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14. Jahrgang

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Abo««e»e»tSpre1S: abgehslt monatlich 50Pfg., in's Hans gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mk. 1.50. eteüebtilage« : Oberhessische Fawtli-nz-ttnng (tät»») unb die Gieherer r»sf,«blase« lwdchentlich).

Das Statt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.

(Gießener Tagsötalt)

Zlnabhängige Tageszeitung

(Gießener Zeitung)

Für Oberhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; LokalKUZKiger für Meßen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhesien.

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Herztlichcs Proletariat

Vor einigen Tagen ist in Charlottenburg ein ärztliches Ehepaar vom Schöffengericht wegen Eigentumsvergehens verurteilt worden. Der Arzt war für überführt erachtet, wiederholt von einem Bauplatz Stücke Bauholz entwendet zu haben. Seine Frau hatte sich des gleichen Vergehens in einem Falle schuldig gemacht. Nach den Aussagen der Zeu­gen hatten Mann und Frau einzeln den Bauplatz aufgesucht und, wenn sie sich allein glaubten, ein Stück Holz ausgenom­men, unter Ueberzieher oder Mantel versteckt und fortge- tragen. Die angestellten Ermittelungen ergaben, daß das Ehepaar in harter materieller Bedrängnis gewesen, daß ihm oft die unentbehrlichsten Lebensmittel gefehlt hätten, schließ­lich sogar das Fenerungsmaterial ausgegangen war. Das entwendete Bauholz wurde zum Heizen verwendet. Das Urteil gegen die bis dahin unbescholtenen Eheleute lautete -hart genug: gegen den Arzt auf mehrere Wochen, gegen seine Fran auf einige Tage Gefängnis.

Wir halten es nicht für unsere Aufgabe, Erörterungen über das Urteil und die Anstrengung des Prozesses selbst anzustellen. Die Anzeige wäre vielleicht nicht erstattet wor­den, wenn der Anzeigende von den Verhältnissen Kenntnis gehabt hätte,. die zu dem Vorgehen führten. And) ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß die Anrufung einer höheren Instanz eine mildere Beurteilung der Tat zur Folge hat. Dem Täter wird damit unter allen Umständen wenig geholfen sein, denn die Entziehung der ärztlichen Appro­bation, d. i. der Befugnis zur Ausübung des ärztlichen Be­rufs, bleibt ihm ungefähr gewiß. Freilich kommt für ihn dabei nur der moralische Schaden in Rechnung; der mate­rielle ist ausgeschlossen, da gerade der völlige Mangel an Praxis ihn in die Not gebracht hat, deren Versuchung er unterlegen ist. Auch zur Entschuldigung des unglücklichen Ehepaares möchten wir nichts anführen. Die Sache spricht deutlich genug für sich selbst. Die Entwendung einiger Stucke Holz, um die Wohnung wärmen zu können, ist keine .Handlung des Uebermuts, sondern ein Ergebnis der bitter­sten Not. Was wir erörtern wollen, das ist diese bittere Not selbst, die, wie das angeführte Beispiel zeigt, einen akade- nusch gebildeten Mann von bis dahin einwandfreier Lebens­führung zu einem Tun gedrängt hat, das ihn nach den geltenden Anschauungen deklassiert. Wir sehen auch davon ab, ob etwa in dem in Rede stehenden Einzelfall der Arzt dmch besondere Unanstelligkeit nicht dazu gelangt ist, den notdürftigsten Erwerb für sich und seine Angehörigen durch Ausübung seiner ärztlichen Kunst zu gewinnen. Wir gehen vielmehr davon aus, daß der vorliegende Einzelfall nicht typisch, sondern ganz ausnahmsweise kraß ist und sich so leicht nicht wiederholen mag. Die Tatsache aber stebt unzweifelhaft fest, daß wir ein sehr zahlreiches ärzt­liches Proletariat haben. Dieses Proletariat ist selbstver­ständlich nicht gleichmäßig über das Reich verteilt, so wenig wie die Aerzteschaft gleichmäßig über das Reich verteilt ist. HU den Großstädten, wo die Aerzte am dichtesten gedrängt sind, ist es am meisten zu finden. Daß der junge, unverhei­ratete Arzt nicht erwirbt, was er bei bescheidensten An­sprüchen braucht, ist ohnehin die Regel. Das soll nicht ein­mal beklagt werden. Es mag als gerechtfertigt gelten, daß der junge Arzt noch als Lernender angesehen wird. Doch drese Lehrzeit dehnt sich für viele ins Unendliche, bis in hohe Lebensjahre. Im vergangenen Jahre erst ist es in Berlin vorgekommen, daß ein Sanitätsrat sich bat Leben nahm, weil er nichts zu leben hatte. Ein SanitätSrat hat in der Regel eine mindestens zwanzigjährige Praxis hinter sich und muß ein gewisses berufliches und bürgerliches Ansehen genießen; sonst würde ihm der Titel nicht verliehen. Hier also hat die materielle Not Jahrzehnte gedauert und hat auch durch das berufliche Ansehen nicht verscheucht werden können. Das mag wiederum eine Ausnahme sein. Aber eine genaue und zuverlässige Statistik sagt, daß beispiels­weise in Berlin das durchschnittliche Einkommen sämtlicher Aerzte hinter dem der Handarbeiter zurrückbleibt. Und dieser Durchschnitt ist so niedrig, obwohl in Berlin auch die Aerzte mit reichstem Einkommen leben, denen die Praxis jährlich 100 000 Mark und darüber trägt. Die Einrich­tung der Krankenkassen für Arbeiter, junge Kaufleute u. s. W. hat diese Verhältnisse noch verschlechtert. Es ist bekannt, daß die Honorare, die von den Krankenkassen an die Aerzte gezahlt werden, erstaunlich gering sind, so daß die angestrengteste Krankenkassentätigkeit dem Arzt noch nicht zu einem höheren Einkommen verhilft.

Möglich, daß die ungleiche Verteilung der vorhandenen ärztlichen Kräfte über das Reich zur Erhöhung des Uebels noch beigetragen hat. Darin eine Aenderung herbeizuführen, wäre Sache der Aerzte selbst die schwerlich zufrieden wären, wenn man ihnen die Freizügigkeit nehmen wollte. Man darf aber nidü glauben, daß die jungen Aerzte aus Genuß­sucht ober aus ähnlichen Motiven der Niederlassung in der Großstadt den Vorzug geben. Oft wenden sie sich der Groß­stadt zu, weil sie dort unbemerkt — darben können, während es ihnen an kleinen Plätzen nicht möglich ist, sich der kon­trollierenden Aufmerksamkeit zu entziehen. Ueber diese Schwierigkeit müssen sie wohl ober übel hinwegkommen.

Auch müssen sie das flache Land mehr als bisher zum Feld ihrer Tätigkeit wählen. Die Hmiptfache aber ist: der Zu­drang zum Medizinstudium muß nachlassen!

Tlas Derr von Mitte sagt!

Ueber die Friedensaussichten bei dem Kriege im fernen Osten und die Aeußerungen der russischen Delegierten in Portsmouth hatte unser ^-Berichterstatter in Berlin eine Unterredung mit einem deutschen Staatsmann, bei dem fol­gende Gesichtspunkte zum Ausdruck kamen:

Der russische Bevollmächtigte Herr von Witte ist in New­castle sehr redselig geworden. Das muß an der amerika­nischen Luft liegen, die mitteilsam macht. Der Reporter jen­seits des „großen Teichs", wie der Iankee den Atlantischen Ozean, zu nennen liebt, kann Schweigsamkeit nicht ver­tragen und nimmt sie übel. Auch die Chefredakteure der großen Zeitungen im Lande des Sternenbanners haben gegen diese bürgerliche Tugend eine starke Abneigung. Da­mit muß gerechnet werden, denn nach dem Wort Kaiser Wilhelms haben die Herren die Stellung kommandierender Generale. Herr von Witte hat sich dem Landesbrauch an­gepaßt und schüttet in kurzen Zwischenräumen die Geheim­nisse seines schwer beladenen Herzens in den unverschwiege­nen Busen eines Reporters aus. Er wechselt mit den Re­portern und er wechselt mit den Geheimnissen. Die Folge davon ist, daß aus den enthüllten Geheimnissen kein Mensch mehr klug wird und alles so ist, als ob Witte den Mund nicht aufgemacht hätte. Sollte das Absicht sein? Sollte der schlaue russische Finanzmann den Kollegen von der zünftigen Diplomatie die Kunst abgelauscht haben, durch Worte seine Gedanken zu verbergen? Fast hat es den Anschein. Doch trotz aller seiner Eröffnungen ist eines klar: er will den Frieden. Daß er ihn möglichst billig und unter Schonung des russischen Ehrgefühls haben will, ist selbstverständlich. Russisches Land gibt er nicht her, auch nicht die Insel Sacha­lin. Das gilt für feststehend, und dahin geht auch die In­struktion, die Uim Zar Nikolaus mitgegeben hat. Es müßte recht seltsam kommen, wenn er die Erlaubnis erhalten sollte, davon abzuweichen. General Lenewitsch müßte schon die in ihn gefetzten Hoffnungen vollständig täuschen. Das zu ver­muten liegt noch kein Anlaß vor. Zwar hat General Lene­witsch sich bisher nur abwehrend verhalten, ist er an keinem Punkte je zum Angriff vorgegangen. Deswegen aber ist sein Verdienst keineswegs gering. Er hat die geschlagene, zerstreute desorganisierte Armee zusammengerafft, sie in seine £anb gebracht und — keine nennenswerten Verluste erlitten. Das ist immerhin etwas, ist mehr als bisher in diesem Feld­zug irgend ein russischer General erreicht hat. Ob er auch auch zu einem Vorstoß und zu dessen energischer Durchfüh­rung die Kraft haben wird, muß sich erst zeigen. Aber auch Feldmarschall Oyama nmß erst dartun, ob er imstande ist, fern von der alten Operationsbasis dem General Lenewitsch gegenüber dasselbe zu leisten, was er Kuropatkin gegenüber geleistet hat. Kehren wir zu Herrn von Witte zurück. Russi­sches Land will und darf er einstweilen nicht geben. Am liebsten gäbe er auch kein Geld. Ihm würde der Ausweg ge­fallen, daß ein Dritter mit Land oder mit Geld oder mit Land und Geld bezahlend für Rußland eintritt. Kann man es ihm verdenken? Dieser Dritte ist China und Korea dazu. Japan beansprucht das Protektorat über Korea. Herr von Witte hält diese Forderung für zu bescheiden. Nicht das Protektorat, sondern den Besitz Koreas soll Japan haben. Der Unterschied ist allerdings nicht sehr groß. Der chinesische Dritte aber, der in diesem Falle sich gar nicht freut, soll tüchtig bluten. Warum die südliche Mandschurei an China zurückgeben? Mag Japan sie behalten, nachdem Japan die Mandschurei erobert hat! Das wird es doch lieber für sich als für China getan haben. Nimmt Japan die südliche Mandschurei — so ist es damit bezahlt. Besteht es aber darauf, daß China die Mandschurei wiedernimmt — nun, so mag China die Kosten des Krieges bezahlen, der von Japan zu seinen Gunsten geführt worden! Es kann nichts Einfacheres geben. Dabei hat es noch den Vorteil, aus den bisherigen Feinden gute Nachbarn und gute Freunde zu machen. Das ist sogar notwendig. Denn Rußland und Japan bleiben auf gemeinsame Arbeit in Ostasien ange­wiesen, und hierfür kann es nichts Förderlicheres geben, als ein gutes freundnachbarliches Verhältnis.

Der Plan ist bestechend gut — für die Russen. Ob ihn die Japaner ebenso gut finden werden, bleibt abzuwarten. Sie sind nicht ohne Entgegenkommen. Das Wort Kontri­bution haben sie sorgfältig vermieden, um die Empfindlich­keit der Russen nicht zu reizen. Aber auf die S a ch e legen sie Wert, großen Wert sogar. Der japanische Idealismus ist einmal nicht ohne praktischen Einschuß. ^Die Japaner rechnen, gut, und damit muß auf der anderen Seite gerechnet werden.

Die Hauptsache ist: man will auf beiden Seiten den Frie­den. Weder die Russen noch die Japaner haben einen festen Plan nach Newcastle mitgenommen. Das konnten sie gar nicht, denn der eine Plan war Dort dem andern abhängig, und der Urheber des einen Planes kannte den Plan des an­dern nicht. Erst aus den beiden heutiaen Voirsckläaen wird

sich allmählich das entwickeln, was den Namen eines Planes m* "^ng üt bereits gemacht. Aber gut Ding will Weile haben.

r ^crjanbliingen in Portsmouth haben nach offiziel­le Verlautbarungen bisher zu folgenden Resultaten geführt. Montag morgen mürbe der erste Artikel erledigt, der'sich mit St o re a beschäftigt. Der Artikel ist nicht so gefaßt, wie ihn die ^awr zuerst vorgelegt haben, sondern ist abgeändert worden, um den Wünschen der Russen entgegenzukommen, ^och ist ruckst bekannt, wie weit diese Aenderung geht

In der Nachmittagssitzung fanden Mtikel zwei und drei Vespr-echung. Die Verhandlungen darüber wurden eben­falls beendet. Die Artikel umfassen die R ä u m u n g b c r * Mandschurei durch Rußland, sowie dessen Verzicht auf alle Rechte, die es auf dieses Land hat, sowie die Abtretung der sibirischen Bahn von Charbin ab.

In dar Mandschurei soll tatsächlicher W a f f e n st 111 * stand herrschen. Es soll unwahrscheinlich sein, daß wäh­rend der Verhandlungen ein Gefecht stattfinden wird: denn es wurde von beiden Seiten zugegeben, daß, wenn Oyama Lenewitsch zu einem Gefecht zwingen würde, in dem Tau­sende von Menschen umkommen, Japan unvermeidlicherweise sein Ansehen bei der ganzen Welt verlieren würde.

Dieser Grund erscheint wenig sttchhaltig und beruht wohl mehr auf russischen Wünschen, als auf tatsächlichen Notwen­digkeiten.

politische Rundschau.

Deutsches Reich.

* Eine Zusammenkunft König Eduards von England mit Kaiser Wilhelm wurde in den letzten Wochen ebenso oft an­gekündigt wie dementiert. Wie jetzt definitiv feststeht, wird eine solche Zusammenkunft nicht erfolgen, ist auch von keiner Seite geplant noch verabredet gewesen.

* Die herrschende Fleischteuerung scheint ihxen Höhepunkt eirreid)t zu haben. Auf dem gestrigen Schweinemarkt in Altenessen, einem der größten Deritschlands, trat ein merk­licher Preisrückgang ein. Faselschweine, die in der Vor­woche noch 45 bis 65 Mark kosteten, wurden mit 40 bis 56 Mark verkauft.

* Der preußische Eisenbahnminister von Budde hat sich damit einverstanden exklärt, daß die neuen Speisewagen der Eisenbahnzüge mit dreiachsigen Drehgestellen wie die Schlaf­wagen gebaut werden. Dadurch soll ein ruhigerer Lauf der Wagen herbeigefichrt und die vielfachen Klagen über den schüttelnden Gang abgestellt werden. Der Betrieb der Restaurationswagen ist an die „Speisewagengesellschaft" verpachtet.

* In Stuttgart tagt die 18. Generalversammlung des Zentralverbandes deutscher Kaufleute und Gewerbetreiben­der. Der Verband zählt im ganzen über 17 000 Mitglieder. Bei den Verhandlungen wurde ein Antrag angenommen, nach dem die Preußische Regierung eine umfassende Enguetc über die Lage des gelverblichen Mittelstandes veranlaßen soll. Weitere angenommene Anträge verlangen, daß Kon- fumbercinâlager aus staatlichen Gebäuden entfernt werden und daß Staatsbeamten untersagt wird, Vorstandsamterm Konsumvereinen zu bekleiden. Ferner soll bei der Revlston der Einkommen- und Kommunalsteuergesetze in Preußen Die Ausdehnung der allgemeinen Steuerpflicht auf Konsum- vereine mit offenen Läden, sowie eine Abänderung des Ge­setzes über den Verkehr mit Nahrungsmitteln behufs Er- leichterung für den Kaufmann angestrebt werden.

Gngtand.

** Tas für die Uebungen der englischen Flotte rn der' Ost­see bestimmte Geschwader hat von Sprtehead die Aârst angetreten. Es besteht aus elf Schlachtschiffen und acht Kreuzern. Tas Geschwader wird am ^^üember auf ^ Reede von Neufahrwasser eintreffen und bis zum 4 . Sep­tember dort ankern. Vorher wird Swinemunde angelausen.

Skandinavien*

** Die Volksabstimmung über die Trennung von ^äiwe^ ben ergab bis gestern mittag 365 997^Stimmen mit „^a und 182 mit „Nein". Nur die Ergebnisse aus 12 Kreuen stehen noch aus. Im ganzen Lande herrscht große Be- geisterung. „ , , .

Russland.

** Schon feit Monaten sind, wie jetzt bekannt wird, alle Zahlungen für .Heeresausgaben in Ostasren in Papierg ld

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