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Unabhängige Tageszeitung

(Gießener Zeitung)

(Gießener Ungevtntt)

mr Oberhesfen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalameiger für Gießen und Umgebung,

«wfiüst affe amtlichen Bekanntmachungen der ®roto. Bürgermeisterei Gietzen und anderer Behörden von Oberhessen.

Srntereit.

l Politische Wochenschan.I

Wann für unserer Hände Fleiß die Natur den Ernte- segen bringt oder vorenthält, das ist in bestimmte Zeiten geordnet, deren Dauer wir kennen. Wir wissen, wann wir säen müssen, und wir wissen die Zeit der Ernte voraus; nur das Maß des Ertrages kennen wir nicht. Ob vielfältige Frucht unsere Mühe lohnen, ob Mitzwachs oder Dürre unsere Hoffnung täuschen wird, das bleibt unserem Auge ver­schlossen, bis unsere Hoffnung erfüllt oder das Mißgeschick Wirklichkeit geworden ist. Auch unserem sonstigen Tun, es sei auf moralischem oder auf politischem Gebiet, ist sicher ein „Tag der Garben" vorausbestimmt. Aber die Frist der Reife „nach Monden und nach Tagen" ist unserem Wissen verhüllt. Wir dürfen bei der Aussaat nicht mit einer an die Stunde gebundenen Ernte rechnen, dürfen den Mut nicht verlieren, wenn lange, lange kein Reifen sich zeigen will, dürfen Hoffnung und Tatkraft nicht aufgeben, wenn das ausbleibende Blühen unserer Ungeduld spottet. Unter denen, die das Samenkorn dem Schoß der Erde anver­trauen, ist einzig der Forstmann in ähnlicher Lage. Sein ganzer Beruf ist darauf gestellt, daß er erntet, was er nicht gesät hat, und daß er sät, was er nicht ernten wird. In des Forstmanns Herzen halten Dankbarkeit und Resignation einander die Wage. Dem Staatslenker ist ein ähnliches Los beschieden. Die Gegenwart nimmt alle seine Kräfte in Anspruch, und einer unbekannten Zukunft gehört in der Regel die Frucht. Darum muß er mit vorschauendem Sinn begabt und mit Selbstlosigkeit gewappnet sein, damit er nicht ermüde und in seiner danklosen Arbeit nicht erlahme. Nur selten und in weiten Zwischenräumen ist ihm beschieden, noch selbst das Ergebnis seiner Mühen zu sehen und sich daran zu freuen. Ein solcher seltener Zeitpunkt ist jetzt eingetreten. Die Früchte der vorsichtigen und Vorschauenden deutschen Politik' liegen zutage. Gefahren mannigfacher Art hatten sich gehäuft, während der Horizont frei, der Him­mel unbewölkt schien. In aller Stille wurde .rastlos gear­beitet, sie zu zerstreuen, und das schwere Werk war bereits gelungen, als die ersten Nachrichten von einer Bedrohung verspätet auftauchten, die Sonne gesicherten Friedens leuch­tete schon wieder, als der Nachhall verflossenen Gewitter­rollens die bis dahin sorglose Welt aufzuschrecken begann. Man fing von dem Marokkokonflikt zu sprechen an, als diesem Konflikt die Schärfe genommen war; die Be­ziehungen zu England hatten die alte freundliche Gestalt angenommen, als man von ihrer Trübung Kenntnis er­hielt. Bei Gelegenheit des Kaiserbesuchs in den Ost marken erfuhr die Welt von dem schönen Wort, das der greise Papst Leo XIII. segnend und gleichsam als ein verpflichtendes Vermächtnis zu Kaiser Wilhelin gesprochen, und dieses Wort des Papstes war die Frucht einer langen, in der Stille tätigen, zielsicheren Politik. Und wenn^ setzt frohe Aussicht vorhanden ist, daß die wirtsclnstlichen Strei­tigkeiten, die den inneren Frieden in Sachsen - T 6 ü - ringen, in Rheinland-Westfalen und noch an­deren Gebieten des Vaterlandes erschüttern, große In­dustrien und Zehntausende von Arbeiterfamilien 'n Not und Bedrängnis bringen wollten, gütliche Erledigung, auf Grund verständigender freiwilliger Vereinbarung finden werden, so ist auch das keine zufällige, aus augenblicklicher Stimmung emporsteigende Erscheinung, sondern eine Segensfrucht der seit Jahrzehnten mit Ausdauer verfolgten Sozialpolitik und Sozialgesetzgebung, eine Ernte früherer ! Aussaat.

Doch nicht das Gute allein, auch das Neble trägt Frucht, und die schlimme Saat der Eltern bringt den Kindern böse Ernte. Die mangelnde Pflege des Reichsgedankens, die einseitige Bevorzugung des nationalistischen Prinzips — die übrigens nicht aus Grundsatz und in Ueberzeugungs- treue, sondern von kurzsichtigen Staatsmännern um slüch- tiaer Tagesvorteile willen geübt wurde, hat in Oester­reich-Ungarn geradezu verwüstend gewirkt. Träger des Reichsgedwnkens ist in Oesterreich-Ungarn eigentlich nur noch Kaiser Franz Josef, der vergeblich nach verständi- gen Helfern ausschaut und in harter Vereinsamung den Kamps durchzuführen suchen muß, den die Berater früherer Tage ihm als trauriges Erbteil zurückgelassen haben. Jede der unter dem habsburgischen Szepter vereinigten Nationa­litäten hascht nach einem Zipfel des Neichsmantels, um daraus ein Wams für sich allein zurechtzuschneidern. So droht dem Mantel Zersetzung, und was alle Glieder wär- : mend und schützen umschließen konnte, wird untauglich für jedes einzelne Glied. Daft es dahin kommen konnte, daran haben lange Generationen in fehlgreifendem Eifer ge­arbeitet.

In Frankreich hat der Deputierte Jaluzot durch waghalsige Spekulationen viele Millionen verloren, die ihm nicht gehörten, und einen Zuckerkrach hervorgerufen, der weite Kreise des Landes wirtschaftlich schwer schädigt. Selbstverständlich will man ihn zur Verantwortung ziehen; doch ist es fraglich, ob das gelingen wird. Wir sind von Pharisäischem Urteil über solche Vorkommnisse fern. Auch anderwärts hat es betrügerische Spekulanten gegeben, auch anderwärts ist es skrupelloser Gewandtheit schon gelungen, ' den Maschen des Strafgesetzes zu entschlüpfen. Auch ander­

wärts hat eigensüchtiges Strebertum ben Versuch gemacht, sich hinter „patriotischer Gesinnung" zu verbergen. Daft aber der Entlarvte es noch wagen darf, seine politische Rolle weiter zu spielen und sich für einen Märtvrer auszugeben, für ein Opfer der Feinde seiner vaterländischen Gesinnung, das ist anderwärts jedenfalls nicht so oft dagewesen. Im französischen nationalistischen Lager ist der Skandal die Regel, sind Männer wie Jaluzot und Spvetot — diesen schmutzigsten Menschen, den die eigenen Angehörigen zum Selbstmord zwingen mußten, deckt bereits wohltätige Ver­gessenheit — keine vereinzelten Erscheinungen. Mit Ver­leumdung, Fälschung, parteiischem Gericht hat der franzö­sische Nationalismus die Herrschaft zu gewinnen gesucht, er hat alle schlimmsten Laster sich selbst eingeimpft. Was er ausgesät hat, das ist aufgegangen: die Syvetot und Jaluzot bilden die Ernte.

Auf dem Boden der Vereinigten Staaten von Amerika sind die Vertreter Japans und Rutzlands in ver­gangener Woche zusammengekommen, um über den Frieden zu verhandeln. Der Friedensschlutz wird die Ernte für beide Teile darstellen: Japan wird die Früchte emsiger Ar­beit einheimsen, Rußland für sein verhängnisvolles Regie- rungssystem zu bützen haben, das Riesenkräfte zusammen- rasfte, nur um sie zu lähmen.

Die friiebte des Zeitungsin^rate.

Die Notwendigkeit des Annoncierens dürste heute kaum noch jemand in Zweifel ziehen. Jeder Kaufmann weiß, dag die Prosperität seiner Geschäfte im direkten Verhältnis steht zu dem Gelde, dos er für Annoncen ausgibt. Aber das ist vor allem auch eine Kunst, die bei Anen die sie ausuben wollen, Geist, Ueberredungskrast, Klugheit und sogar Psychologie voraussetzt. Das beweist eine Geschichte, die augenblicklich in London viel besprochen wird. Ein Lon- doner Kaufmann hatte in der Kirche während der sonn- tagspredigt seinen Regenschirm verloren, einen ganz neuen Regenschirm. Um den Regenschirm wiederzuerlangen ver- össentlichte er in einem vielgelesenen Blatte nachstehende Annonce: „Verloren gegangen ist in der Vorhalle der Petscs- kirche letzten Sonntag ein schöner seidener Regenschirm. J8et ihn dqm Eigentümer (10, High Street) wiederbrmgt, er, halt eine gute Belohnung. Es vergingen mehrere Tage; eines Morgens erschien unser Mann in der Expedition der Zeitung: „Ich habe," sagte er, „das Vertrauen zu dem An­noncieren verloren. Ich habe bis jetzt sur ^lnnoncen ^on zweimal soviel angegeben, ..J mein Regenschirm teert ist.

— „Verzeihung," sagte bete Chef der Annonemabteilung, wenn Sie feinen Erfolg erzielt haben, ist es nur Ihre eigene Schuld. Sie haben die Sache nicht richtig angefan­gen Versuchen Sie es noch einmal, aber lassen Sie mich die Annonce aufsetzen." Und er schrieb: „Wenn dasIndi­viduum das, wie genau beobachtet worden ist, letzten Sonn­tag aus der Vorhalle der Peterskirche einen ihm nicht ge- hä'-enden seidenen Regenschirm mitgenommen hat, sich große Unannehmlichkeiten ersparen und den Ruf eines ehr­lichen Christen, auf den es doch so großen Wert legt, behal­ten will, soll es besagten Regenschirm sofort nach High Street 10 bringen. Sein Name ist bekannt und wird, wenn der Regenschirm nicht binnen 24 Stunden zurückgegeben ist, in der übernächsten Nummer dieses Blattes preisgegeben wer­den " Diesmal hatte die Annonce eine grandiose Wirkung. Eine Stunde nachdem sie in der Zeitung erschienen war, fand der Held unserer Geschichte in der Vorhalle seines Hauses , w ö l f s e i d e n e R e g e n s ch i r m e ; an fast allen waren mit Stecknadeln kleine Zettelchen befestigt, auf welchen er höflich ersucht wurde, die unangenehme Geschichte nicht wei­ter zu verbreiten.

Hus dem Gerichts saal.

§ Haftung des Rechtsanwalts. Das Reichsgericht entschied, daß der Rechtsanwalt, der gegen Vergütung in Rechtssachen dem Anfragenden bestimmtes Verhalten oder Vorgehen an­rät, für die Nachteile zu haften hat, die der von ihm geratene durch seinen Nat crleibet wenn dieser Nat sich als in fahr­lässiger Weise erteilt erweist. Der Rechtsanwalt tritt zu dem Anfragenden in ein Schuldverhältnis, das ihn zur Sorg­falt verpflichtet. Läßt er diese außer acht, so ist er für die Folgen haftbar.

§ Gemildertes Knegsgerichtsnrtcil. In Altona fand vor dem Oberkriegsgericht des 9. Armeekorps die Verhand­lung gegen die beiden Landwehrleute Strauer und Krog­mann statt, die wegen Subordinationsvergehen am 4. Jul) vom Kriegsgericht der 17. Division zu 7% resp. 6 Jahren 2 Monaten Gefängnis verurteilt wurden. Gegen da- Urteil Hutten sowohl die Angeklagten wegen zu hoher, wie der Gerichtsherr wegen zu geringer Strafe Berufung ein- gelegt In der jetzigen Verhandlung hatte der ®«tretei der Anklage gegen Strauer eine Gesamtstrafe von 2 Zähren 6 Monaten, gegen Krogmann 1 Jahr 6 Monate Gefängnis unter Anrechnung eines Monats aus die Untersuchung beantragt. Das Oberkriegsgericht verurteilte Strauer W 1 Jahr 2 Monaten, Krogmann zu 1 ^ahr 1 Monat Ge fängnis. ____

Kunst und Füssen schäft.

, Professor Dr. Wilhelm Dmfcn t. In Gießen ist der e ^^Eonker Wilhelm Oncken gestorben. Die Wissen- verliert m ihm einen bedeutenden Geschichtsforscher. -6eionber§ feine die jüngere und jüngste Vater- ländische Entwickelung stehen in hohem Ansehen. Er wurde am 19 Dezember 1838 in Heidelberg geboren besuchte die Universitäten seiner Geburtsstadt, Göttingen und Berlin, habilitierte sich 1869 als Privatdozent in Heidelberg wurde daselbst 1886 außerordentlicher Professor, 1870 orbenb lieber in Gießen. Oncken war auch hessischer Landtags- und deutscher Reichstagsabgeordneter.

MN Gerettete Nordpol-Expedition. In Honningsvaag auf Finnmarken ist das Entsatzschiff „Terra nova" mit der Zieglerschen Nordpol-Expedition angekommen. Das Schiff der Expedition, „Amerika", wurde am 22. Januar 1904 in Teplitzbay durch den Druck einer Eisstauung vernichtet. Die Teilnehmer der Nordpolfahrt blieben jedoch wohlbehal­ten; nur ein Norweger namens Mähre ist gestorben. Die Erpedition machte 1904 den Versuch, den Nordpol zu er­reichen. Der Leiter der Expedition Fiala erklärte, daß die von früheren Expeditionen angelegten Depots große Hilfe geleistet hätten. Die Nordpolfahrer sollen nur bis 82 Grad 13 Minuten gekommen sein.

Vermischtes.

Tie Folgen des Sprachführers. s 'edrich Wilhelm Dünemann aus Köln ist in Paris. Er la • die ersten zehn Seiten seines Sprachführers am Schm en auswendig, also fe.itn ibm in der Stadt mit der fremt . l Sprache nichts passieren. Er vermag ganz korrekt auf Französisch sich fol- gendermaßen auszudrücken: Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich Sie störe. Gestatten Sie mir eine Frage? — Aber gewiß, mein Herr; was steht zu Diensten? — Ich bin zum erstenmale hier, kenne keine Seele, können Sie mir einen Führer empfehlen? — Bitte, vei igen Sie über mich. — O zu gütig, mein Herr, mit weul hübe ich die Ehre — Mein Name ist Josef Müller . . .? — So steht's schön übersetzt im Sprachführer, und Friedrich Wilhelm Dünemann macht alsbald bei einem vertrauenerweckenden Herrn Gebrauch davon. Wie sich das trifft, genau stimmen auf die Fragen die Antworten, wie sie im Buche stehen. „O, zu gütig, mein Herr, mit wem habe ich die Ehre?" Der „Pariser" muß lachen. „Mein Name ist Josef Müller . . ." Dünemann wird es heiß und kalt. „Ja," meint der andere plötzlich in klarem Deutsch mit gemütlichstem Kölner Tonfall, „ich hab' den gleichen Sprachführer wie Sie und wollt' mal sehen, wer von uns die Geschichte am besten runterschnattern kann."

— Früchte der Vereinsmeierei. In Bommern bei Witten hat sich vor kurzem ein „Verband der organisierten Kost- gänger" gebildet. Das erste Thema, mit dem sich der Verein beschäftigte, lautete natürlich: „Wie verbessern mir unsere Lage?", und daran schloß sich flugs das andere: „Wie ver­bessern wir unsere Nahrung?" Ein Spaßvogel hatte daram schnell die rechte Antwort: er riet allen Kostgängern, sich schnellstens in den Ehestand zu begeben. — Em noch selt­samerer Verein ist in Oberhausen im Entstehen. Dort wird mittels Zeitungsannonce zur Bildung eines Vereins der Buckligen aufgefordert und jedermann zur Teilnahme eingeladen der „mit einein kräftigen Ast gesegnet ist .

= Aberglaube in Rußland. In dem Orte Swiza Krwza in der Krim hatte große Trockenheit die gesamte Ernte ver­nichtet. Die Bevölkerung schob die Kalamität auf einen vor kurzem verstorbenen alten Mann, seit dessen Beerdigung kein Regen mehr gefallen war. Um ben Geist des „Zau­berers" zu besänftigen, wurde die Leiche, einem alten Volks­gebrauche zufolge, um Mitternacht ausgegraben, damit Pope sie mit heiligem Wasser besprenge. >^a stierlicher Hi - Session begab sich die Bevölkerung auf den Kirchhos, wo um den gegen einen Baun: sitzenden Leichnam des "^a unter Musik- und Gesangstönen die Bauerni einen ^tiamen Tanz aufführten. In diescin Augenblick erschien der Pohe. allein anstatt das heilige Wasser zur Anwendung zu brm mm schalt er die Bauern wegen ihres gotteslastoilichcn Aberglaubens. Dadurch zur Wut entstammt, erklärte man den Priester für den eigentlichen Zauberer, in den der Gey des Toten gefahren sei, stürzte ihn in das offene ll..ab warf den Leichnam hinterher und schlittete Erde und Steine dar- über Als am Tage darauf die von Frauen benachrichtigte Polizei das Grab wieder öffnete, war der Pope langst er- '“= Das höchste Alter. In Augusta (Georgim) ist im Alter von 135 Jahren eine Negerin gestorben. Es rft dies das höchste, bislang beobachtete Alter, zu dem es ein Mensch aebrackst hat. Die Greisin hatte sich bis in die letzten Monate ibres Lebens stets der besten Gesundheit erfreut, und die ihrer Augen war bis zu ihrem Tode eine liNge« Sübt Mb^ verbrachte sie als Sklavin. Später sie sich stets der schönen Zeit zu erinnern, wo sw in pflegte sie iw Sklavin das Brot gütiger Herren

heiterer Sorg s § -hlte sie gern von der Grundlegung & Än Ä » ^S123 Jahren stattgefunden bat und wobei sie im Chor mitsang.