Kr. 64
Donnerstag, den 16. März I9o5.
14. Jahrgang
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Kernsprechmtschlmft Nr. »6»
Gießener
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G«Msdetlnge«: Oberhesfische Aamilienzeitnng (täglich) und die Gießener Seifenblasen (wöchentlich).
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Neuelle Mchnchlen
(Gießener Tagevtatt) Anaöhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)
für Oberhesfen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Der Kaiser und die Studenten.
Der Verband der deutschen Hochschulen hat von seiner in Cifenacb erfolgten Konstituierung dem Kaiser ehrerbietige Anzeige gemacht, ihm telegraphischen Huldigungsgruß bar= gebracht. Der Kaiser hat diesen Gruß „in dem Vertrauen, daß 11 ufere Studenten stets bestrebt sein werden, die deutsche Geistesfreiheit auch durch die Achtung vor der Ueberzeugung Andersdenkender hochzuhalten," gern entgegengenommen.
Tie huldvoll-freundliche Antwort enthält eine weise Mahnung. Es muß gesagt sein, daß es bedauerlicherweise èm Anschein hat, als ob die Mahnung zu spät gekommen Imre, um auf die Entschließungen des Verbandes von Wirkung zu sein. Wenigstens trägt der Beschluß des Studenten- Eages, der den konfessioneller! Korporationen die Existenz- Lmchtigung als studentische Körperschaften abspricht, jener kaiserlichen Mahnung nicht Rechnung. Nicht als ob wir der Meinung wären, daß eine feste Ueberzeugung auf einen Wink von autoritativer Seite schwinden müßte und sich zu verstecken. hätte — das kann sicherlich da nicht verlangt oder ertötn tet werden, wo gereifte Männer die Aufgabe haben, ihre unb ihrer Auftraggeber Ansichten vor den Thron zu bringen und dort zu vertreten. Wir glauben aber bestimmt, daß unsere studentische Jugend in schuldiger Ehrerbietung und rn, geziemender Bescheidenheit bei Kenntnis der kaiserlichen Antwort einen Weg gefunden haben würde, ihre Auffassung EDcniter schroff zum Ausdruck Zu bringen. Jetzt ist es einmal geschehen, und die akademische Jugend wird daraus vielleicht für die Zukunft die Neigung zu größerer Bedacht- fomfeit gewinnen.
Ja der jüngsten Zeit ist viel von der „akademischen Freiheit" die Rede genesen. Niemand eigentlich hat sich zur Gegnerschaft gegen sie bekannt. In öffentlichen Versammlungen wie in den Parlamenten hat sie nur Fürsprecher gefunden. Der Kaiser selbst hat bei einer Ho Festlichkeit zu Dem Rektor der Technischen Hochschule von Charlottenburg die Aeußerung getan: „Ich begreife nicht, wie unsere Stürmten in einem Lande, dessen Herrscher selbst Student war unb sseine Söhne hat Studenten werden lassen, fürchten Sönnen, daß die akademische Freiheit angetastet werden könne. Für solche Besorgnisse liegt nicht der geringste Grund vor."
■ Die Vorstellung von einer Bedrohung dieser Freiheit nur dadurch entstanden, daß hier oder da ein übervorsichtiger senai den Studenten verwehren wollte, in internationalen fragen korporativ mitzusprechen, z. V. den deutschen Stu- tonten in Innsbruck bei ihrem Kampf gegen versuchte Mmnisierung Spnipathie auszusprechen, weil hieraus vielleicht diplomatische Verstimmungen und Häkeleien entstehen könnten. Diese übertriebene Vorsicht und Rücksicht- nohme ist durch allgemeine Uebereinstimmung zurückgewiesen vorden. Außerdem waren an einzelnen Hochschulen Miß- —.......«»-—————-————»————
Helligkeiten dadurch entstanden, daß sich eine starke Strömung gegen die konfessionellen Verbindungen bemerkbar gemacht hatte. Tie Auflösung dieser Verbindungen, ihr Verbot wurde direkt verlangt, was Rektor und Senat überall ablehnten.
Ob konfessionelle Verbindungen gut sind oder ihre Beseitigung wünschenswert sein mag, ist eine Frage für Doch selbst wer die Beseitigung für wünschenswert hält, wird Zuzugeben kaum umhin können, daß die konfessionellen Verbindungen historisch entstanden sind und darum historische Berechtigung besitzen. ^Es ist außer jedem Zweifel, daß nw- nigstens der Teil der Studentenschaft, der zu konfessionellen Verbindungen gehört, die Beibehaltung dieser Verbindungen wünscht und ihre Existenzberechtigung behauptet. Es gibt Protestantische, katholische, jüdische Studentenverbindungen. Unter ihren Mitgliedern, die vollberechtigte akademische Bürger sind, befinden sich unfraglich sehr tüchtige Elemente, genau so tüchtige, wie anderwärts. Wenn diese ein historisches Recht für sich in Anspruch nehmen, so kann, wer ihren Standpunkt nicht teilt, das bedauern: aber mehr als das ist nicht gestattet. Die Korps haben andere Bestrebungen unk Gewöhnungen, wohl auch eine abweichende Lebensführung. Sie bieten den jungen Leuten, die zu ihnen kommen, eine tadellose formale Erziehung; sie gewähren ihnen manchen Versuchungen gegenüber einen festen Halt; sie umgeben sic mit einer Atmosphäre, die ihrer Herkunft und ihren ge- sellschaftlichen Gewohnheiten wie ihrer künftigen Stellung entspricht. Das alles soll gern zugestanden werden. Aber es gibt doch auch noch eine andere Welt, die gleichfalls berechtigt ist, mit ihren abweichenden Anschauungen und Gepflogenheiten.
Wer das leugnet, wer nur eine Richtung gelten lassen will, der legt die Art an die Wurzel der „akademischen Freiheit", die in der Freiheit des Lehrens und in der Freiheit des Lernens besteht. Das ist die wahre, die echte, die beutfe;? Geistesfreiheit, die auch die Ueberzeugung Andersdenkender achtet. Das hat der Kaiser in seinem Antworttelegranun mit ausgezeichneter Präzision gesagt. Die akademische Jugend hat es zu spät gehört, um noch von einem ungerechtfertigten Beschluß abgebalten zu werden. Die Wirkung aber, die belehrende Wirkung wird nicht ausbleiben. Unb nur darauf kommt es an. Der itudentischen Jugend wird eine übereilte Resolution nicht nachgetragen.
Die friedens-Cbanccn.
(Von unserem st ändigen Korrespondenten.) CB Berlin, 15. März.
Ich hatte heute mit einem hervorragenden preußischen General eine Unterredung über die gegenwärtige militärische Lage Rußlands und die etwaigen Friedensaussichten. Die überaus interessanten Auslassungen, des auf militärischen! wie politischem Gebiet gleich kundigen Generals lauteten dem Sinne nach genau, wie folgt:
Einen wie großen Teil seiner Truppen General Kuro- Patkin noch zu seiner Verfügung hat, darüber liegen bestimmte Nachrichten nicht vor; welchen Teil er etwa über die Schwierigkeiten der nächsten Tage weg zu retten vermag, darüber kann es nur unsichere Vermutungen geben. Unter allen Umständen ist seine Situation die denkbar prekärste, nachdem er von Mukden abgedrängt worden ist, wo er die Basis seiner Heeresverproviantierung in der Nähe hätte, während er sich jetzt von ihr entfernt und in ein Gebiet rückt, das aus eigenen Mitteln die Armee nicht ernähren kann. Die sibirische Bahn wurde in den letzten Monaten für die Zufuhr von Lebens^- mitteln nicht in Anspruch genommen, denn die russische Intendantur war einem — Chinesen anvertraut, der dabei viele Millionen bares Geld verdiente, ungerechnet die Todfeindschaft der Japaner, die einen hohen Preis auf seinen Kopf gesetzt haben, der aber mich seine Aufgabe in vorzüglicher Weise löste. Das hört jetzt natürlich auf, und so sind die Jntc?ndanturge'schäfte augenblicklich wohl ~ Kuropptkints größte Sorge. Man mag dem russischen Soldaten alle kriegerischen Tugenden mit noch so viel Recht nachrühmen, vor dem Hunger hält kein Heldentum stand. Der leere Magen macht keine Gewaltmärsche, sondern — übergibt 'ich.
General Kuropatkin war, wie gesagt, darauf angewiesen, sich in Mukden zu halten. Er fürchtete die japanischen Um= gehungsversuche, deren Vereitelung für ihn eine Lebens? frage war. Er schickte deshalb, als Feldmarschall -Oyama den japanischen rechten Flügel auf dem Gebirge vorgehen ließen, am den linken russischen Flügel zu umfassen, eiligst Truppen seines rechten Flügels entgegen. Vielleicht hat er es etwas zu eilig getan, ehe er sich vergewisserte, daß es sich auf javanischer Seite um eine Scheinbewegung handelte. Freilich muß ihm dabei nachgesehen werden, daß sein Nachrichtendienst wegen der Russenfeindlichkeit der Einwohner irre- geführt worden sein mag und schlecht funktionierte. Jedenfalls haben die Japaner sehr bald den Umfassungsversuch mit ihrem rechten Flügel aufgegeben und ihn mit verdoppelter Energie, mit Geschick und dann auch mit Erfolg auf der andern Seite unternommen.
Ist.Kuropatkin in einer sehr ungünstigen Lage, so darr man nicht übersehen, daß auch die der Japaner immer weniger günstig wird. Sie müssen echelonieren und werden dadurch an Zahl geringer. Auch entfernen sie sich mit tebem Vormarsch weiter von ihrer Ernährungsbasis, denn im Lande selbst finden sie kaum Lebensmittel.
Was nun die Fortführung des Krieges betrifft, so stellt sie an die Leistungsfähigkeit der sibirischen Bahnen unmögliche Anforderungen. Das eine Geleise dieser Bahn soll neue Truppen, Rèunition und Lebensmittel für den Nachschub und den Rest bèt alten Armee heranschaffen — dazu ist eine eingeleisige Bahn von 10 000 Werst Länge einfach nicht imstande.
Gleichwohl kann ich an einen nahen Friedensschluß nicht glauben. Der Zar kann jetzt nicht Frieden machen. Von
2er Eselsmüller und die Falschmünzer.
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Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H. Alle Rechte vorbehalten.
(Nachdruck verboten.)
„Halt ein Eselsmüller," sprach Rüsseler, „ich möchte mich sonst vergessen, du kennst doch den stolzen Rüsseler!"
„Armer stolzer Rüsseler", spottete der Eselsmüller MtEr, „du bist nichts als ein elendes Werkzeug in Mmer Hand. Von wem hast du deinen Hof und die Vec Pferde darauf. Etwa von deinem Leinwandhandel ? Siehe bir doch mal die Winterberger- und die Briloner Laadjungen an, sie tragen jahrein, jahraus ihre Sensen, Wetzsteine und sonstige Sachen durch Norddeutschland M Polen, ja selbst nach Rußland. Nenne mir einen Einzigen, der es zu solchem Wohlstand gebracht hätte, »ie du, du kennst sie ja alle. Also Bursche, ich rate M, ändere dich, oder es geht dir nicht gut."
„Willst du mir am Ende noch drohen?" untere MM ihn Rüsselec.
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„Ist gar nicht nicht nötig", rief gereizt der Esels- Mer. „Ein Wink von mir und — du bist verloren".
Du aber mit", schrie Rüsselec in ohnmächtiger
raW^ ”^u uoer nur, i^rte musfelec tn ohnmächtiger ^Mkl k^FWt. Nur ein Lächeln war des Eselsmüllers Antwort.
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A^'âSi^d , "Geh her, du Narr, iß und trink, wirst Hunger «*7.^ morgen früh reden wir geschäftlich, für jetzt ruht uni»6- wjjp UeS", so beendete der Eselsmüllec den Wortstreit.
"^, , Rüsseler hatte tatsächlich Hunger. Der Aerger
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. - „ Der Aerger den Mißerfolg seiner Reise, sowie die Gewißheit, „ f „ er mit dem Eselsmüller in Streit kommen würde, sotten ihm unterwegs allen Appetit geraubt.
^Lw^ fühlte er einen sehr starken Hunger. Hier *^^ konnte et ih„ still.
. (tfglf^Wnfcfiaften des Müllers,
L so sagen durfte, aus treuem Herzen.
^’ ^,ken .. . Aber, so frug sich Rüsseler, hatte denn dieser Esels- boher ^ ?âc überhaupt noch ein Herz? Gewissen hatte er ^tdW 1 ângst keins mehr, oder es war tot. O, — Rüsseler wußte
- Jetzt fühlte er einen sehr starken Hunger. Hier in der
er ihn stillen. Dies war eine der guten
, er gab sehr gern und wenn
es zu gut, er war, wie so viele, in der Gewalt dieses Elenden. Einer nach dem anderen fühlte sich als eine Kreatur in der Eisengewalt dieser Eselsmüllersfavst. Sie waren nur elende Puppen in seiner Hand. Würde dieser Sklavendienst so fortgehen, gäbe es keinen einzigen, der diesen Eselsmüller entlarven könnte? Jemehr Rüsseler von dem Essen und Getränk zu sich nahm, um so ruhiger wurde er. Was konnte ihm auch daran liegen, endlich mußten alle, der Eselsmüller mit, ein Ende mit Schrecken nehmen. Jetzt wollte er wenigstens sich mit Gedanken der Zukunft nicht martern. Ec wollte Essen und Trinken und dann am anderen Tage zu seiner Frau und seinem zwölfjährigen Töchterchen nach Nuttlar eilen. Er kannte ja seine Kammer, wo er schlafen sollte. Nachdem er sich gesättigt, eilte er, der Ruhe bedürftig, dahin.
Der Eselsmüller rief ihm aber aus der Mühle zu: „Rüsseler, du gehst morgen früh mit nach Küstelberg zum Markte." Dem Weil habe ich heute schon Nachricht deshalb zukommen lassen. Ec soll dem Grafen von Klingfeld die holländischen Kühe vorführen und unter jedem Gebot desselben verkaufen. Du sollst dabei sein, um „Scheine" oder „Brabanten" wechseln zu können."
Rüsseler sagte kein Wort, ging in seine Kammer, um die Ruhe zu suchen, aber er fand keine. Rüsseler, so rief er mit Schmerzgefühl, wo bist du hingeraten. Erst handelte ich mit Leinwand; anfangs ganz klein und rein. Dann traf ich den Eselsmüller in der Nähe von Schwelm." Na, wie es nachher gekommen, er wußte es fast selbst nicht. Ec fühlte er ging in Fesseln.
Am anderen Tage erklärte ihm der Eselsmüller, er brauche nicht mit nach Küstelberg zu gehen, er habe sich die Sache anders überlegt. „Also gehe heim nach deiner Familie", aber Rüsseler, so sprach der Eselsmüller, „hole das Versäumte ein. Ich rate es Dir."
„Gut schon, Eselsmüller — also bis später-" Damit eilte Rüsseler, als ob ihn Feinde verfolgten auf Münden los.
Der Müller aber ging zu seinen Eseln und fütterte dieselben. Besonders sein Liebling, der uns schon bekannte „Graue" wurde gestreichelt. Dann zog er denselben vor die Türe, setzte sich darauf und fort ging es nach Küstelberg. Vier Stunden waren es von der Mühle und fast nur Wald, wo er durchnitt. Nichts störte hier die Einsamkeit. Nur sobald eins von den rohen Holzkceuzen am Wege sichtbar wurde erschrak er. Heute noch sieht man dort diese Kreuze. Dieselben sind aus runden Eichenstämmen hecgestellt. Roh in ihrec Art, aber erschreckend für jeden, welcher weiß, weshalb sie dort stehen. Jedesmal, wenn in diesen dunklen, schaurigen Waldwegen ein Mord begangen, oder ein Unglücksfall geschehen, setzten die dort streng katholischen Bewohner an den betreffenden Platz ein solches Kreuz. Etwa sechs solcher standen von Medelohn- Medebach-Küstelberg zur Zeit unserer Erzählung im Walde.
Küstelberg liegt in dem Winterringe, welcher vom ehemaligen Nassau, Dillenburg-Haiger-Altenhunden- Plettenbecg - Brilon - Scherfede usw. durch unser Vaterland geht.
Rüsseler hatte unterwegs doch noch den Eselsmüller eingeholt. Beide pilgerten nun zusammen, aber ganz wortkarg bis Küstelberg.
In der Wirtschaft bei Fingerling, „Gasthaus zum kalten Harth", wurde eingekehrt. Kaum saßen beide am Wirtstijch, so kam ein alter Bekannter aus Medebach Auch ein Kernein, nur ein anderer desselben Namens, als der uns schon bekannte. Auch dieser war eine bekannte Persönlichkeit und auf allen Jahrmärkten mit Schmucksachen zu finden. Alles was die Bauernburschen ihren Mädchen nach dortiger Jahrmarksfitte schenken wollten, hatte er feil. Alles bei ihm war blitzblank. Handeln konnte bei ihm keiner. Er hatte feste Preise, dafür aber auch gute Ware.
Fortsetzung folgt.