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Nr. 90.
Erstes Blatt
Samstag, den 15. AvEi9u5.
14. Jahrgang
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Die Leiden unserer Südwestafrikaner
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Liaojang — Port Arthur — Mukden — Nabas
Vier Namen von exotischem Klang. Alle vier aktuell als Stätten schwerer Kämpfe in fernen Zonen. Wem in ganz Deutschland wären die drei ersten nicht vertraut, wie wenige kennen den letzten! Und doch sollte es eher umgekehrt sein. Wohl ist das fieberhafte Interesse begreiflich, mit dem man bei uns den Gigantenkampf im fernen Osten verfolgte. Die Bewunderung für die herochchen Taten der beiden Gegner, das warme Mitleid mit ihren unsäglichen Leiden war vollauf verdient. Aber der Name Nabas sollte diese Ge> fühle erst recht in einer deutschen Brust auslösen. Jedes deutschen Mannes Herz muß qualvoll zucken, wenn er aus jept angelangten Spezialberichten vernimmt von dem Martyrium unserer braven Südwestafrikaner; muß vor Stolz aufjauchzen, wenn er liest, wie sie mannhaft standgehalten bis zum letzten Tropfen Wasser, bis zur letzten Patrone, bis zum letzten Mann, und wie chr entsagungsreicher Mut doch schließlich den deutschen Farben zum Sieg verholsen.
Das Gefecht bei Groß-Nabas bezeichnet eine der furchtbarsten Stationen auf dem Leidenswege unserer Braven. Nachdem der Feind bei Stampriet- fontein am Silvesterabend 1904 nach hartem Kampf gewor- fen worden war, ließ Major Meister ihn, so schnell es die Erschöpfung von Mann und Vieh zuließ, verfolgen. In der Richtung auf Groß-Nabas zu, wo er ihn mit Recht vermutete, da bort das Klippengelände den Witbois und Hereros den besten Stützpunkt für ihre Kampfesweise bot. Am Morgen des 2. Januar erhielt denn auch schon die deutsch Spitze heftiges Feuer auf nahe Entfernung. Zwar räumte der Feind, nachdem er Geschützfeuer erhalten hatte, bald diese Position, aber es zeigte sich, daß er in einer zweiten, wohlvorbereiteten, festungartig verschanzten umso zäheren Widerstand leistete.
Die Klippenfestung.
Er hielt einen klippenreichen, in der Front fast sturmfreien Höhenzug besetzt, der sich von dem höheren Dünen gelände nach dem Flußtal allmählich herabsenkte. Wie später durch Gefangenenaussagen festgestellt wurde, standen hier der größte Teil der Witboi unter Hendrik, die Hottentotten unter Freymann und die Leute aus Hoachanas unter Manasse; mit ihnen hatten sich noch etwa 300 Herero unter Fredrik, dem Sohne Mahareros, vereinigt, alles in allem 1000 bis 1100 Gewehre mit reichlicher Munition — mithin eine fünf- bis sechsfache Ueberlegenheit.
Zwei Tage im Feuer.
Es soll hier keine strategische Uebersicht über den Verlauf des Gefechtes gegeben werden, das zwei Tage andauerte. Nur einzelne Episoden aus dem heroischen Ringen unserer Truppen sollen hier in knappenStrichen gezeichnet werden. Stoß auf Stoß erfolgte gegen die vom Feinde besetzten Klippen unter dem heftigsten Feuer des Gegners, der mit Munition überreichlich versehen war. Der Tod hielt reiche Ernte unter der kleinen Schar. Trotzdem rückten einzelne Züge bis auf 200 Meter an die feindliche Stellung an. Nachmittags wurde ein heftiges Feuergefecht unterhalten. Bisher hatte die Gefechtsfähigkeit der Truppe nicht gelitten, da es möglich war, sie tagsüber mit frischem Wasser ^i versehen. Allein im Laufe des Nachmittags begannen sich die Wassersäcke und Wagen zu leeren. Gegen 5 Uhr nachmittags wurde der letzte Trunk Wasser gereicht — dann war's zu Ende, und nun kam der schrecklichste Feind südafrikanischer Kriegführung, der Durst
Durstesqualen.
Mit Einbruch der Dunkelheit wurde das Feuer auf beiden Seiten schwächer, um wieder aufzuflackern, sobald irgendwie Bewegung beim Gegner bemerkt wurde. Es konnte etwas Brot in der Schützenlinie gereicht werden, aber keiner vermochte es zu schlucken, die Zunge klebte am Gaumen. Vor allem litten die Verwundeten unter dem Wassermangel. Solange der Feind nicht von der besetzten Wasserstelle verjagt wurde, bestand jedoch keine Möglichkeit, auch nur einen Tropfen Naß zu erhalten. Gegen 10 Uhr abends bezog sich der Himmel mit schweren, bunden Wolken, es schien ein Gewitter niedergehen zu wollen. Um den erhofften Regen aufzufaUgen, wurden, alle Zeltbahnen angespannt,. und manch heißes Gebet um Regen mag zum Himmel empor- aestiegen sein. Allein es erhob sich ein sturmartiger Wind und zerstreute die Wolken. Die Truppen verbrachten die Nacht, das Gewehr im Arm, in der Schützenlinie, jeder zweite Mann durfte schlafen: aber vor brennendem Durst vermochten nur wenige den ersehnten Schlummer zu finden.
Hitzschlag und Wahnsinn.
Am nächsten Tage wurde die Lage für die Deutschen unerträglich Tas Feuer des Feindes nahm an Heftigkeit zu und fügte ihnen schwere Verluste bei. In der grellen Sonne, halbverdurstet, erlagen die seit 30 Stunden ununterbrochen kämpfenden Schützen dem Dämon Durst. Mehrere Leute hatten bereits angefangen, das aufgefangene Blut getöteter Pferde zu trinken. Eine Anzahl Hitzschläge war schon em-
getreten, einzelne Leute wurden vor Durst wahnsinnig; hier und dort stürzten sie, delirierend und Gebete ausstoßend, vor, um die Wasserstelle allein zu stürmen. Sie büßten diesen Versuch mit dem Leben, am nächsten Tage fand man ihre Leichen vor der Front. Der Feind höhnte noch obendrein die Halbverdursteten, indem er, die eigenen, wohlgefüllten Wassersäcke emporhaltend, laut hinüberrief: „Deutschmann sehr durstig — gutes Wasser hier." Als Major Meister gegen Mittag die Kompagnieführer zu einer Besprechung zu sich befahl, rannte der Oberleutnant v. Bockelberg, der vor Durst und Erschöpstlng in irren Zustand verfallen war, trotz des Zurufs seiner Leute delirierend in den Feind und wurde am 4., von mehreren Kugeln durchbohrt, tot aufgefunden. Am meisten hatten die Verwundeten zu leiden, die noch nicht hatten in Sicherheit gebracht werden können und nun in der glühenden Sonne verschmachteten. Einzelne Verwundete boten in ihren wüsten Delirien Unsummen für einen Schluck Wasser ...
Und noch lange bange Stunden vergingen, ehe das köstliche Naß den Verdurstenden Rettung brachte. Ihre Pfli. ! aber haben unser Jraben erfüllt, so lange noch ein Hay ;r Gedanke in ihrem zermarterten Hirn Platz fand. Deutsch- land darf stolz auf seine Söhne fein. /
Delcarsé in der Sackgasse.
Wie bereits vor Wochen vorausgesagt worden, gewinnt die Marakkofrage eine große Bedeutung, wird sie wahrscheinlich zum Rücktritt des stanzösisckien A?inisters des Auswärtigen Delcass^ führen. Unser Berliner ^-Mitarbeiter schreibt uns darüber:
Der französische Minister Delcass^ hat in Abrede stellen lassen, daß er an die Mächte ein Rundschreiben über die Marokkofrage gerichtet habe. Nur den an der Sache beteiligten französischen Botschaften und Gesandtschaften habe er Mitteilungen über die Angelegenheit zugestellt. Da diese Mtteilungen nicht dazu bestimmt sind, von den Adressaten im verschwiegenen Busen bewahrt zu werden, vielmehr an die Regierungen gegeben werden sollen, bei denen die betreffenden Botschafter und Gesandten beglaubigt sind, so hat die Ableugnung den Wert einer Bestätigung.
Es muß recht übel um Delcass^ bestellt sein, wenn er zu so schwächlichen Ausflüchten zu greifen sich veranlaßt sieht. Er hat sogar kürzlich den Versuch gemacht, auf dem Umwege über Wien, der seine Autorschaft verstecken soll, die Nachricht zu verbreiten, Minister Delcafs6 habe in einem Rundschreiben die Botschafter und Gesandten Frankreichs instruiert, Deutschland sei über, das eng lisch- franzosi sche Marokko-Abkommen rechtzeitig und offiziell unterrichtet worden.
Hierauf erfolgt jetzt von Berlin aus ein ganz formelles, alles Lügengewebe zerreißendes Dementi: Der von DelcasscZ inspirierte Pariser „Temps" hat schon einmal ähnliche Angaben gemacht, aber Delcass^ selbst hat sie auf der Tribüne der französischen Deputiertenkammer nicht zri bestätigen vermocht. Im englischen Unterhaus hat der Unterstaatssekretär Earl of Percy ausdrücklich erklärt, das Marokko- Abkommen sei der deutschen Regierrmg amtlich nicht mitgeteilt worden. Richtig ist, daß DelcasscZ Ende März 1904, etwa 14 Tage vor Veröffentlichung des Vertrages, dem deutschen Botschafter Fürsten Radolin bei einem Diplomatenempfang gesprächsweise gesagt hat, es schwebten Verhandlungen über ein solches Abkommen. Doch gab er dabei den Inhalt keineswegs genau an, sondern machte nur allgemeine Andeutungen. Fürst Radolin hat darüber nach Berlin berichtet. Weiteres ist nicht erfolgt, auch nicht durch den französischen Botschafter in Berlin, auch nicht nach Abschluß des Vertrages. Daß Herr Delcass^ den Vertrag nicht amtlich der deutschen Regierung bekannt gegeben hat, widerspricht diplomatischem Brauch, mehr noch der Klugheit, da Deutschland starke wirtschaftliche Interessen in Marokko hat. Korrekt kmd klug hat England gehandelt, das sein Abkommen mit Frankreich, Egypten betreffend, nach Berlin mitteilte, worauf Deutschland ohne jede Schwierigkeit die befriebigenbe Wahrung seiner Interessen am Nil erlangte.
Nach dieser Desavouierung seiner Wahrheitsliebe, die ihn nicht hoffen läßt, je wieder in Berlin Glauben und Vertrauen zu finden, wird Herr Delcass6 sich nicht mehr lange in seinem Amt behaupten können.
Der Krieg in Ostasien.
Noch immer ist man in der englischen Presse eifrig auf der Suche nach Roschdjestwenskys Schiffen, eifriger fast als die Japaner selber. Das einzige Resultat, was man bisher aber zu verzeichnen hat, ist ein negatives, die Tatsache, daß Roschdjestwensky den Ankerplatz bei den Anamba-Jnfeln verlassen hat. Wohin er sich gewendet hat, darüber laufen die Meinungen weiter auseinander.
Roschdjestwenskys Weiterfahrt wurde von zwei englischen Kreuzern, „Sutley" und „Iphigenie", beobachte" — denen er beim Morgengrauen des
Dienstag 550 Meilen nordöstlich von (Sing apo re borbeisog. War es aber die ganze Flotte, die hier gesichtet wurde? Roschdjestwensky scheint ein Meister im Verschleiern der Bewegungen seiner Schiffe zu sein. In Petersburg verlautet, daß er mit den größten Schiffen seiner Flotte schon voraus war, als die Hauptmacht bei Singapore vorbeipassierte. So erklärt nun sich die Meldung des Reuter- korrespondenten vom Fehlen der Linienschisse.
Ob Roschdjestwensky setzt nach Saigon oder in die japanischen Gewässer weiterdampst, wer will das mit Bestimmtheit sagen? Von einer Seite wird allerdings bereits behauptet, daß russische Kreuzer bei Saigon gesichtet mürben. Von anderer, daß die Russen den Kurs auf die Fischerinseln genommen haben. Diese Nachricht stützt sich wahrscheinlich auf die Verhängung des Belagerungszustandes über den Hasen von Makung aus Ponghu, der größten Fischerinsel, durch die japanische Regierung. Doch ist dieser Umstand noch durchaus nicht überzeugend. Die Japaner haben schon seit längerer Zeit Vorkehrungen gegen russische Angriffe auf die Fischerinseln und Formosa getroffen und der allgemeinen Ansicht nach lauert Togos Flotte in der Straße von Formosa. Vielleicht sucht Roschdjestwensky gerade deshalb einen anderen Kurs einzuschlagen, vielleicht sucht er aber auch den Gegner auf. Die nächsten Tage müssen Gewißheit bringen.
Die Politik.
4= Wenn im Mai der Reichstag wieder zusammentritt, wird er der Frage nähertreten müssen, in welcher Weise er seiner Teilnahme an der Hochzeit deS Kronprinzen Ausdruck geben soll. Der Fall ist ohne „Vorgang". Bisher hat sich noch kein Kronprinz des Deutschen Reiches verlobt.
Ä Reichskanzler Graf Bülow wird auch in diesem Jahre erst späten Urlaub nehmen, weil die Tagung der Parlamente ihn in Berlin sesthält. Vor dem Hochsommer wird er kaum die Möglichkeit finden, sich auf längere Zeit von Berlin zu entfernen.
Oefterreicb-Ungam,
Z^ In W ieN hat am Freitag ein häßlicher Prozeß statt- gessunden Die Wiener „Zeit" hatte behauptet, daß der Bergrat Max Ritter v. Gutmann und Viktor Mauthner von Markhof je eine halbe Million Kronen geopfert hätten, um die Berufung ins Herrenhaus zu erlangen. Durch den Rücktritt des ehemaligen Ministerpräsidenten v. Körber sei das Geschäft vereitelt worden. Die Herren v. Gutmann und v. Markhof erhoben gegen die Herausgeber der „Zeit" Beleidigungsklage. Herr v. Körber sagte als Zeuge aus, daß eine Berufung v. Gutmanns ins Herrenhaus niemals in Frage gewesen, daß niemand deswegen an ihn herangetreten und keinerlei Geldleistung erfolgt sei. Der Prokurist der Firma Gutmann bekundete e.idlich, daß einer der Herausgeber der „Zeit" kurz vor dem Erscheinen des beleidigenden Artikels wiederholt Geld verlangt habe. Aehnliches sagte ein Kassenbeamter derselben Firma aus. Der Vertreter der Klage erklärte hierauf: Da die Makellosigkeit der von der „Zeit" Angegriffenen erhärtet, ihre Behauptung durch die Aussage des Ministers V. Körber als verleumderisch erwiesen, überdies das Motiv für das Vorgehen der „Zeit" ins Licht gesetzt sei, und den Angegriffenen an einer Bestrafung der Herausgeber der „Zeit" nichts liege, zöge er die Anklage zurück. — Die Herausgeber der „Zeit" waren von diesem Ausgange wenig erbaut, und sie hatten Ursache. Sie haben mittlerweile noch eine Anzahl ähnlicher Schmutzgeschichten veröffentlicht, deren Richtigkeit sie zu beweisen haben werden, wenn ihre Angriffe nicht allseitig der Verachtung begegnen sollen, die ihnen am Freitag vor Gericht ausgedrückt worden ist.
Balkan -Staaten,
V^ Die serbische Anleihe ist vertagt worden, einstweilen bis nach den Osterferien. Demgemäß hat Finanzminister Patschn seine Reise nach Paris verschoben. Als Grund wird angegeben, daß die Verhandlungen wegen der Gewehr- und Munitionslieserungen noch nicht abgeschlossen sind. — Da unter normalen Umständen sinnigerweise niemandem, der Serbien Geld leihen will, daran gelegen sein kann, daß Serbien das geliehene Geld schon vorher vertut, es mag zu einem noch so notwendigen Zweck sein, so läßt sich die seltsame Verquickung von Änleihegeschäft und Waffenretablissement nur so erklären: daß Darleiher und Waffenlieferanten dieselben Personen sind. Der Waffenlieferant will, deutsch gesagt, „aus Pump" liefern, aber der Pump soll die Form einer Staatsanleihe haben. Selbstverständlich kann er die Anleihe zu jedem beliebigen Kurs übernehmen, wenn der Lieferungspreis nur entsprechend normiert wird. Der Kurs wird jedenfalls so niedrig sein oder der Preis so hoch, daß der Lieferant Aussicht hat, seine Rechnung zu finden Von der serbischen Seite wird sich das Geschäft weniger günstig ansehen. Wer zu den landesüblichen Zinsen noch die Warenwucherzinsen zahlen muß, ist dem wirtschaftlichen Zusammenbruch nahe.
Hfriha.
=1= Der Negus Menelik von Abessynien hat einen neuen Beweis dafür gegeben, daß er mit seinem bon sens, seinem