Nr. 12. Erstes Blatt.
J«s^tts»SvrrtS» Die einspaltige PMtzeUe für ganz Ober- -essen, die Kreise Wetzlar «G Marbmg 1O Pfg. sonst 15 Pig« Reklamen die Petitzetle 30 resp. 40 Pfg.
Redaktion u. HauptexpMtionr Gießen, Selt^rsweg 88.
Fer»sprechâ«schl«st Nr. 862«
Samstag, vey 14 Januar 1905.
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_________________14 Jahrgang.
Ab«mvme«r--relS: abgeholt monatlich 50 Piq., in's Haus gâ«ht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mk. 1.50.
GrätiSbeUage«: Oberhesstfche Familienzeituug (täglich) und die Gießener Seifenblase« (wöchentlich).
DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
für Oberhessen und die Kreise Marbwg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Metzen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
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Südwestafrika in der Budgetkommission
Berlin, 13. Januar.
Der Zwischenfall in der Budgetkommission, welche die DerhandliMg über die Nachtrnnsfovderung für Südwest- tfrika gestern vertagte, weil keine Entlastung gefordert worden war, ist inzwischen beseitigt worden. In der heutigen Sitzung gab der Reichsschatzsekretär Freiherr V. Stengel im Namen des Reichskanzlers eine Erklärung ab, in der er I tine Berücksichtigung der Wünsche des Parlaments zusicherte und auch sofort einen neuen Paragraphen zu der Dertrags- forderung vorlegte, dessen Einführung alsbald beschlossen mürbe. Dieser Paragraph enthält die Indemnität für die bereits bewirkten Ausgaben. Damit ist der Zwischenfall erledigt.
In der gestrigen Sitzung waren alle Parteien darüber einig, daß die Indemnität nachgesucht werden müsse. Eine Gruppe verlangte allerdings eine scharfe Fassung dieses Standpimktes, nämlich Ablehnung jeder Verl>andLung, bis die Indemnität eingefordert werde, während die zum Frieden geneigte Gruppe die Vertagung beantragte und durchsetzte und so der Regierung eine goldene Brücke baute. Sachlich ist selbstverständlich der Reichstag im Rechte, denn nach der Verfassung muß die Regierung für bereits vollzogene Ausgaben die Entlastung nachsucben. An diesem Rechte darf das Parlament nicht rütteln lassen, wenn nicht die ganA? Mitregierung des Volkes völlig in die Luft gehängt werden soll. Im Verlaufe der Beratung, in die nunmehr eingetreten wurde, kamen die verschiedenartigsten Fragen zur Sprache, und ist die wenig rücksichtsvolle Art, wie angeblich die Verwandten von den Verlusten in Kenntnis gesetzt werden, sowie die Bevorzugung eines Berliner ' Blattes bei den Berichten vom Kriegsschauplätze, die von Seiten der Regierung als Indiskretionen gekennzeichnet wurden. .Für die gefangenen Hereros wurde eine humane Behandlung zugesichert, jedoch müsse erst der Widerstand gebrochen werden, ehe Milde eintreten könne. Zum Schluß kam ein Ueberblick über die Verluste. Danach sind bis zum 11. Januar 1905 gestorben 35 Offiziere, 75 Unteroffiziere, 363 Reiter von der Schutztruppe und 88 bei der Marine, 7 Offiziere, 11 Unteroffiziere, 72 Mann, von Reservisten, Farmern und Kriegsfreiwilligen, 12 Offiziere und 265 Mann, insgesamt 752 Personen. Verwundet sind 25 Offi- ?iere, 52 Unteroffiziere, 134 von der Schutztruppe, und von der Marine 6 Offiziere, 5 Unteroffiziere und 15 Mann.
Der Krieg in Ostasien.
Bom Kriegsschauplatz liegen Meldungen von Belang nicht vor. Eine kleine Abteilung russischer Kavallerie versuchte die Eisenbahn in der Nähe von Haitscheng zu zerstören, wurde aber durch die Wachtmannschaft vertrieben. Einzelheiten sind nicht zu erhalten; es ist dies das erste Mal, daß die Russen von ihrer Kavallerie an der Verkehrslinie Gebrauch machen.
General Stösiel
soll nach einer Pariser Meldung beabsichtigen, nach Landung in Marseille über Berlin nach Rußland zu reisen, um ’ unterwegs vom Deutschen Kaiser den ihm verliehenen Orden ' [Wut le mérite entgegenzunehmen. Der Grund, weswegen General Stössel die Freiheit auf Ehrenwort angenommen ^be, liege in der Notwendigkeit, dem Zaren einen genauen Bricht über die Ereignisse von Port Arthur zu erstatten.
Die Neutralität Chinas
^ von den Regierungen der Großmächie J Ne ru midie °'Lninau llnter die Lupe genommen werden. •m der Beilegung em Rundschreiben erlassen we- iLtfnMrfmittpa bla ^ Neutralität während des verstossenen , LÄHd)tungenBna^ Zr unfähig erklärt, seinen sannt aewordener SPentrnr.?’ iodann wird eine Reihe be. I 6 für wahrscheinlich erklärt bah ^H^c* m^^E^s U"d gelben Weise fortgesetzt ^«be $ a Handlungsweise m gefährliche Bahnen bringen ' D^^â°"^^ ^ ^w ’” Mächten gleich zu beginn be§ @rieLS ^
He Neutralität Chinas zu sichern^ "^- gemachten Versilche, hobt, aber die Aufreizung gegen die ^ M° ^ ernste Lage geschaffen, die Rußland bewoaen^b^bs gemeine Aufmerksamkeit darauf zu lensen 9 ^ schreibens nimmt Rußland das Recht für sich ^ in der Angelegenheit der Neutralität Chinas bon eigenen Interessen leiten zu lassen. ^n fernen
Zur Übergabe von port Hrtbur.
^ Berlin, 13. Januar.
Der offizielle Bericht über die Uebergabe von Port Ar- Gr, den General Nogi nach Tokio eingereicht hat, führt I ausgeliefert auf: 59 permanente Befestigungen 546 ^ «fthüfce barunter 54 großen, 149 mittleren und 343 klei- 82 670 Granaten, 3000 Kilogramm Pulver, 1^252 Gewehre, 1920 Pferde, 4 Schlachtschiffe ohne die ^âwastopol", tue vollständig gesunken ist, 2 Kreuzer, 14
Kanonenboote und Torpedobootszerstörer, 10 Dampfer sowie außerdem 35 kleinere Dampfer, die nach unerheblichen Reparaturen noch brauchbar sind.
Die ganze in Port Arthur verlorene Artillerie muß aber auf nicht weniger als 1400 Geschütze beziffert werden. Sie bestand auâ 520 Festungsgeschützen (420 in Port Arthur, 60 in Kintschau und 40 auf den vorgeschobenen Positionen), 80 Feldgeschützen und Maschinengewehren und etwa 800 Geschützen verschiedenen Kalibers auf etwa dO Kriegsschiffen. Der materielle Schaden, den Rußland durch die Belagerung von Port Arthur und den Verlust der Festung erleidet, läßt sich natürlich noch nicht annähernd abswäben. Nur bezüglich des Wertes der in Port Arthur zu Grunde gegangenen Flotte zirkulieren gegenwärtig einige neue Ziffern, die im übrigen niedriger sind, als verschiedene andere, früher aufgestellte Kalkulationen. Da-
nach kostet Rußland der Verlust des Port Arthur-Geschwaders etwa 100 Millionen Rubel ; in der Liste figurieren die einzelnen großen Kampfeinheiten mit nachstehenden Summen: „Retwisan" 10 695 518 Slubel, „Pereswiet" 10 441 655 Rubel, „Pobjeda" und „Sewastopol" je 8 074 409 Rubel, „Bajan" 6 900 689 Rubel, „Pallada" 5 726 313 Rubel und „Bojarin" 3 394 024 Rubel.
Moment der Kriegserklärung betrugen die Kosten der allen Schiffen befindlichen Munition 5 762 936 Rubel.
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Die Politik
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0 Obgleich der Bergarbeiterausstand im Ruhrgebiet __ Wachsen ist, hofft man doch, daß dank dem vermittelnden
Eingreifen der Regierung der Gesamta-usstand im Ruhrgebiet noch vermieden werden kann.
Oerterrdch-Ungam»
t Wenn die auf österreichisch-ungurische Quellen zurückgehenden Meldungen richtig wären, hätte die österreichisch- ungarifd^e Konferenz noch keine Zustimmung zu den deutschen Konzessionen erteilt. Die Meldung besagt, daß die Delegierten wieder zu weiteren Verhandlungen nach Berlin ziehen. Nach den Informationen unseres ^-Mitarbeiters handelt es sich um die Fertigstellung des Vertragsinstrumentes.
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D Infolge der Wahl Doumers zum Präsidenten der De- puüertenkammer will der Ministerpräsident Combes die Kabinettsfrage stellen. Zu dem Zwecke wird Combes die Annahme einer vom Deputierten Jaurès abgefaßten Tagesordnung verlangen, in der seiner Regierung das Vertrauen ausgesprochen wird, weil sie allein die notwendige Autorität zur Durchführung der republikanischen Reformen besitze, und in der ferner erklärt wird, daß die Kammer keine weitere Erörterung der Denunziationsangelegenheit zulassen werde. Es stehen heiße Kämpfe auf parlamentarischem Gebiete bevor, und es muß sich nun zeigen, ob das Ministerium Combes im stande ist, sich auch gegen diesen gefährlichen Angriff zu halten. - .
England,
c& In einer Rede, die der Premierminister Balfour in Glasgow hielt, behandelte er sehr ausführlich die Zustände in Armee und Flotte. Als das Problem, das in erster Linie ins Auge zu fassen sei, bezeichnete der leitende Minister die Verteidigung Afghanistans. Dort sei die Stelle, wo allein ein Konflikt mit einer großen militärischen Macht möglich sei. Die vom Kriegsministerium eingeführten Sirmeereformen setzten England in den Stand, wirksam in jeden Streit an der Nordwestgrenze Indiens einzugreflen. Die von ^itdjener in Indien eingeführte Heeresorganisation habe die Leistungsfähigkeit der indischen Armee als Feldarmee gewaltig gehoben. Für die Verteidigung des eigentlichen England genüge eine kleine reguläre Armee zusammen mit den übrigen Truppen, da hier die Flotte die Grundlage bilde.
BaEkan-Staatetu
0 Anscheinend ist der Einfluß der Verschwörer beim Offizierkvrps im Abflauen. Während diese früher sämtliche Vorstandsstellen im Offizierskasino innehatten, haben neuerdings einige Vorstandsmitglieder anderen Kandidaten weichen müssen; dagegen ist Oberst Maschin, ein Schwager der Königin Dr'aga, aber trotzdem deren Gegner und bantm Mitverschworener, wieder zum Vorsitzenden gewählt worden.
Hfkm
^ Da es zu den englischen Kolonialprinzipien gehört, scheinbar die alten Zustände aufrecht zu erhalten, so existieren in Indien noch eine Anzahl von Pseudofürsten, denen, eine Prunkvolle Hofhaltung ennöglicht wird, die aber im übrigen nicht viel „to seggen haben". Jnfolgedesseii will es auch nicht viel bedeuten, wenn jetzt der Telegraph meldet, daß die Fürsten, oder'wie sie in der Landessprache heißen, die Maharadschas van Gir und Nawagai in Fehde leben. Letzterer eroberte sogar ein Fort. Eine fliegende englische Kolonne ist schon von Malakand aus auf bem Marsch, um Ruhe zu stiften. Dem unbotmäßigen Schattenfürsten von Nawagai wird wohl nachher der Brotkorb etwas höher gehängt werden.
Deutscher Reichstag.
(117. Sitzung.)
CB Berlin, 13. Januar. -
Ohne jeden Schwung zog sich heute die zweite Beratung des Justiz etats weiter. Der freisinnige Abgeordnete Lenz mann versetzte die Zuhörer zwar für kurze Zeit in die bessere Vergangenheit zurück, indem er eine längere Rede recht launig begann, aber dann verdrängte auch bei ihm der Jurist den gewandten Parlamentsredner. Er behandelte noch einmal den Fall Ruhstrat, ging dann auf den Fall Hüssener ein und erörterte schließlich den letzten Prozeß gegen den Grafen Pückler. Staatssekretär Dr. N i e- b e r d i n g erklärte, daß der Fall Hüssener zum Ressort des Kriegsministeriums gehöre, er könne also darüber keine Auskunft geben. Er legte aber Verwahrung dagegen eim daß, wenn selbst einzelne Unregelmäßigkeiten vorgekom- men seien, deshalb allgemeine Vorwürfe gegen die Straf- Vollstreckungsbehörden erhoben mürben. Mit einer reichsgesetzlichen Siegelung des Strafvollzuges seien die zuständigen Stellen schon lange beschäftigt; aber, bevor man dazu komme, müßten viele Schwierigkeiten überwunden werden. Auch die Staatsanwaltschaft sah sich der Staatssekretär veranlaßt gegen einen indirekten Tadel des. Herrn Lenzmann in Schutz zu nehmen. Dieser hatte nämlich einen Zusammenhang zwischen der von seiner Fraktion beabsichtigten Iw terpellation und der letzten Verurteilung des Grafen Pückler konstruiert, die jene Anfrage in förmlicher Form unnötig gemacht habe. Dem trat Dr. Nieberding entgegen;; die Staatsanwalts chaft habe hier, wie immer, nach Recht und Gesetz gehandelt, nicht aber mit Rücksicht auf eine parlamentarische Aktion. Später wiederholte der Abg. Jessen das bekannte politische Klagelied, daß die Dänen in Schleswig von den Behörden zurückgesetzt würden. Die anderen Gegenstände, die zur Sprache kamen, waren zwar keineswegs unwichtig, trugen aber zum größten Teil einen juristischen Charakter und boten unter politischen Gesichtspunkten geringeres Interesse. Mit einer Ausnahme allerdings. Der Zentrumsführer Dr. Spahn wandte sich mit großer Entschiedenheit gegen den von Dr. Müller-Meiningen befürworteten freisinnigen Antrag, im § 166 des Sirasgesetz-
buches die Bestimmung zu streichen, die außer Gottesläste- die Beschimpfung kirchlicher Einrichtungen und unter Strafe stellt. _ -----
rung auch Gebräuche
- - ' ffab und fern. .
0 Der strafbare Schulbesuch. Zu einer eigenartigen^ Verfügung sah sich der Gemeindevorsteher des Dorfes Bückelte bei Meppen veranlaßt. Er ordnete an, daß bet Strafe von 3 Mark niemand sein Kind zur Schule schickern dürfe. Den Grund zu dieser der Bückelter Dorfjugend zweifellos sehr angenehmen Verfügung gab ihm die schwere^ Erkrankung des Schullehrers, die eine Ansteckungsgefcchr ; für die Kinder bilden sollte. Erst nach erfolgtem Tode des' Lehrers wurde die Schulsperre wieder aufgehoben.
^ Ein Opfer seiner Seelsorgerpflicht ist in Priem arm Chiemsee der Pfarrvikar Adomer geworden. Er wurde! nächtlich von einem unbekannten Burschen geweckt und gebeten, der schwerkranken Mutter des Bittenden die letzte Wegzehrung zu bringen. Auf dem Wege nach der angeblichen Kranken ist dann Adomer von seinem verbrecherischen Begleiter ermordet und beraubt worden. Der Täter konnte noch nicht ermittelt werden. - - — ■
T Panik bei einer Trauerfeier. Ein schauriger Dor^'I ereignete sich in Whitechapel. Dort war eine alte Frau gestorben und im Vorzimmer ihres bereits sehr baufälligen Hauses aufgebahrt worden. Als am Tage der Beerdigung die Leidtragenden zur Abholung des Sarges erschienen, brach der Fußboden des Zinrmers plötzlich durch und bie Trauerversammlung, die) Möbel unb der Sarg mit der Leiche stürzten in den Keller hinab, ebenso eine brennende Petroleumlanrpe, die sofort explodierte. Es entstaub eine furchtbare Panik, doch besaß eine Frau noch soviel Geistesgegenwart. die emporschlagenden Flammen durch dara»^- geworfene Kleidungsstücke 311 ersticken. . Erst nach vielen Schwierigkeiten gelang es, die Verunglückten und cbenfo Karg und Leiche wieder enrporzufördern.
cT Das Herrnhuter Brüderhaus abgebrannt. Das berühmte Herrnhuter Brüderhaus, das Wahrzeichen des gan- zen Herrnhutertums, ist ein Raub der Flammen geworden^ Das Haus wurde im Jahre 1722 von Christians David eri baut, der hier mit seinen aus Mähren vertriebenen Glaubensbrüdern eine Zuflucht fand. -------
Hus dem Gerichtssaal.
§ Ein Rabenvater. Wegen furchtbarer Mißhandlung seines Töchterchens hatte sich vor der Landgerichtästraskammer in Brarmschweig der Arbeiter Meyer zu verantworten. Er hatte aus Aerger darüber, daß seine kranke grau das Essen nicht rechtzeitig fertig hatte, das arme Kind mit enti blößtem Rücken an den leihen Ofen gehalten, so daß sich die Verzierungen des Ofens in das Fleisch einbrannten. Das Gericht verurteilte den Unmenschen zu Fahren Ge- ^aniâ- 1