5 1882 h
Nr. 218.
Erstes Blatt
Sâstag, den 16. September 1905
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Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83.
Fer»sprecha«schluß Nr. 362.
14. Jahrgang
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tHießener Tagevtatt)
Unabhängige Tageszeitung
(Gießener Zeitung)
für Oberhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhcüen.
Kaisermanöver 1905.
(Don unserem Spezialberichter statter.) Regen-Biwaks. — Die Entwickelung des Angriffs. — Die „Schlacht". — Die neue Uniform im Felde. — Japanische Fcchtweise. — Rückzug der blauen Truppen. — Unentschieden. — Manöverschluß. — Auszeichnungen.
(Nachdr. Verb.)
>$< Katzenelnbogen, 15. Sept.
Bei Katzenelnbogen stand gestern früh das 18. (rote) Armeekorps in einer 5 Kilometer langen Bereitschaftsstellung, die es aus seiner Mittwochs-Stellung zwischen Lahn und Kemel heraus — etwa 16 Kilometer — in den frühesten Morgenstunden nach anscheinend wenig angenehmem Biwak gewählt hatte. Während der Nacht hatte es zwar nicht geregnet, aber es war bitter kalt. Blau (8. Armeekorps) hatte ihm etwas zusammengedrängter gegenübergelegen. Die ver- ; lassenen Biwakplätze, an denen man vorüberkam und aus denen nur zuweilen ein Holz, Stroh oder leere Konservenbüchsen versteigernder Zahlmeister stand, mögen der unschuldige Boden manches erwärmenden Krastsluchs gewesen sein. Beim 8, Armeekorps bestand die Absicht, die Offensive des vorherigen Tages fortzusetzen. Zunächst wieder unter Nebel und beständigem Regen, ber des Marschieren neben den Straßen unendlich erschwerte und den Marsch bei dem bergigen Gelände sehr verlangsamte, trat die Kavallerie- Division A um 7 Uhr vormittags von Langschied auf Reckenroth-Berghausen an, die 16. Jnf.-Division um 6 Uhr von Zfteder-Meilingen auf Lausenfelden, die 15. Jnf.-Division um 6,30 von Buch über Holzhausen auf Dörsdorf und die 41. Jnf.-Division um 6 Uhr von Miehlen über Bettendors auf Ober-Fischbach. Das 18. Armeekorps (Rot) hatte um 7 Uhr in der Linie Ebertshausen-Klingelbach-Dörsdorf- Schnepfenkopf (östlich Dörsdorf) eine Bereitschaftsstellung eingenommen, hatte sich also auf eine Linie von 5 Kilometer zusammengezogen, die eine ganze Reihe Uebersicht gewährender Höhen umfaßte. Ich hatte mich dem Vormarsch der (blauen) 41. Jnf.-Division angeschlossen, aus zwei Gründen, wiewohl diese Division den linken Flügel von Blau bildete. Erstens befand sich die dem 8. Armeekorps zu- geteilte 25. Jnf.-Brigade mit den Regimentern 13 und 56 dabei, zweitens gehörte zu der Division das Königs-Jnf.- Regiment Nr. 145. Die 25. Jnf.-Brigade war diejenige, welche vor wenigen Wochen auf dem Uebungsplatze Fried- richsfjelde die japanische Gefechtsmanier zur Vorführung brachte und zur weiteren Uebertragung derselben in die Manöverpraxis zu den Kaisermanövern kommandiert wurde, und das 145. Regiment war mit einem Bataillon in ber neuen Felduniform zu den Manövern ausgerückt. Bei der heutigen ausgesprochenen Offensive war nach beiden Gesichtspunkten hin also von der 41. Jnf.-Division einiges Interessante zu erwarten. Deshalb verzichtete ich auf die im allgemeinen lohnendere Beteiligung an den Bewegungen des Zentrums. Vorausgreifend soll erwähnt werden, daß Rot in ' einer vortrefflichen Bereitschaftsstellung stand, längs der vordersten Linien unter vorzüglichster Ausnützung des Gesichtsfeldes Schützengräben für knieende Schützen ausgehoben hatte und mit feiner Artillerie auf den Höhen östlich Katzenelnbogen wirkungsversprechend postiert war. Die Schützengräben taten auch ihre Schuldigkeit, die allenthalben die Feuerlinie umsäumenden hohen Kartoffelfelder erhöhten noch ihren Wert. Trotzdem hielten sie die rote Truppe nicht in ihrem Banne, sondern wurden gegen 10% Uhr, als auf her ganzen Front das Gefecht im Gange war und die blaue Artillerie^ auf der Mittel-Fischbacher Höhe eine der roten Artilleriestellung fast gleichwertige gefunden hatte, von der roten Infanterie verlassen, um dem vor der überlegenen Feuerwirkung zurückweickfenden Gegner soweit zu folgen, bis er sich in den Waldstücken um Fischbach verloren hatte. Zunächst zur neuen Felduniform beim 145. Regiment. Gerade der (wohl auch beabsichtigte) Umstand, daß nur ein Bataillon dieselbe trug und so bei der gemeinsamen Bewegung des Regiments die Unterschiede deutlich in Erscheinung treten konnten, rechtfertigt ein Urteil über die Feldmäßigkeit, wenigstens was die unerwünschte Abhebung vom Gelände anlangt, dahin, daß aus dem braunen Acker, der grauen Stoppel und im grünen Klee- ober Kartoffelfelde, also auf drei verschiedenen Bodenfarben, die graue Uniform sehr- gewinnen mußte im Vergleich zur blauen. Tie Truppe erschien als undeutlich umrissencs Etwas, während die blaue Uniform »fest abgegrenzte Ziele bot. Also in bezug auf die erwünschte Unsichtlichkeit dürfte das Urteil zugunsten der neuen Feld- uniform feststehen; eine andere Frage, die ja auch gewissen Wert hat für die Oekonomie der Truppe, ist die der Haltbarkeit und sonstigen Anordnung im Schnitt. Hierzu bedarf es selbstverständlich längerer Probezeit. Als die 25. Inf.-, Brigade mit dem Regiment 13 und 56 sich gegen Rot westlich Fischbach entwickelte und im Angriff sich dem Gegner näherte, waren drei Dinge besonders in die Augen springend. Sowie die Teile der Brigade ins Gesichtsfeld des Gegners trat, ‘ gab es keine geschlossenen Ssbteisungen mehr. Unterstützungs- llupps und weiter zurückliegende Teile waren in eingliedriger Linie formiert, sofern nicht vorübergehend den hinteren Staffeln das Geläiwe Deckung für geschlossene Formen
bot. Das Vorgehen aus einer Feuerlinie in die neue näher gelegene geschah in der Weise, daß den Schützen die neu zu erstrebende Linie durch Zuruf gekennzeichnet wurde, dann aber wurden sie nicht durch unser reglementarisches Kommando „Sprung — auf! Marsch! Marsch!" einheitlich in die Linie vorgeworfen, sondern nahmen nach und nach, beliebig einzeln aus diesen: oder jenem Teile der Schützenkette verkriechend oder laufend, die vordere Linie ein.
Der immerhin bedenkliche Moment, wo bei gemeinsamem Vorlaufen das Feuer ganz schweigt, und wo sich, wenn auch für kurze Augenblicke, die vorspringenden Schützen als große Ziele zeigen, ist dadurch allerdings vermieden. Die vordere Linie wächst in sich allmählich bis zur vollen Feuerstärke an und die Hintere baut ebenso allmählich ab. Die einzelne Sprungentfernung war auch wesentlich geräumiger, als es hast üblich ist. Ich glaube dahin urteilen zu dürfen, daß di"se Art des Herankommens an den Feind gewiß etwas für sich hat und, wenn sie einmal in der Gefechtsausbildung Wurzel gefaßt bat, auch die Verluste verringert, möchte aber nicht mit der Auffassung zurückhalten, daß das Vorwerfen einer ganzen Abteilung durch das Kommando zum Sprung auch zaghaftere Elemente mit nach vorn reißt, die sich sonst nur schwer zum Herangehen an den Feind und in die damit naturgemäß größer werdende Gefahr entschließen. Der beliebe Soldat ist zweifellos taDfer und hat das auch jederzeit bewiesen, ^ber jederzeit hat sich auch gezeigt, daß es zaghafte Elemente gibt, die widerspruchslos sich einer gemeinsamen Handlung anschließen, des Antriebs durch die Gemeinsamkeit aber auch bedürfen. Bei den Japanern, die nach den Berichten hierüber ausnahmslos in der gekennzeichneten Weise verfahren sind, tritt das Moment des Fanatismus hinzu. Die Verwendung des Sckzanzzeuges während des Feuerns und noch in großer Nähe des Feindes war das Dritte von besonderer Bedeutung. Die Japaner sollen damit allerdings sehr gute Erfolge erzielt habtzn. Beim Regiment- Nr. 56 sah ich heute die Verwendung des Spatens in der schon tätigen Feuerlinie. Während des Schützenfeuers setzte das Kommando „Spaten heraus! Ein- graben!", ohne daß deshalb das Feuer schwieg, die Spaten nach und nach in Tätigkeit und bald sank die feuernde Linie immer tiefer in den Boden. Ich erinnere mich übrigens, daß dieses Verfahren keineswegs etwas neues für die deutsche Truppe ist, man hat ähnlich hier und da schon immer einmal so gehandelt. Der Grund, weshalb aber nicht durchweg ausgiebiger vom Spaten, auch beim Vorgehen, Gebrauch gemacht wird, ist meines Erachtens in zwei Dingen zu suchen. Erstens läßt man dem Spaten als Bestandteil der Ausrüstungsstücke zu viel Sorgfalt und Behutsamkeit angedeihen und zweitens ist seine umständliche Befestigungsart am Leibriemen für ein rasches Ingebrauchnahmen und Außerge- brauchstellen zu ungünstig. Ter Spaten bedarf keines Futterals, Leder darf nicht Eisen schützen; nützt er sich ab bei häufigem Gebrauch, dann wird. er eben erneuert. , Seine Befestigung muß derart sein, daß ein Griff genügt, ihn zur Hand zu nehmen oder an Ort zu bringen. Welchen ungünstigen Einfluß die Unhandlichkeit des Schanzzeugs heute in der Linie der 56er neben -dem günstigen Einfluß der rasch herauswachsenden Deckungen ausgeübt hätte, vermag man bei dem blinden Friedensschuß nicht festzustellen.
Der Kaiser befand sich während des Angriffs von Blau bei Rot östlich Katzenelnbogen, die Kaiserin nebst der Prinzessin von Schaumburg zu Pferde ebenfalls beim 19. Armeekorps. Ter Manöver-Londerzug und der Hofzug führte das Kaiserpaar und die fürstlichen unb fremdherrlichen Gäste des Kaisers erst gegen 3 Uhr nachmittags nach Coblenz zurück.
Heute früh hatte das 18. (rote) Armeekorps eine Verteidigungsstellung südlich der Lahn auf den Höhen bei Limburg eingenommen. Das verstärkte 8. blaue Korvs griff von Süden, Südwestcn, Südosten und Osten mit Erfolg an, jedoch behauptete das 18. Korps im Kern seine Stellung, während das 8. Korps sich bei Abbruch der Manöver noch nicht voll entwickelt hatte. Das Manöver schloß um 1 1 U h r 1 5 M i n. Der Kaiser und die Kaiserin begaben sich nach Limburg. Der Kaiser besichtigte den Dom und fuhr dann im Automobil nach Homburg. Damit ist das Kaiser-
anzugreifen. 60 Hereros fielen, 13 wurden gefangen, ferner schlug eine Unteroffizierspatrouille aus Reh oboth Autabil 0M- Schaap Renier, 70 Kilo- meter nordöstlich Rehoboth. 7 Herero fielen 22 wurden geg^WiWo"^ ^aior Meister setzt seinen Vormarsch
*
Die Petitionen gegen die Fleischteucrung mehren sich andauernd. Tle Berliner F l e i s ch e r i n n u n g ridv tete eine Eingabe an den Reichskanzler, in der sie Grenzen- onnung und Aufhebung der Viehzölle erbittet. Tie B re s- sauer Stadtverordneten und der Magistrat^eschlossen ebenfalls eine Petition an die Regierung in gleichem Sinne.
* Bei den sächsischen Landtagswahlen haben die Wahlmännerwahlen der dritten Abteilnng durchweg den Sieg der Sozialdemokratie gezeitigt. In Leipzig fallen alle Sitze der dritten Abteilung an die Sozialdemokraten.
Schweiz»
" Der in Zürich verhaftete Anarchist, angeblich ein Ingenieur Robanow aus Riga, ist als der 22jährige Schriftsteller Hans Holzmann, bekannt unter dem Namen Senna Hoy aus Berlin, identifiziert worden.
Russhnd.
Die Zustände im Kaukasus-Gebiet sind noch immer so schlimm, daß in Tiflis, wo die städtische Verwaltung als Protest gegen die blutige Unferbrüching der Kundgebungen ihr Amt niedergelegt hat, Proklamationen mit ber Aufforderung zur allgemeinen Empörung verbreitet werden. In Baku überfielen tatarische Brandstifter das Haus eines
reichen Napbtba-I nd >.: strieliri;.
er sich mit Revolner>
ichüssen gegen di 7 Tataren verteidigte. boUcn diele Kolo len, die das Haus, aus ben , auf ruhige Bürger" gcnhoüen ici d^n Tataren 31:111 -t ‘ rcrnpn urm^eaMt B«i b^r Feuersbrunst kamen viele Personen um — tn 9 c b 3 wurden sämtliche Theater- und Kon^taufführungen ouf un bestimmte Zeit verboten. — Tas an der sinnück^n Küste durch Explosion untergegangene, mit Waffen beladene Schiff ist aus den aufgefunbenen Schiffspapieren als der in London beheimatete Dampfer „John Grafton" rekognosziert. Führer des Dampfers soll ein Bruder des Finnländers Schaumann gewesen sein, der seinerzeit den Generalgouverneur von Finnland ermordete. Der „John Graston" soll auch 31t der Fahrt an Stelle der englischen eine gemischte ausländische Besatzung erhalten haben.
Hsien.
** Der langerwartete Waffenstillstand in der Mandschurei ist endlich endgültig vereinbart worden. Die Bevollmächtigten der Japaner und Russen kamen alsbald in Schahotsu zusammen. Das Protokoll wurde unterzeichnet. Es mitrbe bestimmt, daß die Kämpfe in der ganzen Mandschurei eingestellt werden sollen, und eine Zone sestgesetzt, in welche keine der beiden Armeen kommen darf. Allen Armeekorps soll bekannt gegeben werden, daß der Waffenstillstand spätestens heute, 16. September, mittags in Kraft tritt.
In dem Protokoll wird eine etwa acht Kilometer breite neutrale Zone zwischen der Front der beiden Armeen festgesetzt. Sollte eine Entscheidung über neue Fragen notwendig werden, so haben die Parlamentäre für einen solchen Fall einen bestimmten Weg längs des Bahndammes zwischen Schuanmiautji und Sck)achetsy zu nehmen. Für den Waffen- srillstand auf Korea und Sachalin werden andere Bevoll- mächtigte ernannt werden. Nur Zivilisten dürfen die neutrale Zone betreten; der Verkehr zwischen den Armeen findet auf der Sck)ahotsnstraße statt. Des weiteren sollen besondere Marinedelegierte auf dem Wasser in ber Nähe von Wladiwostok, von jeder Nation nur ein Schiff, zusammenkommen und für die Zeit des Waffenstillstandes eine neutrale Zone auf See fest setzen. Der Wassensnllstand an der Grenze von Korea wird durch ein Sonderabkommen zwischen den beiden Höchstkommandierenden am Orte auf ähnlicher Grundlage abgeschlossen werden.
Manöver 1905 beendet.
verschiedenen Auszeichnungen
sind bereits bekannt geworden. General von Lindeguist wurde 5 la suite des 1. Garde-Regiments gestellt, der General V. Bock und Polach a la suite des Jnsanterie-Regi- ments Gras Bülow v. Tennewitz (6. westfälisches) Nr. 55. Der Erbprinz von Sachsen-Meiningen und der Erbgroß- Herzog von Baden wurden zu Generalobersten ernannt. Generalleutnant V. Moltke und Generalleutnant v. Eichhorn erhielten den Roten Adlerorden 1. Klasse, General v. Deines das Großkreuz des Roten Adlerordens.
politische Rundschau.
Deutsches Reich.
* Die deutschen Truppen haben mehrere Erfolge gegen die aufständifchen Hereros in Dentsch-Südwestafrika errungen. Im Hakosgebirge, 50 Kilometer nordwestlich Rehoboth, harten die Herero in der letzten Zeit zahlreiche Viehdiebstahle verübt. Es gelang deutschen Patrouillen, sie überrat meno
Das Glend in Calabrien.
Grauenvolle Zustände haben die schrecklichen Erdbebenkatastrophen in Calabrien hervorgerufen. Tie Menschen sterben tatsächlich vor Hunger. Es fehlt an allem, die Gesunden haben kein Brot, die Kranken und Verwundeten weder Hilfsmittel noch kräftigende Nahrung, selbst das Wasser mangelt. Unter freiem Himmel müssen die Sterbenden ihren letzten Atemzug tun.
20 000 Personen ohne Obdach.
Ein italienischer Publizist weist nach, daß in und um Monteleone 20 000 Menschen im Freien kampieren, die alles verloren haben. Nicht einmal Behälter sind ihnen geblieben, um Wasser zu schöpfen. Eine schweigende Menge lauert vor den Trümmern ihrer Häuser, wo ihre sieben gestorben sind. Sie warten auf eine Hilfe, die nicht kommen will Tie ersten Zeichen des Erdbebens entdeckt man, aus