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Nr. 164.

Erstes Blatt

Samstag, den 15. Juli 1905

14. Jahrgang

^1ertt««Aprei-: Die einspaltige Petit-eile für ganz Ober- ^^, die Kreise Wetzlar mrd Marburg 10 Pfg- sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile. 30 resp. 40 Pfg.

Nedaktion u. Hauptexpedition: Gießen, Selter Sw eg 88. AernsprechMNfchlnß Nr. POL.

^b^^?E^kSpreiS: abgeholt monatlich 50 $fq.. in^ Haut kracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel jäbrl.Mk. 1.50. GrâtiSbeilage« : Oberhessische Famittenzeièung (täglich) und die Gießener Seifenblase« (wöchentlich).

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

(Gießsrrsv PagebtaLL)

Unabhängig« Hageszeitung

(Hießensr Reifung)

kesselt und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umaelnma

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen J

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politische Rundschau.

Deutsches Reich»

’* Die Verhandlungen zwischen Deutschland und England über die Marschall- und Karolinen-Inseln haben nach einer Erklärung des englischen Ministers des Auswärtigen im Ober hause zri dem Ergebnis geführt, daß zwischen den beiden beteiligten Mächten noch Unterhandlungen schweben wegen einiger Punkte, welche über den Rahmen des Monopols der Jakuitgesellschast auf den Marschall- und Karolinen- Inseln hinausgehen. In England beabsichtigt man die Erwerbung eines Terrains zu einer Ansiedelung für Han­delszwecke. Die englische Regierung steht unter dem Ein­druck, daß das Handelsverbot auf den Inseln kein absolutes sei, sondern daß es wahrscheinlich das Resultat unberechtigter Bedingungen sei, von welchen die höheren Behörden keine Kenntnis haben.

* Das deutsch-französische Abkommen über Marokko soll beim SultlULshose in Fez große Befriedigung hervorgerufen haben. Die deutsche und die französische Gesandtschaft reisen gleichzeitig von Fez ab. Sie werden vorher dem Sultan Rat für die Abfassung des Programms für die Marokko- Konferenz erteilen.

* Mit der Revision des Krankenkassengesetzes beabsichtigt die Regierung dem Vernehmen nach nicht bis zur allgemeinen Umarbeitung der ganzen Arbeiterversicherungsgesetzgebung zu warten. Vielmehr f^K für die nächste Reichstagssession bereits die Vorlage einer Krankenkassen-Novelle zu erwar­ten sein.

* Der preußische Kultusminister von Studt soll sich zur Frage der Gehaltsregnlierung der Volksschnllehrer geäußert haben, sobald das neue Volksschulunterhaltungsgesetz zstande gekommen und durch Kommunalisierung die Lasten per Volksschulunterhaltung auf breitere Schultern gelegt sei, werde es sein Bestreben sein, die berechtigten Wünsche der preußischen Lehrer zu erfüllen. Darnach stände also die Kommunalisierung der Schulen mit der Gehaltstage im engsten Zusammenhang.

Oesterreich-Ungarn

Das österreichische Herrenhaus hat den Handelsvertrag mrt dem deutschen Reiche, sowie das Ermächtigungsgesetz betreffend die provisorische Regelung der Handelsbeziehun­gen mit der Schweiz und Bulgarien angenommen.

Russland»

** Eine amtliche Mitteilung über die revolutionären Vorgänge im Kaukasus ist bemüht, diese als vergebliche Ver­suche der aufständischen Parteien in Tiflis hinzustellen, die indessen als gescheitert zu betrachten seien. Die russischen Arbeiter in Tiflis, so besagt die Veröffentlichung der Regie­rung, bildeten ein konservatives Element, und es sei dort öfters die Ermordung solcher durch Revolutionäre vorge- tommen. Ueber die Bombenfunde in Tiflis wird ferner berichtet, daß ein Bonibenlaboratorium entdeckt worden ist, in dem vier gefüllte und 24 unfertige Dynamitbomben, so- n>ie gegen 500 Pakete mit Dynamit und Nitroglycerin usw. gefunden wurden. Der Versuch der Laboranten, eine Ex­plosion zu verursachen, wurde durch die Umsicht der Polizei vereitelt. Während der Haussuchung wurden in den um­liegenden Gärten Gewehr- und Nevolverschüsse gewechselt. Insgesamt wurden dort zwölf Personen verhaftet. Ein Laborant brühte im Gefängnis Selbstmord. — Auch in Moskau ist wieder in einem Keller eine Bornbenfabrik V dE'' es erfolgte eine Explosion, durch die der ganze Jtaum zerstört und drei darin befindliche Personen zër- wurden. — Ferner wurden in Grodno durch ein auf den Polizeimeister dieser und eine An- 3ai)l JSouâpten ferner verwundet. — In den Arsenalen in ~ unö ^ ^c 1 f a sind Massendiebstähle an Wassen unb ^airor- en entdeckt. In einem Eisenbahnmagazin der d^non Sai»ara wurden eine Million Rubel versteckt vor- ATe ^Olnerzett vom Roten Kreuz nach Ostasien ab- gegangen war. - In Riga wurde evolutionärer Schriften beschlagnahmt; ein «S Ä .».«Mi»««/ - Der Mörder des

SU6 hui»

Grafen Schuwaloff in WZosf^ /

Bürger Lehrer erkannt. Er ist sricherer Peters-

* Komitees, das den Grafen Schm^

üilt hatte. 1 ^wuwaloff zum Tode verur-

Hsien.

" Tic- Fricdensnussichtcn im rHfflirf|=j(U,nll;Mlrn ®r!,n lieben burcl) ^ie Ernennung Wittes zum -iâ^l»" i^.^ Handler entschieden an Aussicht gewannen? Witt" ist von Anfang an dem Krieg- abgeneigt gewesen, und man kann an nehmen, daß er mit Sim Kräften einen ehrlichen und I ^"'^^en Frieden anstreben irird. Der japanische Gesandte m Peking hat Verhaudlungeii wegen eines besonderen Ab- I immens mit China über das künftige Schicksal der Man- I Achurci eingeleitet. Japan will also China von den ' houdlungeu fern holten und später "'ber die ândschurei direkt mit dem Reich der Mitte verhandeln. Die K vwi Wladiwostok ist jetzt äußerst streng. Keines ocr 1 russischen Schiffe versucht, den Hafen zu verlassen. Nur I âpedcbcote wagen sich bis zur Hafenausfahrt vor. Das

chinesische Postamt in Shanghai gibt bekannt, daß die Ver­bindung zwischen Niutschwang und allen Städten der west- lieben Mandschurei einschließlich Charbins unterbrochen ist.

F)of und Gesellschaft.

Anläßlich der Begegnung des Kaisers mit dem Wnig und dem Kronprinzen von Schweden auf der Reeds von Gefle ist König Oskar vom Kaiser unter Stellung â, la suite der deutschen Marine zum Großadmiral ernannt. Zu Ehren des Königs Oskar hatte ein Diner an Bord der Jacht „Hohenzollern" und, als Kaiser Wilhelm den Besuch der schwedischen Fürsten auf der Königsjacht „Trott" er­widerte, dort ein Frühstück stattgefunden. Der Kaiser ist sodann an Bord der „Hohenzollern" nach Sundsval in Lee gegangen.

*** Prinz Adalbert von Preußen, der dritte Sohn des Kaisers, vollendete gestern sein 21. Lebensjahr. Der Prinz verlebte seinen Geburtstag bei seiner Mutter und seinen jüngeren Geschwistern in Cadinen.

*** Seinen achtzigsten Geburtstag beging gestern Prinz Heinrich VII. R e u ß. Er war ein bewährter Mit­arbeiter des Fürsten Bismarck und bekleidete nach einander den Posten drs deutschen Botschafters in Petersburg, Kon­stantinopel und Wien.

Amnestie und Begnadigung.

(Eig. Bericht.)

Paris, 13. Juli.

Die heutige Sitzung der Deputiertenkammer hat einen überraschenden Verlauf genommen und zugleich aller Welt den feinen Unterschied zwischen Amnestie und Begnadigung sinnfällig gemacht. Bisher war man auch schon der Mü- nung gewesen, daß Begnadiugn eine Amnestie ohne Redens- nung gewesen, daß Begnadigung eineAmnestie ohneRedens- aber das zu erkennen mußte man ein feiner Kopf sein und seine Prüfungen in der chemischen Begriffsküche bestanden haben. Jetzt aber hat man ein lebendiges Beispiel vor Augen, der praktische Anschauungsunterricht hat auch den Begriffsstutzigen so belehrt, daß er im'Schlafe anzugeben vermag, was Amnestie und Beguadigung von einander trennt. Der Amnestierte ist straflos, der Begnadigte ist es auch. Ter Amnestierte aber ist durch ein Gesetz begnadigt, nährend der Begnadigte duch einen von der Zustimmung des Ministeriums getragenen Willensakt des Staatsober­hauptes amnestiert ist. Wem das noch nicht klar ist, der braucht bloß einen Bericht über die heutige Sitzung der Deputiertenkammer und die nachfolgenden Entschließungen des Präsidenten ßoubet zu lesen.

Es ist bekannt, daß die französische Republik einen viel- bundertköpfigen Souverän hat, nämlich die Deputierten- kammer. Es ist selbstverständlich, daß dieser vielköpfige Souverän entsprechend viele Ansichten und Meinungen hat, und daß es nicht immer gawz leicht ist, die Meinung Her-« auszilfinden, die gerade die maßgebende und souveräne sein soll. Jeder der vielen Köpfe hat seine besonderen An- häuger, und so ist es natürlich unvermeidlich, daß nicht all­zuselten ein Teil des Souveränitätsgefolges sich in Wider- spruch zu dem eben herrschenden souveränen Willen befin­det. Der Widerspruch ist manchmal so grell, seine Aeuße- rmm so hochverräterisch, daß man eine Aussöhnung der Gegensätze und eine Wiederherstellung der einigen und unteilbaren Souveränität für kaum möglich halten sollte. Unter solchen Umständen ist die Amnestie ein be- mähr!e§ Allheilmittel. Die feindlichen Parteien erlassen ein Amnestiegesetz, d. h. sie erklären in der Form eines Ge­setzes, daß bestimmte Dinge als nicht geschehen, angesehen werden, daß sie mit ewigem Vergessen bedeckt sein sollen. Ein derartiger gesetzlicher Lethetrunk wird in ziemlich gleich­mäßigen Zwischenräumen verschrieben, um auf Verab­redung das aus der Erinnerung zu löschen, was bei wieder­holter Erörterung nur mit erneuter Peinlichkeit wirken würde.

Die seltsame Methode, die der vorige Kriegsminister General Andrä wohl nicht direkt angeordnet, aber zugelassen hatte, durch Anfragen bei der Freimaurerloge Erkundi­gungen über die politische Gesinnung der Offiziere einzu­ziehen und danach deren Beförderung zu bestimmen, war jiemUch allgemein verurteilt, jedenfalls von keiner Seitc verteidigt worden. Herr Andrä hatte seinen Abschied ge­nommen, ihn nehmen müssen, obwohl festgestellt werden konnte, daß man auch von der anderen Seite bezüglich der Mittel der Gesinnungserforschung nicht sehr wählerisch ge- wesen war. Die Parteien rieben sich deswegen aneinander bis sie beide schäbig geworden, und nach Erreichung dieses schönen Zieles entschloß man sich, zum diesjährigen National fest dem Aergen nis durch eine Amnestie ein Ende zu machen Bei der Gelegcnheit wollte man auch noch einige andere alte Rechnungen begleichen und eine Anzahl politischer Schrei­hälse, die sich vor Jahren unbequem gemacht und dasm durch zwangsweisen Aufenthalt im Ausland gebüßt hatten, aus der Ve?baniiung heimrufen. Unter diesen Schreihälsen war Därouläde, der Allfranzose und Deutschsresser der be­tonn teste. Die nationalistische Miiiderheit, glaubte aber.

ui verlieren „,^E â" Nu, r, Minen. Eie hatte 'mqis ^raucht durch itc die 6?oiimmg nicht aufzugeben

Kampfes gegen den früheren »n K» u*'“?1 Newinneir Ueberdies war sie ?s'â>t darauf begierig. Herrn Drirouldde wieder nur den Pariser Boulevards zu begegnen. Tie Folqe davon war ' ''V«.L^ Slmneftiegerels in der heutigen Sitzung nicht bloss nicht schweigend bewilligte, wie es der Brauch verlangt, son- KeneÄ^inÄ" ^'" drohst die alten Angriffe gegen ben ©enerzil Andr^ erneuerte. Der Trputierto Lasics der der Nationalisten das Wort führte, wurde von den Sprechern der anderen Parteien und von dem jetzigen Kriegsminister Berteaur nicht gerade sünftiglich behandelt ! âls unpatrwtlscher Störenfried an den Pranger ge- stellt Danoch verließen die Minister den Saal, die Sitzung wurde unterbrochen, und als sie nach einiger Zeit, während deren der Senat einige Steuergesetze durch Annahme er­ledigte, wieder eröffnet wurde, verkündete Ministerpräsident ^uvwr den Schluß der Parlamentssession bis zum Oktober Die Mehrheit machte lange Gesichter, denn das Amnestie­gesetz war mitvertagt; die Minderheit dagegen strahlte vor Vergnügen, aus demselben Grunde. Zwei Stunden später waren die. Rollen vertauscht, strahlte die Mehrheit, ärgerte sich die Minderheit; denn mittlerweile hatte auf Empfehlung des Kabinetts Präsident Loubet alle die Personen begna­digt, zu deren Gunsten das Amnestiegesetz hatte erlassen werden sollen.

Wer aber jetzt den Unterschied zwischen Begnadigung und Amnestie noch nicht kennt, dem ist nicht zu helfen. ,

Soziales Leben.

=1= Freiwillige Lohnaufbesserung. Ta die große Hitze der legten Zeit besondere Anforderungen an die Angestell­ten der Allgemeinen Omnibusgesellschaft in Berlin gestellt hat, die Beamten aber bieten erhöhten Anforderungen in eifriger Weise nachgekommen sind, hat die Generaldirektion der Gesellschaft sich entschlossen, den Kutschern wie den Tränkern eine dauernde Ausbesserung zukommen zu lassen, ohne daß ein Verlangen von feiten der Angestellten erfolgt wäre. Bei den Kutschern ist das Anfangsgehalt um 5 Mk. erhöht wordm, so daß He jetzt 95 Mk. monatlich vom ersten Tage ihres Eintritts an erhalten. Ter Tagelohn der Trän- ker ist um 25 Pfg. erhöht worden. Sie beziehen jetzt 4 Mk. mit Rückwirkung vom 1. Juli an.

=t= Arbeiter-Wr.hlfahrtseinrichtnngen. Die Zentltckstelle für Arbeiter-Wohlfahrtseinrichtungen wird auch in diesem Jahr^ eine Informationsreise unternehmen. Tie^Reise be­ginnt am 4 September, dauert bis zum 14. September iind berührt die Städte Göttingen, Kassel, Frankfurt a. M., Worms und Ludwigshafen.

4= Milchkur für Arbeiterkinder. Die Elberfelder Far­benfabriken vornu Friedr. Bayer u. Co. machen durch An­schlag bekannt, daß sämtliche Kinder der Arbnter wahrend der Herbstferien eine Milchkur auf Kosten des Werkes durch- mackwn sollen. — Jedem Arbeiter wird im dime leiner Erkrankung neben der üblichen Kvankenunterstutzung ein Zuschlag von 50 Prozent seines Lohnes für die ganze Dauer seiner Krankheit gewährt.

4= Fürsorge für städtische Arbeiter. Ungefähr 30 deutsche Städte haben eine besondere Altersversorgung für Stadt­arbeiter geschaffen. Ein direkter Rechtsanspruch aus diese Versorgung wird von München gewährt, dafür werden aber den Arbeitern Beiträge auferlegt. In Altona i|t die Sache ähnlich geordnet. Vielfach ist die Entlassung versorgungs- fähiaer Arbeiter an besondere Erschwernisse und Zustuw ninnq der Stadtverordneten geknupst. ^n Breslau hat sich der Magistrat dafür ausgesprochen, daß eine Entlassung von Arbeitern niemals wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer poli­tischen oder kirchlichen Partei oder wegen ihre^ » en für die gewerkschaftliche Bewegung und das Arbeiter- koalitionsrecht erfolgen darf.

Fker und flotte»

Errichtung einer Munitionsfabrik. Die Emchtung Hncr großen Munitionsfabrik in Mainz wird »an fisku? beabsichtigt. Die Verhandlungen über die Gelande- amerbung sind in die Wege geleitet

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's Der Sonnenhof Kaiser Wilhelms IL D^ein^An" Mnderhort zu Spandau hat ^er^ Kindern der statt für Dersoraung u^ einc Beihilfe von Arbeiter der Militarwerkpattcn n rz^ ^ ^ 44 000 Mark s°ll di° Anstalt den zugesagt. Nach dem l Wjltzolms II." fuhren. Namen „Sannenhof Kaiser ^ Dem Reichskanzler t Die Erbschaft des Kur, n - ^^ ^^^aft, die ihm der ist, wi? jetzt bekannt wir-, d ii|rn Hinte,lassen Bat

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