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(Hießener Zeitung)

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wird, die den anderen Berufsständen im Deutschen Reick eingeräumt werden."

Das Hoch auf den Kaiser brachte der Präsident Les Buw des Freiherr v. Wangenheim aus.

Nr. 38

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3«ferti»«»»sei8 i Die cinspaM,« Patit^ile für ganz Ober* Min, bie Kâ Wchlar «M> Marburg MW frost tb B z.

Reklamen Mc Petit, ecke SO resp. 40 Psg.

Redaktion u. HaUptexpMtiout Gießen, «eltersweg 88.

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Muche Wachrichte»

für Overhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalameiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhesten.

Der Sohn des Diktators.

— Zum Empfang Kossuths durch Kaiser Franz Josef. —

Wer ist Franz Kossuth? — Vor wenigen Jahren wußte ;s kein Mensch. Als Ludwig Kossuth, der Führer der unga- rijdjcn Revolution im Jahre 1849, im hartnäckig festgehal- lenen Exil gestorben war, erfuhr man, daß es einen Franz Kossuth gab, einen Sohn des weiland Diktators, der nicht mit seinem Vaterland noch mit seinem Landesherrn Frieden machen wollte, weil er einmal geträumt hatte, selbst Herr seines Vaterlandes zu werden. Von einem Traum zu zeh- cen, ist nicht jedermanns Sache. Alan kann es Franz Kossuth richt verargen, daß er nicht von dem Traum seines Vater: zehren mochte. Zunächst war ihm der Name des Vaters eine „eit bessere Erbschaft, in der Heimat eine vortreffliche Emp- sehlung, ein Programm und beinahe ein Freibrief. Er trat wie ein Prätendent auf. Das wäre ihm vielleicht nicht ganz gut bestimmen, wenn er nicht verstanden hätte, durch beriihi- gende Unbedeutendheit mit sich zu versöhnen. Er zeigte sich so wenig hervorragend, daß keine Eifersucht gegen ihn aufkom­men konnte. Er durfte einer Partei den Rainen seines Va­ters geben; doch wußte er den Vorteil zu nutzen, der darin lag, daß der Name seines Vaters auch sein Name war. so wurde er der Namengeber einer Partei und —• ohne all sein Verdienst und Würdigkeit — um des Namens willen ihr Führer. '

Er war kein strenger und unbequemer Führer. Seinen Leuten gab er gern nach. Die kriegerischen Naturen unter ihnen ließ er ohne Widerstreben, zwar nicht die Ehren der Führung, aber die Last der Verantwortung auf sich nehmen lind sich im männlichen Streit abnützen und verbrauchen und unmöglich machen. Er selbst blieb in jedem kritischen Mo­ment tapfer im Hintergrund — hierin dem Vater nicht ganz unähnlich, der während der ungarischen Revolution ein Rück- zugs-Feldmarschall gewesen. Seine Partei wurde ein förm­licher Taubenschlag, als im vergangenen Jahr die Minorität des Abgeordnetenhauses durch Obstruktion die Mehrheit ter­rorisierte und die Fortführung der Geschäfte des Lanoes Hin- lxrte. Er billigte die extreme Obstruktion nicht — kein Mensch fragte nach seiner Billigung — er widerstrebte ihr uicht — kein Mensch hätte darauf geachtet ■— er ließ die Dinge gehen, wie sie wollten. Wer von der liberalen Partei Distel, aus welchem Grund immer es geschah, der fand im Kossuthklub einen Sammel- und Rückzugsort. Dieser Klub der Unzufriedenen erlangte bei den jüngsten Wahlen zuni ungarischen Abgeordnetenhaus mehr Stimmen, als irgend eine andere Partei, allerdings noch lange nicht die absolute Mehrheit. Die unzufriedenen Magnaten der Kossuth-Frak- tion trafen mit einigen anderen Gruppen ein Abkommen, das zur Mehrheitsbildung führte, und nun stand ès fest, daß sie vom Kaiser Franz Josef zur Bildung unc§ neuen Ministe­riums berufen werden mußten. Graf Julius Andrassy er- schien vor dem Monarchen — doch erhielt er den Auftrag zur Kabinettsbildung nicht, Kaiser Franz Josef, der klügste unter Men Staatsmännern Oesterreich-Ungarns, nahm den streng­konstitutionellen Standpunkt ein, indem er nach dein Führer der Kossuth-Fraktion verlangte. Der Kaiser war es, der Franz Kossuth als diesen Führer bezeichnete.

Tas war eine böse Ueberraschung, zu der aber die Ueber- laschten gute Miene machen mußten. Der Mann, der ihnen nur den Steigbügel halten sollte, dessen Klich sie lediglich als ein Sprungbrett angesehen hatten, war plötzlich ihr erklärter Führer, dem die Berste des Sieges zngcsprochen wurde, und das gerade vom Kaiser, bei dem sie unüberwindliche Müei- gung gegen Franz Kossuth vorausgesetzt hatten. Sie glaub­ten, um einen bequemen Diener ausgesucht zu haben, und sie hatten sich einen Herrn gewählt; sic hatten Kossuth wie eine Kulisse vorgeschoben, und nun stand diese Kulisse vor ihnen, ein Hindernis für sie selbst.

Kaiser Franz Josef hat den Sohn des Diktators in der Wiener Hofburg empfangen. Damit ist Franz Kossuth in die vorderste Reihe der Minister-Prätendenten gerückt. Drr hat sich beeilt, nach der Audienz zu verkünden, daß man ihm zu unrecht Feindschaft gegen die Dynastie nachgesagt habe. Er sei im Gegenteil dem Herrscherhaus der Habsburger in Treue ergeben und auf dessen Festigung bedacht. Er wolle auch an der Personalunion mit Oesterreich festhalten, nur solle Ungarn wirtschaftlich, politisch und militärisch' selb- stänLig werden, aus der österreichischen Verstrickung frcikom- men. Kaiser Franz Josef wiederum hat durch den Thron- folger Erzherzog Ferdinand Franz bekannt gegeben, daß Kossuth auf ihn einen guten Eindruck gemacht habe.

Franz Kossuth ist nun als ungarischer Minister „mög­lich" geworden — ganz gewiß zum Summer derselben unga­rischen Magnaten, die nicht an seine Nachfolgerschaft gedacht hatten, als sie das vorige Ministerium stürzten. Es wäre voreilig, wollte man glauben, daß Kossuth schon am Ziel sei. Die letzte Stunde kann neue Ueberraschungen bringen.

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Dienstag, SM 14. Fcbruar 1905.

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Die Lage in Russland.

St. Petersburg, 12. Februar.

Für den heutigen Sonntag hatte man wieder Unruher befürchtet. Aufs neue hat sich bestätigt, daß angekündigt: Putsche auszubleiben pflegen. Die Arbeiter streiken zwai zum Teil noch, aber sie halten sich von Gewalttätigkeiten fern, veranstalten nicht einmal Umzüge, Auch die Gerüchte aus Warschau lauten im ganzen befriedigend, wenngleich nicht geleugnet werden kann, daß noch inimer Zündstoff in Menge vorhanden ist, daß polnische und russische Arbeiter gleicy- mäßig in dauerndem Erregungszustand sich befinden. Noch am Samstag hat das in Warschau dazu geführt, daß strei­kende Arbeiter, die Arbeitswillige am Eintritt in die Fabri­ken hindern wollten, erst durch Kolbenstoße von ihrem Be­ginnen abgehalten werden mußten.

Allmählich erfährt man wenigstens die annähernde Wahrheit über die Zahl der von den Krawallen erforderten Opfer. Auf den Friedhöfen von Lodz allein sind 144 dieser Opfer beerdigt worden, und 200 Verwundete liegen noch in den .Krankenhäusern der Stadt, In Lodz sind allerdings die Unruhen am größten und nachhaltigsten gewesen, ist die Arbeit auch aufs neue unterbrochen worden. Die Straßen­bahnen, die am 28, Januar den Verkehr eingestellt haben, sind immer noch nicht wieder in Betrieb gejcyi.

Außer Zusammenhang mit diesen Erscheinungen steht ein Vorfall, der aus Opotschka im Gouvernement Pskow gemel- M wird. Dort hat man in den Kasernen des Reservebatail­lons Proklamationen mit dem Stempel des Rigaer sozial- demokratischen Komitees gefunden, in denen zum Wider- stand gegen die Entsendung nach dem Kriegsschauplatz auf- gefordert wird.

Die Adelsgenossenschaften in den Provinzen erweisen sich ebenso wie in den Hauptstädten als Anhänger Les selbst- herrscherlichen Regiments. Wenigstens tun sie das in ihren offiziellen Kundgebungen.

Herr v. Witte hat einem Interviewer gegenüber wieder einmal erklärt, daß er sich vom politischen Leben gänzlich zurückziehen wolle. Den Zeitpunkt Les Rücktritts aber hat er vorsichtigerweise nicht angegeben. Bei dieser Gelegenheit soll sich Witte auch dahin geäußert haben, daß er für den Frieden sei, allerdings nicht für den Frieden um jeden Preis. Zur Bewilligung einer Kriegsentschädigung dürfe man dem Zaren nicht raten. — Das muß der frühere russische Finanz- minister allerdings wissen.

Die Jahresversammlung der Landwirte.

Berlin, 13. Februar.

Die Generalversammlung des Bundes der Landwirte ist am Montag im hiesigen Zirkus Busch zusammengetre- ien. Sie war von etwa 7000 Personen besucht und hatte gen üblichen Verlauf. Der kräftige Wille kam zum Aus­druck, an den Zielen festzuhalten, die sich Ler Bund gesteckt jat. Man gab willig zu, daß in den Handelsvertragsent- viirfen manches erreicht fei; doch wurde ebenso fest betont, las; man nicht verzichten dürfe, noch weiteres zu erreichen. Man freute sich, daß der Stand der Landwirte von der Re- zierung als gleichberechtigt anerkannt sei. Doch wies man zugleich darauf hin, daß jetzt schon Fürsorge zu treffen sei Ur die (Mcistbegünstigungs-)Verträge mit den Staaten, mit selten wir Konventionaltarif-Verträge nicht abschließen. Auch komme es dem Bund der Landwirte zu, auf die wirt- -chastlickw Gesetzgebung des Reichs fortdauernd Einfluß zu iben, damit hier nichts geschähe, was den berechtigten Inter­essen der Landwirte abträglich sei. Die im Werk befind­liche Reform des Börfengesetzes dürfe nicht dahin führen, daß der Börje wieder die Möglichkeit einer Verteuerung des Brotes gegeben werde. Die Versammlung sprach sich nicht unbedingt für die Annahme der Handelsverträge aus, ließ iber in der folgenden Resolution erkennen, daß sie ihnen sie endliche Zustimmung nicht versagen werde.

„Die Generalversammlung des Bundes der Landwirte erkennt an, daß die vom Reichstage vorgelegten Handels- Verträge in mancher Hinsicht eine Verbesserung der land- wirtschaftlichen Produktionsbedingungen herbeiführen kön­nen. Unbedingte Voraussetzling dessen ist aber eine um- sichtige Handhabung der Verträge. Sie betrachtet die Tendenz der Verträge immerhin als einen ersten Schritt der Abkehr von der Caprivi schen einseitigen Exportpolitik, stellt aber fest, daß eine große Reihe berechtigter Wünsche der Landwirtschaft eine Berücksichtigung nicht erfahren hat. Sie gibt sich der Hoffnung hin, daß die verantwortlichen Leiter der Politik des Reiches und der Einzelstaaten in fortschreitender Erkenntnis der Notwendigkeit der Erhal­tung und Stärkung des deutschen Bauernstandes mit Ernst und Entschiedenheit bemüht sein werden, seine Exi­stenzbedingungen wieder so zu gestalten, daß der notwen­dige und berechtigte Ausgleich mit denieniaen beraeftelll

_______ 14, Jahrgairg

Ab»«»eme«t«vreU: abgeholt monatlich 50 Pw., in’« Hawt gebracht 60 Psg., durch He Post bezogen vierieljâhrl. Mk 1.50.

•t«H»6eUefl«x: Oberhefstsche Familienzeitung ttsglich) und die Gießrure Geife-cblasc, (wöchentlich).

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Die Politik

® Die vom König von Italien gegebene Anregung zur Emrichitungi einest intcrnntionalcn Landwirtschaftskammer in Rom ist in Berlin natürlich mit dem entgegenkommenden Wohlwollen ausgenommen worden, das die Rücksicht aus seinen Ursprung erheischt. Das schließt aber nicht aus, daß man die Sache selbst zugleich mit einer gewissen Vorsicht be­trachtet. Von einem hervorragenden Staatsmann ist unserem Berliner, ^S-Mitarbeiter auf dessen Befragen gesagt toor> Öen: „Die Absichten des Projektes sind unzweifelhaft die testen. Doch die nächste und vielleicht die einzige Wirkung wurde die sein, daß die Zahl der beamteten Stellen und La- Lchreibewerk sich noch vermehrten, während uns eine 53er. tmnberung sehr not tut. Auch sind die gemeinsamen Inter essen i>e§ Ackerbaus in verschiedenen Ländern wegen bei Verschiedenheit der klimatischen Verhältnisse, bet wirtschaft- "wen Gewöhnungen und Bedingnisse sehr gering. Könntc man wenigstens die klimatischen Verhältnisse aufheben, sc neße sich ein Anfang machen, wäre eine Strecke gemeinsamer tßegeS denkbar. Das ist aber nicht möglich, und so bleib! sie Fürsorge für die Landwirtschaft natrirgemäß national oegrenzt. Immerhin wird diesseits das Tunliche geschehen, im dem Wunsch des Königs von Italien Befriedigung zu wrfchaffen."

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_ ^ Am Sonntag hielt der Bund ber Handwerker seine dies- âhrige Generalversammlung ab, zu der sich Delegierte aus illen Teilen des Reiches einfanden. Wichtigster Gegenstand )er Tagesordnung war ein Antrag auf Verschmelzung des Lundes mit der Deutschen Mittclstandsvercinignng. Dei Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen.

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$ Ein englischer Politiker, Sir Thomas Barcley, wird im Mittwoch auf dem deutschen Handelstag in Berlin als Saft erscheinen. Sein Besuch ist schon feit längerer Zeit ingekündigt, auch der Zweck seines Besuches: die deutsch- : N g l i s ch e n Beziehungen namentlich von der Be- lölkerung aus in freundlichem Sinne zu beeinflussen. Das Bestreben ist jedenfalls lobenswert und verdient Unter- tütznng. Es kann als Tatsache hingcnommen werden, daß itoei Völker, wie das deutsche und das englische, bei bei Semcinfamteit vieler Wünsche und Betätigungen manche lleibungSfläche finden, manchmal auch Jnteressen-Divergcnzen, lie zu Mißstimmungen führen. Es ist ferner eine Tatsache, >aß cs nicht wenig Personen giebt, die sich förmlich ein Semerbe daraus machen, jeden entstehenden Mißklang wrstärkend zu betonen, auS jeder leisen Empfindlichkeit eine chwere Reizung zu machen, hier den Glauben zu erwecken, laß dort eine grimmige Feindschaft vorhanden fei. Ein Keil der englischen Presse, bie Londoner „Times" voran, benutzt jede Gelegenheit zur Verhetzung und politischen Brunnenvergiftung, erfinbet sogar solche Gelegenheiten, und beharrt in solchem Verfahren, trotzdem ihre Angaben schon unzählige Male Lügen gestraft worden. Wir wollen nicht verhehlen, daß man auch bei uns in der analogen Richtung gefehlt, das englische Nattonalgefühl manches Mal verletz: zat. Es ist erfreulich, daß der Versuch gemacht wird, ein Äcgcngcwicht zu schaffen. Doß auf beiden Seiten der gute Wille vorhanden ist, beweist bie Reise Sir Thomas Barcleys lach Berlin, beweist der sympathische Empfang, den bei Genannte in Deutschland findet

4< Im Ruhrrevier darf die Rückkehr zu normalen Verhält- iiiffen als gesichert angesehen toerben. Von Tag zu Tae nehrt sich die Zahl der anfahrenden Bergarbeiter-, in man- den Bergwerken gibt es Ausständige überhaupt nicht mehr. Der Streik ist glücklicherweise von so kurzer Dauer gewesen, daß die Bergwerke selbst nicht gelitten haben. Nur ver- ünzelt sind Vorarbeiten zur Wiederherstellung der Arbeits- aiüglichkeit notwendig gewesen.

Üeer und flotte.

Ueber bie Kaisermanöver im Jahre 1905 bestimmt eine Kabinettsorder: Das 8. und das 18. Armeekorps halten Ma­növer gegeneinander vor dem Kaiser ab. Das 8. Armee­korps wird durch die 68. Infanterie-Brigade, LaS Ulanen- Regiment Graf Haeseler (2. Brastdenburgisches) 9<r. 11 und die 34. Feldartillerie-Brigade, das 18. Armeekorps durch die 55. und 56. Infanterie-Brigade, das 3. Schlesische Dragoner- Regiment Nr. 15 und die 28. Feldartillerie-Brigade verstärkt. Beiden Armeekorps wird je eine Luftschifferabteilung zuge- teilt. Die weitere Mitteilung der Kriegsgliederungen der beiden Korps erfolgt durch den Chef des Generalstabes der Armee.