Einzelbild herunterladen
 

; 2

' SS ?

Nr. 13

Montag, den 16. Januar 1905

14. Jahrgang.

.3 2^

Neaepe

z»f-riio«SvreiS t Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober* heften, die Kreise Wetzlar mrd Saarburg 10 Pfg. sonst 1b Pkg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. HauptexpMtion^ Gießen, Seltirsweg SS. Kerns-rechnnschlstz Nr. 868»

Ab»»«e«e«tSprei-: abgehslt monatlich 50 Pfg., in^ HauS gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährl. Mk. 1,50. GPOtiSbeilase« r Oberheffifche Familienzeitung (täglich) und die Gtetze«er Geifeublafeu (wöchentlich).

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

chrichle

(Gießener Gageötatt)

NnaShängige Tageszeitung

(Gießener Zeitung)

6?«

Dr Overhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Metzen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

3

Z 2 2

2

5

Der Husstand im Ruhrgebiet.

Man schreibt uns: Es kann nunmehr kaum noch einem Zweifel unterliegen, daß es im Ruhrgebiet zu einem großen Ausstand der Bergarbeiter kommen wird. Der letzte Beschluß der verschiedenen Organisationen, der die Forderungen der Arbeiter formuliert und bezeichnenderweise von dem Führer des christlichen Bergarbeitervereines die endgültige Fassung erhalten hat, kann nur als ein Ultimatum aufgefaßt werden. Da zur Bewilligung der Forderung eine Frist gesetzt ist, die mit Montag abläuft, so kann man mit einer gewissen Sicher­heit für Dienstag den Ausbruch des Gesamtausstandes be- firrchten. Es handelt sich bei den Arbeiterforverungen we­niger um Lohnerhöhung und die Forderungen einer Herab­setzung der Arbeitsdauer als vielmehr um eine feste Begren­zung der Arbeitsschichten und um die Einrechnung der Ein­fahrtszeiten in die Schicht. Aus diesem Grunde wird vorge­schlagen, daß entweder achtstündige Arbeitszeit ohne Ein­rechnung der Fahrzeiten, oder neunstündige mit Einrechnung der Ein- und Aussahrtszeiten eingerichtet werden soll. Aber selbst die Meinungsverschiedenheit über die Berechnung der Fahrzeiten würde nicht hinreichen, um die leidenschaftliche Stimmung der Gmlbenarbeiter zu erklären, wenn nicht in dem ganzen Verhältnis zwischen den Unternehmern und den Arbeitern das Gleichgewicht gestört wäre, und zwar scheint es, als ob gerade die unteren Stufen der Vorgesetzten, wie dies vielfach der Fall ist, die Oberhäuer und die Steiger, die aus dem kameradschaftlichen Verhältnis emporsteigen, in ihrer Stellung als befehlende Elemente aber nicht immer den richtigen Ton zu finden wissen, viel zur Verstimmung beitragen. Sehr scharf tritt die Klage über diesen Ton in dem nachstehenden Gedicht hervor, das ein westfälischer Gruben? Arbeiter H. Kämpchen, der sich als Lyriker einen recht ang^ scheuen Namen gemacht hat, in seine neue Gedichtsammlung ausgenommen hat und das gerade die Frage des Befehlens behandelt. Es lautet:

Befehlen kann jeher blöde Tropf

Mit hohlem Schädel und dickem Kopf,

Der gar nichts weiß und gar nichts faurr,

Jedweder Tölpel und Dummerjan.

Aber befehlen zu Nutz und Frommen,

Mit Ueberlegung zum Vorwärlskvnimen,

Mit klugem Erkennen und Wägen der Kräfte, Genügend und nötig zu dem Geschäfte.

Ohn' Ueberbürden der Arbeitslasten,

Ohn' blödes Zögern und blindes Hasten,

Nicht lispelnd leise, nicht überlaut,

In jeder Weise klug aufgebant,

Mit kurzen Worten, doch klar im Sifin,

Das Ziel erkennend und den Gewinil

Ja, richtig befehlen, wer dieses kann,

Dem zollet Achtung, das ist ein Mann! Doch leider befiehlt noch so mancher Tropf Mit hohlem Schädel und dickem Kopf.

Der gar nichts weiß und gar nichts kann, Und büßen muß es der Arbeitsmann.

Außerdem spielt noch die strittige Frage -des Wagen­millens in diesem verhängnisvollen Streit genau dieselbe Rolle, wie bei dem großen Bergarbeiterstreik im Jahre 1889. Diese Frage ist rein nur aus der Kenntnis der bergmänischen Technik heraus zu beurteilen und eignet sich wenig zu einer prinzipiellen Behandlung für Laien. Dieses Verfahren be­zieht darin, daß solche Wagen, die nicht reine Kohle sondern auch Steine, selbst nur in ganz geringfügigem Umfang, ent» Wien, von der Kontrolle zurückgeschoben, d. h. mit anderen Worte dem Arbeiter nicht als Arbeit angerechnet werden.

nwß den Wagen vollständig wieder von neuem verladen, eine Maßregel, die scheinbar ungerecht ist, weil die ganze geleistete Arbeit vollständig wertlos ist, die aber doch erklärt werden kaun aus der Wichtigkeit. eines reinen Kohlen- materrals für ^e gesamte Industrie. Hier muß entschieden nne strenge Praxis Platz greifen, weil geringwertige Lohn- abzüge keine Wirkung ausuben. Allein es ist doch immerhin möglich, daß die Abnahme-Beamten vielfach chikanös bor- ö^hkn und selbst die unvermeidlichen Unvollkommenheiten zur Annullierung der Verladung benützen. Obschon die ver­weigerten Löhne nicht dem Unternehmer zu Gute kommen, sondern in eine Kasse für Wohlfahrtseinrichtungen fließen, so ergeben sich doch daraus für die Bergarbeiter ganz erheb- uche Mißstände, denn die Lohnsätze schwanken, ohne daß viel- lercht ein großes persönliches Verschulden vorliegt, durch das Nullen oft zwischen Sätzen von 7 bis 25 Mark. Man nennt das Bergmannsunglück, aber trotzdem mit einem Fatalismus die Arbeiterschaft diesem Mißgeschick gegenübersteht, so wird doch eine schwere Erschütterung des Gleichgewichtes' dadurch in die Arbeiterkreise und in die Haushalte hineingetragen. Vielleicht ließe sich doch ein M' dus finden, durch festnormierte Geldstrafen die Quelle dieser Mißverhältnisse zu ver« schütten. Aber wie dem auch sein mag, es gährt im Ruhrgebiet und es verlautet sogar, daß b er Streif auf das belgische Ge- biet übergeleitet werden soll. Jedenfalls halten sich Führer der belgischen Arbeiterschaft in der Ruhrgegend auf, um, wie man glaubt, ebenfalls das Signal zu einem Ausstand zp geben. Die Lage ist also durchaus ernst für die gesamte In« buftrie.

Die Thronfolge in Lippe.

Detmold, 14. Januar.

In dem Fürsten Alexander von Lippe-Detmold ist, wie es in dem Erlaß des Grafregenten Leopold heißt, der letzte Sprosse der älteren lippischen Linie zu Grabe gestiegen. Aber sein Schild wird nicht am Grabe zertrümmert, denn er ist nicht der Letzte des Hauses. An seinem Grabe ent­brennt erst der Gegensatz um die Rechtmäßigkeit der Erb­schaft, wenn auch der Bundesrat durch seine Entscheidung vom 18. November v. I. für den Fall des Ablebens des re­gierenden Fürsten ein unveränderliches Interimistikum ge­schaffen hat. Durch den von dem Bundesrat genehmigten Schiedsgerichtsvertrag ist bestimmt, daß bis zum Spruch des Schiedsgerichts der Grafregent Leopold die Regierung des Landes weiterführt. Er bleibt Graf; einen Erben gibt es nnstweilen nicht, bis das Gericht entschieden hat, wer den Ttiel und die Rechte des Verstorbenen führen darf.

Fürst Alexander hat ein Alter von 74 Jahren erreicht. Am 11 Januar 1831 geboren, verlebte er, weil schon früh zeistesumnachtet, ein stilles, freudloses Dasein. Er inter- esierte sich stark für Musik, spielte Klavier, sang und war leidenschaftlich dem Schachspiel und dem Damenbrett er­geben. Außerdem vertrieb er sich die Zeit, indem er Bilder namentlich aus illustrierten Zeitschriften reprodu­zierte. Zeitungen wurden ihm ebenfalls zugänglich gemacht and so war er über den Erbschaftsstreit, der nach dem Ableben des regierenden Fürsten Woldemar wegen der Thronfolge, bei der er als regierender Fürst völlig ausgeschaltet war, wohl unterichtet, obgleich er wohl einen geringeren per­sönlichen Anteil an dieser Streifrage genommen hat, als der letzte seiner Unterthanen.

<>m Lande selbst ist sein Hinscheiden ohne irgend welches größere Interesse hingenommen worden. Fürst Alexander war ja tot, ehe er gestorben war. Erst jetzt, zeigt sich, welchen Wert das Schiedsgerichtsabkommen hat und wieviel dem Gntgcgenfommen des Grafregenten zu danken ist, der sich mit der Linie Schaumburg auf ein schiedsgerichtliches Ver­fahren einigte, obgleich er doch nach dem Grundsätze des Dichters verfahren konnte: Sei im Besitz und du warst im Recht. Das schiedsgerichtliche Urteil, das im Voraus von beiden T«len anerkannt ist, wird die Entscheidung bringen, wer als Rechtsnachfolger des letzten Fürsten zu gelten hat. Zu wessen Gunsten es entscheidet, der ist Herrscher des Lan­des. Mit der Verkündigung des Schiedsspruchs gibt es wieder einen neuen Fürsten des Landes, der seinen Schild am Grabe des Letzten vom alten Hause aufrichtet.

Der Krieg in Ostasien.

Die seit einigen Tagen begonnene russische Offenfiv- bewegung bei den Hauptarmeen akzentuiert sich mehr und mehr. Von den verschiedensten Seiten schieben sich russische Kavallerieabteilungen vor, die die japanischen rücftoärtigen Verbindungen belästigen. Zweck der Uebung ist vorläufig augenscheinlich, den Heranmarsch der Kolonnen Nogis von Port Arthur möglichst aufzuhalten, eventuell unmöglich zu machen. In diesem Bestreben sind verschiedene

verwegene russische Vorstöße gemacht worden, die sich bis auf Niutschwang hinunterzogen, jedoch nach japanischen Berichten blutig zurückgewiesen wurden. Von der Garnison von Liautung wird gemeldet:

Russische, offenbar zur Kavallerie Mistschenkos gehö­rige Abteilungen mit dein zweiten Gardeinfanterie­regiment und zwölf Geschützen griffen das japanische Eisenbahnkommissariat in Niutschiatung (bei Niutschwang) an, wurden aber zurückgeschlagen, mit einem Verlust von etwa 80 Mann.

Tags vorher waren bereits die Russen in der Nähe von Jinkau geschlagen worden und hatten sich dann in Unord­nung nach Nord-Tokaokau, südlich von Niutschwang zurück­gezogen unter Zurücklassung von 62 Toten und 6 Verwun­deten. Man glaubt, daß ihre Verluste über 200 Mann be­tragen. In Tokioter militärischen Kreisen erwartet man nicht, daß der Angriff Mistschenkos auf Niutschwang und Niutschiatung weitere Schwierigkeiten bereiten werde. Es seien Maßregeln getroffen worden, um den Abteilungen, die den Angriff ausführten, den Rückzug abzuschneiden und diese Abteilungen müßten daher, wenn sie nicht gefangen werden wollten, den Riickzug ebenso schnell antreten, als sie gekommen seien. Man glaubt, daß Kosaken westlich vom Liau ein großes Umgehungs-Manöver ausführten, um einen Angriff auf die Eiserchahn auszuführen und die schweren Geschütze Nogis, die nach dem Schaho unterwegs sind, abzu­fangen.

Inzwischen ist nun auch der feierliche

Einmarsch der Japaner in Port Arthur vollzogen worden. Eine aus Infanterie, Kavallerie und Pio­nieren bestehende Abteilung marschierte von Norden her in breiter Marschforination unter Hörnerklang durch die alte und neue Stadt. Die Mannschaften waren tief bewegt, als die zerschossenen und blutbefleckten Regimentsfahnen an der Front vorbeigetragen wurden. Die russischen und chinesischen

Einwohner gehen jetzt friedlich ihrer Beschäftigung nach.

Die russische Regierimg hat sich nunmehr bewogen ge­sehen, den Fall Port Arthurs in einem offiziellen Communi- Qué urbi et orbi bekannt zu geben und sich zugleich über ihre ferneren Absichten zu äußern.

Ein Tagesbefehl des Zaren

an die Armee und Flotte betont, daß trotz des schweren Ver­lustes weiter gekämpft werden soll, bis der Feind nieder­geworfen sein wird. Nachstehend das interessante Dokument im Wortlaut:Port Arthur ging in die Hände des Feindes über. Elf Monate währte der Verteidigungskampf; über sieben Monate war die ruhmreiche Garnison von der Außen­welt abgeschnitten. Der Hilfe beraubt, ohne Murren die Ent­behrung und die furchtbarsten moralichen Qualen ertragend, Leben und Blut nicht schonend, hielt eine Handvoll russischer Leute in der festen Hoffnung auf Entsatz die wütenden An­griffe des Gegners aus. Mit Stolz verfolgte Rußland ihre Heldentaten, die ganze Welt beugte sich vor ihrem helden­haften Sinne. Doch täglich lichteten sich ihre Reihen. Die Kampfmittel gingen unter dem Andringen stets neuer feind­licher Kräfte aus, sie mußten ihre Heldentat vollendend, der Uebermacht erliegen. Friede der Asche und ewiges Andenken den unvergeßlichen Russen, welche bei der Verteidigung von Port Arthur umkamen. Fern von Rußland starbt Ihr für Rußlands Sache, erfüllt von der Liebe 311 Kaiser und Vater­land. Euch Lebenden sei Ruhm! Gott heile (Sure Wunden und schenke Euch Kraft und Geduld, die auferlegte neue schwere Prüfung zu tragen! Unser Gegner ist kühn und stark, unsäglich schwer ist der Kampf mit ihm 10 000 Werst fern von den Quellen unserer Kraft. Aber Rußland ist macht­voll. In seinem tausendjährigen Leben gab es noch schwerere Prüfungen und noch drohendere Gefahren, und jedesmal ging es aus dem Kampf neugestärkt und mit neuer Macht hervor. Unsere Mißerfolge sind schwer. Indem wir unsere Verluste beklagen wollen wir uns nicht verwirren lassen. Mit ganz Rußland vertraue ich, daß die Stunde des Sieges bald anbricht; ich bitte zu Gott, daß er die mir teuern Trup­pen und die Flotte segne, damit sie vereint den Feind nieder- werfen und die Ehre und den Ruhm Rußlands stützen.

Die Politik.

35 Nach den neueren Nachrichten vom Kriegsschauplätze scheint die Vereinigung der deutschen Truppen auf dem Kriegsschauplätze vollzogen zu sein. Die Abteilungen Len­gerke, Ritter und Meister haben Fühlung mit einander. Die Hottentotten sind zersprengt und das Ausstandsgebiet ist ge*

säubert.

frankreicb.

25 Nach dem Verlauf der letzten Kammersitzung ist das Schicksal des Ministeriums Combes nur vertagt. Einstweilen hat ihm nochmals die Mehrheit des Parlaments ein Ver­trauensvotum bei der Interpellation über die Politik er­teilt. Aber die Gegnerschaft wird einen neuen Sturmlauf unternehmen, der bereits angekündigt ist. Ein Abgeordneter bat dem Ministerpräsidenten bereits in der letzten Sitzung symbolisch sein Schicksal angedeutet, indem er ihm die Ge- berbe des Hinauswerfens mit Fußtritten vorführte.

Niederlande*

ti? Wie sehr der Friedensgedanke alles Militärische auf- zehrt, wird der Welt durch den Plan recht deutlich gemacht, daß ein Friedenspalais auf dem militärischen Uebungsplatz im Haag errichtet wird. Genau in derselben Weise, wird der Friedensgedanke im Friedensmuseum zu Luzern durch Kriegsgemälde verbreitet.

Russland*

^ Für den Umschwung der Verhältnisse in Rußland ist es charakteristisch, daß der Großfürst Sergius seines Postens als Generalgouverneur von Moskau enthoben wurde und daß einstweilen kein Nachfolger ernannt wurde. Großfürst Sergius ist das reaktionärste Mitglied des Kaiserhauses.

Balkan-btaatetu

^ Im Balkan gährt es ganz gewaltig. Der bulgarischen Regierung traut ohnehin schon niemand, ganz besonders bedenklich aber erscheint die Situation, tveil man befürchtet, daß der jetzige Minister Nicola Pasitsch eine Ablenkung der inneren serbischen Zwistigkeiten nach außen sucht und zu diesem Zlnecke den Balkandreibund zwisäsen Serbien, Bulga­rien und Montenegro geschaffen hat. In Serbien sind die Verhältnisse jedenfalls durchaus unsicher, einmal weil die herrschende Partei mit den unerhörtesten Volksbedrückungen- ihre Position zu halten sucht, sodann weil die Haltung der Dynastie zu den Verschworenen eine neue antidynastische Richtung förmlich großzieht. Aber auch in Bulgarien ist nicht alles int Lot. Die Abdankungsurkunde des Fürsten Alexan­der ist aus dem Staatsarchiv verschwunden. Dieselbe Regie­rung, die dem Souverän die Treue nicht hält, darf auch ihrerseits kaum auf Treue rechnen.

Deutscher Reichstag.

CB Berlin, 14. Januar.

(118. Sitzung.)

Der Beginn der heutigen Sitzung brachte den Besuchern deüâichstages eine arge Enttäuschung. Da die sozialdenw-