Nr. 139
Freitag, den 16. Juni 1905
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Fer«sprecha«schl«ß Nr. 368.
Gie ßener
Neueste *
14. Jahrgang
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(Hießener DageSratt)
Unabhängige Tageszeitung
(Gießener Weitung)
für Overhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeèger für Gießen und Umgebung.
Enthält aße amtlichen Bekanntmachungen der Graßh. Bürgermeisterei Gießen und anderer^Vehörden^von Oberhessen.
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Der soziale frieâe.
Plan schreibt uns: Der Evangelisch-soziale Kongreß, der eben jetzt in Hannover getagt hat und ganz gewiß nicht von ! radikalen Stürmern und weltunkundigen Theoretikern besucht war, hat sich mit sozialen Tagesfragen befestigt i®b zu ihnen Stellung genommen. Daß er weit davon entfernt ist, einen Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung zu wünschen, oder schroffen Umwälzungen freundliche Ge- sinnung entgegenzubringen, bekundete er durch das grnnd- 'sâtzliche Bekenntnis zu den kaiserlichen Erlassen von: Fe bruar 1890, die, wie erinnerlich ist, noch die Gegenzeichnung r«s Fürsten Bismarck trugen, — allerdings dem Abschied i<s Altreichskanzlers unmittelbar voraufgingen —, und die Einleitung zur Berufung des internationalen Arbeiterichutz- ; kongresses nach Berlin bildeten. Nach diesem Bekenntnis gab lxr evangelisch-soziale Kongreß die Erklärung ab, daß er in Len modernen Arbeiterorganisationen eine für unser Wirtschaftsleben notwendige und für unsere Kultur bedeutungsvolle Erscheinupg erblicke. Mit solcher Anerkennung sollte cber keineswegs gesagt sein, daß die Arbeiterorganisationen snit allen ihren Begleiterscheinungen unbedingte Billigung feinden, - daß man der politischen Richtung zustimme, big sie vielfach genommen haben. Andererseits mißt man den Arbeiterorganisationen nicht alle Schuld daran bei, daß sie den Fehlweg eingeschlagen haben, sondern schiebt einen Teil ^er Schuld dem Umstand bei, daß Unternehmer, Regierung und öffentliche Meinung den Arbeitern und ihren berechtigten Bestrebungen nicht das wünschenswerte Maß von Entgegen- l lammen gezeigt haben. Daraus wird natürlich für die : ?odikalpolitischen Tendenzen keine nachträgliche Berechtigung L -tiergeleitet, es wird nur die Erklärung dafür gegeben, wie es geschehen konnte, daß die verärgerten Massen sich denen «nschlossen, die ihnen maßlose Versprechungen machten. War doch die Unerfüllbarkeit der Versprechungen nicht auf dm- , Stelle zu kontrollieren, und hatten doch die Wortführer unter Cillen Umständen die Möglichkeit der weiteren Vorspiegelung, daß die Erfüllung nur durch die Bosheit der feindlichen Klassen vereitelt worden sei.
Der Kriers in Oftasi^n.
Der erste Punkt der Friedensvorbereitungen steint seiner Erledigiing entgegen zu geben. Wie es heißt, wird
Washington Sitz der Friedenskonferenz sein. Aus London wird dazu gemeldet:
Zum Ort der Friedensverhandluiigen ist gutem Vernehmen nach Washington ausersehen worden. Der russische Bevollmächtigte v. Rosen hat sich bereits von Havre aus dahin eingeschifft. Die Wahl Washingtons erfolgte auf Wunsch Rußlands trotz des anfänglichen Sträubens Präsident Roosevelts.
Amtlich ist bisher in Washington nur bekannt gegeben, daß die russische und die japanische Regierung Washington, Haag und Genf als Ort für die Verhandlungen in Erwägung zögen. Es ist ja aber immerhin möglich, daß sich die Stimmen schon aus den erstgenannten Platz geeinigt haben. Ob damit aber für den Abschluß des Friedens wirklich schon viel erreicht ist, sieht auf einem anderen Blatt. Der Skeptizismus, mit dem man Rußlands Alifrichtigkeit in Zweifel zieht, greift ständig um sich. Die Ableugnungen des russischen Botsä-afters in Washington, Grafen Cassini, daß Stockungen in den Verhandlungen eingetreten seien, ändern daran nichts. Russische Blätter, die der Regierung nicht fern stehen, treten denn auch schon energisch für Fortsetzung des Krieges ein und behaupten immer wieder, daß es Japan sei, das des Friedens bedürfe, nicht Rußland.
Auf dem Kriegssck)auplatz dauern inzwischen die Vor- P osten kämpfe weiter an. Aus größeren japanischen Kavallerieunternehmungen auf den russischen Flanken will man die Gewißheit entnehmen, daß die japanische ~ leitung zu neuen entscheidenden Schlägen ausholt, ist eine Meldung über
die Gesamtverlnste Japans znr See während des Krieges von allgeineinem Interesse, sollen die japanischen Flottenverbände in sämtlichen
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Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß der Vorwurf mangelnden Entgegenkommens, soweit er gegen Regierung und öffentliche Meinung sich richtet, sich auf eine ^hn Jahre und darüber zurückliegende Zeit bezieht. Denn die Reichsregierung hat nie aufgehört, in Gemäßheit der kaiserlichen Erlasse vom Februar 1890 sozial tätig zu sein, die Sozialgesetzgebung zu erweitern und auszubauen. Von Seiten der Reichsregierung ist auf diesem Gebiet das Mögliche geschehen, nicht mit zurückhaltendem Zögern, sondern mit bahnbrechender Entschiedenheit. Tatsächlich sind ihr sogar Vorhaltungen nicht erspart geblieben, daß sie zu rasch vorangegangen fei, manchesmal einen Sprung ins Dunkle gewagt und die Höhe der den Unternehmern zugeschobenen Belastung nicht hinreichend berücksichtigt habe. Auch die öffentliche Meinung verdient den Vorwlirf unzulänglichen Entgegenkommens nicht. Sie hat der berechtigten Arbeiter bewegung ebensoviel Verständnis wie, Wohlwollen entgegen- qebracht, und nicht die Arbeiter sind es, die sich über mangelnde Sympathie zu beklagen haben. Sogar die Unter
.^bienen in ihrer großen Mehrzahl den Vorwurf langst nicht mehr, daß pe sich sträubten, erneuter Zeiten Lauf zu bedenken und in ihren Fabriken u. s. w. den Arbeiter- -organisationen Recht und Raum zu versagen. Viele m die meisten von ihnen haben sich mit überraschender Selbstüberwindung den veränderten Verhältnissen imb Anschauungen angepaßt und auf bte patriarchalische Stellung verzichtet
und durch Unfälle folgende Einbuße gehabt haben: Tot: 221 Offiziere und 1782 Mann, verwundet 170 Offiziere und 1497 Mann.
Die Mannschaft des deutschen Dampfers „Tatartos" aus Flensburg, den der russische Hilfskreuzer „Don" auf der Reise von Japan nach Tientsin in den Grund bohrte, ist in Batavia gelandet worden. Die Reederei erklärt, daß das Schiff keine Kriegskonterbande führte und nach einem neutralen chinesischen Hafen bestimmt war.
1 500 000 Rubel über Bord.
Aus Nagasaki wird über den Verbleib der Kriegskassen, die sich an Bord weggenommener russischer Schiffe befanden, gemeldet: Der erste Zahlmeister an Bord des „Nikolai 1." versuchte, das Geld an die Unteroffiziere zu verteilen. Der Kapitän und sein Stab verhinderten dies und verlangten die Aushändigung des Geldes an die Offiziere. Der Zahlmeister leistete dem Befehl Folge. Der Zahlmeister der „Orel", der ebenfalls von den Offizieren aufgefordert wurde, ihnen das Geld auszuhändigen, weigerte sich, dies zu tun und warf die ganze Summe — es sollen 1 500 000 Rube gewesen sein — über Bord.
* *
Die russischen Gefangenen in ^apan.
(Eig. Bericht.)
Petersburg, im Juni.
„MriMt-T «u8C+luBi unu uni um parilarajaitiaje (Stellung verzichtet, -—-^7 di« unhaltbar nt, wenn ihr die Anerkennung von der anderen ■rtfMllUt Seite fehlt Selbstverständlich ist der Unternehmer Partei JlU)VU»S 4ünz wieder Arbeiter aiich, und darum hat er aleich der
) ist der Unternehmer Partei.
- - und darum hat er gleich der
anderen Partei die natiirliche Neigung, in seinem Interesse /ein Recht zu sehen. Daß aber das Interesse kein untrüq-
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™Ä*ff ^r ^brer und Berater in Rechtsfragen ist, braucht ni^t — erst nachgowresen zu werden. j
,â »3 ,. ^ or1'^ ^^ ^er Evangelisch-soziale Kongreß der Soff,
âib E ming Llusdruck gegeben, daß die Zugeständnisse, die die preu. ^^M- plche Berggesetznovelle der Arbeiterorganisation macht -
-" ^' Kongreß nannte diese Zugeständnisse „mager" - sich, ^?'^?'E?°l des Angenblicks ertrotztes Gelegenheit^ gesetz bleiben, sondern den Ausgangspunkt bilden weri^ für .«ne zielbewußte und beharrlich durchgeführte Politik die den verständigen Forderungen der Arbeiter gebührende Ge- recbtigfeit widerfahren laßt.
Es unterliegt schwerlich einem Zweifel, daß die Arbeiter- organisationen als gleichberechtigte Faktoren neben den Un- kernchmerorganlsationen immer mehr Anerkennung finden werden. Sie werden das um so sicherer und leichter tun e früher und entschiedener sie sich aus einseitiger Parteiver-' strickung befreien. Denn nicht Kampf-, sondern Friedens- «rganisationen sollen jene Vereinigungen sein Werkzeuae ber Verständigung, nicht des Streites. Es ist nicht ißre^uf- ^ob/nF^^s1* "^v ^,""- ^8 Iie9t nicht in ihrer Kraft. ^LB aber haben sie die Ausgabe und die Kraft manche bessernde Einrichtung zu treffen. ' $
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«MW Ä hergjetS! —
Der Vertreter des „Rußj", J. S. Balet, schickt seinem Blatte einen ausführlichen Bericht über seine Besuche bei russischen Kriegern, die in japanische @efangenfd>afX geraten sind. Balet schreibt: „Ich habe die russischen Gefangenen zum erstenmal vor einem Jahre besucht, im Mai 1904. Es war nach dem Kampfe bei Kjulentscheng. Die über den leichten Erfolg erstaunten Japaner hatten damals noch nicht die Zuversicht, die sie später erworben haben. Sie hatten für die Gefangenen nur ein Depot in Mazujama eingerichtet und waren durchaus nicht der Ansicht, daß dies zu wenig sein werde. Nachdem sich aber die Stadt Mazujama als allzuklein für die Unterbringung aller Gefangenen erwiesen hatte, wurden nach und nach neue Sammelplätze eingerichtet. Größtenteils werden die Gefangenen in besonderen Barackenlagern unter Garnisonsbewachung untergebracht, zuweilen aber auch in Tempeln und Schulen. Das größte und schönste Lager befindet sich bei Hamadera zwischen Osaka und Wakujama. Vor drei Monaten gaben neue Regeln den Ossizieren mehr Freiheit wie früher. Sie dürfen in Privathäusern wohnen und ihr Leben nach ihrem Gefallen einrichten, aber sie haben nicht das Recht, Waffen zu tragen und unzensierte Briefe abzuschicken. Die größte, entsetzlichste Strafe für die Gefangenen ist die Langeweile. Das vollständige Fehlen von Zerstreuungen und die erzwungene Untätigkeit rufen bei den meisten Gefangenen schlechte Stimmung und Gereiztheit hervor. Die Japaner machten den Versuch, öffentliche Arbeiten zu organisieren. Sie hofften so mit einer Klappe zlvei Fliegen zu schlagen: die Gefangenen zu beschäftigen und zugleich größere Arbeiten durchzit sichren. Diese Versuche hatten aber keinen Erfolg-, nach Zwei bis drei Tagen verließen die Gefangenen die Werkstät-
ten, die zu sehr an das Leben von Zwangsstraflingeu erru- nerten. Wie sich die Bevölkerung zu den Gefangenen verhält? Ich muß hier den Feinden Rußlands verdientes Lob spenden: sie sind korrekt und musterhaft höflich gegen die gefangenen Russen. Sogar in der Gefangenschaft geben die Generale von Port Arthur das traurige Schauspiel des .Haders und der Feindsckwst. Auf der einen Seite stehen die Gegner Stössels, auf der anderen seine Verteidiger. General Ssminww steht an der Spitze der erstgenannten, General Fock an der Spitze der zweiten Partei. Die Japaner ivaren genötigt, die Parteien zu teilen: die Parteien snrc= eben nicht miteinander und grüßen sich nicht. Manche Offiziere, wie z. V. der alte Oberst Fürst S.. suchen sich eine harmlose Zerstreuung. Der Oberst beschäftigt sich mit der Zucht von Nachtigallen. Als ich dort durchreiste, war er in großer Trauer: eine seiner besten Nachtigallen war gestorben. Der Fiirst bat die Gewohnheiten eines Mannes der vornehmen Welt bewahrt und kleidet sich dreimal am Tage um. Des Morgens ist er in Uniform, am Tage im Rockanzug und des Abends immer im Frack, selbst wenn er allein ist. Manche Offiziere beschäftigen sich mit außerordentlichem Eifer mit bem Studium der japanischen Sprache, und das ist das allerbeste . . ."
Die Politik.
4< Daß Herr v. Lucanns die Msicht hat, seinen Rücktritt als Chef des Kaiserlichen Zivilkabinetts zu nehmen, ist schon so oft verkündet und umgehend dementiert worden, daß es sich eigentlich kaum der Mühe lohnt, neuen Auflagen dieser Gerüchte eutgegenzutreten. In den letzten Tagen hatten sie sich aber so verstärkt, daß auch weniger Leichtgläubige sich fragten, ob nicht doch etwas daran wäre. Wie unser CB.» Mitarbeiter auf Grund von zuverlässigen Informationen erfährt, ist jedoch diesmal ebensowenig Wahres an der Meldung, wie an ihren Vorgängern.
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C Eine Vorlage zur Aenderung der württernbergischen Verfassung ist vom Ministerpräsidenten Dr. v. Breitling in der Abgeordnetenkammer zur schleunigen Beratung eingebracht worden. Die Grundlinien des Entwurfes bestehen in der Beibehaltung des Zweikammersystems, in der Umwandlung der Zweiten Kammer in eine ausschließlich aus Erwählten des allgemeinen Stimmrechts zusammengesetzte Volkskammer, sowie in der zeitgemäßen Erneuerung und Verstärkung der Ersten Kammer. Ein Ersatz für die aus der Zlveiten Kammer ausscheidenden Privilegierten ist nur insofern vorgesehen, als die Zahl der Abgeordneten der Stadt Stuttgart auf 6 vermehrt wird, welche durch Proportional- tvahl gewählt werden sollen. Damit wird die Abgeordnetenkammer künftig aus zusammen 75 Abgeordneten gegen bisher 93 bestehen. Was den Wahlmodus anbetrifft, so soll das bisherige System der Stichwahlen beseitigt und für den zweiten Wahlgang das System der verhältnismäßigen Mehrheit eingeführt werden. In die Erste Kammer sollen neu eintreten: 6 Mitglieder der Ritterschaft, 4 Vertreter der evangelischen Geistlichkeit, 2 Vertreter der katholischen Geistlichkeit, ferner je ein Vertreter der Universität Tübingen und der Technischen Hochschule Stuttgart und schließlich je zwei Vertreter des Handels- und Gewerbestandes und der Land-, wirtschaft. Die letzteren vier sollen vom Könige ernannt' werden.
Oesterreich-Ungarn
=$= Die Skandalszenen im Reichstag werden nachgerade zu einer ständigen parlamentarischen Einrichtung. Gleich die erste Sitzung nach einmonatiger Pause brachte einen recht häßlichen Zusammenstoß zwischen dem Grafen Sternberg mid dem Sozialdemokraten Schumeier. Sternberg nannte Lchumeier einen „gebildeten Hausknecht", wofür sich dieser damit revanchierte, daß er meinte, ein solcher mache dem Parlament mehr Ehre, als ein verlotterter Graf, der sich in anrüchigen Nachtlokalen umhertreibe. Als Sternberg darauf „Lump! - reagiert, wird ihm von Schumeier in Aussicht gestellt, daß er im künftigen sozialen Staat das ^rrenhaus oder das Säuferasyl als Wohnsitz angewiesen erhalten wurde. Worauf Sternberg: „Verleumderi" und
Schluß Schumeier: „Verkommenes Subjekt!" Die sach- Debatte, die sich um das Einkommen der niederen Geist-- lichkelt drehte, konnte natürlich durch die Belastung mit der- artigem persönlichen Jnjurienschwall nur verlieren. Und so imrib es allen Vorlagen gehen, welcher Art sie auch seien, bis nicht eine gründliche Remedur der parlamentarischen Unsitten ins Werk gesetzt ist. Vorläufig wird das aber wohl ein frommer Wunsch bleiben. Alle Ansätze dazu haben sich bisher als Sisyphusarbeit erwiesen.
Cnghnd.
* Der militärische Warenschwindel in Südafrika, Wer ben der Kommissionsbericht der Oeffentlichkeit übergeben worden ist, übersteigt noch bei weitem das, was bereit in
Presse durchgesickert war. Es steht fest, daß 120 Mib honen Mark vergeudet sind. Der Hauptschuldige ist Oberst Morgan, der von Lord Kitchener, als dieser 1902 Südafrika berließ, an die Spitze des nach Beendigung des Burenkriege? eingerichteten Vervflegungs- und Transvortdepartements