Nr. 294.
Donnerstag, den 14 Dezember 1905
14. Jahrgang
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»«thält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Gr.hh. Polizeimntes Gießen und anderer Behörden von Oberheste».
ernste JVIabnworte.
In der Reichstagssitzung vom Dienstag ' Staatssekretär »Graf Posadowsky Gelegenheit genoi i, in eindring- ilicher Rede eine Mahnung an das Bürgertum im Reiche zu richten, das der Sozialdemokratie Vorschub leiste und gleich, zeitig über das Vordringen der Sozialdemokratie klage. Natürlich geschieht die Vorschubleistung durch die vom Minister betonte materialistische Lebensauffassung, das Drängen nach Genuß und die einseitige Schätzung nichtidealer Güter unbewußt.
StaatssekretärPosadowskysteht aufzu hoher Warte, als daß ihm nicht offenbar sein sollte, in welchem engen Zusammenhang diese neue Richtung mit dem plötzlichen und hohen Aufschwung unserer durchschnittlichen Wohlhabenheit steht. Arbeiter und Mittelstand haben neue Bedürfnisse kennen gelernt und an ihre Befriedigung, die sie jetzt als ihr Recht verlangen, sich schnell gewöhnt. Das soll ihnen auch garnicht verdacht werden. Ebenso ist es begreiflich, daß die Freude an der neuen Gewöhnung, das frische Behagen an früher versagten Genüssen zu einer übertriebenen Wertschätzung dieser Genüsse verleitet, zu einer förmlichen Jagd nach ihnen und nach erweitertem Gewinn. Doch wenn man auch verzeihen mag, was man verstehenNann, so darf man deswegen noch nicht alles Verständliche für gut und bewahrenswert halten. Gerade das redete Verständnis soll oft zur Umkehr führen. Es kann nicht Sache eines Po'itikers sein, den Prediger in der Wüste zu spielen, der zur Reue und zur Buße auffordert. Das Seelenheil ist nicht sein Ressort. Aber es steht ihm wohl an, auf den inneren Zusammenhang aufmerksam zu machen, der unter der Oberfläche zwischen ökonomischen, wirtschaftlichen und ethischen Dingen besteht und sich geltend macht. Man kann nicht dem Materialismus huldigen, praktisch huldigen und gleichzeitig Politische oder wirtschaftliche Richtungen bekämpfen, weil sie naturalistisch sind.
Graf Posadowsky verbreitete sich ausführlich über den Irrtum, der daran liege, daß der Vorwurf der sozialdemokratischen Gesinnung jedesmal erhoben werde, wenn man für irgend eine Forderung zugunsten der Arbeiter eintrete.
Man verwechselt nach dem Minister bei uns Arbeiter- bewegung und sozialdemokratische Bewegung, d. h. man identifiziert sie mit einander, während sie getrennte Erscheinungen sind. Das Streben nach Lohnerhöhung ist berechtigt; aber es muß eine Grenze kennen, und diese Grenze ist unweigerlich da gezogen, wo die Höhe des Lohnes die Konkurrenzfähigkeit unserer Industrie im Auslande aufhebt oder auch nur nahe bedroht.
Mit besonderer Kraft appellierte Graf Posadowsky an die Opferwilligkeit der reichen Leute, die einer starken Entwickelung wohl noch fähig sei. Die oberen Schichten der besitzenden Klassen müssen mit hinreißendem Beispiel voran- gehen, daß die Masse der Bevölkerung sich von der materialistischen Lebensauffassung abwende.
So manchem mögen die Worte des Grafen Posadowsky nicht gerade angenehm im Ohr geklungen haben. Das ist bei Mahnungen die Regel. Wäre es anders, so bedürften wir keiner Mahnungen. Doch die Stelle, von der aus die Mahnungen erklungen sind, gewährt die Hoffnung, daß sie nicht blos gehört, sondern auch beherzigt werden. Der Staat ist dazu berufen, die Gesellschaft zu stützen und zu schützen. Aber die Gesellschaft, die sich selbst aufgibt, für die gibt es weder Stütze noch Schutz. Ein neuer und fester Wille muß sie durchdringen, dann wird sie zu neuem Aufschwung kommen, dem ähnlich, den die Schaffung des Reichs vorbereitet und begleitet hat.
. politische Rundschau.
Deutsches Reich«
^ • Der Aufstand in Deutfch-Ostafrika bereitet den Schutztruppen namentlich im Süden der Kolonie noch immer große Schwierigkeiten. Das Detachement des Hauptmanns Seyfried ist am Jluluplateau in Bezirke Lindi von etwa 2000 Aufständischen von drei Seiten angegriffen worden. Der Führer der Aufständischen und viele seiner Gefolgsleute sind gefallen. Ihre Niederlage war vollständig. Seyfried ist leicht verwundet, Wirtschaftsinspektor Linder am rechten Handgelenk schwer verwundet. Ferner erhielten drei Askari und einige Hilfsleute leichtere Verletzungen. Die Machembaleute haben zusammen mit Flüchtlingen von Mwera und mit Makualeuten den Akida von Luagalla auf dem Makonde-Plateau im Bezirk Lindi vertrieben und seine Häuser verbrannt. Durch Flüchtlinge vom Norden ist die Karawanenstraße Lindi—Massassi wieder unsicher geworden. Aus Jringa wird ein glückliches Gefecht gegen aufständische Wasagara in der Landschaft Mage gemeldet. Hauptmann Nigmann steht in Stutschungwe, an der Grenze des Bezirks Jringa, wo ein langandauernder Gebirgskrieg zu erwarten ist.
* Den oft besprochenen Gedanken einer Wehrsteuer nimmt ein an den Reichstag gelangter Antrag des Abgeordneten Dr. Arendt von der Reichspartei wieder auf. Der «Intrafl lautet: „Der Reichstag wolle beschließen: die verbündeten Regierungen zu ersuchen, die zum Militärdienst nicht berangezogenen Wehrpflichtiaen für die Zeitdauer, während
welcher sie ihrer Dienstpflicht im stehenden Heere und in der dieselbe hätten genügen müssen, zu einer nach ihrem Einkommen abgestuften Wehrsteuer heranzuziehen mit der Maßgabe, daß die Erträge dieser Steuer ausschließlich für die Versorgung der Invaliden und Veteranen bezw. für deren Hinterbliebene und zur Verstärkung des Reichsinvalidenfonds zu verwenden sind."
* In Berlin tagte die außerordentliche Genossenschaftsversammlung der Seeberufsgenossenschaft. Die Versammlung beschloß, eine Versorgung der Witwen und Waisen deutscher Seeleute zu schaffen. Von diesem Beschluß wurde dem Kaiser Mitteilung gemacht, der darauf ein Telegramm an die Genossenschaft sandte, in dem der Monarch seiner Freude und Befriedigung über diesen Entschluß Ausdruck gibt.
Im oberschlesischen Jndustriebezirk macht sich ein Sinken der Preise für Schweinefleisch bemerkl'ch. In Kattowitz kostet Speck 60 bis 65 Pfennig, Fleisch 60 Pfennig, inländisches Schweinefleisch 70 Pfennig pro Pfund. Es blieb sogar Fleisch unverkauft. Man darf aber nicht außer Acht lassen, daß viele Arbeiter im Hinblick auf Weihnachten ihre Ausgaben einschränken, um Geld zu sparen, und daß in der Adventszeit in jeder Woche drei Fasttage sind.
* Zwei größere Versammlungen zu Beratungen über die neuen Steuervorlagen wurden in Berlin abgehalten. Auf Einladung des Bundes der Industriellen versammelten sich die Vertreter von Tabak-, Zigaretten- und Brau-Jndustrie- Verbänden, sowie einer Reihe von anderen Körperschaften. Es wurde einstimmig beschlossen, im Januar eine Delegierten- Versammlung unter Hinzuziehung aller Interessenten abzuhalten. Man einigte sich über den Wortlaut einer der Versammlung vorzuschlagenden Resolution. In einer Protest- Versammlung aller Tabakinteressenten wurden Tabaksteuer- Vorlagen und deren voraussichtliche Wirkungen auf den Stand und die Entwicklung der Tabakindustrie besprochen. Wenn die Vor.agen Gesetz werden sollten, so würden allein 25 000 Händler in Deutschland, die mit ihren Familien einen Personenstand von über 100 000 Köpfen repräsentieren, neb^t 3- bis 4000 Agenten unter den Folgen zu leiden haben. Die Versammlung nahm eine Resolution an, welche die Beschwerdepunkte begründet und Protest gegen die neue Tabaksteuer- vorlage erhebt.
* Auch konservative Kreise sind mit dem geltenden Wahlrecht im Königreich Sachsen nicht zufrieden. In der zweiten Kammer richtete der konservative Abgeordnete Behrend scharfe Angriffe gegen die Regierung wegen ihrer Stellung zur Wahlreform. Der Minister v. Metzsch habe nicht die Konsequenzen seiner das Wahlrecht verurteilenden Denkschrift in dem vorigen Landtag gezogen. Er habe auf die gerechte Kritik nicht die entsprechende Tat folgen lassen und den Schein auf sich geladen, als ob der Regierung der rechte Ernst und Wille zur Wahlreform fehle. Minister von Metzsch erwiderte, die Regierung habe sich stets bereit erklärt, die notorischen Mängel des Wahlrechts zu beseitigen. Sie habe das Bestreben, dem Wahlrecht eine breitere Basis zu geben und größeren Massen den Weg in die Kammer zu erschließen.
Oesterreich-Ungarn*
* * Zu großen Lärmszenen im österreichischen Abge- orönetenhause kam es anläßlich eines Dringlichkeitsantrages der Tschechisch Radikalen zu den blutigen Vorgängen in Prag anläßlich der Wahlrechtsdemonstrationen. Die Tschechisch- Radikalen und die Alldeutschen gerieten heftig aneinander, das Präsidium war machtlos. Man rief sich gegenseitig Beschimpfungen zu, zwei Redner sprachen zu gleicher Zeit, viele Abgeordnete pfiffen, sangen oder machten Skanüal mit Pultdeckeln und anderen Gegenständen. Schließlich wurde der Dringlichkeitsantrag abgelehnt. — In Prag sind zahlreiche Führer der tschechisch-nationalen Sozialdemokratie in den letzten Tagen verhaftet worden. Beim Landesgericht ist gegen die Verhafteten eine Untersuchung wegen Aufreizung zum Klassenhaß und Vergehens gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Zuge.
Durch das Aufflackern der nationalen Leidenschaften ist es zu blutigen Vor äugen in Siebenbürgen gekommen. Die dort wohnenden Rumänen sind gegen die Ungarn in Erregung geraten. Sie haben ihre gebirgigen Wohnstätten verlassen, ziehen bewaffnet umher und stecken ungarische Dörfer in Brand. Die Ungarn haben eine bewaffnete Miliz gebildet, und Zusammenstöße sind an der Tagesordnung. Die ungarische Presse beschuldigt das Kabinett Fejervarh, daß es diese antimagyarische Bewegung inszeniert habe, um der Opposition im Parlament Schwierigkeiten §u machen.
frankreich*
. " Ein neuer Kolonialskandal bahnt sich an. Nach übereinstimmenden Meldungen von verschiedenen Seiten ist ein Sergeant der Kolonial-Jnfanterie im französischen Kongo- gebüt vor ein Kriegsgericht gestellt worden, weil er drei Eingeborene, welche die Steuer gu zahlen sich weigerten, ohne reguläres Urteil hinrichten ließ. Einer der Hingerichteten soll von den Milizsoldaten des Sergeanten aufge- fressen worden sein.
Russland*
Die wildesten Gerüchte werden durch die Unsicherheit der Lage immer aufs neue gezeitigt: sogar von der Absicht,
den Zaren zu entthronen, ist die Rede. Andererseits ist die Gegenrevolution scharf am Werke. Ueberall kommt es zu Zusammenstößen zwischen Kosaken und Revolutionären, sowie Bauern. Witte hat es rundweg abgelehnt, eine konsti- tuirende Versammlung zur Prüfung des allgemeinen Wahlrechts einzuberufln. Der verhaftete Revolutionsführer Chru- stalew sitzt in der Peter-Paulsfestung, wo Kanonen aufge= fahren sind, um feine Befreiung zu verhindern. An der Moskauer Börse sind Gerüchte von bedeutenden Fallissements verbreitet. Riga soll in den Händen lettischer Revolutionäre sein. Für die Baltischen Provinzen soll ein Generalgouverneur eingelegt werden, der unter Mitwirkung von Vertretern der Bevölkerung Reformen durchführen soll. In den anderen Provinzen sind die Vollmachten der Gouverneure zur Bekäinpsung der Revolution erweitert morben. Der Papst hat den polnischen Bischöfen besohlen, die Verfassung anzunehmen und im beruhigenden Sinne zu wirken.
Türkei*
Eine Einigung wegen der mazedonischen Finanzreform ist noch immer nicht zwischen der Pforte und den Mächten erzielt worden. Die Pforte hat abermals Abänderungen nach ihren Wünschen verlangt. Die Wendung wird in diplomatischen Kreisen ernst angesehen.
Hfrika.
* * Negus Menelik von Abessinien hat offiziell einen Thronfolger ernannt. Er bestimmte zum Erben der Krone seinen sechzehnjährigen Enkel Aassu. Im ganzen Lande fanden große Festlichkeiten statt. Es ist allerdings eine andere Frage, ob nach dem Ableben Meneliks die zum Teil recht selbständigen Fürsten der verschiedenen Landesteile die Erb- berechtigtUlg Aassus anerkennen werden.
Im Innern des nördlichen Afrika bereitet sich ein Konflikt zwischen England und oem Kongostaat vor. Die Regierung des Sudan hat den Nil für den Verkehr mit dem Kongostaat gänzlich gesperrt. Das ist eine Antwort Englands, des Herrn des Slidan, darauf, daß Truppen des Kongostaats das Gebiet zwischen der Kongo-Nil-Wasserscheide und dem fünften Grad nördlicher Breite besetzt haben, das beide Regierungen für sich in Anspruch nehmen.
^sieno
" Die chinesische Regierung soll nach aus Tokio kommenden Nachrichten beabsichtigen, in der Mandschurei eine stehende Heeresabteilung von 100 00 Mann zu unterhalten. Japanische Offiziere sollen für diese angeworben werden, und werden deswegen jetzt in Peking Verhandlungen geführt. Allem Anschein handelt es sich um eine Stärkung der japanischen Position auf Umwegen. — Der frühere amerikanische Resident in Söul, der jetzt in Washington in der Eigenschaft eines besonderen Gesandten des Kaisers von Korea weilt, erklärte, er habe eine Depesche aus Korea erhalten des Jnyalts, daß der Kaiser den kürzlich mit den Japanern abgeschlossenen Vertrag als nicht vorhanden betrachte, da er ihm abgezwungen worden sei. Der Kaiser wollte den Vertrag in einer gegenwärtigen Form auf keinen Fall unterzeichnen.
t)of und Gesellschaft.
*** Der Kaiser und die Kaiserin nahmen an einer Hofjagd in Döberitz teil. An dem Ritt beteiligten sich fünf Damen und 54 Herren. Die Kaiserin war von der Gräfin Dohna begleitet. Die Jagd dauerte 25 Minuten. Dann wurde der Ueberläufer vom Kaiser abgefangen, während Leutnant von Plessen vom 1. Garde-Regiment ausgehoben hatte. Nach Beendigung der Jagd ritt das Kaiserpaar nach Groß - Glienicke und fuhr von dort im Automobil nach Potsdam.
Deuttoei* neichstaq.
(11. Sitzung). CB. Berlin, 13. Dezember.
Vor Eintritt in die Tagesordnung teilte der Reichsschatzsekretär Freiherr von Stengel mit, daß ein weiterer Nachtragsetat für 1905 nötig geworden sei, in dem 30910Honen Mark für S ü d w e st a f r i k a gefordert werden. Zunächst wurde die Verlängerung der Giltigkeitsdauer des Gesetzes über die militärische Strafrechtspflege im K i a u t s ch o u g e b i e t in dritter Lesung angenommen. Darin lehnte das sehr gut besetzte Haus den Antrag auf Kommissionsberatung des deutsch-englischen Handelsprovisoriums gegen wenige Stimmen ab und nahm die Vorlage in zweiter Lesung mit großer Mehrheit an. Ebenso wird der deutsch-bulgarische Handel vertrag in zweiter Beratung angenommen. Darauf folgt Fortsetzling der Generaldebatte über den Etat, F l o t t e n v o r l a g e und die R e i ch s f i n a ir z r e f o r m mit einer zweistündigen Rede des Zentrumsabgeordneten Gröber, der am Anfang gegen den Staatssekretär Grafen Posadowsky energisch polemisierte, um ihm am Schluß den Dank seiner Partei abzustatten. Herr Gröber begrugte es mit Genugtuung, daß vom Regieruiigstisch aus aus die Notwendigkeit einer sittlichen Erneuerung hingewrefen worden sei, fügte aber unter dem lebhaften Beifall des Zentrums und her Linken hinzu, diese sittliche Erneuerung