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Nr. 214.

Dienstag, den 12. September 1905.

2«sertto«SpreiS: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- Hessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklam en die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fervsprechauschlust Nr. 862.

___________14. Jahrgang

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^G6 Blatt erfcheint an alle« Werktagen nachmittags.

für Oberhefsm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheisen.

Unlauterer Wettbewerb.

Die Handelskammer in Kassel hat beschlossen, den Erlaß eines Gesetzes zu fordern, das der Bestechung von Ange­stellten kaufmännischer und industrieller Betriebe mit Schärfe entgegentreten soll. Die Kammer erwartet, daß ein der- ortigeS gesetzgeberisches Eingreifen ebenso erzieherisch wirken irird, wie es der Wucherparagraph des Strafgesetzbuchs und ba£ Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb getan hat. Wir begrüßen das Vorgehen der Kasseler Handelskammer mit lebhafter Zustimmung und wünschen ihm schnellen Erfolg. Der innere Erfolg in der angestrebten Richtung wird, daran zweifeln wir keinen Augenblick, nicht ausbleiben.

Die Gesetzgebung tut selten gut, den Forderungen des allgemeinen Rechtsgefühls vorauszueilen. Aber ganz be- stimmt ist es vom Uebel, wenn sie hinter diesen Forderungen zurücköleibt. Und das ist gegenwärtig der Fall. Das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb bestraft Praktiken, die im kaufmännischen Leben wohl vorkamen, von gewissenlosen und sklupelfreien Elementen gern geübt wurden, die jedoch von dem redlichen Kaufmann unbedingt verabscheut und ver­urteilt wurden. Tüe Straffreiheit derartiger anrüchiger Handlungen konnte den redlichen Kaufmann, der auf Ehre hielt und an Treue und Glauben als an der Grundlage von Handel und Verkehr festhielt, nicht verlocken, sich zu sittlich verwerflichen Maßnahmen herzugeben. Nur her unredliche Kaufmann tat es, und diesem war der Redliche, der zu gleichen Mitteln des Wettbewerbs nicht greifen mochte, schutz­los preisgegeben. Selbstverständlich war der Kaufmanns­stand, der auf persönliche und Berufsehre hielt, hierüber enr Pört, und er betrachtete es als großen und dankenswerten Gewinn, als die Gesetzgebung ihm gestattete, sich zur Wehr zu setzen, die schoflen Elemente zur Verantwortung zu ziehen und ihnen die Fortsetzung der Jagd nach unlauterem Erwerb zu erschweren, wo nicht ganz unmöglich zu machen.

Was aber sind dieSchmiergelder", von denen so oft die Rede gewesen ist und mit deren Hilfe Fabrikanten zuweilen die Abnahme ihrer Waren zu erlangen gezwungen sind, im Grunde anderes als eine besondere Form des unlauteren Wettbewerbs? Oder ist die Bestechung kaufmännischer und industrieller Angestellten dum Verrat von Geschäftsgeheim­nissen, Kundenlislen, Preistarifen, Submissionsanerbietun­gen usw. kein unlauterer Wettbewerb? Die eben erwähnten Handlungen mögen nicht unter den genannten Begriff fallen, wie er vom Gesetz bisher festgestellt und umschrieben worden ist. Damit ist aber nicht bewiesen, daß die aus dem Rahmen der geltenden Definition hinausfallenden Handlungen als lauter zu gelten haben, vielmehr ist damit bewiesen, daß die gesetzliche Definition zu eng gegriffen war und der Erweite­rung bedarf.

Die französische Gesetzgebung, das muß anerkannt wer­den, ist auf diesem Gebiet glücklicher gewesen, als die deutsche, ^der sie übrigens zum Muster gedient hat. Unser Gesetz über den unlauteren Wettbewerb ist dem französischen über die Concurrence déloyale nachgebildet. Das Vorbild ist aber nicht ganz erreicht. In Frankreich war dem Richter über­lassen worden, auf dem Wege der praktischen Rechtsprechung selbst den Begriff des unlauteren Wettbewerbs mehr und mehr auszudehnen, dem Bedarf des Tages und der steten Reugestaltung der kaufmännischen und gewerblichen Verhält- insse entsprechend. Dem Richter war dadurch die Möglichkeit rgegeben, den unredlichen Elementen sofort in allen ihren Windungen und Schlichen zu folgen und jeder neuersonne­nen Schiebung auf der Stelle die Verneinung des gesunden Dechtsgefühls entgegenzustellen. Bei uns hat man das Ge­setz formalistischer gestaltet, es dadurch weniger biegsam ge- inacht. Die Folge davon ist seine Ergänzungsbedürftigkeit.

Was die Kasseler Handelskammer fordert, bringt dies nur zum Ausdruck. Der redliche Handel schrei.' um Hilfe. Er hält sich von den Machenschaften frei, die er verwirft: (aber es ist nur billig, wenn er verlangt, daß man ihn gegen Schädigungen durch die Freunde jeder Art unlauteren Wettbewerbes schütze. Wir haben Ursache, auf unseren Handelsstand stolz 511 sein. Gerade deswegen sollte malt nicht zögern, seine gerechten Wünsche zu erfüllen.

Koblenzer Kaisertage.

(Eigener Bericht.) Koblenz, 11. September.

Es war kein Kaiserwetter, als gestern abend der Kaiser in Begleitung seiner Gemahlin und seiner drei ältesten Söhne seinen Einzug in die alte Rheinstadt hielt. Aber was ver­mochte der Regen gegen die Stimmung die überall in der Einwohnerschaft von Koblenz herrscht, Sieyt man doch auf Schritt und Tritt den überrasclfendcn Aufschwmrg, den die Stadt genommen hat, seit dank der Zustimmung des Kaisers sie aufgehört hat, Festung zu sein. Von dreiem Zeitpunkt ab war es Koblenz vergönnt, sich auszudehnen, und damit war eine neue Aera für das kommunale und wirtschaftliche Leben gekommen. ti ... , ~ ,,

Dieses Bewußtsein gab ben Grundton für den empfang, den die Bevölkerung dem Kaiser und seiner ^aunlie derei- tete und brachte eine besondere Stimmung in de/ Urt, Die

durch keine Unbilden der Witterung verringert werden konnte.

Die Ausschmückung der Stadt wäre ja gewiß anders zur Geltung gelangt, hätte der goldige Sonnenschein darauf ge­legen, der nun einmal zur Rheinlandschaft gehört. Allein die feine künstlerische Abtönung, die bei dem Arrangement gewaltet, trat auch so genugsam hervor. Alle Straßen, die den Schmuck erhalten haben, sind in sich in , der Farbe einheitlich gehalten, aber jede Straße weist eine andere Farbe auf, in der Tat eine Dekoration von ganz eigen­artiger Wirkung. Den schönsten Schmuck aber bitbeten die Menschen, die den Straßenzug besetzt hielten. Zu tausenden standen sie da, aus dem ganzen Rheingau waren sie gekom­men, und geduldig harrten sie trotz des Regens der Ankunft des Kaiserpaares.

Gegen 6 Uhr endlich ertönten Hurrarufe. Der Kaiser ist da. Auch er und seine Gemahlin achten nicht der Witterung. Auf daß die Leute ihren Kaiser und seine Gemahlin sehen sollten, fuhr das Kaiserpaar in offener Equipage vom Bahn­hof durch die Stadt zur neuerbauten großen Festhalle: und in einem zweiten, ebenfalls offenen Wagen folgten, wie die kaiserlichen Eltern vom Jubel der Menge. empfangen, der Kronprinz mit seinen Brüdern, den Prinzen Eitel Friedrich und Adalbert. Ein glänzender Zug der Fürstlichkeiten schloß sich an. Im Gefolge befand sich auch Fürst Bülow, der Reichskanzler, dessen Königshusaren-Regiment heute in Parade vor dem Kaiser steht.

Den Höhepunkt des Einzugs bildete der Ehrentrunk an der Festhalle. In längerer Rede wies Oberbürgermeister Ortmann darauf hin, was aus der Stadt Koblenz geworden, seit die Festungsmauern gefallen. Wo früher starre Mauern die Altstadt von der Vorstadt trennten, erhebt sich heute die städtische Festhalle, bestimmt, die gesamte Bürgerschaft zur Pflege schöner Kunst und Geselligkeit zu vereinigen. Der Oberbürgermeister wies aus alle die prächtigen Anlagen Und Baulichkeiten, darunter zwei ragende Kirchen hin, die. er­richtet werden konnten, seit es der Stadt vergönnt war, die Arme zu regen. Die Früchte dieser Entwickelung gelte es nun dem Kaiser zu zeigen. Dann überreichte der Ober­bürgermeister den Ehrentrunk der allzeit getreuen Stadt Koblenz.

Mit herzlichen Dankesworten nahm der Kaiser den Becher an. Er gab seiner Freude Ausdruck über das, was er von der Entwickelung der Stadt gesehen und was seine Erwar- tungen in jeder Weise übertreffen habe, sowie über die trotz der Ungunst der Witterung frohen Gesichter und über den Kranz junger Damen. Aus dem mit edelstem alten Rüdes­heimer gefüllten Goldpokal trank der Kaiser dann der Stadt Koblenz Wohl, während der Kaiserin von einer der Ehren­jungfrauen, Frl. Wagner, unter einer poetischen Huldigung ein Blumenstrauß überreicht wurde. Dann ging der Zug nach dem Schlosse weiter. Dort wurde bald nach dem Ein­treffen der Fürstlichkeiten der Reichskanzler Fürst Bülow vom Kaiser empfangen.

Heute früh begab sich der Kaiser im Automobil, die Kaiserin zu Wagen 3itr Parade über das S. Armeekorps, die bei Urmitz abgehalten wurde. Das Wetter war trübe, aber es hielt sich leidlich. Wegen der unsicheren Witterung waren die Truppen aber nicht im Parade-Anzuge, sondern feldmarschmäßig ausgerüstet, wie zum Manöver. Der Reichs­kanzler Fürst Bülow trat beim Vorbeimarsch beim Königs- Husaren-Regiment ein. Der Kaiser führte sein 145. Regi­ment vor, Graf Häseler, der vom Monarchen durch Hand­schlag begrüßt wurde, die 11. Ulanen. ,

Mittags kehrte der Kaiser an der Spitze der Feldzeichen vom Varadefelde nach dem Schlosse zurück. Die Kaiserin fuhr in einem von den Bonner Husaren eskortierten sechs­spännigen Wagen.

Die Vernichtung Calabriend,

Eigener Bericht.) Rom, 10. September.

Es ist nicht das erstemal, daß die süditalienische Provinz Calabrien von Erdbeben heimgesucht wird, die zu den furcht- barsten Katastrophen zu zählen sind, von denen die Geschichtc der Menschheit zu berichten weiß. Die Gegend ist altvulka- niicher Boden, unb in periodischen Zwisckienräumen bricht immer wieder die Gewalt der Elemente hervor und verheert in gräßlicher Weise alles Gebild von Menschenhand und die dort lebenden Menschen selber. Das erste geschichtlich ver­zeichnete Erdbeben in Calabrien fand im September de^ Jahres 1186 statt, wo eine Stadt am Adriatischen Meer­busen innerhalb weniger Stunden von der Erdoberfläche ver- schwand. Ebenso schreckensvoll gestaltete sich der 27. März 1638_. Dann folgte am 5. Februar 1873 eine furchtbare Katastrophe unmittelbar nach den Schreckenstagen von Lis- tabon, die für alle Zeiten unter die größten Schrecknisse gezählt werden: damals fanden 40 000 Menschen in Cala- brien ihren Untergang, und 20 000 starben an Hungersnot unb Seuchen. Am 29. Zlpril 1835 wurden Cosenza und mehrere umliegende Dörfer in einen Trümmerhaufen ver­wandelt, und tausend Menschen kamen um. Am 12. Okto­ber desselben Jahres wurden heftige Stöße bei Castiglione verspürt, und hundert Personen fanden einen gräßlichen Tod. Noch verheerender waren die Wirkungen des Erd-

Stäbtlm °(SaM n&r 185? Montemurso und anderen tÄnb «r»rten bei Seti^no" bien gezahlt . Ganz Kalabrien ist total verwüstet WfflÄ*"» WS

Danach ist kaum eine Stadt, kaum ein Dorf der Bronins eeiMmüongeFommen, manche sind geradezu Ruinen ^n einigen fallen riß ein kurzer Stoß die Dächer über bei Mnf^ leisen; von Entkommen war i»M?' ' 'sn an6eten Fallen war der Stoß, weil mehr mnswn. .'rnnflet ^zogen, auch nicht so gewaltig, lind die Be- Männèr ^".^" "'l genauer Not noch eben hinausstiirinen. die - Sm,? "I6 Kindn 'm Heinde füllten die Straßen; die grauen Iteigcrten die Panik durch ihr entsetzliches den^S^ni' ^IC -!"u^" l°gen auf den Knien und flehten x w^ '^ Heiligen an. Der erste Stoß wurde gegen drei Uhr morgens verspürt, während die Bauernschaft im ^/rgenschlni log. Er dauerte 18 Sekunden. Der zweite setzte etwas spater ein in eine Kette, die volle dreiviertel Blunden wahrte und ein totales Zerstörungswerk verrichtete

'ö ^'.eler furchtbaren Stunde sind Szenen vorgckoinmen die an die unerhörtesten Ausgeburten der Phantasie hinaus

^ ^ wackeren, Rettung bringenden Truppen in ^g? l ^arghelia, dem mutmaßlichen Mittclpiiiüt des Erdbebens, vordrangen, lagen dort haufenweise die Tot"n Lwarenmchtvon Krümmern erschlagen, sondern trugen deullich tödliche Messeritlche an sich. Daraus ergibt sich die ganze furchtbare Tragik des Moinentes: der Selbst­erhaltungstrieb hatte, alles menschliche Gefiihl erstickt, und in den rücksichtslosen Kämpfen um den Ausgang aus den ein- sturzenden Gebäuden, aus den miheilbriiigenden Straßen hatten die Menschen ihren Vordermann, der ihnen den Weg versperrte, einfach niedergestochen. Kann es Wunder neh­men, wenn in diesem Augenblicke des Schreckeiis viele irr­sinnig wurden? Glücklich sind die zu preisen, denen ein schnelles Ende zuteil wurde, un Vergleich zu anderen, die nach der Stellung, in denen sie gefunden sind, qualvoll in Trümmer eingeklemmt, den Tod als Erlöser begrüben mußten. So hatte in Melito eine ganze Familie von elf Köpfen miteinander den Untergang gesunden.

Schrecklich ging es auch dort zu, wo in den Gefängnissen die Inhaftierten und Verbrecher das Schwanken der Mauern fühlten und ihnen nicht entrinnen konnten. Ein wahn­sinniges Schreien erfüllte die Luft, und verzweifelt klam­merten sich die Gefangenen an die Eisenstäbe und flehten um Erbarmen. Mit aller Gewalt suchten die Eingeschlossenen die Türen der Zellen zu durchbrechen, und nur durch zahl­reiche Truppen konnte die Ordnung in den Gefängnissen wiederhergestellt werden.

Einen niederschmetternden Anblick bilden die Transporte der Verwundeten. In langen Güterzügen werden sie aus der Gegend der Verwüstung dorthin geschafft, wo ihnen Pflege zuteil werden kann. Dazu sind alle Wege mit Men­schen erfüllt, die ihre Habe verloren und dem Orte den Rücken wenden, der ihnen zum Unheil wurde. Vielfach begeg­net man Menschen, die völlig nackt umherirren, da sie nichts als das Leben retten konnten. Es ist eine Panik in die Ueberlebenden gekommen, und Tausende, die einst fleißig ihren Acker bebauten, schicken sich an, dem wankenden Boden der Heimat Valet zu sagen.

Hoffentlich bringt das Erscheinen des Königs und das zielbewußte Wirken der Truppen einige Beruhigung in die entsetzten Gemüter. Auf allen Seiten ist die Hilfsorgani­sation im Werke. Der Ministerrat hat 250 000 Lire sofort bereit gestellt. Kaiser Wilhelm und andere Staatsober­häupter haben dem König telegraphisch ihr tiefes Bedauern und ihre lebhafte Sympathie für Italien, das so schwer ge­troffen ist ausgesprochen.

politische Rundschau.

Deutsches Reich,

» Neue Erhebungen, die über die Reform der Personen- farifc in Preußen an gestellt merben, lassen den Schluß zu, daß man sich in maßgebenden Stellen mit neuen Planen auf diesem Gebiete trägt. Lie Erhebungen beziehen stch aus die im Staatsbahnverkehr Preußens verkauften einfachen und Rückfahickarten 1. bis 3. Klasse, wobei genau zu scheiden sind die Entfernungen von 130, 31100, 101300, 301600 Mlometer und über 600 Kilometer. . Fahrkarten