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Montag, den ! 6 Oktober 19u5
14. Jahrgang
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für Oberhessen und die Kreise Marbnrg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gietzen und Umgebung. Enthält alle amtliche» Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberteilen. _~2Z ..—..■■^■■^l.»■»l■■m—l■————■»■■»II ■ ■—i»'mM»nni m»—i i i—n»ii,wmi n—iiim—ii — , ___,„—,
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Delcassés Ränke
— Unterredung mit einem deutschen Staatsmann. —
Nachdem aus französischen und englischen Quellen Darstellungen von den Vorfällen gegeben worden sind, die sich vor einigen Monaten hinter den diplomatischen Kulissen zu- getragen haben, dürfte es von besonderem Interesse sein, einen deutschen Gewährsmann zu hören. Unser Berliner ^-Mitarbeiter schreibt uns im folgenden, was ihm einer unserer führenden Staatsmänner gesagt hat und was in manchen wichtigen Punkten eine bedeutungsvolle 9hd)tig= Stellung und Ergänzung der von anderer Seite verbreiteten Meldungen enthält:
Die Enthüllungen des Pariser „Matin" können recht wohl von Herrn Delcassä herrühren, und sie sagen noch nicht einmal alles, was der frühere französische Minister auszu- wlaudern imstande gewesen tväre. Ihm ist in der Tat von 'englischer Seite ein Schutz- und Trutzbündnis angeboten > worden; man hat ihm in der Tat für den in Aussicht gekommenen Fall eines Krieges mit Deutschland die Landung, wen hunderttausend englischen Freiwilligen in Schleswig- Holstein versprochen; man hat ihn darüber hinaus wissen Hassen, daß England bereit wäre, nach siegreich beendetem ^Feldzug Frankreich zur Rheingrenze zu verhelfen! Das hah man in Berlin gewußt, ganz genau gewußt. Man war Ihier auf alle Eventualitäten vorbereitet, und zwei Tage lang war man jeden Augenblick fertig, den Mobilifierungsbesehl! hinauszuschicken. Italien wäre mit uns marschiert.
Es lag auf der Hand — einzig Herr Delcass6 erkannte es nicht —, daß England der französischen Republik ansann, für England in Europa ebenso die Kastanien aus dem Feuer zu holen, wie es Japan in Asien wirklich getan hat. Die französische Regierung — mit einziger Ausnahme des Herrn rXelcaffé — sah ein, daß sie im glücklichsten Fall Englands Suprematie auf seine und Deutschlands Kosten hergestellt haben würde, und daß das Gleichgewicht einer Anzahl von Staaten dem ausschließlichen Uebergewicht eines Staates unbedingt vorzuziehen sei. Die französische Regierung mußte sich jmcrbieä sagen und sagte sich, daß trotz der zugesicherten englischen Hilfe der gute Ausgang des Feldzugs gegen Deutschland zu Lande — vorsichtig ausgedrückt: —ungemein fraglich sei, besonders da in keiner Weise auf eine Kooperation Nutz- lands zugunsten der englisch-französischen Allianz zu rechnen lei Dagegen leuchtete ihr ein, daß Frankreichs Integrität und die Wahrung seiner Interessen ungleich besser gewährleistet sei, wenn Frankreich mit Rußland und T-eutschland, d. i init Rußland und dem gesamten mitteleuropäischen Dreibund zusammenginge. Die Allianz mit England bedeutete den Krieg mit allen seinen unberechenbaren Möglich- teiten, das andere bedeutete ehrenvollen Frieden und Sicherheit. Die gesamte französische Regierung war in dieser uleverzeugung einig; nur Herr Delcass^ verharrte in 93er= Endung, und darum mußte er mit ungewöhnlick)er Plötzlichkeit sein. Amt verlassen, das er in ungewöhnlichem Maße kompromittiert hatte. Er ist auch in Amtlosigkeit nicht ichend geworden.^ Das beweisen seine Enthüllungen, die nur in der Voraussetzung verständlich sind, daß er noch immer .glaubt, auf dem rechten Wege gewesen zu sein, daß er noch immer nicht zum Verständnis gekommen, wie sehr England ihn zum Werkzeug, englischer Interessen machen wollte. Das isrmizosische Volk ist ihm nicht gefolgt, auch nachträglich ^äst, und darin liegt für die zukünftige Entwickelung der Verhältnisse des europäischen Kontinents ein großer Ge- Dekcasss hat ohne seine Absicht Gutes gewirkt.
: Selbstverständlich haben die Mitteilungen des Pariser I„Matln" Anlaß dazu gegeben, daß der deutsche Botschafter in London, Graf Wolff-Metternich, bei der dortigen Regierung amtlich Nachfrage hielt, ob und wie weit jene Enthüllungen der Wahrheit entsprächen. Die Antwort lautete dahin daß die englische Regierung in ihrem Busen nicht solche terndscligen Gesinnungen gegen Deutschland hege. — Man kann nicht behaupten, daß diese Antwort sehr klar und unzweideutig wäre. Sie ist im Gegenteil recht gewunden und läßt erkennen, daß dabei manches verschwiegen wird. Was verschwiegen wird, darüber sind nur Vermutungen möglich. Man darf annehmen, daß die Regierung einer Großmacht direkte linirahrbeiten unter ihrer Würde hält. Trifft das zu, so ergießt sich, daß die englischen Zusagen des Herrn Delcass^ nicht von einem verantwortlichen Mitglied der englischen Regierung gemacht worden sind, wohl aber von einer Seite, von der Herr Mcaffé annehmen daß sie die englische Regierung hinter sich haben.
sie von der englischen R?gierung nicht Lügen gestraft toürüe! Welches diese Seite ist, braucht nicht aus- •ruand)-gesagt zu werden und soll nicht gesagt werden, âr auf die Möglichkeit mag noch hingewiesen sein, daß Die nnbermeiblichen M^ekspersonen in ihrem Eiker etwas mehr gesagt haben, als wozu sie beauftragt waren, und daß Herr Delcass^ selbst in seiner ausgeprägten Prädisposition und Voreingenommenheit nach einer bestimmten^ Richtung aus ben ihm zugetragenen Worten etwas mehr 'herausgehört hat, als wirklich darin lag.. Vor bem englischen Parlgment wird die englische Reaieruna viel-
lei*t zu beuHtcberen Aufschlüssen berat sein als dum deutschen Soticbafter gerieben roorben. . Vielleicht auch nicht Es Mm Rücksichten geben, die sogar ein sehr selbstbeimitztss und stolzes Parlament respektiert, um weitgehende Konsequenzen zu vermeiden, die es nicht gezogen wissen will.—
Die Hufstände in Deutsch-Hfrika.
Nach einem Telegramm des Generals von Trotha sollen die Herero vor der Unterwerfung stehen, da ihre Kräfte erschöpft seien. Dennoch war es ihren Führern Morenga und Morris möglich, am 7. Oktober einen deutschen Posten in Jerusalem bei Ukamas zu überfallen, sechs deutsche Soldaten zu töten, einen zu verwunden und zwei gefangen zu nehmen.
General von Trotha berichtet weiter, daß Oberstleutnant von Mühlenfels im September mit allen seinen Truppen größere Unternehmungen gegen die im Damara-Lande umherstreifenden Hererobanden ausgeführt hat. Es wurden 40 Werften überfallen. Dabei fielen insgesamt etwa 250 Herero, 767, davon zwei Drittel Weiber und Kinder, wurden gefangen, 79 Gewehre und mehrere Hundert Stück Kleinvieh erbeutet. Auf deutscher Seite siel ein Unteroffizier, zwei Reiter wurden verwundet. Das Komashochland wurde durch das konzentrische Vorgehen mehrerer Kolonnen gesäubert, doch gelang es einer feindlichen Bande, nach Verlust von 6 Toten, 43 Gefangenen und 7 Gewehren nach dem Knisebtal zu entkommen. Hendrik Witboi und Simon Kopper befinden sich auf der Flucht und werden energisch verfolgt.
Englische Neutralität.
Um die wohlwollende Neutralität Englands gegen Deutschland in Südwestafrika nachzuweisen, hat der britische Gouverneur von Transvaal die englische Polizeistation in Lehutitu zum Bericht aufgefordert. In dem in Johannesburg eingelaufenen Bericht hat der in Betschuanaland stationierte Polizeileutnant darauf jede von dort ausgehende Unterstützung der aufständischen Herero nachdrücklich in Abrede gestellt, wovon dem deutschen Konsul in Kapstadt amtliche Meldung gemacht wurde.
Trotz aller Beteuerungen wird es Leute geben, die den Engländern nicht recht glauben. Das Vertrauen in die englische Aufrichtigkeit ist in letzter Zeit gar zu stark auf die Probe gestellt worden.
In Deutsch-Ostafrika.
Im Bezirk Dar-es-Salam sollen die Unruhen nach offiziösen Meldungen nicht bedenklich sein und sich auf den südlichen Teil des Bezirks beschränken. Hauptmann von Kleist kehrte mit der achten Kompagnie am 11. nach Dar- es-Salam zurück, nachdem er einige Haufen Aufständischer zersprengt hatte. Er fand den Küstenplatz Kisidju zerstört und den dortigen Akida vertrieben. Der Bezirksamtmann Boeder bleibt vorläufig noch mit der Polizeitruppe südlich von Dar-es-Salam.
Wie die amtlichen Verlautbarungen weiter besagen, soll religiöser Fanatismus die Ursache des Aufstandes sein. Die Eingeborenen kämpfen unter schwarzen Flaggen mit dem Ruf „Wasser! Wasser!" d. h. Zauberwasser.. Im Norden der Bahnlinie ist alles ruhig. Für die Ausbreitung des Aufstandes ist der wesentlichste Grund die Verbreitung falscher Nachrichten gewesen, wie die Zerstörung Kilwas, Ermordung des Gouverneurs, Vernichtung der Schutztruppe, die ihre Wirkung auf die Negerphantasie nicht verfehlt haben. Im Hinterland von Kilwa ist der Gegner schwer zu fassen, da er un Busch überall ausweicht. Das Aufstandsgebiet ist bei großem Umfang völlig unwegsam, wodurch sich die Langsamkeit der Niederwerfung erklärt.
In den nördlichen und westlichen Bezirken hat sich kein Fall von offener Auflehnung gezeigt, doch sind Gärungen unverkennbar. Die dort stationierten Truppen können deshalb nicht abkommanHiert wevden. . Voraussichtlich wird noch längere Zeit bis zur vollständigen Beruhigung vergehen
brachten, nicht aus der Welt. So ist selbst die Auffassung in Pariser Blättern. Der „Eclair" schreibt: „Niemand in Frankreich hatte nach der Beilegung des Marokkozwists ein Interesse daran, daß die englisch-deutsche Gegnerschaft aufgestachelt und Berlin gegenüber Paris von neuem feindselig würde. Die Kulissengeschichte dieser Machenschaften muß wohl noch ernster und gefährlicher sein als die Enthüllungen der Zeitungen selbst, da Rouvier zu einer einfachen Ableugnung seine Zuflucht nehmen mußte." — Ob man in England nicht doch noch Veranlassung finden wird, zu reden, klipp und klar zu reden?
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* Die in Berlin stattgefundene Konferenz über die Ve- triebsmittelgemeinschaft der deutschen Eisenbahnen hat zu guten Ergebnissen geführt. Man ist zu einer vollständigen Einigung über die organisatorischen Einrichtungen gelangt. Die Grundlage der weiteren Konferenzverhandlungen wird dem nationalen Gedanken eines einheitlichen deutlichen deutschen Betriebes Rechnung tragen. Hauptsächlich wird es sich handeln um einheitliche Handhabung auf nationaldeutscher Grundlage, aber ohne Beeinträchtigung der Hoheits- und Besitzrechte der einzelnen Staaten, größtmögliche Beseitigung der wirtschaftlich schädlichen Leerläufe, unbeschränkte gegenseitige Benutzung des Güterwagenparkes. — Da Württemberg und Baden ihre Zustimmung zu der Personentarifreform von der Einigung über die Betriebsmittelgemeinschaft abhängig gemacht haben, ist der jetzige Stand der Verhandlungen über die Betriebsmittelgemeinschaft auch für die Per- sonentarifreform von günstiger Bedeutung.
* Nach mehreren Tagen der Verhandlung in der bayeri- schen Kammer über die Wahlrechtsfrage wurden die verschiedenen Anträge zur Abstimmung gebracht. Es lagen Anträge vor vom Zentrum, den Liberalen und den Sozialdemokraten. Der Zentrumsantrag und ein Eventualantrag der Liberalen wurden einstimmig einem besonderen Ausschuß überwiesen, der Antrag der Sozialdemokraten abgelehnt und ebenso der Primärantrag der Liberalen auf Proportio- nalwahl. Der Antrag des Zentrums bezweckt eine Ausdehnung des Wahlrechts, geht aber nicht so weit wie der Antrag der Sozialdemokraten, die das allgemeine Wahlrecht ohne jede Beschränkung einführen wollten.
politische Rundschau,
Deutsches Reich,
* Nach dem ziemlich lendenlahmen sranzösischen Dementi in der „Agence Havas" kommt jetzt auch das britisch-offiziöse „Bureau Reuter" mit einer Erklärung, nach der trotz der Enthüllungen DelcaMs die englische Politik Deutschland gegenüber wie ein weißes Täubchen dastehe.
Deutschland sei von Großbritannien informiert worden, daß die Frage eines Beistandsangebots an Frankreich seitens Englands niemals entstanden ist, und daß Frankreich niemals um Beistand nachgesucht hat, ferner daß England niemals einen solchen angeboten hat. Auf Anfragen in englischen Regierungskreisen ist dem Reuterschen Bureau mitgeteilt worden, daß die britiime 9 gierung keine Erklärung über den Gegenstand avge . Warum denn nicht? Die einfachen Ableugnungen in Ziemlich wenig glaubwürdigen Depeschenagenturen schassen eine solche Anklage, wie sie die Offenbarungen des „Mann
* Bei der Eröffnung der Hamburger Mastvieh-Ausstellung hielt der preußische Landwirtschaftsminister von Podbielski eine Ansprache, in der er sich auch zur Fleischteucrung äußerte. Der Minister sagte, er betrachte es als feine Aufgabe, die Landwirte immer auf die Forderungen des Marktes zu verweisen; er könne aber nicht helfen, wenn diese Forderungen sich plötzlich änderten.
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* Der Reichstag nahm in seiner letzten Sitzungsperiode einen Antrag au, den Reichskanzler um eine Denkschrift über das Kartell- und Syndikatswesen zu ersuchen. Dieser Anregung folgend, ist eine Umfrage bei den Bundesregierungen und den Jnteresseiwerbänden veranstaltet wordtn. Auf Grund dieser Vorarbeiten soll dem Reichstage möglichst schon bei seinem Zusammentreten der erste Teil der Denkschrift mitgeteilt werden, in dem eine statistische Uebersicht über ben Umfang der Verbandsbildung innerhalb des Reichsgebiets gegeben wird.
* Der Rücktritt des preußischen Handelsministers Herrn Moeller ist damit, in Zusammenhang gebracht worden, daß der Bundesrat die alsbaldige erneute Einbringung der Börsengesetzreform-Vorlage verweigert habe. Das ist unzutreffend. Eine solche Weigerung hat nicht statt, gefunden. Richtig ist allerdings, daß Herr Moeller auf den Entwurf großen We.rt gelegt hat. Er hielt es für unbedingt erforderlich, aus dem geltenden Gesetz die Bestimmungen zu beseitigen, die unlauteren Elementen ermöglichen, gegen den Grundsatz von Treue und Glauben durch den Differenzeinwand sich ihren Verpflichtungen zu entziehen und jogar die nachträgliche Rückgabe der von ihnen gemachten Zahlungen in einer fast unbegrenzten Zeit zu erzwingen. ^m Hinblick auf die mögliche, nach der Auffassung des Herrn Moeller mit aller Sicherheit zu erwartende ungimi tigere Gestaltung der Börsenverhältnisse erschien bem seitherigen Handelsminister jene Notwendigkeit so unabwerslrch, daß er sogar bereit war, der Börsengesetzreform rn der Gestalt, zu Anstimmen, die ihr während der vorigen Relchstagssesiwu von der vorberatenden Kommission gegeben worden wa .
Schweden,
♦* Wie aus Stockholm gemeldet wird, bat der König -le
Prinzen mit der Regentschaft betraut.
Italien. .....
»« ct>aA rnmifeben Blättermeldungen wird ein Tnyoimr.;^. ßtrMnimbcr unter dem Kommando des Admirals Togo ^ ? o-nArnn Neapel und Palermo besuchen n
Mannsbart soll in Civitavecchia an Land geben Ndmrrnc
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