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Nr. 1!2.

Erstes Blatt

Samstag, den 13. Mai 19<)5.

14. Jahrgang

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A«se»tto«-p-kei- r Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- heffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg sonst 15 Pfg. Reklame« die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, SelterSweg 83.

Fer«sprecha«schl»k Nr. 368.

Ado^vemevtSpreiS: abgeholt monatlich VOPfg., in'S HauS gebraut BO Pjg., durch die Post bezogen viertel jâhrl. Mk. 1.dO.

K. Erati^bcilaxen : CbftliefFf*e Fc milienzeituvg (täglich) und bie (Biederer L c iienl läse« (Wochen liebi.

^T^itöflö

(Hießener Iageösalt)

Das 2-Iatt end eint nn rlJ* n Werktagen nachnntlags.

JlnaS-ängige Tageszeitung

(Hießenev Keilimg)

für Oberheffm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gietzen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Grohh. Bürgermeisterei Siegen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Der Krieg in Ostafi en

Die Vermutung, daß Frankreich angesichts der ener­gischen Haltung der japanischen Regierung den Neutralst tätskonflikt nicht auf die Spitze treiben würde, hat sick schnell bestätigt- Man ist in Paris dabei, ein Gelbbuch über die Angelegenheit vorzubereiten, das durch spezialisierte Be­richte den Nachweis der Unparteilichkeit Frankreichs führen soll. Ja, aus ihm soll sogar hervorgehen, daß Frankreich über die ihm durch sein Neutralitätsreglement auserlegten Verpflichtungen hinausgegangen ist, indem es den Admiral Roschdjestwensky veranlaßte, auf die Wohltaten mehrerer Bestimmungen des Neutralitätsreglements zu verzichten.

Wie Delcassä und Nouvier^es anfangen wollen, diesen Nachweis zu führen, ist ihre Sache. Leicht wird es ihnen nicht werden und sie werder, trotz aller Bemühungen das ein­mal verlorene japanische Vertrauen nicht wiedergewinnen.

Ter französisch-japanische Konflikt hat zwar nach den letzten Nachrichten nicht mehr das gefähr­liche Ansehen, wie in den letzten Tagen, ehe die französischen Erklärungen gegeben waren. Aber die tiefgehende Verstim­mung im Volk ist noch lange nicht behoben. Die Presse, welche die Regierung dringend auffordert, eine starke Hal­tung Frankreich gegenüber einzunehmen, verlangt Erklärun­gen und führt aus, es sei notwendig, daß Frankreich die Vorgänge zwischen dem 3. und 9. b. Mts- aurkläre.

Die Bereinigung der russischen Flotten soll tatsächlich Dienstag früh an der Küste von Annam, etwa 100 Kilometer nördlich vom Kap Padaran, stattgefun­den haben. Aus London wird dazu gemeldet:

Kapitän Mountford, Kommandant des englischen DampfersCoromandel", ist aus Hongkong in Singa- pore angekommen und teilt mit, daß er am vorigen Mon­tag, den 8. Mai, um %5 Uhr nachmittags, eine russische Flotte von 22 .Kriegsschiffen in der Wanfong-Bucht, an der Küste von Annam, gesehen hat. Die Kriegsschiffe waren innerhalb der französischen Territorialgewässer ge­ankert und nahmen Kohlen von zehn Kohlendampfern ein. Die Flotte erkannte der Kapitän Mountford als die­jenige, welche Admiral Roschdjestwensky kommandiert. Sieben Stunden später, um %12 Uhr abends, traf dann derCoromandel" ein anderes Geschwader in der Nähe des Kap Padaran. Die Schiffe dieses Geschwaders hatten einen nördlichen Kurs- Diese Schiffe waren zweifellos das dritte Geschwader unter Nebogatow.

Begreiflicherweise ist jetzt die Spannung groß, ob Rosch- djestwensky jetzt, wo er seine gesamte Macht vereinigt hat, zur Offensive übergehen wird. Sie wird ihm außer durch die stattliche Zahl seiner Fahrzeuge durch die weitere rüh­rige Tätigkeit der Wladiwostokkreuzer er- leichtert. DieRossija" undGromoboi" sind am 9. d. M. in ^^..ischen Gewässern gewesen und haben Handelsfahr- -^ge angehalten und durchsucht. Admiral Togo ist durch Aes kecke Auftreten der Wladiwostoker gezwungen, seine vtreitfräfte zu teilen.

A Zu der Tokioter Spionageaffäre

|Wmrb noch gemeldet, daß der verhaftete Franzose Bougouin ' f anfänglich als Instrukteur in der japanischen Armee an° y gestellt war. Er kam nach Japan als Mitglied der fran- hiöfifcten Militärnu^sion, die bei der Neueinrichtung der ia- spanische Armee helfen sollte. Nach ihrer baldigen Auflösung Zmürbe er von der japanischen Regierung als Instrukteur - für Geschützkunde angestellt. Als dieser Posten aufgehoben wurde, übernahm er die militärisch-technische und kommer­zielle Vertretung der großen Waffenfabnk von Schneider u. Co. in Creusot, die er noch inne hat.

Vom Landkriegsschanplatz liegt aus Tokio eine Meldung vor, die beweist daß nicht nur auf japanischer, sondern auch auf russischer' Seite wieder derDrang nach vorn" erwacht ist. Am Morgen des 9- ds Mts. so teilt die japanische Heeresleitung mit griffen die Russen in Starke von zwei Regimentern Infanterie 6 Sotnien und einer Batterie, die aus Nanshanhengtzu'

Meilen von Hengcheng kamen, uns in ter Nähe von Nengsheng an. Um 2 Uhr nachmittags begann der Feind unter dem Schutze von Artilleriefeuer einen energischen An­griff, wobei die Infanterie bis auf 100 Meter an unser" Stellung herankam. Unsere Truppen gingen dann zur Offensive über und verjagten den Feind, der 60 Tote und 160 Verwundete auf dem Platz ließ. Außer solchen, die Uniform trugen, waren unter den Toten und Verwundeten auch viele in chinesischer Kleidung. Der Verlust des geinte wird auf 300 Mann geschätzt, der unfrige beträgt ein Mc - tot, 50 b^rtn-nnbet.

Die Politik.

imXnnf", ft;-'?'1"" des deutschen Kaisers an den enter, fd'atee^ in Washington kam durch Bot.

> > s er Speck von Sternburg auf einem Bankett der Ameri-

ran r/tauway ^nociahon zur Verlesung. Der Kaiser entbie­tet bem Eisenbahnkongreß, an dem zum erstenmal deutsche Vertreter teilnähmen, seine Grüße und gibt dem Wunsche Ausdruck, daß der persönliche Gedankenaustausch der in Washington versammelten hervorragendsten Vertreter des Eisenbahnwesens zum dauernden Vorteil des internationa­len Verkehrs dienen möge, dessen gedeihliche Entwickelung das wlrtsamste Mittel sei, das gegenseitige Verständnis un­ter den Völkern zu förbern und sie friedlich einander näher zu bringen. An den Kaiser wurde ein Telegramm gesandt, in dem der internationale Eisenbahnkongreß für die Bot- fajaft dankt und ihm langes Leben und Glück wünscht,

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S3 Ein Gesetzentwurf über die Ausgabe neuer Bank­noten von 50 und 20 Mark wird dem Reichstag noch vor den Pfingstferien zugehen. Die Reichsbank soll ermächtigt Wcrden, diese Noten in ten Verkehr zu bringen. Nach der Einstellung der 50 und 20 Marknoten werden diese im Ver­kehr die Stelle der entsprechenben Reichskassenscheine ver­beten; es ist daher in Aiissicht genommen, die Kassenscheine über 50 und 20 Mark einzuziehen und an ihre Stelle solche von 5 und 10 Mark treten zu lassen. Der Entwurf trägt dem Bedürfnis nach Vermehrung der kleinen Wertzeichen Rechnung.

=4= Das Oberkommando hat über die Kriegslage in Tentsch-Südwestafrika Meldungen von neuen Kämpfen ge» fanbt Am 27. April fand ein siegreiches Gefecht gegen eine fünffach überlegene Abteilung der Bethanier unter Corne­lius statt. Die deutschen Truppen wurden komnumdiert durch Oberleutnant von Bülow. Die Hereros verloren sechs Tote, auf deutscher Seite fielen Oberleutnant von Billow und zwei Reiter. L-chweroerwundet wurden vier Reiter. Major von Estorff bleibt auf der Fährte Hendrik Witbois.

*

D Zur Verbesserung der Hinterblicbenen-Bersorgung der preußischen Staatsbeamten macht sich seit einigen Jahren eine lebhafte Bewegung geltend. Da das Eingreifen des Staates zurzeit fraglich ist, schlägt man den Weg der Selbst­hilfe vor. Der Regierung wird die Mithülfe der Beamten­schaft in Storm der Zahlung eines Beitrages von 1 Prozent beë Diensdeinkonnnens angeboten und als notwendige und angemessene Erhöhung die Gewährung eines Witwengeldes von 20 Prozent des Diensteinkommens, steigend jährlich um

Prozent bis zu 32% Prozent bei 35 Dienstjahren, in Vor­schlag gebracht. Hierdurch würde eine Erhöhung des Mm destsatzes um etwa 10 Prozent und im Durchschnitt um etwa 33 Prozent erreicht.

M= Wegen der Verwaltung der Marschall- und Karolinen- Inseln maren in England Besorgnisse aufgetaucht, die zu Verhandlungen zwischen Deutschland und England führten. Der englische Minister ds Aeußeren sprach nun über die An­gelegenheit im Oberhause. Er habe eine Mitteilung von der deutschen Regierung erhalten, die besage, daß die Ab- gabepslicht sich gleichmäßig auf britisä>e wie auf deutsche Staatsangehörige erstrecke und daß die Rechte beider Re­gierungen über die Verwaltung ihrer Besitzungen durch das Uebereinkommen von 1886 nicht eingeschränkt werden. Die brutsche Regierung sehe ihre ganze Haltung vom restlichen Gesichtspunkte als gerechtfertigt an, hält es aber für höchst untoiHfommen, wenn sich durch unwichtige Angelegenheiten ein ernster Zwiespalt erhöbe. Da man in England der Meinung ist, durch das Abkommen von 1888 werde der von Deutschland beauftragten Handelsgesellschaft besondere Vor­teile eingeräumt, hat die deutsche Regierung beschlossen, das Abkommen am 31. März 1906 ablaufen zu lassen und die Verwaltung selbst zu übernehmen. Wie Lord Lansdowne sagte, zeige die Erklärung Deutschlands, daß die Monopol- gesellschaft und mit ihr die beklagten Mißstände verschwin- dcn würden. Das Haus zeigte sich befriedigt von den Mit­teilungen.

Oesterreich-Ungarn

In Wien kam es anläßlich der Wahlen in die Stadt­vertretung zu blutigen Strasienunrnhen. Christlick)-Soziale und Sozialdemokraten Prallten wiederholt aufeinander. Es gab zahlreiche Verwundete. Anläßlich der Schillerfeier in Laibach fanden lärmende Demonstrationen der Slovenen statt. Der Pöbel durchzog brüllend und pfeifend die Stra­ßen und belagerte das teutsche Kasino, daß die ganze Nacht von Gendarnwrie bewacht werden mußte. Die Christlich- Sozialen erlitten bei der Wahl selbst eine vollständige Nie­derlage. Auch die Liberalen stimmten für den sozialdemo- statischen Kandidaten, der gewählt wurde.

G,Jn Budapest ist ein Konflikt zwischen Polizei und amerikanischem Generalkonsulat zum Ausbrmch gekommen. Tie Polizei beobachtete in scharfer Weise den amerikanischen Elnwanderungskommissar Braun. Seine Privatbriefe fob len geöffnet worden sein. Braun stellte einen Geheimpoli­zisten zur Rede und wurde deshalb wegen Beamtenbeleidi- 50 Kronen Geldstrafe verurteilt. Das amerikani- sche Generalkonsulat hat sich beschwerdeführend an die Bot­schaft in Wien und an die amerikanische Regierung gewandt.

Tratten.

0 Nach Dem der Kammer vorgelegten Flottenprogramm soll die italienische Flotte im Jahre 1909 15 modernste Pan­zer-Linienschiffe, 12 weniger moderne Panzer vom Typ der Sardegna", 14 gedeckte Schiffe älteren Datums und ebenso 6 leichtere Schiffe, 2 Aufklärungsschiffe, 27 Torpedojäger, deren Geschwindigkeit auf 30 Knoten berechnet werden soll, 12 Minenschiffe, 24 Hochseetorpedos, 7 Torpedos erster und 40 zweiter Klasse und ein Unterseeboot besitzen

Rusebrd*

£> Jeden Tag Iverden neue Schreckenstaten bekannt. In Nischni-Nowgorod wurde te'r c 's dem Theater heinikehrende Gendarmerie-Oberst Greschner cm Eingang seines Hauses durch Revolverschüsse ermordet; der Wachter des Hauses wurde schwer verletzt. Der Mörder wurde ergriffen; er nennt sich Edelmann Nikoforow. Bewaffnete Personen virübten einen Anschlag auf das Pulverhaus des 4. Don- kosaken-Negiments in Schtschufschin, Gouvernement Lomska. Augenscheinlich sollte das Magazin in die Luft gesprengt werden. Die Attentäter entkamen. Bei den Unruhen in Scbitomir sind 15 Juden getötet und 81 Venvundet wor­den; von Christen wurden brei getötet und acht verwundet. Am 7. Mai wurde der Pristaw Fujarow durch Revolver- schüsse getötet als er ein Restaurant verließ. Der Mörder namens Sidortschni ist verhaftet. Eine schreckliche Juden­verfolgung ist auch im Gouvernement Tanrien ausgebro- chen. Ganze Straßen wurden mit Melitopol demoliert, dir ausgeplünderten Wohnungen mit Petroleum begossen uni angezündet. Für eine Million Werte sind vernichtet. Du Polizei verhinderte das Löschen der Häuser, in denen Inder wohnten. Die Zahl der Opfer ist noch nicht festgestellt.

Kaisertage in den Reicbslanden.

(Nachdr. Derb.) Metz, 12. Mai.

Seit gestern Abend weilt der Kaiser wieder in den Manern seiner getreuen Seite Meb, jubelnd von den Ein- lvohnern begrübt. Man gewöhnt sich allmählich daran, den Kaiser alsEinhennischen" zu betrachten, der mit den Relchslanden nicht nur durch seine Stellung, sondern als Bürger und Grundbesitzer untrennbar verwachsen ist Die ständigen Besuche des äNonoMen haben ihm auch die Her­ren der früher grollend beiseite stel^nden Franzosenfreui de näher gebracht. Weun auch ber diesmalige Aufenthalt des Baisers militärischen Charakter trägt Metz ist Festung lind was für eine, und der Kaiser ist der oberste Kriegsherr einer mächtigen Armee so nimmt doch auch das Bürger­tum in allen seinen Schichten freudigen Anteil an den Kai­sertagen. Als gestern Abend in der Kommandantur bei General Stoetzer das Festmahl stattfand, zu dem die Spitzen der militärischen und Zivilbehörden geladen waren da drängte sich die Menge in hellen Haufen vor dem Portal, in der Hoffnung, daß der Kaiser sich auf dem Balkon zeigen wurde. Heut Abend aber wird die Gesellschaft für lothrin­gische Geschichte und Altertumskunde dem Kaiser eine eigen­artige Huldigung darbringen. Sie läßt ihm durch den Manner-gesangvereinLiederkranz" die in ihrem Aufirage von A. Houpert gesammelten und vom Kapellmeister

Wolfram harmonisierten altlothringischen Volkslieder Dortragen.

Heute trat schon in aller Frühe die militärische Sei^e ber Mcmcrrcife in ihre Rechte. Bereits um 8 Uhr traf der Kaiser im Automobil auf dem Exerzierplatz Frescaty ein unb besichtigte zunächst das Königs-Jnfaicterieregiment iun Anschluß daran die ganze Garnison. Der Kai,c'r führte zweimal das Königs-Infanterieregiment per- sonlich an. An seiner Spitze ritt er auch nach der Kritik zur Kaierne, wo rhm das Offizierkorps ein Frühstück anbot. Zag weite Paradefeld war bei herrlichem Wetter von einer gewaltigen Menschenmenge umlagert, die dem Kaiser über-

wo er sich zeigte, stürmische Ovationen bereitete.

Wabrend so der Kaiser heute die aktive Armee auf ihre Schlagfertigkeit prüfte, galt der gestrige Tag dem Andenken cm jene ^opferen, die 1870 auf blutgetränkten Gefilden um unicre trofeige Feste rangen und das Reichsland wieder zu Deutschland zuruckführen halfen. In Gegenwart des Kai- wurde auf dem Schlachtfelde von Gravelotte die Ge- beinhalte zu Gören der gefallenen deutschen Krieger mit grober Feierlichkeit eingeweiht. Außer militärischen Ab- orbnungen hatten sich sämtliche Bürgermeister aus dem Kreise Metz sowie die Deputationen der Kriegervereine von Lothringen um den Monumentalbau versammelt, eine bier« eckige Säulenhalle mit unbedecktem Mittelhof, in dem eine Büste Kaiser Wilhelms steht. An den Wäiiden sieht man in langen Reihen die Gedenktafeln für die Gefallenen und die Bildnisse der damaligen Korpsführer. An der Riick- wand erhebt sich der vom Kaiser gestiftete mächtige Frie­densengel, auf den die Inschrift über dem Eingangsportal binweist:Am 11. Mai 1905 wurde von Kaiser Wil­helm II., dem Stifter ter Engelsfigur, diese Halle fried, lich eingeweiht." Friedlichen Herzens, heißt das, aber im Schmuck der Waffen, vollbewußt der eigenen Kraft und ge­sonnen, das von jenen Braven, die hier den letzten schweren Kampf gesümpft, Errungene festaubalten für immerdar.