. Als Kuropatkin die Leitung wiederherstellen ließ, meldete sich Gripenberg halsleidend. Er könne nicht sprechen. Auch auf der Fahrt nach Petersburg wußte er Kuropatkin, der ihn in Mukden erwartete, aus dem Wege 311 gehen. Ein Muster von Disziplin, dieser russische General. . -
Mittagessen, nebst einer Flasche „Rüdesheimer". Dies letztere war in dortiger Gegend eine fast unglaubliche Bestellung. Doch der Wirt hatte für „höhere Beamte" solchen angeschafft. Der Eselsmüller und der junge Mensch setzten sich ins Nebenzimmer und erwarteten die bestellte Malzeit.
„Sage mal Junge", so fing der Müller an, „wo bist du Hec und wie heißen deine Eltern? Du kommst mir so bekannt vor." „Meinen Vater kenne ich nicht, meine Mutter ist die Mötzel-Line von Neukirchen, sie diente früher in der . . . Mühle als Hausmagd und hat mich von dort als „Gefundenen" mitgebracht. Wer mein Vater ist weiß ich nicht, die Mutter hat nie seinen Namen genannt."
Der Eselsmüller erbleichte. Die Line kannte er zu gut, hatte sie eben seit bald zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Ja die Line, es war ein prächtiges Mädchen, seiner Mutter Liebling, fromm undtreu. Schade nur, daß sie nichts hatte als ihr schönes Gesicht. Er hatte sie lieb, sie glaubte ihm, er wollte aber auch Geld. Ja, dieses verpfluchte Geld. Hätte er nicht glücklicher mit der Line als armer Eselsmüller in seinem Mühlchen gelebt, wie seine Vorfahren? — Nun, es war vorbei, die Line mußte aus der Mühle und er? — Ec war ein ehrloser Falschmünzer, das Haupt der ganzen Bande.
„Armer Junge, ich möchte dich Sohn heißen", so wendete ec seine Gedanken abschüttelnd sich an den Burschen. Dann fuhr er fort: „ich habe keine Kinder, du aber gefällst mir, deshalb sorge ich für dich. Heute noch gehst du fort nach Münster in Westfalen. Dort findest du den Schneidermeister Schlierbach, der hat noch mehr Gesellen. Ich gebe dir die Adresse mit. Du grüßest ihn vom Eselsmüller und sagst ihm, derselbe habe dich lieb gewonnen, wie ein Sohn."
Fortsetzung folgt.