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Kr. 63

Mittwoch, den 15. März 1965

14. Jahrgang

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I«fertt»AsPrei-i Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­em, die Kreise Wetzlar «ch Marburg 10 Pfg. s-nft 15 Pfg. Reklamen die Petttzeile 30 resp. 46 Pfg.

Redaktion u. Hauptexpetzitto«: Gießen, Seltersweg 83.

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Sll»«t»e«e»t-prei-: abgehslt monatlich 50 Pfg., in's H«u- -ebmcht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mk. loO.

DGOMSbeilage« : Oberhesfische Famittenzeituug (täglich) und die Gietze«er Geifevblafe« (wöchentlich).

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

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(Gießener Gagek5ntt)

ZlnabHängige Tageszeitung

(Gießener Zeitung)

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I Stetnkütsch, 1 gegen 111 1 und Men!:

für Overheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhefsen.

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Die Reform der Sozialge setze.

(Von unserem parlamentarischen Mitarbeiter.)

Die Sozialgesetze sollen reformiert werden. Nicht sowohl ihrem Inhalt nach, als in der Organisierung ihrer Durch- fihnmg. Reichsschatzsekretär Graf Posadowsky, der die Materre wie kein zweiter beherrscht, hat im Reichstag diese Aotwendigkelt betont und diktatorische Macht deni Manne Münscht, dem die Bewältigung der Riesenaufgabe zufallen

Vor etwas über zwanzig Jahren — am 1. Dezember

— hat das erste der deutschen Sozialgesetze, die ttmnlenversicherung, Geltung erlangt. In verhältnismäßig Meller Folge haben sich ihm die Gesetze über Unfall-, Alters- und Jnvaliditätsversick)erung angeschlossen. Die Tesche waren eine große Tat und werden auf lange Zeit Hwai ls einen Ruhmestitel des Deutschen Reiches bilden, ^eües einzelne von ihnen beruht auf einem Kompromiß M ersten schloß Fürst Bismarck mit sich selbst ab, indem er auf den eigenen Wunsch verzichtete, die Wohltaten des Ge­setzes allen Deutschen und nicht bloß gewissen Arbeiterkreisen zuteil werden zu lassen. Er ergab sich in eine Beschränkung, M den Versuch nicht an der Größe seines Umfangs zuni -scheitern zu bringen. Immerhin ging man mit gewaltigeil Schritten vor, mit so großen, daß es nicht an Warnern fehlte, die von einer Ueberlastung der deutschen Produktion iuit sozialen Abgaben sprachen und eine Verminderung der Leutschen Konkurreilzfähigkeit auf bem Weltmarkt in Aus­sicht I teilten. Die schlimmen Prophezeiungen haben sich nicht Mhxrfluljt bie beutst Industrie hat fortgesetzt an Kräften genommen, obwohl der im Jahre 1890 nach Berlin be­rufene internationale Arbeiterschutzkongreß seine Aufgabe Mit löste, zwischen staatliche Abmachungen über das zu­lässige Maß der Arbeitszeü und obligatorische Arbeiter- Mtzvorschriften anzubahnen. Deutschland war stark genug, für sich allein vorzugehon, und hat bis zur Stunde keine Ursache gehabt, das zu bedauern.

Die Fremdheit des Stoffes, der Mangel an positiver Erfahrung brachte es mit sich, daß die verschiedenen Sozial- Schh»e sich r^t übereinander aufbauten, sondern daß sie nebeiüchianber gestellt wurden, jedes für sich, obwohl doch zwischen ihnen eine enge Verwandtschaft schon deswegen be= kiand, weil sie ihre Fürsorge denselben Personen, den näm- licheir Bevölkerungsschichten zuwandten. Zu dieser System- losigkeit, wenn man so sagen darf, wurde man vielleicht auch dadurch hingelenkt, daß die praktische Anordnung und Aus- fihrung den Einzelstaaten zufallen lnußte, das Reich sich nur die Beaufsichtigung und — im Reichsversicherungsamt — eine Art Oberbau Vorbehalten sonnte.

Dieser Oberbau, im Laufe der Jahre über die Maßen lind bis zur Unübersichtlichkeit angewachsen, ist außer orga- niföcm Zusammenhang mit den verschiedenen Unterbauten, sie diese ohne organischen Zusammenhairg miteinander sind. Lazu kommt eine Zersplitterung des Krankenkassenwesens, bie man gewiß nicht beabsichtigt, aber auch nicht gehindert hat. Jni Jahre 1902 hatte man nicht weniger als 7 ver- Miebenc Arten von Krankenkassen (Gemeinde-, Orts-, Be­triebs-, Bau-, Jnnungs-, eingeschriebene Hilfs- und landes- rechtliche Krankenkassen). Es liegt wohl auf der Hand, daß A besser, billiger, übersichtlicher wäre, wenn es nur allge- neiue Ortskrankenkassen gäbe, neben denen Raum nur noch w „Zuschußkassen" bleiben würde. Man hat auch nicht

en ^nnen, daß sich eine förmliche Renten-Hysterie Ebel den würde, eine Unfall-Hysterie. Ein Unfall, der gar nicht beachtet wurde, wird jetzt zur Grundlage eines Gntenanstwuchs gemacht. Aerztliche Kenner, die keine Gegner der Sozialpolitik sind, versichern, daß der dritte Teil Oller Krankengelder rucht für wirkliche Krankheiten bezahlt

Endlich sind bei der Bemessung der Verteilungsquote auf das Gemeinvermögen Fehler gemacht worden ' Diese Duote wurde zu niedrig gegriffen — übrigens ohne Sckuld der Reichsregierung —, und die Folge ist eine allmähliche Aufzehrung des Gemeinvermögens, das einen Reservefonds Gilben sollte. Eine Umgestaltung ist unabweislich. Die drei großen Versicherungen müssen vereinheitlicht werden — wie eâ unfraglich geschehen wäre, wenn man sie mit einem Male Massen hätte. Ebenso muß der Unterbau um- und zu einer sozialpolitischen Behörde für engere Bezirke ausqe- sfaltet werden.

Graf Posadowsky nannte diese Aufgabe eine der der- Vickeltsten. Ihre Lösung hält er nur für möglich, wenn sich ein Reichstag findet, der einer entsprechenden Gesetzesvorlage gegenüber darauf verzichtete, in alle Einzelheiten einzu- gehm, der vielmehr mit einem gewissen Vertrauen die giofeen Grundzüge eines solchen Gesetzes annimmt und dann ter bessernden Hand der Zukunft den allmählichen weiteren Ausbau überläßt.

Ob sich ein solcher Reichstag finden wird? / „

Der Krieg m Ostasien.

Wenn es Kuropstkin auch gelingt, wenigstens einen Teil feiner Armee nach Tieling zu retten, so erscheint es doch istaglich, ob es ihm möglich sein wird, dort ernstlichen Wider-

stand zu leisten. Die Wirkung der russischen Niederlage beginnt sich in sehr nachdrücklicher Weise bemerklich *zu machen. Aus dem Hauptquartier Kurokis berichtet ein Kriegskorrespondent unterm 14. März folgende Einzel­heiten über die russischen Verluste.

Jede Stunde stellt sich der Umfang der russischen Nie­derlage als größer heraus. Heute Abend wurde die Zahl der auf dem Schlachtfeld zurückgclassenen Toten aus 25 000 festgestellt, wodurch der russische Gesamtverlust aus mindestens 100 000 Mann anwächst. 50—60 000 Mann sind gefangen genommen, über 70 Geschütze er­beutet worden; enorme Mengen von Munition und Vor­räten fielen in die Hände der Japaner. Die japanischen Verluste übersteigen nicht diejenigen der früheren großen Schlachten, selbst nicht in Kurokis Armee, die nicht mehr als 5000 Mann an Toten und Verwundeten hat. Der Rückzug von Mukden begann am 9. ds. und wurde erst dann ein ungeordneter, als die Russen bemerkten, daß der Rückzug durch japanische Infanterie und Artillerie bedroht war. Gestern Morgen begegnete eine japanische Division mehreren russischen Regimentern, welche sich auf der Straße nach Tieling znrückzogen. Die Japaner verließen die Anhöhen und stellten sich den Russen entgegen, welche ihre Linie zu durchbrechen versuchten. Nach einem scharfen Gefecht, in dem die japanischen Geschütze von großer Wir­kung waren, ergaben sich 4000 Russen mit 10 Geschützen.

Der Verlust auf japanischer Seite betrug 100 Mann.

In dieser Meldung spiegelt sich die Lage der russischen Armee wieder. Die Einbuße an Menschen und Kriegs- material ist schließlich noch wieder auszugleichen. Weil schwerer wiegt die

Lockerung des moralischen Zusammenhalts unter den Truppen, denen die erlittene Niederlage gerade durch die Folgen, die sie gezeitigt, sehr fühlbar zum Bewußt- fern gebracht wird. Das unerwartete Auftreten der japa­nischen Artillerie, die die Flanke der russischen Rückzugsflanke bedroht, hat besonders eine lähmende Wirkung ausgeübt. Es mag ja sein, wie die Berichterstatter behaupten, daß die Stellung von Tieling viel günstiger sei, als die bei Mukden. Allein es wird große Schwierigkeiten bereiten, sie mit Truppen zu halten, die in ihrem Bestände und Zusammen­wirken derartig erschüttert sind, wie die Reste des russischen Heeres, die vor Frost und Hunger kaum noch sich aufrecht halten können. In den gebirgigen Gegenden östlich von Tieling ergeben sich fortgesetzt beträchtliche Mengen von Russen. Die einzige Hoffnung, die den russischen Heer­führern bleibt, ist die, daß auch die japanischen Truppen schließlich an der Grenze ihrer Kräfte angelangt sein müssen.

Während namentlich in amerikanischen Meldungen Ge­rüchte von bevorstehenden Friedeusunterhandlungen in recht bestimmter Form auftauchen, lauten die Petersburger Nach­richten ganz anders. Dort ist allen Ernstes von der Mobili­sierung von

drei neuen Armeekorps die Rede, unter denen das Grenadierkorps sein soll. Das Kommando über diese neue Armee soll dem General G ' ;icm berg übertragen werden, dessen Bericht an den Zaren die Tatsachen ja inzwischen Recht gegeben haben. Wenn man die Unerschütterlichkeit ins Auge faßt, mit der bislang der Zar an dem endlichen Sieg seiner Scharen festgehalten hat, so müssen die Friedensgerüchte vor den kriegerischen Peters- knrrger Meldungen zurücktreten. Auch eine Depesche Mls Washington, daß das zlneite russische Parificgeschwader zu- n" ^-„fen sei, deutet auf den Willen hin, den Krieg weiter-

Die innere Lage in Russland.

Das amtliche Dementi, das der Nachricht von einem Friedensbegehren des Zaren entgegengesetzt worden ist, hat nicht die Kraft gehabt, in weiten Kreisen der intelligenten Bevölkerung Rußlands die Ueberzeugung von der Notwen­digkeit eines baldigen Friedensschlusses zu unterdrücken. Man glaubt im Gegenteil mit aller Vestinmrtheit, daß der Zar nicht mehr lange in der Lage sein wird, seiner Friedens­neigung den Schein der Freiwilligkeit zu wahren, daß er vielmehr in kurzem sich offenbarem Zwang werde fügen müssen. Die Gründe hierfür sind mannigfacher Art.

Bauernaufstände.

Die Bauernaufstände in mehreren Gouvernements West­rußlands sind eine nicht mehr wegzuleugnende Tatsache. Mord, Brand und Plünderung sind die greuelvollen Be­gleiterscheinungen. In Kursk sind bisher neun Groß­grundbesitzer grausam ums Leben gebracht worden. Eine Bande, deren Stärke auf 8000 Mann angegeben wird, ist in die Stadt Wirabik eingedrungen und hat sie verwüstet. Die Agitation unter den Bauern wird von revolutionärer Seite natürlich fortgesetzt.

Brandstiftungen.

In Rußland sind Brandstiftungen auch in ruhigen Zeiten eine regelmäßige Landplage. Selbstverständlich nimmt ihre

Zahl jetzt noch zu. Denn jetzt werben Grande nicht bloß von gewissenlosen Besitzern gelegt, bie eine hohe Versicherungs­summe einstreichen wollen, sondern auch von solchen Per­sonen, deren Absicht dahin geht, ohne eigenen direkten Nutzen anderen Schaden zu bereiten und Schrecken zu verbreiten. In Charkow hat in der Nacht zum Dienstag eine große Feuersbrunst eine Straße zerstört, in der sich viele Verkaufs­buden befanden. Neun Mensck>en sind dabei schwer verletzt worden.

Abreise der Kaiserin-Mutter? *

Aus der Stimmung, die durch solche Vorkommnisse un­vermeidlich geschaffen wrrrde, ist das Gerücht entstanden, die Kaiserin-Mutter werde ehestens Petersburg verlassen und sich nach Kopenhagen begeben, wohin sie von dem König Christian dringend eingeladen worden sei.

Die gescheiterte Anleihe.

Daß der Anleiheversuch in Paris gescheitert ist, wird jetzt amtlich zugegeben, nachdem es anderweitig bereits vor Wochenfrist bekannt geworden war. Das Scheitern wird sehr hübsch mit den Worten umschrieben, daß man die An­leihe, nachdem keine Verständigung erzielt worden, „ver­schoben" habe.

Die Lage im Kankasns.

Aus dem Kaukasus laufen auffälligerweise keine Mel­dungen ein. Das wäre ein günstiges Zeichen — wenn nicht- zu melden ist. Wahrscheinlich aber wird der ne""'-mnntc Statthalter des Kaukasus, Graf Woronzow-Dasu^ow, ir seinem Amtsgebiet noch reichliche Arbeit finden.

. Die politih.

^ Die Budgetkommission des Reichstags hat bei der zweiten Lesung der Quinquenats-Vorlage die Vermehrung der Kavallerie aus 510 Schwadronen genehmigt. Diese Ver. Mehrung soll erst im Jahre 1910 eintreten«

<& Am 1. Ap^il 1906 soll eine Erhöhung des Wohnungs- geldzuschusses für die preußischen Unterbeamten eintreten. Gleichzeitig ist im R e i ch eine Neuregelung der Servisklassen- Einteilung in Aussicht genommen.

△ Der Prinzregent Luitpold von Bayern hat anläßlich seines 84. Geburtstages wieder eine umfassende Begna­digung anbefohlen. Die Begnadigung betrifft Personen, die aus Not oder Leichtsinn sich vergangen haben, und die nun zur Ernährung der Familie oder zur Frühjahrs­bestellung der Felder nach Haus zurückkehren konnten.

Italien*

# Das italienische Kriegsministerium hat zur Befestigung der Alpengrenze einen Nachtragskredit von 200 Millionen Lire verlangt. Es handelt sich um die Alpengrenze nach Oesterreich. — Wie viel würde das italienische Kriegsministe- rium wohl verlangen, wenn Italien und Oesterreich- Ungarn nicht Verbündete wären?

HHen»

O Zur Verhütung des Verkaufs von Staatsgeheimnissen hat die Kaiserin von China angeordnet, daß alle für sie und den Kaiser bestimmten Schriftstücke in mandschurischer Sprache abgefaßt und in verschlossenen und versiegelten Kassetten überreicht werden sollen. Erst wenn eine Ver­öffentlichung notwendig wird, soll die Uebersetzung ins Chinesische erfolgen. Diese Verfügung ist durch die Wahr­nehmung veranlaßt, daß zahlreich Beamte, namentlich in Peking, sich ein förmliches Geschäft daraus machen, Staats­aktenstücke an die auswärtige Diplomatie oder an Zeitungen zu verkaufen. Die versiegelte Kassette allein würde nicht viel helfen — aber die mandschurische Schriftsprache ist selbst unter den Chinesen nur wenigen bekannt.

Hfrika.

=4= Abessynien wird Kulturstaat. Der Negus Menelik hat -der Nationalbank von Aegypten das Privilegium ge­geben, eine Staatsbank für Abessynien zu errichten. Fran­zösische und italienische Finanzgruppen sind dabei beteiligt. — Die Deutsche Bank ist es nicht, auch kein anderes deutsches Bankinstitut, und sie werden wissen, weshalb sie SurMjal- tung üben. Sobald eine Handelsstraße, sei es mit Hilie einer Eisenbahn oder eines Wasserweges, von Abessynien nach Deutsch-Ostafrika führt, werden die deutschen Banken es an sich nicht fehlen lassen. Bis dahin aber dürfen wir Neidlos sehen, daß Kaufleute anderer Nationen Politik- 'gefchäfte zu machen fudjen.

Beer und flotte. , . .

Wie die Söhne des Kaisers zu grüßen sind, hat der Kaiser durch eine Order in Erinnerung bringen lassen. Da­nach haben die Prinzen des königlichen Hauses nur die Hon­neurs ihrer Charge zu beanspruchen. Diese neue Kabinetts­order ist ergangen, weil besonders in letzter Zeit vielfach Mißverständnisse vorgÄommen sind und Offiziere und Mannschaften vor den Söhnen des Kaisers Front gemacht hatten.