Donnerstag, den 12. Oktober 1905
14. Jahrgang
Gie tzener
Unabhängige Tageszeitung
(chießeuer Gagevtatt)
(Hießener Zeitung)
abgehalten wird.
Russland.
im höchsten Grade unschicklich er-
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zu drängen, h""ck
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Diese Behauptung ist übrigens beweislos.
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eigenem Antrieb aus ihre Souveränität verzichteten. Do Kon einem Krieg unter Bundesfürsten nicht die Rede sein Enn' so bleibt zur Beseitigung der Duodezstaaten einzig der Weg des freiwilligen Verzichts offen. Es will uns aber
„ ___________________ die Behauptung darauf
ünzuwirken, daß das Wohl des Landes den Verzicht ver-
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Nr. 240.
3*fetH»*»ttei* t Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- Wkn, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Psg. fsnfi 16 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, SelterSweg 83.
Fer«sprech««schließ Nr. 368.
Weueste Mchrirhten
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für Overheffm und die Kreise Marburft und Wetzlar: Lotalameiger für Gietzen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießeir unb anderer Behörden von Oberbeßen.
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Die thüringischen Staaten.
Das Thüringer Land ist vier verschiedenen Herren wtertan. Koburg und Gotha, Weimar, Meiningen, Altenburg sind selbständige deutsche Staaten, die im Bundesrat je eine Virilstimme haben, wie sie früher eine solche im Vundestag hatten. Die vier thüringischen Staaten, ein Großherzogtum und drei Herzogtümer, sind noch nicht die kleinsten im Reich. Aber die buntesten sind sie. Die nicht sehr ausgedehnten Territorien hängen nicht einmal zusammen, sind vielmehr zersplittert. Das kommt aus der Zeit, ic man Länder bei der Vererbung nicht viel anders behandelte als die Landgüter. Waren mehrere Söhne vorhanden, so wurde das Land in die entsprechende Anzahl Teile zer- sâmitten. Zuweilen sogar in noch mehr Teile. Eine von londesherrlichen Bedenken nicht eingeschränkte Elternzärtlichkeit zerfetzte das Territorium förmlich in kleine Stücke, damit nur ja jedes einzelne Kind gleichwertiges Erbe erlange. Was auf solche Weise unter Verleugnung jedes staatsmännischen Sinnes und jedes Staatsgedankens entstanden war, das blieb und besteht jetzt zu Recht, ist historisch begründet wie nur irgend ein anderes Recht. Aber die Konsequenzen werden als ein Uebelstand empfunden. Handelte es sich um Rittergüter, so hätte man längst Abhilfe geschaffen und nach preußischem Muster zwangsweise Arrondierungen durch Austausch vorgenommen, wobei niemand zu kurz zu kommen brauchte. Heutzutage aber dürfen Länder nicht mehr wie Landgüter behandelt werden, bei Austausch und Arrondierung müssen alle Beteiligten, auch die Bewohner durch ihre Vertreter, befragt und um ihre Zu- stimmung angegangen werden, und in Staats-Sprengseln hat sich neben der Persönlichen Anhänglichkeit an das Herrscherhaus, die beiden Teilen Ehre macht, erstaunlicher- Meise auch eine Art historischen Staatsgefühls herausgebildet, das sich von dem, was historisch geworden ist, nicht trennen mag.
In den vier thüringischen Staaten haben sich einige Einrichtungen erhalten, die man anderwärts nicht wiederfindet. Ta ist in Kranichfeld und Ruhla ein Kondominium, eine Ztmüherrschaft, die eine Anomalie bildet. Da ist die Universität Jena, die einen gemeinsamen idealen Besitz der vier thüringischen Staaten darstellt. Gerade aus den Kreisen -dieser gemeinsamen thüringischen Universität kommt jetzt - übrigens nicht zum erstenmale — die laute Klage, daß Thüringen unter seiner staatlichen Zerrissenheit leide, nicht am wenigsten in materieller Hinsicht, daß seine Verwaltung überteuer sei. Daran schließt sich die Forderung, daß man im deutschen nationalen Interesse auf die Beseitigung der Duodezstaaten bedacht sein müsse.
Wir zögern keinen Augenblick, uns gegen diese Forderung und gegen ihre Begründung mit dem Hinzufügen zu erklären, daß selbst eine bessere Begründung uns nicht voran- lösten könnte, dem Vorschlag beizustimmen. Wir sagten oben schon, bafe das Recht der deutschen Kleinstaaten historisch so unanfechtbar ist, wie irgend ein anderes Recht. Ein solches Recht kann wohl freiwillig aufgegeben, es kann aber nicht genommen werden, es sei denn infolge eines Krieges. , Das Beispiel freiwilliger Aufgabe haben die Fürsten von
' riAbthinbig ^ Hohenzollern-Hechingen und Sigmaringen gegeben, die aus
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ist bir steinen, zu solchem Verzicht, der nur das Ergebnis unbe-
cinflußter freier Entschließung sein kann, leberredung dazu zu leiten und durch bie 9 ft ^irizuwirken, daß das Wohl des Landes
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r-Zi", 2 I i!t der Kleinstaaterei kein Ideal; wir müßten aber blind unb ^W^; undankbar sein, wollten wir verkennen ober vergessen, daß Kleinstaaterei, nicht zuletzt gerade die thüringische Klcin- :aaterei, dem Deutschtum größten Gewinn und Segen in riebt als einer Epoche gebracht hat. Dazu kommt, daß die Grenze für den Begriff des Kleinstaats schwer zu ziehen ist. illt Lübeck darunter, und Bremen nicht? Fällt Bremen runter, und Hamburg nicht? Mecklenburg-Strelitz wohl, nd Mecklenburg-Schwerin nicht? Sollten die kleinen
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taaten zu einem neuen Mittelstaat zusammengelegt werben oder Teile eines größeren deutschen Staates bilden?
Wir können den Vorschlag, der angeblich aus Jenaer Professorenkreisen kommt, überhaupt nicht ernst nehmen. «Die Klagen über Kostspieligkeit der Verwaltung, über Stö- rungen, die sich aus her Rücksicht auf die krausen und von * * tftfber Willkür gezogenen Landesgrenzen herschreiben, sind zum
Jteil übertrieben, zum Teil lassen sie sich abstellen, ohne daß ^^ P^wcin historisches Recht antastet und zu Getvaltmitteln, zu " tna ^ 1 ., sogenannten „Heroischen Kuren" greift. Oben ist bereits das rl 9 sileilaS^^gB "l>ndominium, die Zweiherrschaft in Kranichfeld und Ruhla „^ent^0 .erwähnt. Diese Zweiherrschaft ist das Ergebnis alter Un- zlbov^ ^ch^M^^lieit von Rechtsverhältnissen. Es ist kein rechtliches Hindernis vorhanden, daß die beteiligten Staaten aus freier ntschließung ein besseres Kondominium in mehr als einer Ziehung einrichten, namentlich hinsichtlich der Verwaltung
und des Justizdienstes. Die thüringischen Staaten haben von alters her die Universität Jena gemeinsam. Diese Gemeinsamkeit hat der Universität nichts geschadet und das Recht der thüringischen Staaten nicht beeinträchtigt. Nichts steht im Wege, daß sie solche Gemeinsamkeit freiwillig noch ausdehnen.
politische Rundschau,
Deutsches Reich.
* Die Konferenz in Berlin über die Eisenbabnbctriebö- mittel-Gemeinschaft begann gestern. Wie verlautet, sind von bayerischer Seite neue Vorschläge eingebracht worden. Um die bisher bestandenen Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, wird die bayerische Verwaltung Vorschlägen, die Gemeinschaft auf das durchaus notwendige Maß zu beschränken. Es handelt sich dabei unter anderem um den Widerstand Bayerns gegen die von Preiißen gewünschte Verlegung des bayerischen Konstruktionsbureaus nach Berlin.
* Es bat den Anschein, daß General von Trotha in Deutsch-Südwestafrika keinen Nachfolger in bem Posten eines militärischen Kommandeurs erhalten soll. An General von Trotha erging eine Ordne, die Geschäfte dem Goiwer neur von Lindeanist sofort nach dessen Ankunft zu übergeben. Ueber die Einsetzung eines neuen Kommandeurs ist kein Beschluß gefaßt. Beim Zusammenwirken der Truppen regelt sich die Sache nach dem allgemeinen Branche, daß der älteste Stabsoffizier den Befehl hat.
* Neue Unruhen sind in Deutsch-Oftafrika bei Kondutschi in der unmittelbaren Nähe von Dar-es-Salam ausgebrochen Eine Abteilung der Schutztruppen ist nach dort abmarschiert. Kondutschi ist eine Ortschaft unmittelbar an der Küste. Der „Bussard" hat den Hasen von Zanzibar verlassen und dampft nach Kondutschi und Mbueni, um dort Truppen zu landen.
* Die diesjährige Hauptversammlung des Evangelischen Bundes wurde gestern in Hamburg von dem Ehrenvorsitzenden Graf Wintzingerode mit einer Ansprache eröffnet und im Auftrage des Senates von Senatssekretär Hagedorn, im Auftrage des Kirchenrates der Hamburger evangelischen Kirche vom Senior Behrmann begrüßt. Der von Professor Nippold-Jena gehaltene Hauptvortrag behandelte die internationale Lage des Protestantismus. Hierauf gelangte eine von Professor D. Scholz-Berlin begründete Resolution, die sich gegen den Toleranzantrag des Zentrums richtet und eine andere vom Superintendenten D. Meyer-Berlin begründete Resolution zur Annahme, welche die Lage der evangelischen Kirche in Oesterreich zum Gegenstand hat.
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* Es besteht die Msicht, ein Bistum Kolmar zu begründen. Die gemeinsame Romreise der Bischöfe Korum, Benz- ler, Fritzen und Zorn von Bulach gilt der Förderung dieses Planes.
Oesterreich-Ungarn
** In Prag fanden große Demonstrationen für das allgemeine Wahlrecht statt, die von tschechischen und deutschen Sozialdemokraten veranstaltet waren. An der Kundgebung, die in ungestörter Ordnung verlies, beteiligten sich etwa 60 000 Menschen. An den Statthalter und den Oberstlandmarschall wurden Deputationen entsandt, die von beiden Herren empfangen wurden. Die Garnison war konsigniert, doch fand sich kein Anlaß zum Einschreiten.
frankreich.
** Der Kriegsminister will keine Truppen gegen Streikende mehr verwenden. Der Minister erklärte, daß er zur Aufrechterhaltung der Ordnung in Ausstandsgebieten in Zukunft keine Truppen, sondern ausschließlich Gendarmerit verwenden werde. Me Kosten für eine erhebliche Verstärkung des Gendarmeriekorps würden zwar ziemlich bedeutend sein, doch müßte die Geldfrage angesichts der Wichtigkeit der Angelegenheit in den Hintergrund treten. Ein Gesetzentwurf darüber, der von den Leitern der Ministerien des Krieges, des Innern, der Justiz und der Finanzen geprüft werden werde, solle schon zu Beginn der nächsten Sestiori dem Parlamente unterbreitet werden.
Dänemark»
** Im Folkething erklärte der Minister des Auswärtigen, das Verhältnis zu Deutschland habe sich für Dänemark wesentlich gebessert. Das Bestreben der Regierung sei, bis guten Beziehungen aufrecht zu erhalten.
Belgien.
** Der belgischen Regierung wird die Absicht zugeschrie- ben, den Kongostaat annektivren zu wollen. Ein englisches Blatt behauptet, der König der Belgier habe verschiedenen hochstehenden Politikern geheime Mitteilungen gemacht von der Absicht, den Kongostaat unverzüglich für Belgien zu an- nektieren wegen der Bloßstellung des Verwaltungssystenis im Kongo und der. Enthüllungen de Brazzas über die Er
gebnisse der in wenigen Jahren mit dem Verwaltungssystem in Französisch-Kongo gemachten Versuche.
Balkan-Staaten.
** Die bulgarische« Unruhestifter werden immer anmaßender. Wie aus Belgrad gemeldet wird, erhielt das englische Konsulat in Monastir von bulgarischen Komitat- schis einen Drohbrief, daß alles im Konsulat ermordet wer. den würde, wenn nicht bis zum 14. Oktober 5000 Pfund be- tnhlt würden. Es wird wirklich Zeit, daß endlich bem Unwesen ein Ende gemacht wirb.
Spanten
I * Die Deputiertenkammer wurde mit einer Thronre e gestern eröffnet. Die Rede erwähnt die Marokkoverhand- lungen. Spanien habe sich an diesen Verhandlungen lebhaft beteiligt; es habe dem Plane einer internationalen Konferenz, welche über die zwischen den Mächten streitigen Punkte entscheiden soll, zugestimmt und sich damit ernve> standen erklärt, daß die Konferenz auf spanischem Bodm
' ' ' Fortgesetzt widersprechen sich die Nachrichten über die Borgänge im Zarenreiche. Während die offiziösen Berichte immer wieder alle ernstlichen Unruhen in Abrede stellen, bleiben die sonstigen Meldungen dabei, daß iiberall im Lande Aufruhr, blutige Kämpfe und Verschwvruugcn im Gange sind. Neuerdings will man sogar von emam cm- seitlich organisierten, weit verzweigten Komplott wißen, das eine höchst gefährliche Agitation entfalte. >ZN Moskau dauern die blutigen Zusammenstöße fort; allmählich versuchen dunkle Elemente von der Straße Besitz zu ergreifen In R o d o m versuchte ein früherer Gymnasiast, gegen einen Offizier eine Bombe zu schleudern, und als diew nicht explodierte, erschoß er den Polizisten, der ihn verhalten wollte, und schnitt sich dann den Hals durch ^ D o m - b r o w a wurde ein Gendarm auf dem Bahnhöfe von einem Unbekannten mit Revolverschüssen getötet In HeN rn g- fors gelang es dem Mörder des Prokurators ^ohn.on, während der Nacht aus dem Gefängnisse zu entfliehen.
Soziales Leben.
4= Einigungsverhandlungen im Berliner Arbeitskampf. Die Bemühungen zur Herbeiführung von Einigungsverhand, lungen sind von Erfolg gekrönt gewesen. Zwischen Vertre- tern des Verbandes Berliner Metallindustriellen und Dele- gierten des Deutschen Metallarbeiterverbandes sind Verhandlungen in die Wege geleitet worden. Es erscheint nicht ausgeschlossen, daß diese Verhandlungen zum Ziele führen werden, bevor die Generalaussperrung in Kraft treten würde. Die Arbeitervertreter haben sich bereit erklärt, bis spätestens Freitag abend eine definitive Antwort dahin zu geben, o$ bie Arbeiter mit dem Anerbieten der Arbeitgeber sich zu- frieden geben werden.
=4= Die Bewegung im sächsisch-thüringischen Textilgewerbe. Die Fabrikanten in Gera haben beschlossen, allen Webern zu kündigen, wenn in den vier gekündigten Betrieben bis heute nicht eine genügende Anzahl Weber ihre Bereitwilligkeit zum Weiterarbeiten zusagen. Die Arbeiter rüsten sich zu Gegenmaßregeln. In Greiz und Ronneburg fanden stark besuchte Arbeiterversammlungen statt. In beiden Zusammenkünften wurde der Lohntarif abermals als unannehmbar bezeichnet. In Greiz sprachen die Arbeiter in einer Resolution ihr Einverständnis mit dem Vorgehen der Geraer Arbeiterschaft aus und beschlossen, die weitere Behandlung des Lohnkampfes in die Hände des Deutschen Tertilarbeiter- verbandes zu legen.
4= Münzarbeiter-Streik in Frankreich. Da die Gießer der französischen Münze, welche seit einiger Zeit ausständig sind, die Wiederaufnahme der Arbeit verweigert haben, wurden sämtliche Münzwerkstätten geschlossen. Eine amtliche Note erklärt, daß die Interessen des Staates durch den Ausstand vorläufig keine Einbuße erfahren, da gegenwärtig keine neuen Münzprägungen notwendig seien und auch keine dringenden Medaillenbestellungen seitens der Privatindustrie vorliegen.
F)of und Gesellschaft.
Für die Silberne Hochzeit des Koiserpanrcs hat die Stadtverordnetenversammlung in Diisseldorf die Summe von 100 000 Mark bewilligt. Mit ihr soll eine Ledigenheim-Stiftung unter dem Namen „Wilhelm- uno Auguste Victoria-Stiftung" begründet werben. .
. * Die Verlobung des Prinzen Eite l F r i e b r i q vm Preußen mit der Herzogin Sophie Ch a rlo tt e bon Oldenburg hat, wie bekannt wird, bereits vor drei Wochen stattgefunden. Sie war geheim gehalten und ist erst jevt offiziell bekannt gegeben. Die Prrnzesstn, die sich der zweite Sohn des Kaiserpaares erkoren hat, ist die^ einzige Tochter des Großherzogs Friedrich August von Oldenburg und seiner im Jahre 1895 verstorbenen ersten Gemahlin.