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Nr. 138.

J«fertto«SpreiS t Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­heften, die Kreise Wchlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Hauptexpedition: Gießen, Seltersweg 83.

Fer»sprechâ«schl«ß Rr. 868.

Donnerstag, den 15. Juni 19u5.

Gießener

Quelle Aachri

(Gießener GageSratt)

Zlnaöhängige Tageszeitung

14. Jahrgang

AbonnementSpreiS: abgehslt monatlich 50 Pfq., in^ Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährl.Mk. 1.50. Gratisbeilage« : Oberhesfifche Famittenzeituug (täglich) und die Gießener Seife«blase« (wöchentlich).

Das Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.

(Gießener Zeitung)

für O^Eessm und die Kreise Marburg und Wetzlar; LekalarrZeiger für Gèes?m und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

l)er Krieg in O Italien.

Immer zahlreicher werden die Stimmen in Rußland, die sich gegen den Friedensschluß aussprechen. Ein

angeblicher Protest Lcnewitschs gegen den Frieden ist zwar zweifellos apokryph, aber er spiegelt trefflich wie­der, was man in leitenden russischen Armeekreisen über die Frage der Fortführung des Krieges denkt. Es heißt .darin: u. a.:

Der augenblickliche Moment nach den Schlachten von Mukden und Tsuschima ist nicht geeignet zu Friedensver- handlungen. Der Feind wird zweifellos, trunken durch die

Erfolge, Bedingungen stellen, die die Ehre unseres Lan­des schädigen. Es ist jedoch kein Grund vorhanden, dhese Bedingungen anzunehmen- denn wir sind noch nickt in einer derartigen Notlage. Ich hoffe, im Verlaufe d. Mts. in der Lage zu sein, die Offensive zu ergreifen, durch die die ganze Sachlage geändert werden wird.

Lenewitsch wird, wie gesagt, kaum der Verfasser dieses Dokuments sein, der das Datum des 10. Juni trägt, wo Roosevelts Vorschlag eben erst in Petersburg bekannt wurde. Der Wirkung seiner Beweisgründe tut das aber keinen Ab­bruch. Daß der

Standpunkt der russischen Regierung in der Friedensfrage, wie schon mehrfach betont worden ist. kühl abwartend ist, geht aus der Fassung des offiziellen Ant­worttelegramms an Präsident Roosevelt deutlich hervor. Darin steht: Was die eventuelle Zusammenkunft von russi­schen und japanischen Bevollmächtigten betrifft, die die Auf­gabe hätten, zu prüfen, bis zu welchem Punkte es den beiden Mächten möglich wäre, Friedensbedingungen auszuarbeiten, hätte die kaiserliche Regierung im Prinzip nichts gegen einen derartigen Versuch einzuwenden, wenn Japan den Wunsch danach ausdrückte. Es ist kaum anzunehmen, daß ^ie russischen Bevollmächtigten es für möglich finden wer -en, auf den von Japan gewünschten Bedingungen einen Friedensvertrag aufzubauen

* *

Die Insel Sachalin.

Sm äußersten Osten liegt die Insel Sachalin, der Mün­dung des Amurfluffes gegenüber und sie beherrschend, un­wirtlich durch das Klima, unwirtlicher noch durch ihre Be­wohner. Eine Verbrecherbevölkerung hat sich dort nieder­gelassen nicht freiwillig, wie man sich denken kann, und Einschränkung der Freiheit im Verein mit aussichtsloser wirtschaftlicher Einengung hat ihre Sitten nicht eben gemil­dert. Von der Insel gibt es keine Flucht, und auf derJnsel bestünde die Freiheit, d. h. die Entziehung von der Aufsicht, nur in der gesicherten Anwartschaft auf den Tod durch Ver­hungern oder Erfrieren.

Und doch ist die Insel Sachalin ein Gegenstand des Streites. Nicht zum erstenmal. In früheren Zeiten hatten die Chinesen die Oberhoheit über den nördlichen, die Ja­vaner über den südlichen Teil. Dann nahm Rußland die Insel in Besitz. Vielleicht nur, damit keine fremde Macht in der Lage sei, die AmurmürOung in den wenigen eisfreien Sommermonaten zu sperren. Die russische Herrschaft bat ore schwersten Verbrecher nach Sachalin gebracht, an der Be- BrirtfHaftung der Insel aber nichts geändert Eine Gesell­schaft organisierte dort den Kohlenbergbau Die Sträflinge waren die Arbeiter, die sich mit bem' kärglichsten Lohn be- gnugen mussten und deren Leistungen sich in den entsvrechen- den Grenzen hielten. Ihren Gewinn zog die ©efeHfcbaft in der Hauptsache aus der entlohnten Gefälligkeit der Gouver­neure, die durch einen seltsamen Vertrag in der Lage waren durch Entziehung von Arbeitern den Unternehmern Entschä­digungen aus der Staatskasse zuzuführen. Konnte der Gou- verncnlr eine gewisse Zahl von Sträsiingsarbeitern nicht stellen, so mußte der Staat an die Gesellschaft ein Bestimmtes zablen. Gesellschaft und Gouverneur haben nie Klage ge­führt. Der Kohlenbergbau blieb freilich nach Art und Um­fang reckt kiimmerlich.

Die Japaner wollen jetzt, wie es heißt, die Insel Sachalin als Siegespreis in Anspruch nehmen. Da die Insel be­gehrt wird, steigt sie plötzlich in der Schätzung. Nicht bloß Kohlen, ailch Edelmetalle und Diamanten berge sie in ihrem l Schoß. So wird behängtet. und niemand ist in der Lage die Nichtigkeit dieser Angaben in Abrede an stellen Man kennt eben die Bodenbesckaffenheit der Insel heute so wenig wie früher. Die Russen haben nichts getan, sie aufzu- sckließcn, und die Vorbesitzer haben es auch nicht getan. Möglich, daß es anders wird, wenn jetzt die Japaner wieder die Herrschaft übernehmen. Denn die Japaner selbst sind mittlerweile andere geworden: gewerbefleißig und gewerbe­kundig, in jeder Technik geübt und erfahren. Sie werden f jedenfalls ehrlichere Wirtsckafter sein, selbst wenn sie

entschließen, die russischen Deportierten als freie Kolonisten zu behalten.

1 Die Politik.

F &*£ Die Auswanderung über deutsche Hafen war ut den ersten fünf Monaten dieses Jahres besonders stark. Fnsge- 'E wanderten über Hamburg 66 815 Personen (6241

Deutsche), über Bremen 106 295 (6408 Deutsche) aus. Für Hainluirg wird diese Ziffer in den letzten fünf Jahren nur vom Jahre 1903 übertroffen, wo 73 635 Personen in den ersten fünf Monaten auswanderten-, dagegen läßt die Bre­mer Auswanderimgsziffer dieses fünfmonatigen Zeitraums alle übrigen Jachresziffevn mit 52 433 (1904), 83 442 (1903), 72 259 (1902) und 55 566 (1901) weit hinter sich. Weitaus die meisten Auswanderer gingen nach den Ver­einigten Staaten. *

Ä Die diesjährige Hauptversammlung der deutschen Ko- lonial-Gesellschaft, die m Esten unter dem Vorsitz des Her­zogs Johann Albrecht zu Mecklenburg-Schwerin zusammen- trat, stand fast ganz im Zeick^en S ü d w e st a f r i k a s. Wie in Koloniaalkreiscn verlautet, soll der Vizepräsident des Reickstags, Dr. Paasche, die Absicht haben, demnächst zum Studium der einschlägigen Verhältnisse nach Ostastika zu reisen.

Frankreich.

r^3 Die günstige Wendung, die die offiziellen Bcziehnngen zu Deutschland genommen haben, spricht sich in einer Maß­regel aus, die der französische Marineminister getroffen bat. Er gab bem Marineattackee der deutschen Bo»schaft in Paris. Konteradmiral Siegel, die Erlaubnis, den Kciegshafen und die Marineetablissements in Brest eingeheno zu besichtigen. Das ist eine überaus zuvorkommende Haltung, die bisher nickt geübt wurde und nicht nur nach Courtoisie, sondern nach einem gewissen Vertrauen schmeckt. Die Pariser Presse hebt denn auch das Verfahren des Marineministers als eine ganz besondere Freundlichkeit gegen Deutschland hervor.

Niederlande*

0 Die Kämpfe in den Kolonien wollen kein Ende nehmen. Auf der Insel Celebes wurde die Fest-rng Parah Pareh von Aufständischen angegriffen, die allerdings mit Hinterlassung von 500 Toten zurückgewiesen wurden, während die hollän- dische Garnison nur zwei Verwundete hatte. Daß die rebellischen Eingeborenen aber wirklich bezwungen werden, daran ist vor der Hand nicht zu denken.

Skandinavien.

Wie zu erwarten war, ist ein Protest König Oskars gegen die Neuordnung der Dinge in Norwegen jetzt auch in a,lsführlicher Form erfolgt, nachdem der König gleich zu Anfang in einem kurzen Telegramm seine Absetzung für un- giltig erklärt hatte. In einem längeren Schreiben an haë Storthing führt er jetzt aus, daß er dem Konsulatsgesetz nicht seine Zustimmung hätte erteilen dürfen, da es gegen die Verfassung vergoßen hätte. Den Beschluß des Storthing, die Union zu lösen, bezeichnet er als unverbindlich für ihn und für Schweden. Erst der schwedische Reichsrat würde entscheiden, ob dieser Beschluß zur Aufhebung der Union führen solle oder nicht. In Christiania hat man die könig­liche Kundgebung höflich aber mit kühl ablehnender Ruhe cntgegeugenomnlen. Die provisorische Regierung ist fest ent­schlossen, auf dem einmal beschrittenen Weg weiter zu gehen, und wird darin durch ungezählte Sympathiekundgebungen aus dem Lande bestärkt. In ihnen allen wird versichert, daß die Bevölkerung bereit wäre, jedes Opfer zu bringen, das zur Durchführung 'der vom Storthing und der Regierung getroffenen Maßnahmen gefordert würde.

Russland.

cf Der Ausschluß der Juden aus der künftigen Volks­vertretung soll nach zuverlässiger Quelle unabänderlich be­schlossen sein. Der Entwurf Bulygins erklärt, daß es ein unlösbarer Widerspruch sein würde, die Israeliten bei dem Bestehen ihre Rechte beschränkender Gesetze zur Ausübung des Wahlrechts oder gar zur Mitarbeit in der Volks­vertretung zuzulassen.

Griechenland.

0 Der Ministerpräsident Th. P. Delhannis ist ermordet worden. Ein 80jähriger Greis, dessen große Verdienste um sein Vaterland nicht geleugnet werden können, trotzdem die von ihm inaugurierte großzügige Politik in der Kretafrage in dem unglücklichen Kriege mit der Türkei einen fdimeren Stoß erlitt, ist dem Messer eines Rowdys erlegen. Der Mörder Delyannis' handelte nicht aus politischen Motiven, wie man in der ersten Bestürzung annahm. Charakaris, so heißt er, ist ein berufsmäßiger Spieler und wollte sich an dem alten Herrnrächen", weil dieser vor einiger Zeit die Schließung der Spielhäuser berbeigeführt hatte. Deshalb lauerte er ihm am Eingang gut Deputiertenkammer auf. E^ sprach sein Opfer, als es aus dem Wagen stieg, erst an grüßte, küßte ihm die Hand und stieß ihm dann plötzlich das Messer in den Unterleib. Der Mörder war übrigens s wegen Tötung seiner eigenen Frau zu 18 Jahren'Gefängnis verurteilt worden.

Hfrika.

D» Daß Deutschlands Eintreten für die Aufrechterhaltunq des Status quo in Marokko beim Sultan dankbare Ge- (Innungen erweckt hat, hat seinen äußeren Ansdruck in der Tatsache gefunden, daß die Konzession zum Ausbau des Hafens von Tanger einer deutschen Firma verliehen worden ist Die Zahlung für die Arbeiten soll ohne Zinszuschlaa auf einen Zeitraum von zehn Jahren verteilt werden.

A Aus Sansibar kommt die Nachricht, daß Tippo Tipp ge

storben ist. Tippo Tipp war ehemals Sklavenhändler und hat in Aequatorialafrika bis zu seinem Tode große Macht und Ansehen genossen. Er unterstützte Stanley und Wiss­mann bei ihren Forschungsreisen. Von Stanley wurde 1887 mit ihm im Namen des belgischen Königs Leopold ein Ver­trag behufs Aufrechterhaltung der Souveränetät des Kongo- staates am oberen Kongo geschlossen. Tippo Tipp wurde darin zum Gouverneur der Station Stanleyfalls ernannt Seine eigentlicheResidenz" war im Kasongoreich am Lua­laba. Eigentlich hieß Tippo Tipp Hamed ben Mohammed und war arabischer Abkunft. Als die Kongoregierung ener­gisch auf Aufgabe des Sklavenhandels drängte, verließ Tippo Tipp seine Station und liebelte sich in Sansibar an.

beer und flotte.

Der deutsche Kriegerbund hat soeben seinen 30. Geschäfts- Seridjt, der die Jahre 1903 und 1904 umfaßt, heraus­gegeben. Dem Bericht entnehmen wir die Daten, daß der Bund am 1. April 1905 16 967 Vereine mit 1 458 923 Mit- aliedern, darunter 271 826 Veteranen, gezählt hat. 358 062 Mark hat der Bund in den beiden Berichtsjahren für Kame­raden oder ihre Witwen gezahlt, außerdem wurden für die wer Knegswaisenhäuser weitere 401 788 Mark aufgewendet, so daß der Bund 759 850 Mark in zwei Jahren für seine Wohlfahrtspflege ausgegeben hat.

bof und Gesellschaft

*** Der Kaiserhat dem Chef der französischen Spezial­mission, die zu den Hochzeitsfeierlichkeiten des deutschen Kronprinzen in Berlin anwesend war, eine besondere Ueber = raschung zugewendet. General Lacroix erhielt vor der Ab­reise die Photographie des Kaisers ins Hotel gesandt mit der Unterschrift:Döberitzer Lager, den 10. Juni 1905 " Die Gräfin Stefanie Lonyay, die frühere Kronprinzessin von Oesterreich, die zum Kurgebrauch in Wiesbaden eingetroffen ist, erhielt vom Kaiser ein Begrüßungstelegramm.

A Bei seinem Aufenthalt in Hannover gedenkt der Kaiser eine Fahrt durch die Lüneburger Heide zu unter­nehmen. Sie soll im Automobil gemacht werden und 4 bis 5 Stunden dauern. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Kaiser auch einige industrielle Etablissements in der Heide besichtigen wird. Das Ziel der Fahrt ist Hamburg, wo das Eintreffen des Kaisers am Abend des 17. Juni erwartet wird.

*** Der Einzug des deutschen Kronprinzen mit seiner Gemahlin, der Kronprinzessin Cecilie, in Potsdam soll schon am 20. Juni erfolgen. Das Kronprinzenpaar be­gibt sich von Schloß Hubertusstock mittelst Bahn nach Berlin und vom Stettiner Bahnhof daselbst per Wagen nach dein Potsdamer Bahnhof. In Potsdam bilden vom Bahnhof bis zum Fortuna-Portal des StadtMosses die Gewerke und Schulen Spalier, von dort bis zum Marmorpalais nimmt die Garnison Aufstellung. Dem Publikum soll auch bei der Einholung in Potsdam der weiteste Spielraum gegönnt und ihm namentlich überall der Bürgersteig freigegeben werden. Inzwischen hat das Kronprinzenpaar auch schon einmal einen kurzen Abstecher von Hubertusstock nach Wild­park gemacht und war von dort nach dem Potsdamer Bahn­hof in Berlin gefahren, um den Großfiirsten Mickael von Rußland, den Großvater der Kronprinzessin Cecilie, auf der Durchreise von Baden-Baden nach Petersburg zu begrüßen.

Der S ch a h v o n P e r s i e n ist auf seiner diesjäh­rigen Europa-Reise in Lemberg angelangt, von wo er sich Ende dieser Woche nach Wien begiebt. Er nimmt dort in der Hofburg Wohnung.

Soziales Leb^n.

tArT,!^^^ '" P«..s,en. DieStatist Korr"

beschäftigt sich mit den Gemeindesieuern der Preußen Städte von mehr als 10 000 Einwohnern und stellt fest d^k

kommens be

unb 6 stgar ernen .olchen von mehr als 250 v. H. Nicki weniger als 58 v. H. aller Städte von mehr als 10 000 Ein- wohnen, erheben also mehr als 150 v. H^ Kommunalst io ^ Vem r^C^ des in Lübeck abqehaltcnen AF itf^ern^ Mwinnt man eine inter-

cssantc Uebersicht über den Um lang der beruflichen Unfall» ber 1 sSfLpJ^^ der jetzt zwanzigjährigen Tätiakeit ^ii i-d^. ^^^ssenschafteu betragen die gezahlten Unfall- entjchadignngen mehr als eine Milliarde Mark der Reserve-- fonds stellt sich auf 170 Millionen Mark, die Zahl der Per- sicherten hat fich verdreifacht und beträgt jetzt 7,5 Millionen.

ebangelisch-soziale Kongreß, der unter Vorsitz des Prosejsoro Harnack in Hannover tagte, proklamierte eifriaes Weitersireben für den Ausbau der Arbeiterschutzgesetzgebung.