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Nr. 216. ______________

3«fertio«0ptei0, Die einspaltige Pelit, eil- für ganz Ober- Hessen, die Kreise Wetzlar und Di ar bürg 10 Psg. sonst 15 Psg.

Reklamen die Petilzcile 30 resp. 40 Psg.

Redaktion u. Haupterpedition: Giehen, Seltersweg 83. 9rereft>«d)«efd>ln6 Nr. 868.

te Reiter

Donnerstag, den 14. September 19u5.

__________14. Jahrgang

Ado«ueme«tSpreiö. abgeholt monatlich 50Pfg.. in's HauS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen dierteljährl. Mk. 1.50. Gratisbeilage«: Oberhesfische Familie«zeitu«g (täglich) und die (Siebener Seifenblasen (wöchentlich).

^ed ^latt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.

Neueste Nachrichten

tchießener GageStatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)

für Obcrhefse» und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gietzen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberbcsien^

eine erfreuliche Statistik.

Es gibt wenige Verbrechen, die so hassenswürdig sind, tote der Meineid. Auf Treue und Glauben beruht aller Verkehr, von Treue und Glauben hängt alle Verkehrs­sicherheit ab. Eines der schönsten Bibelworte ist:Deine Nede sei: ja ja nein nein was darüber ist, das ist vom Uebel." Im Bewußtsein menschlicher Fehlsamkeit und I Schwäche ist der Eid als besonders feierliche Beteuerungs- form eingeführt worden. Die Anrufung Gottes, des All­mächtigen und Allwissenden, soll die Wahrheit verbürgen. Wenn diese Anrufung zum Truge erfolgt, so ist Gottes Majestät beleidigt, und wir Menschen sind im Mittel selbst betrogen, das uns Wahrheit sichern soll. Tie Unwahrheit im Eidesgewande hebt die objektive Gerechtigkeit auf, in bereu Schutz wir alle flüchten müssen. Freilich kann der Mensch bie Wahrheit nur nach seinem besten Wissen sagen, so daß ein Fehlgehen auch bei redlicher Absicht nicht ausgeschlossen * ist. Was aber sein wirkliches bestes Wissen ist, das weiß . außer Gott nur er allein. Darum ist die Ueberführung des Meineidigen schwerer als die Ueberführung fast jedes an­deren Verbrechers. Diese Eigentümlichkeit, daß eben bem Schwörenden die Wahrheit gewissermaßen an Händen und Füßen gebunden ausgeliefert ist, trägt mit dazu bei, uns mit Zorn und Abscheu über den Meineid zu erfüllen.

. Deshalb konnte man säum eine schwerere und betrüb­lichere Klage erheben als die, daß im gerichtlichen Verkehr . die Zahl der Meineide sich mehre und die Bestrafungen wegen Meineids zunehmen. Sittenlehrer haben die Be­hauptung oft aufgestellt, zu unserer Beschämung und zu unserem Schrecken. Denn für den Riickgang des allgemeinen Sittlichkeitsbewußtseins und Sitllichkeitsstandes konnte es kaum ein fchliiumeres und deutlicheres Zeichen geben. Selbst die nüchterne Erwägung hätte kaum etwas Tröstliches ge­habt, daß die wachsende Industrialisierung, die Steigerung der Prozeßzahl und ähnliche Umstände mehr die Gelegen­heit zum Meineid, bamit die Versuchung zum Meineid und endlich den Meineid selbst vervielfältigten. Desto erheben­dere Kunde bringt uns die Statistik, daß trotz dieser Mo­mente, die eine Zunahme der Meineide innerhalb gewisser Grenzen erklären würden, die Zahl der Meineidvve.rurtei- lungen nicht bloß im Verhältnis zur Einwohnerzahl, sondern auch absolut zuriickgegangen ist, und daß dieser Rückgang seit vielen Jahren anhält. Daß Meineidsverurteilungen und Meineidsleistungen in einem stetigen Verhältnis zuein­ander bleiben, ist so lange selbstverständlich, als die Ge­richte und die Ueberführungsmittel feine Veränderung er­fahren. Sind also die Verurteilungen wegen Meineids zuruck­gegangen, so sann man mit Bestimmtheit daraus schließen, daß auch die Zahl der geleisteten Meineide sich vermindert hat. Ta innerhalb der Vergleichszeit die Schwurgerichte für die .Murteilung der Meineide zuständig geblieben sind, und die Ueberführung des Meineids keine Erschwerung erfahren jnt. Man könnte vielleicht vermuten, daß die Geschworenen .jetzt eher als früher geneigt wären, eine Verurteilung um .Kalscheid auszusprechen, wo sie früher auf Meineid erkann­ten. Diese Verinutung trifft aber nicht zu, weil auch die Zahl der Verurteilungen wegen Falscheid in der Vergleichs- zeit zurückgegangen ist.

Sehen wir uns nun einmal die Zahlen selbst an.

v Im Deutschen Reich mürben im Jahr 1882 wegen Ver- Ilchung der Eidespflicht 1607 Personen verurteilt, ober 5,1 cuf 100 000 der strafmündigen Bevölkerung. Sieben Jahre später war die absolute Zahl auf 1511, die Verhältniszahl auf 4,5 von 100 000 zurückgegangen. Sechs Jahre später, 1895, hatte die absolute Zahl sich auf 1747, die Verhältnis­zahl auf 4,8 von 100 000 erhöht. In den Jahren 1898 Hs 1903 waren die absoluten Zahlen nacheinander 1478, 1306, 1198, 1378, 1292, 1308; die Verhältniszahl betrug 1898 noch 4 von 100 000 der strafmüudigen Bevölkerung, danach nur noch 3.

! Wegen fahrlässigen Falscheides wurden in den Jahren 1885, 1889 und 1895 nacheinander 451, 443, 612 Personen verurteilt, b. i. 0,97, 1,00, 1,02 von 100 000 der strafmün-

tilgen Bevölkerung. Von 1896 bis 1900 betrugen die abso­luten Zahlen 424, 425, 409, 410, 373; das ergiebt als Ver- Aerhältniszahl 0,81, 0,80, 0,76, 0,75, 0,67 von 100 000 her strafmündigen Bevölkerung.

1 Wir haben keine Ursache zur Ueberhebung, aber nach

Lieser Statistik auch keine Ursache zum Verzagen. Es bleibt Raum genug, weiter an uns zu arbeiten, daß es noch besser, biel besser werde. Wir brauchen aber weder uns, noch an­deren zu verheimlichen, daß es schon besser, viel besser ge­worden ist.

Der Untergang derJVIikasa",

Durch eine schreckliche Katastrophe hat die japanische Marine ihr stolzestes Schiff verloren. Im Hafen von Sa- 8bo geriet das Flaggschiff Admiral Togos in Brand und Inns fast augenblicklich, sechshundert Mannschaften und Offi- vcre mit sich in die Tiefe ziehend. Von biefen konnten

glücklicherweise eine Anzahl, wenn auch in verwundetem Zustande, gerettet werden.

Admiral Togo war zirrzeit des Unglücksfalles nicht an Bord. Im ersten Augenblick hatte man angenommen, daß her berühmte Seeheld, der Rußlands Flotte vernichtete, das Schicksal seines Schiffes geteilt hätte. Der Brand entstand am Fuß des Hauptmastes, verbreitete sich mit Schnelligkeit und sprengte das hintere Rdagazin um 342 Uhr morgens in weniger als einer Stunde nach der Entdeckung des Bran­des in die Luit. Das Schiff sank sehr bald in flachem Wasser: man glaubt, daß es gehoben und repariert werden könne Die Linienschiffe^bifudjimo" undAsahi", das Torpedo- b»otTatsuta", die ZerstörerMurakumo" undKasumi" und die HilfskreuzerNippon Maru",Taihoku Mani" und Riojun Marii" batten Rettungsabteilungen auf dieMi­kasa" geschickt. D.ese wie die eigenen Maiinschaften der Mikasa" erlitten chwere Verluste. Füiif Zeichen wurden aufgefunden, 251 Mann werden vermißt, sind also jeden­falls ertrunken, und 343 sind verwundet. Von den Offi­zieren wurde einer getötet, fünf werden vermißt und elf sind verwundet.

Die Ursachen der Katastrophe sind nicht geklärt. Man spricht von Kurzschluß der elektrischen Leitungen, andereii- teils weist man auch auf revolutionäre Umtriebe hin, was aber wenig glaubwürdig erscheint.

DieMikasa" war das neueste und stärkste Linienschiff der japanischen Flotte, zugleich eines der größten Kriegs­schiffe der Welt. Im Jahre 1900 vom Stapel gelaufen, hatte es 15 400 Tons Deplacement und eine Geschwindigkeit von 18,6 Seemeilen. Die schwere und mittlere Artillerie um­faßte vier Gesckwtze vom Kaliber 30,5 Ctm. und 14 Schnell­feuerkanonen zu 15 Ctm. Die ordnungsmäßige Besatzung betrug 741 Mann. DieMikasa" war das Flaggschiff des Admirals Togo während aller Hauptphasen des Seekriegs; bei Beginn der entscheidenden Schlacht in der Tsuschima- straße erging von ihr am 27. Mai d. J. der signalisierte Be­fehl an die japanische Flotte:Das Schicksal des Reiches hängt von dem heutigen Kampfe ab. Es wird von euch er­wartet, daß ihr alle euer Aeußerstes tut." Die Trauer in Japan ist allgemein, zumal sich an dieMikasa" alle heroischen Erinnerungen an die Großtaten der japanischen Marine im Kriege mit Rußland knüpfen.

Kaisermanöver 1905

(Von unserem Spezialberichterstatter.; Allgemeine und besondere Kriegslage. Die Aufgabe der Kavallerie. Aufmarsch der Armeen und Rheinübergang. Tie Tafel der Provinz. Ter Trinkspruch des Kaisers.

Beleuchtung der Rheinufer.

(Nachdr. Verb.)

^ Cobleuz, 13. September.

Zum Kampfe zwischen den beiden gegeneinander ope­rierenden Heeresabteilungen kam es gestern noch nicht. Am Montag war die Kavallerie des 8. Armeekorps auf das rechte Rheinufer gegangen, um gestern in den frühesten Morgen- sluuden ihre Arbeit zu beginnen, die für sie, sowie für die übrigen Waffen aus der bekannt gegebenenAllgemeinen Kriegslage" sich ergibt. Diese lautet:Eine rote Armee (18. Armeekorps, Kavallerie-Division 3 und Zuteilungen) hat, von der Pfalz vormarschierend, blaue Truppen bei Mainz über den Rhein gedrängt, die Festung eingeschlossen und oberhalb derselben am 9. September den Fluß über­schritten. Eine blaue Armee (8. Armeekorps, Kavallerie- Division A und Zuteilungen) sammelt sich in der Gegend von Marburg.

Die rote Armee hat also die Festung Mainz eingeschlossen, aber noch nicht in ihren Händen, ist den zurückweichenden blauen Truppen aufs rechte Rheinufer gefolgt und im wei­teren Nachdrängen begriffen. Die beiden Kavallerie-Divi­sionen von Blau und Rot, A und B, unter Generalleutnant von Natzmer bezw. Generalmajor von Katzler sind also schon seit dem 9. September in Tätigkeit zu denken. Division A hat die Versammlung der blauen Armee bei Marburg nach Zeit, Ort und Stärke zu verschleiern und dabei das Herüber­greifen der roten Armee über das rechte Rheinufer, sowie die Einschließungstruppe bei Mainz zu beobachten. Divi­sion B hat die Aufgabe, den Verbleib der zurückgegangenen blauen Truppen festzustellen und den Aufmarsch bei Mar­burg eingehend zu erkunden, im übrigen selbstverständlich der Division A allenthalben entgegenzuarbeiten. Von der Tätigkeit der Kavallerie-Divisionen, von dem Ausfall des Kavallerie-Duells ist die Gestaltung derbesonderen Kriegs­lage" abhängig. Für die Kavallerie-Divisionen sind die ersten Tage von größter Wichtigkeit; denn da sind sie, was sie sein sollen, Auge und Ohr der Armee. Später, wenn die ihnen nachfolgenden Armeen aneinander geraten sind und sie aus dem Zwischenraum zwischen den beiderseitigen Fronten herausgedrängt haben, treten sie mehr in das Ver­hältnis der Schlachtenkavallerie und aus ihrer Hauptauf­gabe der Aufklärung etwas heraus. Ihre Anwesenheit auf einem Flügel oder in der Flanke der Armee begrenzt ihre Tätigkeit naturgemäß. Für die Berichterstattung war der gestrige Tag ein ziemlich leerer Tag, denn das milttarn k

Md mußte sich erst entwickeln. Welcher Art die Vorarbeit sür die Armee gewesen ist, das zeigt sich erst, wenn die Ka­vallerie so weit gelangt ist, daß sie sich auf Festhaltung der Fühlung mit dem Feinde beschränken kann. Gestern abend stand die rote Armee auf der Linie Kordorf-Mundershausen- Laufenfelden, die blaue Armee stützte sich auf Boppard, St. Goar und Braubach- Dachsenhausen. In der Nacht auf heute waren die Pioniere der blauen Armee mit dem Bau von Pontonbrücken über den Rhein beschäftigt. Zwei Divisionen der blauen Armee überschritten auf diesen Brücken den Rhein und stießen energisch gegen die rote Heeresabteilung vor. Die sich entwickelnden Kämpfe habe:: bei dem überaus schwierigen Gelände großen informierenden Wert.

Die große Tafel für die Provinz wurde gestern abend beim Kaiserpaar im Schlosse zu Coblenz abge^ halten. Neben anderen hervorragenden Persönlichkeiten nahmen daran Teil der Kronprinz, die Prinzessin Adolf zu Scl)a um burg-Lippe, die sonstigen Fürstlichkeiten, der Ober- präsident Frhr. v. Schorlemer, Reichskanzler Fürst Bülow, Fürst zu Solms-Hohensolms, Fürst zu Löwenstein-Wert­heim, Oberlmrgermeister Becker, Kardinal Erzbischof Dr. Fischer, altkatholischer Bischof Dr. Weber, Bischof Dr. Korum von Trier, wirkt. Geheim rat Dr. von Rottenburg.

Während der Tafel hielt der Kaiser eine Rede, die mit einem Hoch der Rheinprovinz 'schloß. Der Monarch pries den Hochstand von Handel und Wandel, von Wissen­schaft und Technik in den Rheinlanden, gedachte seines Groß­vaters und Vaters als Einiger des Reiches, .unter deren Szepter sich das blühende Leben der Provinzen entwickeln konnte. Das deutsche Haus stehe fest gegründet unter dein Reichsbanner, friedlich nebeneinander könnten darin die Konfessionen, Katholiken und Protestanten, wohnen. Für die katholischen Rheinländer habe erst kürzlich der Erzbischof von Köln ihm in herrlicher Weise das Treuegelöbnis er­neuert. Der Kaiser schloß mit den Worten:Wenn so das deutsche Volk in sich gefestet, auf Gott vertrauend in die Welt hinaustritt, dann wird es auch befähigt sein, die großen Kulturaufgaben zu lösen, die ihm die Vorsehung in der Welt bestimmt hat:nach innen geschlossen, nach außen entschlos­sen". Und daß diese Anschauung in meinem Volke sich ver­breite und Verständnis und Würdigung finde, und daß es ihm beschieden sein möge. unter Gottes Schutz in friedlicher Schaffensfreude seine Arbeit zu fördern, dieser Wunsch wird vor allen Dingen in der hiesigen Provinz Verständnis und Würdigung finden. Ich erwarte von meinen Rheinländern, daß sie bei dieser Arbeit mir treu zur Seite stehen, und so erhebe ich mein Glas auf das Wohl und das Gedeihen dieser schönen Provinz. Die Rheinländer hurra!"

Nach dem Diner unternahmen der Kaiser und die Kai­serin mit ihren Gästen eine Dampferfahrt auf dem Rhein bei glänzender Beleuchtung der Ufer, der Brücken und Schiffe. Ein feenhaftes Feuerwerk wurde abgebrannt, die Musik spielte und Böllerschüsse wurden abgegeben. Auch die Stadt Coblenz war überall glänzend illuminiert. Es war ein Anblick von seltener Schönheit, der sich den bewundern­den Augen bot. Etwas Herrlicheres haben die Rheinufer wohl kaum gesehen. Im Hintergründe hoben sich die mäch­tigen Konturen des Ehrenbreitsteins in Flammenlimen vom Nachthimmel, tausende und abertausende von Lam­pions, bengalischen Flammen und bunten Lichtern spiegelten sich im Strom, unzählige Raketen und Leuchtgarben stiegen in die Lüfte, die Schiffe glitten gleich feurigen. Fabelwesen über die glitzernden Fluten das ganze war eine erhabene Symphonie von berückendem und unvergeßlichem Eindruck.

politische Rundschau.

Deutsches Reich*

* An maßgebender Stelle besteht der Wunsch dah alle Kriegervereine in Preußen dem preußischen Laudestrreger- rerbande beitreten. Da die Vereine vielfach erst dann bei= treten, wenn sie das Recht zur Führung einer Fahne nach­suchen, soll in Zukunft mehr wie bisher auf baldigen An­schluß der Vereine an den Verband Gewicht gelegt werden.

* Nach Mitteilungen aus München finb für die Betriebs- mittelaemciuschaft der deutschen Eisenbahnen von der baye- r üche n S^taatsbahn -Verwaltung neue. Vorschläge gemacht morden Am 11. Oktober soll die nächste Ausfthußsitzung m Berlin stattfinden, in der die bayerischen Vorschläge der Be- ratung unterzogen werden sollen.

» Diu 3tordb"urtc sind rnhia. Mpapim hat den Ausbruch von Unruhen i'^^^"^ bcjirK At nc,^ ie^ geschlagen haben.

Hauptmann RiL hat ein ^reiche- Gefecht bei Schra, gemeldet. Die Arbeiten an her Eisenbahnlinie Dar- es-Salam und Mrogoro nehmen ihren ruhigen Fortgang.