Nr. 241
Freitag, den 13. Oktober 1905
14. Jahrgang
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Fer»sprecha»schl»h Nr. 868.
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für Oberhessen und die Kreise Marbur« und Wetzlar; Lokalaazciger für Gießen und Umgebung,
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^W Anläßlich der Eröffnung einer zweiten städtischen Hand- l i^erkerschule in Berlin hat der preußische Handelsminister ( Herr Möller eine Rede gehalten, in der er zu der Frage der
Handwerkerschulen überhaupt Stellung nahm.
Der Herr Minister gedachte zunächst der tastenden 23er= chche, die man mit der engeren Gliederung der Fachschulen gemacht, mit der Einrichtung von besonderen Webeschulen, Maschinenbauschulen und ähnlichen Lehranstalten, bis man nach mancherlei Experimenten zu der Ueberzeugung gelangt I sci, daß die beste Schule für das Handwerk der Unterricht . ist. Im weiteren Verlauf seiner Rede erinnerte der Minister daran, daß die napoleonischen Kriege es gewesen sind, die die Blüte des deutschen Handwerks vernichtet und es fast erschlagen haben, so daß es fernerhin nur ein kümmerliches I, Leben fristete. Napoleon hat Deutschland durch Schatzungen $ van unerhörter Höhe ausgepokuert, hat ihm unermeßliche L Blutsteuer auferlegt, und erst ein halbes Jahrhundert später
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einen Eimer weiches Salmiakgeist und läßt ziehen. Flecke müssen verden. Nachdem der ihn so lange aus, bis hängt man äen Stoff einem leinenen Tuch - linfé geplättet.
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bnt Deutschland sich wieder zu erholen angefangen. Wie ba§ Handwerk unter dem Politischen und wirtschaftlichen Niedergang des Vaterlaiwes schwer gelitten, so hat es mit dem vaterländischen Aufschwung sich neu gehoben und aus her ewigen Quelle der Kunst sich friste Kräfte geholt. Gerade das Wachstum der Fabriktätigkeit, die so vielfach in das Gebiet des Handwerks hinübergreift, zwingt das Hand- frerk, um feiner Selbsterhaltung willen und um den auf der einen Seite verlorenen Boden auf der anderen Seite wieder zu gewinnen, Anlehnung an die Kunst zu nehmen, sich zum Punsthandwerk zu erheben und zu individueller Leistung, die der Maschine immer vorenthalten bleibt. Indem es sich mit schöpferischer Kraft erfüllt, erobert sich das Handwerk den goldenen Boden wieder, ohne den es verkümmern muß. Solche Eroberung aber sei nur möglich auf der Grundlage besserer Bildung, und diese lasse sich nicht anders mit Sicherheit erreichen als dadurch, daß man dem Schulunterricht einen allgemeinen und ausgedehnten Fortbildungsunter- ncht folgen läßt. Diesen Unterricht wünschte der Minister bis zum 18. Lebensjahr der angehenden Handwerker fortgeführt zu sehen.
Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß die Ausführungen des Herrn Handelsministers dem Ort, an dem die Rede gehalten wurde, und der Gelegenheit, von der sie veranlaßt worden war, sich angepaßt hatten. Die Einweihung und Eröffnung einer Handwerkerschule wäre kaum der geeignete Moment, um etwaige Bedenken gegen Fortbildungsschulen für Handwerker zu äußern. Wenn derartige Bedenken vorhanden waren, so mußte man sie anbringen, ehe das Haus gebaut und die Schule eingerichtet war. Die fertige Schule begrüßt man mit dem Ausdruck froher Hoffnungen, zuversichtlicher Erwartungen, weiterer Wünsche, aber nicht mit Warnungen und zagenden Einwendungen. Darum ist es aber auch gestattet, bei den aus solchem Anlaß gehaltenen Reden einen Ueberschwänglichkeits- abzug zu machen und nicht jedes Wort buchstäblich zu nehmen. Gewiß ist die Kunst eine Quelle zur Erneuerung und Belebung des Handwerks; aber nicht jeder Lehrling kann und soll unmittelbar aus dieser Quelle schöpfen. Gewiß ist Bildung ein Segen und fortgeführter allgemeiner Unterricht ist ein Vorteil; aber nicht jeder kann davon haben. Es ist wenigstens nicht überall und unter allen Umständen möglich, den Fortbildungsunterricht für angehende Handwerker bis zu deren achtzehntem Lebensjahr fortzuführen, pur titele, für sehr viele muß der allgemeine Unterricht erheblich früher aufhören. Vielleicht ließe er sich für die künf- tigen Handwerker noch vorteilhafter als bisher einrichten, indem man ine handwerkerliche Zukunft der Knaben mehr als bisher berücksichtigt. Zum Beispiel durch Einrichtung unb bessere Pflege des Handfertigkeitsunterrichts.
zösischen Ministers noch zu verpetzen, so würde für das hin- terlistige Verfahren der britischen Politik geradezu jede Bezeichnung fehlen. DaS Gerede unmaßgeblicher Preßorgane dies- und jenseits des Kanals bleibt ganz nichtssagend. Die beiderseitigen Regierungen müssen das Interesse haben, die Angelegenheit in unanfechtbarer Weise klarzustellen. Daß Tclcaffé an die englische Hilfe geglaubt und darnach seine Politik eingerichtet hat, ist fast zweifellos. In diesem Umstände liegt die große Bedeutung der Enthüllungen. Mit einemmal tritt hier die grenzenlose Verwegenheit zutage, mit der ein unbedachter Minister Europa in die entsetzlichste .Kriegsgefahr führen konnte. Hat England ihn in dieser Verwegenheit bestärkt oder nicht? Sind die englischen Machthaber wirklich schuldig, so rückt dieVerantwortung von Del- caffé ab, um sich mit ganzer Schwere auf seine Hintermänner zu wälzen. Er wird zum strafwürdigen aber weniger beachtlichen Werkzeug, jene sind gerichtet bis zur Vernichtung. So kann man die Sachlage einzig und allein auffassen, so schildert sie auch ein französischer Politiker, der Abgeordnete Jaurès in der „Humanit^". Daran ändert eine schwächliche und ausweichende Erklärung nichts, die Del- caffé selbst an den „Figaro" gesandt hat. Der ehemalige Minister behauptet darin, seine Absichten und Handlungen Wien frech entstellt worden. Die Enthüllung des diplomatischen Geheimnisses weist er von sich ab. Den Mut, die bekannt gewordenen Dinge als u n w a h r zu bezeichnen, findet er nicht. So bleibt es dabei — von deutscher Seite kann man eine ernsthafte und amtliche Aufklärung fordern. Das ist nicht allein eine Pflicht der Höflichkeit, sondern "'ne Notwendigkeit. Denn hier handelt es sich darum, ein- für allemal festzustellen, ob es wirklich Leute in Europa gibt, Regierungen, die in perfidester Weise Krieg und Elend dem friedlichen Nachbarn ins Land tragen wollen, ohn" ' Spur eines berechtigten Anlasses — England h a' >as Wort!
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1 Die Enthüllungen des „Matin" haben in Deutschland recht ernste Aufnahme gefunden. Das geht deutlich an ° einer Berliner Depesche der „Kölnischen Zeitung" hervor, in der ausgeführt wird, es hätte nur wenig gefehlt und die Ueberzeugungen Delcass6s, die offenbar eine Grundlage seiner Politik bildeten, hätten Europa in den furchtbarsten Krieg gestürzt. Die Antwort auf die Frage, wie es möglich war, daß Delcassè zu der Ueberzeugung kam, die jetzt zum ( größten Teil von der englischen Presse als ganz unhaltbar ' bezeichnet wird, könne nur aus Frankreich und England richtig gegeben werden. Diese Antwort würde jedenfalls besser sein, als das jetzt beliebte Verfahren, die Richtigkeit der Enthüllungen einfach abzuleugnen.
Man geht wohl nicht fehl, wenn man diese ungewöhnlich , bestimmte Sprache des rheinischen Organs auf offiziöse Berliner Auffassungen zurückführt. Jatzt wird es an der Zeit sein, daß man entweder in England oder in Frankreich unzweideutig ben Mund auftut. Vor allen Dingen in Eng- umb. Denn ist die Revanchelust eines überspannten fran-
politische Rundschau,
Deutsches Reid)»
* Mit großer Leichtfertigkeit wurde ein Gerücht kolportiert, nach dem der Kaiser im Gespräch mit dem Fürsten Bülow gesagt haben sollte, die Kompottschüssel für die Arbeiter sei nun voll. Die Aeußerung sollte bedeuten, daß der Kaiser mit einem weiteren Ausbau der sozialen Gesetzgebung nicht einverstanden sei. Wie gleich anzunehmen war, stellt sich das Gerücht als Erfindung heraus. Professor Dr. Francke, der Herausgeber der „Sozialen Praxis", fragte beim Reichskanzler wegen der Sache an. Darauf erhielt er folgende Antwort: „Ihre Anfrage wegen der Aeußerung, die Se. M. der Kaiser zu mir über die „Kompottschüssel" des Arbeiters gemacht haben soll, beantworte ich dahin, daß Se. Majestät mir nichts Derartiges gesagt hat. Ich ermächtige Sie, hiervon öffentlich Gebrauch zu machen. Mit den besten Empfehlungen Ihr ergebener Bülow." —- Also wieder einmal ein müßiges Märchen, dem eine gewisse Böswilligkeit zum unverkennbaren Hintergrund dient.
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* Die Schutztruppen gehen energisch gegen die Rebellen in Tcntsch-Ostafrika vor. Hauptmann Diigmann erreichte mit seiner Kompagnie die hart bedrängte Station Mathenge und vereinigte sich mit den schon in der Nähe weilenden Truppen. Gemeinschaftlich wurden dann die Matthenge und Iringa einschließenden Eingeborenen zersprengt. Die achte Kompagnie ist wieder in Dar-es-Lalam eingerückt, nachdem sie die Aufständischen in der Gegend von Kisidju zersprengt hat. Kisidju bleibt besetzt *
* Tie Siedlungskommission für Deutsch Südwestafrika hat beschlossen, ihr Vermögen mit allen Rechten und Pflichten an die Kolonialverwaltung abzutreten, wenn diese bis zum 1. Mai 1906 einen Antrag in dieser Richtung an die Gesellschaft stellt.
* Ueber einen deutsch-spanischen Handelsvertrag sollen bei dem Besuch des Königs von Spanien beim Berliner Hofe Erörterungen stattfinden. So nehmen wenigstens gut unterrichtete Kreise an.
* Mitglieder der preußischen Ansiedlungskommiffion für die Ostmarken unternahmen eine Studienfahrt nach Nordamerika, um das dortige Einwanderungswesen kennen zu lernen. Die Herren sind jetzt mit einer Fülle von Material zurückgekehrt. _ __
* Der preußische Handelsmimstcr Möller scheint amts- müde zu sein, wie unser Berliner ^-Mitarbeiter erfährt. Herr Möller soll die Absicht haben, dem Kaiser seinen Rücktritt anzubieten. Der Grund zu diesem Vorhaben ist nicht etwa in persönlichen oder politischen Verstimmungen zu suchen, sondern lediglich in der Meinung des Ministers, die Verhandlungen über die Hibernia-Angelegenheit und den Eintritt des preußischen Fiskus in das Kohlenshndikat würden von einem neuen Minister mit größerer Leichtigkeit geführt werden können, zumal er selbst durch die früheren Vorgänge gewissermaßen in seiner Stellungnahme beengt sei. . _ - ? - - — ^ "
In Bremen beantragte die Deputation Ur
die Bewilligung von 7 Millionen Mark zur Hafencrweite-« rnng. i Es handelt sich um das von Preußen abgetretene Gebiet bei Bremerhaven. Der Senat ist mit der Bewilligung einverstanden,
—- Russland.
** Wie offiziös verlautet, tragen die Nn^nhen in Moskau keinen wirtschaftlichen, sondern einen polinzchen Charakter: Die Arbeiter wollen an der Reichsduma teilnehmen. Jni übrigen ist die Lage in Moskau unverändert. Die Straßenbahn verkehrt nicht, die Zeitungen erscheinen nicht, trotzdem die Zeitungsverleger beschlossen haben, die Forderungen der Setzer zu bewilligen.
** Ein Telegramm der Petersburger „Nowoje W>remja" ans Helsingsors meldet, daß die Regierung Finnland wichtige Zugeständnisse in der Sprachen- und Budgetsrage gemacht habe.
Ein anderes Telegramm schildert die Flucht Hohenthals, des Mörders Prokurator Johnsons, wie folgt: Die Flucht erfolgte morgens etwa um 6 Uhr. Nachdem Hohenthal das Fenstergitter durchgefeilt hatte, kletterte er mittels einer Strickleiter aus seiner im zweiten Stockluerk gelegenen Zelle in den Hof hinab; von da aus mit Hilfe einer von einem Helfershelfer herbeigeschafften Holzleiter über die Gefängnismauer. Bis jetzt fehlt sowohl von dem Flüchtling als auch von seinen Helfern jede Spur.
Schweden,
** Dr Ausschuß des schwedischen Reichstags hat seine 'Zm ftimmung zu den Karlstader Vereinbarungen über die Treu- nung von Norwegen ausgesprochen. Die Annahme im Reichsrat erfolgt wahrscheinlich schon heute. Die endgültige Lösung ist für Ende Oktober zu erwarten. . -
'Cürheu
** Tie Pforte will nun doch in der mazedonischen Frage dem Verlangen der Mächte nachgeben. Ein außerordentlicher Ministerrat beriet über die Kollektivnote der Botschafter betreffend die internationale Finanzkontrolle in Mazedonien. Es verlautet, die Antwort der Pforte werde nachgiebig lauten; es würden aber einige Einschränkungen gemacht und bezüglich gewisser Kompetenzfragen und der Dauer der Finanzkontrolle Verhandlungen vorgeschlagen werden. — Auf Kreta dauern die Unruhen an. Infolge der Ermordung dreier Mohammedaner bei Canea haben die R^o- hammedaner die Großmächte um Abhilfe gebeten. Die Finanzlage Kretas ist kritisch, die öffentliche Schuld übersteigt 5% Millionen. — Das Unwesen der griechischen und bulgarischen Banden in oen türkischen Grenzbezirken konnte noch nicht abgestellt werden. Die Dörfer Kurchowitza und Erynicany im Morichowogebirge (Wilajet Monastir) wur-
den von einer griechischen Bande überfallen niedergebrannt. Mehrere Personen wurden Anzahl Kinder kam in den Flammen um.
Soziales Leoen.
-j- Friedensaussichten in der Berliner Industrie. Die Elektrizitätsfirmen haben bei Verhandlungen den Arbeiterführern erklärt,
und teilweise getötet; eine
Elektrizitäts- den erneuten daß die den
Streikenden gemachten Zugeständnisse aufrecht erhalten ! ürden. Die schlechtesten Akkorde der Schraubendreher sollen eine Aufbesserung bis zu 15 v. H., die besten keine Aufbesserung erfahren, wobei an einer durchschnittlichen Aufbesserung von 5 bis 6 v. H. festgehaltcn wird. Die zu- gestandenen Löhne der Lagerarbeiter sollen als Minimallöhne gelten. Die geplanten Aussperrungen sollen nicht stattfinden. Die Streikenden sollen sich bis heute nachmittag 4 Uhr erklären, ob sie gewillt seien, unter diesen Umständen die Arbeit aufzunehmen. Die Leiter der Arbeiter-Organisationen und die Führer des Streiks werden die Annahme der Bedingungen empfehlen. Es sind also gute Aussichten für den Frieden vorhanden.
Dos und Gesellschaft.
* Der Kaiser machte von Glücksburg aus eine jWp f auf dem der Hamburg-Amerika-Linie gehörigen Turbmen- Damvfer „Kaiser", den der Kaiser schon, vorher einer genauen Besichtigung unterzogen hatte. Die^Fahrt erst" n^â «um Feuerschiff Kalkgrund; es wurden »er gebene ^oMionen «W; Sey Kaiser äußerte st^ Verlauf der Fahrt außerordentlich Zuflieden g g Ikâr n Grumnie und Direktor Rathenaii. die auch zur ^übNückstafel auf der „Hohei,zollern" geladen wurden. , ' . Der Militärattachee der deutschen Botschaft M
Washington Oberstleutnant von Etzel, ist zum Abte -
im Großen Generalstab ernannt worden. Zu seinem Nachfolger bei der Bot-chaft in Washington wurde der Major im Kriegsministerium Korner ernannt.