Nr. 242
Zweites Blatt
Samstag, den 14. Oktober 1905
14. Jahrgang
land.
''eine Meintet'
hi
mittags 4 Hr an :
‘WWF
»F
in
I, Dauerhaftigkeit, e und Billigkeit
sind die
Schaaf, instrasse 44 tmtwi
^inetinfiche,^ tllng;MenM! mâe als
Itwunder hüte H-ndh-bmg. M M»b Sch-MUd-r» Probe w Dienstm.
Mk. 15, Nr. 2: B iderSchmn tsen, Selter »^
is*Läg^
ch unsere
S«ierti»«Sprei-1 Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- Hessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 16 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Redaktion u. Hauptexpeditton : Gießen, SelterSweg 83.
Fer»sprecha»fchl«ß Rr» â«S.
(Gießener Hagevratt)
Unabhängige Tageszeitung
Abo««eme»tSprriS: abgeholt monatlich 50 Pfg., in'S HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljâhrl. Mk. 1.50. Gratisbeilage«: Qberhesstsche Familie«zeitn«g (täglich) und die Gießener Seife«blafe» (wöchentlich).
Das Blatt mcreint an alle» Werktagen nachmittags.
(Gießener Weitung)
für Overhefsm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
(Eig. Bericht.)
Eine prinzen-ßraut
Oldenburg, 12. Oktober.
Das Tagesgespräch unserer „kleinen Residenz" bildet, was sich von selbst versteht, die Verlobung der Herzogin Sophie Charlotte mit dem Kaisersohn Prinzen Eitel Fritz. Die Prinzessin ist hier auch in den breiten Schichten der Bevölkerung sehr beliebt. Der Gruß, der ihr von Begegnenden auf der Promenade geboten wird, drückt nicht bloß eine stille Huldigung aus, die ihrer eleganten, schönen Erscheinung dargebracht wird, nicht allein die stumme Ehrfurcht, die der Fürstentochter gilt, — er birgt auch eine gewisse Vertraulichkeit, die das Volk seinen bevorzugten Lieblingen zu zeigen pflegt. Diese Beliebtheit ist um so bezeichnender, als die Prinzessin für eine kalte Schönheit, für vornehm reserviert gehalten wird; vielleicht ist sie auch eine Folge der schweren Schicksale, die der Prinzessin bisher auf ihrem kurzen Lebenspfad begegnet sind. Die ersten dunklen Schatten gingen von ihrer Mutter aus. Diese, Prinzessin Elisabeth von Preußen, die erste Gattin unseres Großherzogs, war schwer leidend, und selten kam in die starren Mienen dieser fürstlichen Dulderin der Schein eines schmerzlichen Lächelns. In dieser freudlosen Atmosphäre brachte die kleine Prinzessin ihre Kindheit zu. Kurz nach ihrer Konfirmation starb die Mutter, und es kehrten erst frohere Tage im Oldenburger Schloß ein, als brr Großherzog die mecklenburgische Prinzessin Elisabeth 1896 heimführte, die ihm eine Reihe von Kindern gebar und eine ganz andere Stimmung sclmf. Das tat der kleinen Prinzessin sichtlich wohl und sie blühte auf.
Vor etwa Jahresfrist wurde die Herzogin von einer anders gearteten, aber nicht leichteren Prüfung heimgesucht. Infolge eines schweren Magenleidens verfiel die Prinzessin zusehends; der schlanke Körper verlor an Elastizität, das Helle Auge an lebensfroher Wärme. Frau Fama wollte von einem physischen Leiden nichts wissen, und suchte die Gründe für die Erkrankung der Prinzessin nicht in deren Magen, sondern in ihrem — Herzen. Verliebt sollte Herzogin Lotto sein, unglücklich verliebt in einen ehrenwarten, aber schlichten Offizier. Das Gerücht zog weitere Kreise und fand auch seinen Weg in eine obskure Prasse. Und es bedurfte einer hochnotpeinlichen Gerichtsverhandlung und der Verurteilung eines Redakteurs zur Gefängnisstrafe, um den Schwätzern, Postenträgern und Verleumdern den Mund zu schließen. Jetzt, nach der Verlobung der Herzogin mit dem Kaisersohn, ist das letzte Tuscheln der letzten Dunkelmänner verstummt; die Bevölkerung freut sich der nach einer Kissinger Kur völlig genesenen Prinzessin in alter Art und hat mit Jubel die Kunde vernommen von der „guten Partie", die der Herzogin beschieden ist. Auch jetzt wird getuschelt und geraunt; es heißt, daß es sich hier um eine echte, rechte Liebesheirat handle. Allein diese Gerüchte wird die Prinzenbraut gern dulden.
glO
Kv»«««<
Ein genialer Schwindler.
— Di e Welt will betrogen fein. —
Ein geriebener Welschtiroler hat die Pariser Behörden und die Gelehrtenwelt in Bewegung gesetzt, das öffentliche Interesse auf seine Person zu lenken verstanden durch eine [alberne Dupierung. Der Bursche machte sich durch Verstellung von Silben und Buchstaben eine sonderbare Sprache i zurecht und brachte es fertig, daß man ihn wochenlang für men Fremdling aus fernen unbekannten Zonen oder sonst ur einen Wundermenschen ansah, dessen Name und Art ncht zu erforschen war. Man nannte ihn nach seinem Idiom jereitâ ben „Agrachen", und der komische Betrug hätte noch änger gedauert, wenn nicht eines Tages der bekannte Poli- ieigelehrte Bertillon erschienen wäre und den „Agrachen" milarbt hätte. Der Mann mit der neuen Sprache war infach ein vorbestrafter Herumtreiber, der eine hohe Beanl- mschaft und ein weises Gelehrtentum am Narrenseil gc= ogen hatte. Der Vorgang war recht lustig, man lachte lach Herzenskräften. Aber wie alles schon dagewesen ist,
so hat auch der „Agrache" einen weit berühmteren Vorgänger an der Wende des 18. und 19. Jahrhunderts gehabt.
Georg P s a l m a n a z a r hat die größten Gelehrten der Welt ein ganzes Leben lang — und dieses Leben dauerte 83 Jahre — gefoppt und starb, umgeben von der Bewunderung und dem Respekt der zahlreichen Opfer seiner Mystifikationen. Wer war dieser Psalmanazar? Man hat es nie genau ergründen können. Man kennt seine Heimat nicht, Psalmanazar hielt mit Einzelheiten aus seinem Leben zurück — „aus Rücksicht auf die Familie", wie er in den letzten Jahren seines Lebens erklärte. Dagegen waren seine Bekenntnisse in allen anderen Punkten ebenso vollständig wie aufrichtig: „Ich war ein Lügner und ein Schwindler," sagte er, „aber ich verstand mit wissenschaftlicher Gründlichkeit und Zähigkeit zu lügen." Er hatte konstatiert, daß das Mitleid der Menschen mit fremdem Unglück wachse, ivenn der Unglückliche sich mit dem Nimbus des Geheimnisvollen zu umgeben wisse und von recht weit her sei. „Ich beschloß daher," sagte er, „als zum Christentum bekehrter Japan' von der Insel Formosa aufzutreten. Ich erfand ein neues Alphabet, eine neue Einteilung des Jahres in zwanzig Monate, eine neue Religion und alles, was geeignet war, die Rolle, die ich spielen wollte, glaubwürdiger erscheinen zu lassen." In London, wo Japaner damals noch unbekannte Größen waren, wurde Psalmanazar mit Ehren, Geschenken und Geld überschüttet; um zu beweisen, daß er wirklich ein halbwildes Menschenkind aus Formosa sei, aß er rohes Fleisch und Baumwurzeln, und korrespondierte in einer Schrift, die kein Mensch kannte Nock besser: er gab Diakonissinnen, die ihm eine Art Jahrespension ausgesetzt hatten, formosani- schen Unterricht. Der Spaßvogel trug ihnen Bruchstücke aus epischen Dichtungen der Insel Formosa und Liebeslieder, „die sie mit Bewunderung erfüllten," vor. Auf den Rai eines Gelehrten übersetzte er den Katechismus ins Formosanische und schenkte die Uebersetzung dem Bischof von London, der sie mit Stolz seiner Bibliothek einverleibte.
Psalmanazar veröffentlichte dann in englischer Sprache eine „Geschichte und Geographie der Insel „Formosa"; in diesem Buche fand man das berühmte formosanische Alphabet, Abbildungen formosanischer Gottheiten usw. „Ich war erst zwanzig Jahre alt und täuschte ganz England," schrieb der Schwindler. „Wie leicht ist es doch, die Welt und die Gelehrten zu betrügen!" Sein geographischer Roman hatte großen Erfolg; er erlebte mehrere Auflagen und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Bis zuu Jahre 1808 wurde das Buch für ein echt wissenschaftliches Werk gehalten, und die „Bibliothèque Universelle des voyages" schöpfte daraus ihr ganzes Wissen über Formosa! Psalmanazar war glücklich, brauchte er doch nur alles gehen zu lassen, wie es ging. Der hergelaufene Mensch spielte seine Rolle meisterhaft. Er hatte sich eine besondere „Nationaltracht" zurechtgemacht; er besaß einen vollständigen Katalog der formosanischen Dichter und Schriftsteller; er kannte ihre Geschichte und ihre Abenteuer wie seine eigenen; er war der Schöpfer einer- ganzen Literatur. So hätte es noch jahrzehntelang weitergehen können, wenn sich Psalmanazar nicht plötzlich verliebt hätte; die Liebe war es, die sein Leben vollständig um* modelte. Die Frau, die er liebte, war ehrlich und brav, und er schämte sich, sie zu täuschen, deshalb gestand er ihr alles. Nun erlebte man ein merkwürdiges Schauspiel: die anglikanische Geistlichkeit, die den Formosaner „lanciert" hatte, bat, um sich nicht lächerlich zu machen, den guten Psalmanazar, als „Japaner wider Willen" durchs Leben zu schreiten. Das tat er denn auch, war aber fortan in feinen wissenschaftlichen Aeußerungen sehr vorsichtig und lebte als süßer Stubengelehrter bis an sein seliges Ende. Erst nach seinem Tode erfuhr man die Geschichte dieses merkwürdigen Lebens durch die von der Frau herausgegebenen Memoiren.
Kunst und Wissen schaff.
RB Eine Stiftung für Professor Behrings Entdeckung. Sm reicher Einwohner von Newyork, der vorderhand unge-
aannk bleiben will, hat sich bereit erklärt, 50 000 Dollars ju einem Fonds beizusteuern, dessen Gründung Professor Behring bewegen soll, sein Heilverfahren gegen die Schwind-.
sofort bekannt zu geben. Bedingung soll sein, daß ein !?lmhchuß von Aerzten, barunter ein von dem Geber der erwähnten Summe genannter, das Verfahren als erfolgreich anerkenne.
Champs gegen die Schnndliteratnr. In München wurde wn schriftstellern, Politikern und Beaniten ei stimmig die Ärunoung eines bayerischen Landesverbandes '^ deutschen Greins zur Verbreitung guter Volksliteratur beschlossen. Burn Vorstand wurde Fürst Ernst zu Löwenstein-WeU;, Freudenberg gewählt.
BR Ehrung medizinischer Forscher. Tie Internationale Tuberkulose-Konferenz in Paris hat in ihrer Schlußsitzung die neugestiftete Tuberkulose-Medaille den Professoren Robert Koch und Paul Brouardel in Gold, sowie Bang-Kopenhagen, Biggs-Newyork, Broadlent-London und von Schroetter-Wien in Silber zuerkannt.
Vermischtes.
— Hohes Alter. In Baltupönen Mrets Ragnit) lebt eine Frau, die das Alter von 105 Jahren erreicht hat. Die Greisin ist körperlich und geistig völlig munter. , Sie hilft in der Wirtschaft und sammelt Pilze und Beeren im Walde. Sie erinnert sich ganz genau der Truppen-Durchzüge aus der Franzosenzeit.
—- Ein viel begehrter Posten. Um die erledigte Bürgermeisterstelle in Bad Zoppot haben sich nicht weniger als 109 Personen beworben. Darunter befinden sich 45 Bürgermeister, 17 Staatsanwälte, 14 Stadträte, 14 Gerichts- und Regierungsassessoren, 6 Amts- oder Gemeindevorsteher, 3 Richter, 3 Jntendanturräte a. D., 1 Handelskammer-Syndikus, 2 Amtmänner, 1 Referendar und 1 Subalternbeamter.
= Große Zigarren. Aus Havanna sind in London Zigarren eingetroffen, die als die größten bislang angefertigten zu (trachten sind. Jede Zigarre ist 161/;» Zoll lang und hat einen Umfang von 6 Zoll. Jede wiegt % Pfund und erforderte einen Zoll von 1,50 Mark. Der Herstellungspreis beträgt für tausend Stück 20 000 Mark.
— Geplante Entführung eines Millionärs. Der amerika- nische Petroleum-König Rockefeller wäre jüngsthin fast von Gaunern entführt worden. Ein gewisser Patrick Crowe hatte mit einem Spießgesellen alles vorbereitet, als dieser Angst bekam und die Entführung deshalb unterbleiben mußte. Der Plan ging dahin, nachts die Wärter zu überwältigen, in das Haus einzudringen, Rockefeller in eine Droschke und in ein Versteck zu schleppen und für seine Freilassung acht Millionen zu fordern.
— Sonderbares Geschenk. Der amerikanische Konsul in Maracaibo (Venezuela), E. H. Plümacher, ist mit einem eigenartigen Geschenk für den Präsidenten Roosevelt in Washington eingetroffen. Das Geschenk stellt die Fragmente eines Geschosses dar, welches das deutsche Kanonenboot „Panther" während der Blokade der Häfen von Venezuela vor drei Jahren abgefeuert hatte. Das Geschoß wurde auf das Fort und Fischerdorf San Carlos abgefeuert, die Ortschaft wurde durch das Feller des „Panther" und der „Vi- neta" in Brand gesetzt und zerstört. Ein venezolanischer Maler hat die Fragmente des bei San Carlos aufgefundenen Geschosses, dessen Kappe abgeplatzt war, mit Malereien verziert, die das Fort und das brennende Dorf darstellen. Weiter sind die Fragmente mit einer Widmungs-Inschrift versehen worden.
t Sturmschäden. Die Stadt Malniesbury in der Kap»- kolorlie wurde durch einen Zyklon in Trümmer gelegt. Bei der Katastrophe kam eine Anzahl Menschen ums Leben. — Durch den Taifun, der in Manila wütete, wurde auch das im Hafen liegende Kanonenboot „Byte" zum Sinken gebracht. Dabei ertranken elf Amerikaner und 24 Eingeborene. In Sorsogan kamen 15 Eingeborene ums Leben. Der in den Hanfplantagen angerichtete Schaden wird aus eine Million Dollars geschätzt. Ein Dampfer mit einem Truppentransport an Bord ist bei Legaspi gestrandet,
-s"'
rs*
Gothaer Lebensversicherungsbank auf - Gegenseitigkeit. —
L Größte Anstalt ihrer Art in Europa.
tzestand an eigentlichen Lebensversicherungen über 860 Mill. Mark bisher ausbezahlte Versicherungssummen über . . 440 „ „
Die stets hohe« Ueberschüfse komme« ««verkürzt de« berfichernngsnehmer« zugute, bisher wurden ihnen 217 Mill. Kark zurückgewährt.
Sehr günstige BerficheruugSbediuqungen:
tuverfallbarkeit sofort, Unanfechtbarkeit und Weltpolice nach
2 Jahren.
Prospekte und Auskunft kostenfrei durch den Vertreter der Bank :
Hinrich ßoebreutber, Assekuranz -Geschäft.
(Inh : Heinrich Hochreuther, Wilh. Julimann)
Gießen, Steinstraße 90._______
Prima
Speisekartoffeln sowie feinste Sahtkartoßeln liefert billig-t J. Hankel, Gießen, Schloßgasse.
Ankauf — Uerkauf
von
Alteisen, Lumpen, Knochen, Kupfer, Messing, Blei, Zink, Zinn etc., Möbeln, Betten, Weißzeug, Gold- und Silbersachen, Münzen und Antiquitäten.
Louis Rothenberger
Gießen, Neuenweg 22.
Mainz
Ludwigstrasse 8.
Friedberg i H, Kaiserstrasse 63.
Darmstadt
Ernst Ludwigstrasse 17.
Färberei und chemische Wasch-Anstalt
Braubach & Fischer, Giessen
= Neuenweg 4, am Kreuz. ------
Frankfurt a* M., Bibergasse 5 und Oederweg 38.
Butzbach i, H, Fabrik gegründet 1848.
Coblenz Firmungsstrasse 4—6.
Offenbach a, M, Frankfurterstrasse 36.
BUTZBACH
1898
Höchste Auszeichnung zuerkannt für vorzügliche Arbeiten