Nr. 61.
______Montag, den 13. März I9u5.
14. Jahrgang
A»ferti»»S-rei- x Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober-
Hessen, die Kreise Wetzlar m* Marburg 10 Pfg. ssnst 15 Pfg.
Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 Pfg.
Redaktion u. Hauptexpedicio«: Gießen, SelterSweg 83^
Aer«sprecha«schluß Str. SSL.
Das Blatt erscheint an » H cn Werktagen nachmittags.
(Kisßerrev TageS5ertL) Mnaöhängige Tageszeitung (chreßenev Deitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhefsen.
Münscvt Russland den frieden?
Eine Nachricht des Londoner „Daily Graphic", daß der
Zar die Regierung der französischen Republik angegangen habe, wegen eines Friedensschlusses mit Japan Unterhandlungen einzuleiten, ist etwas überrafdjenb gekommen. Nicht etwa, weil man die Entschließung des Zaren irgend mißbilligte, sondern nur weil man ihm so richtigen Entschluß zur rechten Zeit nicht zutraute. Wäre der „Daily Graphic" nicht als ernstes und zuverlässiges Blatt bekannt, der manchesmal auch zu offiziösen Auslassungen benutzt wird, so würde man seiner Meldung überhaupt nicht Glauben geschenkt haben. Hatte doch der Zar wiederholt, und erst ber nicht langer Zeit wieder, verlautbart, daß er jeden Versuch einer Friedensvermittelung, jeden dahin gehenden Vorschlag als eine gegen ihn gerichtete Unfreundlichkeit ansehen würde. , Demgemäß sind auch alle Vermsttelungsversuche unterblieben. Nicht teilnahmlos, aber stumm sah die Welt oitf die Fortsetzung unerhörter Metzeleien, für die es keinen Grund und kaum einen Vorwand gab.
Es wäre des selbstherrscherlichen Zaren eigener Wille gewesen, der ihm zu allen Demütigungen der Niederlage mich die weitere verdiente Demütigung bereitete durch fernen Bundesgenossen den Feind um Frieden bitten zu niuffcn. Die beinahe völlige Vernichtung seiner großen Armee, die fein bester General kommandierte, hätte bei Ruß- lisnds Menschenrerchtum und bei der geringen Bewertung des Menschenlebens anderer in Rußland den Friedensschluß n«)ch nicht erzwungen. Man hätte eine weitere Armee aus Europa herangezogen, man hätte andere Organisatoren der A iebersage gefunden, der Krieg hätte noch ein ferneres Jahr bauern dürfen. Aber größer noch, viel größer als die mili- ^rrsche, war die finanzielle Erschöpfung Ruhlands, das auch bei seinem Freund und Bundesgenossen an der Seine keinen Kredit mehr fand — und heute, wie zu Montecuculis Z eiten, gehört zum Kriegführen Geld und Geld und wieber Geld.
_ Wer hätte in Rußland auch Kredit genießen sollen? Die Grotzturstenpartei vielleicht, die — ein unerhörter Fall in der Geschichte — während eines Krieges die Bevölkerung zinn Aufruhr getrieben und Tapferkeit allein gegen wehr- wnd waffenlose Petenten gezeigt hatte? Die "fanatische Orthodoxie eines Pobjedonoszew vielleicht, der die Bevor- Achtung der griechischen, die Bedrückung jeder anderen Kon- fosston als Rußlands unveräußerliches Grundrecht hinzustellen den traurigen Mut hatte, dabei aber keinen Schritt tat wohl aus Furcht vor den vielen offenen Händen — aus ben unermeßlichen Schützen der russischen Kirche bem „Mutierten Rußland" oder dem „Väterchen Zar" Lilfe an- zulneten, die so bitter nötig war? In der ganzen Welt ließ man durch Agenten Anlehensversuche machen, mit besonderem Eifer in Amerika; doch nirgend mehr war ein Heller zu holen. Ein Staat ohne Staatsmänner hat eben keinen Kredit. Rußland aber hatte in feinen leitenden Stellungen nur noch Polizisten, deren Weisheit sich in der Aiiwendnng èer. Knute, der Verhaftungen, der Reglementierungen erschöpfte, die Verständnis hatten nur für den einzigen Ruhm: zmr Intelligenz im Gegensatz zu stehen.
Rußland und Japan haben während des Krieges 'keine Bundesgenossen im eigentlidfen Sinne des Wortes gehabt, ^etzt, da wegen des Friedens unterhandelt werden soll, sie Sekundanten: Neben Rußland stellt sich Fra-ft'-
i ^nglanb. Beide Sekundanten werden wahr-
öMwe Arbeit haben. Zwar bat Japan über die chckert doch il"o^' ^ 66 st°«en will, sich noch nicht ge.
r â' 1,1 awpWhmen, daß sie der Grütze seiner Anstrengungen und Opfer entsprechen Ä berechtigen alle Wahrnehmungen dik man st t einem Älm in betreff Japans bat machen können, zur der Sotinr na dok ^-"pP"ch der Tugend der Mässigung begegnen wirst siber selbst rn diesem ^all trennt noch eine weite Klufl die Begriffe des Siegers in Bezug ans das, was mäßig genannt werden kann, von denen des Besiegten
Ganz gleichartig sind Stellung und Stimmung der bei oen F 7 1 edensverhau dlu ugen fetunöferenben Mächte nicht nranircid) sieht sich in den Hoffnungen, die es auf Ruß' sanbs hWr erlangtes Öünbnis gesetzt hat, völlig getäuscht. Es erfüllt ritterlich feine Freundschaftspflicht, trotz der Ueberzeugung, baß die russische Freundschaft wohl die erwarteten Kosten, aber nicht den erwarteten Ertrag gebracht hat, und daß nach dem schlechten Geschärtsgaiig die Liaui- Vatron der französisch-russischen Doppelfirma — ganz & I amiable — wird vorgenommen werden müssen. Enq- lond dagegen hat alles erlangt, was es irgend erwarten konnte: Auf englischen Werften war die javanische Kriegsflotte gebaut worden, und diese japanische Flotte, an der sie Engländer schweres Geld verdient haben, hat dazu gedient, die russische Flotte im Stillen Ozean zu vernichten, Der englischen Kriegsflotte gegenüber jeder möglichen ^oahtion neuen Vorsprung zu geben. Daß dieses Ziel auch l^rrklich erreicht ist, zeigt die Ermäßigung des diesjährigen Inguschen Marinebudaets um 70 Millionen Mark. Man nannte unmöglich geschickter und glücklicher operieren.
Beide Stimmungen, die Frankreichs und die Englands, l omMn Rußland zu Gute. Die Franzosen werden ihre gute
Gießener
Altung bis zum Schluß bewahren wollen, und die Engländer haben kein Interesse, nachdem Rußland um ein hal- aes Jahrhundert in der Rivalität um die asiatische Vorherr- ubaft zurückgeschlagen ist, den neuen japanischen Rivalen all- »uüark werden zu lassen.
Diese Erwägungen alle sind vielleicht noch verfrüht Es ist möglich, daß der „Daily Graphic" im vorliegenden Fall l rst gut unterrichtet gewesen ist. In Pariser diplomatischen «helfen will man wenigstens von Friedenswünschen des Zaren nichts wissen. Doch was möglicherweise noch nicht ^cheheii ist, das muß unbedingt kommen. Die Tatsachen haben ihre eigene Logik, die stärker ist sogar als der Wille em>s selbstherrscherlick)en Zaren.
Kuropatkins Rückzug
nad) Norden vollzieht sich unter den größten Schwierigkeiten.
Die Japaner sind den Russen auf beiden Flanken dicht auf den Fersen. Die Russen befinden sich in verzweifelter Lagc. Aus englischer Quelle verlautet, daß der Rückzug in einzelnen Abteililngen ohne alle Ordnung erfolge und einer Wucht zum Verwechseln ähnlich sehe. Man bezweifelt stark, daß es Kuropatkin möglich sein wird, sich durchzuschlagen, ja es werden bereits Gerüchte verbreitet, daß die Kapitulation unmittelbar bevorstehe, wenn nicht schon erfolgt sei.
An wirklich verläßlichen Nachrichten vom Kriegsschauplatz herrscht Mangel. Daß die Japaner außer Muk>w auch das wichtige Fuschun in ihre Hand bekommen haben, war für Kuropatkin ein sehr harter Schlag. Durch eiliges Vorgehen der Japaner sollen nun
mehrere russische Armeekorps umzingelt
sein. Aus Tokio werden dazu englischen Blättern folgende Einzelheiten gemeldet:
Mehrere russische Armeekorps nördlich und östlich von Mukdcn sind von den Japanern völlig umzingelt.
Russen verbrennen überall ihre Vorräte; ihre Verluste, einschließlich der Gefangenen, betragen wahrscheinlich mehr als 200 000 Mann.
Die hier am Schluß angegebene Ziffer der russischen Verluste wird von anderer Seite spezialisiert. Nach dieser Quelle betrugen
die russischen Verluste
während der ganzen Aktion an:
Toten . . . .
Verwundeten . .
v A Gefangenen . .
Geschützen . . .
Belagerungsgeschützen
60 000
100 000
50 000
90
51
Diese Ziffern sind wohl ohne weiteres als übertrieben zu kennzeichnen. Die japanischen Verluste wurden in Tokio bisher verheimlicht. Doch geht man nicht felis, wenn man sie als fehr schwere betrachtet. Mit 50 000 Mann sönnen sie webt in Anschlag gebracht werden. Soll doch eine Brigade in Stärke von 5000 Mann völlig aufgerieben worden sein.
In Petersburg wird die Oesfentlichkeit bisher völlig im Dunkel über den Umfang der Niederlage Kuropatkins ge- haUcn. Um so eifriger ist Frau Fama am Werk, die Situation in den allerschwärzesten Farben auszumalen.
Petersburger Hiobsposten.
Man behauptet allen Ernstes, daß Kuropatkin gefangen sei. Dw furchtbarsten Schilderungen von der Not der flüch- renden Soldaten kursieren unter dem aufgeregten Publikum. Es wird mitgeteilt, daß'die Soldaten an der Eisenbahnlinie, von Hunger und Kälte geplagt, nach Norden marschieren. Sie hätten keine Patronen mehr. Sie erzählen, wie bei Mulden ganze Divisionen vom Feinde umzingelt und wie es ihnen unmöglich gewesen sei, die Japaner zurückzudräu- gen. Ganze Wagen mit Verwundeten seien dem siegreichen Feinde preisgegeben. Viele Soldaten seien wahnsinnig geworden. Die russische Artillerie hat sich der japanischen gegen-- über als bedeutend unterlegen ergeben. Es wird auch verbreitet, daß die Armee Kaulbars die Waffen gestreckt haöl', da Munition und Proviant mangelten.
Was an allen diesen Gerüchten wahres ist, läßt sich nicht mit Sicherheit entscheiden. Nur das ist gewiß, daß sie übertrieben sind oder etwas, was vielleicht zur Tatsache werden kann, schon als vollendet annehmen. In den russischen Gener cllstabskreisen gibt man trotz allem die Hoffnung nich: auf, daß es Kuropatkin gelingen werde, die Trümmer seiner Armee nach Tielin zu retten. In Tokio aber hofft man, den Russen diesmal das Sedan zu bereiten, das man ihnen bü Liaojang zugedacht hatte, dem sie aber damals noch cn> schlüvstttr
Die Niederlage Kuropatkina.
* Berlin, 11. März.
Die Russen haben wieder eine schwere Niederlage er» ""En, vielleicht die schwerste des ganzen Krieges. Daß die neuen Kämpfe am Schaho und Huuho so enden würden, war vorauszusehen, als das russische Hauptquartier bei Beginn
AbsnnementSprei-: abgeholt monatlich 50 Pfg., in'S Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl.Mk. 1.50.
Gratisbeilage«: Oberhesfische Familieazcitvug (täglich) und die Gießener Seifenblasen (wöchentlich).
der japanischen Offensivbewegung den großen Fehler beging, nid)t sofort der Umgehungstaktik des Feindes, die den Wen aus dem vorhergehenden Schlachten Zur Genüge hatte bekannt sein müssen, energisch entgegenzutreten. Als dann endlich ben, Russen die Augen über die Bedeutung des gegnerischen Vorstoßes im Westen auf Simnintin klar wurde, war^ es zu spät. Mit unwiderstehlicher Gewalt wurden die âßen Zurückgedrängt. Die Hartnäckigkeit, mit der sich die
^ta^igten, ihre energischen Gegenstöße und die Nachricht, daß Kuropatkin einen Flankenangriff von Norden her auf die westlich und nordwestlich von Mukden aufmar- ichierenden Divisionen Nogis plane, erweckten dann vorübergehend den Glauben, daß die groß angelegte Unternehmung \ Japaner doch noch scheitern könne. Aber alle Tapferkeit ver Rußen vermochte nicht, die japanischen Ueberflügelungs- rolonnen zum Stehen 311 bringen. Der rechte russische
^out nach Süden, quer über dem ^unbotale, westlich von Tschantan beginnend, bis zum Schaho und der Eisenbahn gestanden hatte, lnurde immer weiter zurückge- drangt ^ie letzten erbitterten Kämpfe fochten die Russen tmrgs der Eisenbahn mit der Front nach Westen. Es ist ihnen nicht einmal möglich gewesen, die Eisenbahn zu halten.
^^^e nördlich von Mukden von den Japanern erreicht und zerstört. Schon vorher hatte Kuropatkin den Rück-
SejUgimâ am Schah0 und seines bis an und über oie Pape des Talin-Gebirges vorgeschobenen linken Flügels angeordnet. Die letzte Phase der gewaltigen -Schlacht wird entscheiden, ob der meitere Rückzug der Russen auf Tielin sich bewerkstelligen läßt, ob nicht wenigstens der rechte russische Flügel abgeschnitten und zertrümmert wird.
fragt sich also nur noch, ob sich die Niederlage der Russen zur völligen Katastrophe gestaltet.
s j^ ^ Ziel, zu dem sich die russischen Truppen vurchkampfen müssen, und zwei Wege stehen ihnen dabei zur Verfügung. Der eine führt westlich am Rand der Höhe von Mulden aus, der andere im Osten über Fuschun und den Ramalin. Beide Wege gehen also von den Flügeln der rupischen Armee aus, und damit erschwert sich der Rückzug außerordentlich, besonders wenn es wahr ist,' daß die Ja- vaner bereits die Heerstraßen in ihre Gewalt gebracht haben. Ruch der Wuplaus des Hnnho, der die westliche Straße durch- Idjnetbet kann unter Umständen für den Rückzug der Russen verhängnisvoll werden. Auf dem östlichen Flügel läuft von Zepan als Fortsetzung der ins Hunhotal führenden Wege eine gute Fahrstraße über den Wangdalinpaß naef) Tielin
das Gelände dort sonst wenig wegsm ist, kommt für den Rückzug des rechten russischen Flügels diese Fahrstraße in erster Linie in Betracht. Alles hängt also davon ab, ob der westliche und östliche japanische Heerhaufe stark genug ist, um den Rückzug zum Stillstand 311 bringen. Die vorliegenden Nachrichten sehen ganz danach aus, als ob es den Japanern diesmal glücken würde, den Rückzugsstrategen Kuro- Vatrin endgültig zu Fall zu bringen.
MviUNiscbe Umtriebe.
Daß die Nihilisten wieder an der Arbeit sind, hat man gewußt, bevor man von der in Marseilles erfolgten Verhaftung von sechs Mitgliedern des „Moskauer Komitees" erfuhr. Man hat auch geahnt, daß sie in Petersburg ihre Sendboten haben. Diese Vermutung hat in einem furcht- baren Vorfall, der augenscheinlich als ein mißglückter nihilistischer Anschlag bezeichnet werden kann, ihre Bestätigung gefunden.
Bombenexplosion in Petersburg.
Aus Petersburg liegt die folgende Meldung von einer unter eigenartigen Umständen erfolgten Bombenerplo- sion vor:
Im Hotel garni Bristol fand nachts eine Dynamik- bomöen-Explofion statt, die den Eigner der Bombe, einen seit Jahresfrist dort wohnenden englischen Untertanen namens Henry Linoln in Stücke riß, zwei Frauen, die nebenan Quartier hatten, schwer verletzten, außerdem in dem ganzen Gebäude arge Verwüstungen anrichtete. In dem Koffer Lincolns hat man noch zwei Tynamitbomben gefunden.
Große Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß die Bomben /ür verbrecherische Zwecke bestimmt waren. Ebenso große Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß die Explosion das Werk eines Zufalls und von dem Besitzer der Bombe nicht beabsichtigt war, daß diesem vielmehr ein Unfall begegnet ist. Das Hotel garni Bristol nimmt mehrere Stockwerke in einem grossen Eckhaus der großen Morskaja an dem Platz ein in dessen Mitte sich das Reiterstandbild Zar Nikolaus' II. erhebt. DieserPlatz, von einem ,völlig überbrückten Kanal durch- schnitten, wird auf der einen Schmalseite von der prächtigen Jsaakokathedrale mit den Riesen-M0nolithen, auf der gegenüberliegenden von einem Staatsgebäude begrenzt, in dem die Bureaus der Kanzlei des Zaren sind. Ungefähr in der Mitte der einen Längsseite steht die deutsche Botschaft, ein