Nr. 291.
Montrg, den 11. Dezember 1905
14. Jahrgang
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(Gießener U^geßkalt)
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<chießtmer Weitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalamelaer für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen de^Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Grvßh. Pvlizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhesten.
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Die Lage in Rußland.
Aus Petersburg wird der „Deutschen Reform-Korrespondenz" unterm 8. Dezember geschrieben:
„Seit acht Tagen sind wir vom telegraphischen Verkehr mit dem Inland und dem Ausland abgeschnitten. Wollen wir erfahren, was im Innern Rußlands sich ereignet, so sind wir auf die deutschen Zeitungen angewiesen, die freilich herzlich schlecht unterrichtet sind. Das ist ohne Vorwurf gesagt. Fehlen ihnen doch die Verbindungen genau so wie uns. Sie bemühen sich übezHies in anerkennenswerter Weise, möglichst objektiv zu sein. Sie schicken Spezialberichterstatter her, die mit großer Zuverlässigkeit melden, was sie sehen, und mit großer Treue wiedergeben, was sie hören. Ob der, von dem sie etwas hören, vertrauenswürdig ist, das entzieht sich ihrer nachprüfenden Beurteilung. In der Regel schenken sie
dem Glauben, au den sie zufällig empfohlen oder geraten sind, im besten Falle lassen sie sich genügen, eine gewisse allgemeine Uebereinstimmung der Parteirichtung festzustellen. Dabei bleibt unbeachtet, daß die politischen Schlagworte hier eine ganz andere Bedeutung haben, als im westlichen Europa, und daß selbst die Parleibezeich- Tinngen zu beiden Seiten der russischen Grenze sich inhaltlich nicht decken. In Rußland kann man für liberal gelten und doch in aller Aufrichtigkeit und Offenheit die Aufhebung der Leibeigenschaft bedauern. In Rußland kann man ein Erz- Reaktionär und mit Nihilisten und Anarchisten, mit den radikalen Anhängern der „Propaganda der Tat" eng liiert sein. Wer neu ins Land kommt ist daher Irrungen leicht ausgesetzt. Für uns ist es ein melancholisches Vergnügen, in den deutschen Zeitungen Prophezeiungen über die nächste Zukunft Rußlands zu lesen. Daß sie mit aller Sicherheit vorgetragen werden, fallt nicht weiter auf, denn das gehört zu dem Beruf. Daß sie einander widersprechen, merkt nur der, der verschiedene Zeitungen liest, ist auch nicht weiter auffällig — denn in der nachbiblischen Zeit gibt es eine besondere Prophetie für jede Richtung und für jede Gruppe. Daß sie aber in den Schlußfolgerungen über unzweifelhafte Tatsachen so völlig fehlgehen können, wie siees tun, ist ein Beweis dafür, daß man jenseits der westlichen Grenze Rußland und die Russen trotz der Nachbarschaft und des langen intimen Verkehrs nicht kennt. DerStreikder Telegraphen- und Postbeamten ist im Ausland als ein Zeichen der Staatsauflösung, des Schwindens jeder Regierungs- autorität und Regierungskrafl aufgefaßt worden. Man sagte das baldige Scheitern der Witteschen Reformbemühungen voraus, meldete sogar, daß Graf Witte bereits seine Entlassung nachgesucht und sie nur auf einige Zeit zurückgezogen habe, weil der Zar an seinen Patriotismus appellierte. Nichts kann falscher fein, als diese Auffassung. Der Verlauf des Streiks der Post- und Telegraphenbeamten, die Haltung der Regierung und der Geschäftswelt ihm gegenüber kündet das nahe Ende der Revolution, kündet die baldige Wiederkehr geordneter Zustande I Es ist geradezu bewundernswert, mit welcher Sicherheit und Leichtigkeit die Geschäftswelt sich in die fundamentale Störung des Verkehrs gefunden, wie schnell sie Ersatz geschaffen hat, indem sie eine eigene Kourierpost nach den Grenzorten und den Hauptstädten im Innern organisierte ! Die Banken, die Industriellen, die Kaufleute j waren über Nacht einig geworden, den Staatsverkehr durch l eine provisorische private Einrichtung zu ersetzen. Nicht * einen Augenblick haben sie den Versuch gemacht oder auch nur daran gedacht, bei dem Verkehrsminister oder bet dem Grafen Witte vorstellig zu werden, daß den Forderungen der Post- und Telegraphenbeamten Zugeständnisse und damit dem Streik ein Ende gemacht werde. Daraus geht hervor, daß die ihrer Natur nach friedliche und zu ' Kompromissen geneigte kaufmännische Intelligenz gegen die Unruhestifter empört ist und lieber schivere Unbequemlichkeiten und Lasten auf sich nimmt, als daß sie die Friedensstörer
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' unterstützt. Daraus geht ferner hervor, daß die kaufmännische Intelligenz in ihrem Vertrauen zu dem Grafen Witte in t keiner Weise erschüttert ist. Dazu liegt auch keine Veranlassung vor. Graf Witte hat von seinem Selbstvertrauen nichts eingebüßt. Er steht den Brandungen der russischen Revolution gegenüber eben so fest, wie vor Monaten in Portsmouth den Forderungen der Japaner und den freundlichen Ratschlägen der Amerikatier gegenüber. Er hatte den Mut, der Deputation der streikenden Post- und Telegraphcn- beamten die nachgesuchte Audienz zu verweigern, zur Vorbedingung jeder Erwägung ihrer Wünsche die Rückkehr zum amtlichen Gehorsam und zur Pflichterfüllung zu machen. Dergleichen tut man nicht, wenn man sich schwach fühlt. Wer das wagt, der hält die Zügel noch in starken Händen. Als die abgewiesenen Beamten mit der Veröffentlichung einer ungebührlichen Erklärung antworteten, sprachWitte einfach die Entlassung der Streikenden aus, verfügte ihre Entfernung aus den Amtswohnungen. Die Folge dieser selbstlicheren ^^ g war, daß ein Teil der Beamten sich unterwarf und zur gewohnten Tätigkeit zurückkehrte. Wenn dieser Brief zum Druck gelangt, ist wahrscheinlich der Post- und Telegraphenverkehr wieder in der vorigen Ordnung, hat Witte seinen ersten Sieg über die anarchistische Revolution davongetragen.
• Die politische Lage ist deshalb noch keineswegs be- i friedigend zu nennen, es bleiben für Witte Sorgen genug. L Auch hier sieht man im Ausland die Gefahr an der un-
richtigen Stelle. In Deutschland, der Heimat der musterhaften und unantastbaren militärischen Disziplin, ist man geneigt, in Gehorsamsverweigerungen von Soldaten gegenüber ihren Vorgesetzten, in politischen Unznfriedenheitskund- gebungen von aktiven Offizieren etwas ganz Unerhörtes zu erblicken, das erst bei völliger Auflösung des Staates möglich sei. Das trifft aber für Rußland nicht zu. Gewisse Ausschreitungen, die freilich nicht die Regel bilden dürfen, kommen hier auch in ruhigen Zeiten tagaus tagein vor, ohne daß man davon viel Aufhebens macht. Das liegt im Naturell und Temperament und in der gesellschaftlichen Gewöhnung der Offiziere und Mannschaften. In Deutschland würd" - ' ja auch glauben, daß ein trunkener Offizier, der _ '»ustand von seinen Leuten gesehen worden, die Qualifitaiwn verloren habe. In Rußland sind die Soldaten gewohnt, ihren trunkenen Offizieren alle Liebesdienste zu erweisen oder — zu verweigern. Daß gegenwärtig noch mehr Disziplinwidrigkeiten und noch gröbere als sonst vorkommen, ist nicht zu verwundern. Aber beängstigend ist es nicht. Dergleichen geht meist sehr schnell vorüber, schnell wie ein Rausch. Besorgniserregend ist einzig die Bauernschaft. In ihr liegt die konservative Kraft Rußlands. Kommt sie in Bewegung, so ist kein Halten mehr."
Verwirrung über Verwirrung!
Niemand weiß eigentlich mehr, was in Rußland im Werke ist. Das ganze öffentliche Leben steht im Zeichen der vollendetesten Unsicherheit. Die wildesten Gerüchte durchschwirren die Luft, und nichts ist so sensationell, als daß es nicht geglaubt werden sollte. Da die einzelnen Gegenden des Zarenreiches ^drrrch die Verkehrsstockung von einander so gut wie abgeschnitten sind, so wächst das Mißtrauen, und die Zustande nehmen einen schier unerträglichen Charakter an.
Beide Parteien bereiten sich mit allem Ernst zum entscheidenden Kampfe vor.
Witte und Durnowo.
Um die beiden Widersacher gruppieren sich die widerstrebenden Gewalten. Witte will Durnowo stürzen, aber dieser sitzt anscheinend fest im Sattel und trotzt den Gerüchten, daß auch er amtsmüde sei. Die Großfürstenpartei drängt mit Macht auf eine Militärdiktatur.
Die Revolutionäre legen aber auch die Hände nicht in den Schoß; es sollen von ihr Mengen von Revolvern im ganzen russischen Weid) verteilt sein, um den Entscheidungs- kampf gegen den Absolutismus vorzubereiten.
Die Entscheidung bei der Armee.
Alles kommt jetzt darauf an, wie die Armee sich stellen wird, und gerade in dieser Beziehung lauten die Nachrichten stark beunruhigend. Mit Mühe werden die Truppen durch die Geistlichkeit bei der Fahne gehalten. Ueberall machen sich meuterische Regungen geltend. So weigerten sich ganze Flotten- abtAlnngen, von Petersburg nach Kronstadt abzugehen, und man mußte den Matrosen schließlich den Willen tun. Sogar im Auslande haben russische Matrojen gemeutert. Die russische Armee in der Mandschurei ist der Meinung, daß in der Heimat die Revolutionäre bereits am Ruder sind.
Die Aera der Drohungen.
Mit großer Wucht übt das sozialrevolutionäre Zentralkomitee seinen Einfluß aus, und bei der straffen Organisation seiner Anhänger vermag es immer mehr seinen Willen durchzusetzen. In einem Telegramm an Witte hat der „Verband der Verbände" ganz offen mit einem neuen Generalstreik gedroht für den Fall, daß die gefangenen Meuterer in Sebastopol erschossen würden.
In den Ostseeprovinzen haben unter den fortgesetzten Drohungen mit Brand und Plünderung einzelne Gutsbesitzer ihre Güter aufgegeben und sich in Sicherheit gebracht. Viele Bauerngemeinden haben sich dort als Republik erklärt. So wächst allerorten die Verwirrung, und die Zersetzung macht unaufhaltsame Fortschritte.
politische Rundschau.
Deutsches Reich«
* Ueber die Errichtung eines Reichs-Kolonialamtes hat der Reichskanzler dem Reichstage eine Denkschrift zugehen lassen. Nach einer Darlegung der finanziellen und verwaltungstechnischen Entwicklung unserer Kolonialverwaltung kommt die Denkschrift zu dem Schluß, daß, nachdem einmal die Entwicklung der Verhältnisse eine Aenderung in der Organisation der kolonialen Zentralverwaltung zu einer unumgänglichen Notwendigkeit gemacht hat, der Kostenunterschied zu ungunsten des Reichs-Kolonialamtes als ein verhältnismäßig geringfügiger erscheint, so daß er nicht den Ausschlag geben kann.
* Die Reichstagsersatzwah! im Kreise Plön-Oldenburg verhalf dem konservativen Kandidaten Bockelmann zum Siege. Er erhielt 8998 Stimmen, während auf den liberalen Dr. Struve 4540 und auf dem Sozialdemokraten 4406 Stimmen entfielen.
* Im Kre.shause zu Teltow tagte der deutsche Spar- kasienvcrband. Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten, wie der Erstattung des Geschäftsberichtes und der Feststellung desHaushaltungsplanes für 1906, wurde der alle Vorstand wiedergewählt. Der Geschäftsführer des Verbandes machte Mitteilungen über die Entwicklung des Seherischen Sparsystems. Die Einberufung eines außerordentlichen Ver- bandstages ist deshalb unterlassen worden, weil die Unter» verbände sich in überwiegender Zahl gegen das System aus- sprachen, auch Herr Scherl in einem Schreiben an den Verband erklärt hat. er ziehe sein System zurück. Der Vorstand hielt die Frage für erledigt.
Oeftcrrcich-Ungarn*
** Das Ministerium hat eine Gehalts-rhöhung der EisrnüattnangestelUen bewilligt. Die Bediensteten erhielten eine Erhöhung des Tagelohnes, die Unterbeamten unb Diener eine Vorrückung vom Anfang des neuen Jahres an. Auch die Privatbahnen sind zu gleichen Aufbesserungen bereit.
Belgien*
** Der 22. Januar 1906, der Jahrestag des blutigen Sonntags von St. Petersburg, soll für die internationale Sozialdemokratie zu einem Weltmanifestationstag werden. Auf Vorschlag der amerikanischen sozialistischen Gruppen sind
Aufforderungen zu Versammlungen an die sozialdemokratischen; ! Parteien aller Länder gerichtet worden. Eule Konferenz soll sich am 20., 21. und 22. Januar in Brüssel mit der Frage' i beschäftigen, ob es angängig sei, den Krieg durch Massenstreiks j in den beteiligten Ländern unmöglich zu machen. Von Deutschland werden Bebel, Singer, Kautsky, Rosa Luxemburg' ; erwartet. Von namhaften Parteiführern anderer Länder sind ^j Jaurès und Hyndman angemeldet.
franhreich*
*• Der Präsident der französischen Republik Loubet hat sich auf die Seite des Ministeriums Rouvier gestellt. Loubet sagte im Ministerrat, er sei abgeneigt, im gegenwärtigen Zeitpunkte ein neues Ministerium zu berufen. Sollte Rouvier zur Demission genötigt sein, so würde Loubet gleichzeitig demissionieren. Eine Kabinettskrisis kurz vor den bevorstehenden Wahlen, vor der Marokkokonferenz und inmitten der ernsten äußeren Lage sei sehr bedenklich.
Dos und oeieukbaft.
Der Großherzog von Baden hat an den Reichskanzler Fürsten Bülow ein Danktelegramm für die vom Kanzler im Reichstage gehaltenen Reden gesandt. — Zu der goldenen Hochzeit des Großherzogs und der Großherzogin von Baden, die im Herbst nächsten Jahres stattfindet, sind von den verschiedensten Seiten besondere Ehrungen geplant. Dem hochbetagten Fürstenpaare, dem eifrigsten Förderer der deutschen Einheitsbestrebungen, und der Tochter des Kaisers Wilhelms I. wird die allseitige Verehrung zum Ausdruck gebracht werden. ;
Deer und flotte.
Personal - Aenderungen im Sanitätsd enst. Zum Generalstabsarzt der Armee ist an Stelle des kürzlich verstorbenen Prof. v. Leuthold der bisherige Abteilungschef bet der Medizinal-Abteilung des Kriegsministeriums Generalarzt Dr. Otto Schjerning ernannt worden. Der neue Chef des Sanitäts-Korps wurde am 4. Oktober 1853 zu Eberswalde geboren. Das von Professor v. Leuthold gleichzeitig bekleideto Vertrauensamt des ersten Kaiserlichen Leibarztes ist dem bisherigen zweiten Leibarzt Generaloberarzt Dr. Fritz Jlberg unter Belassung in seiner Stellung als Divisionsarzt der 1. Garde-Division übertragen worden. Dr. Jlberg, 1858 zu Krossen geboren, ist seit dem Jahre 1897 stellvertretender Leibarzt des Kaisers. In die Stelle des zweiten kaiserlichen Leibarztes ist Stabsarzt Dr. Otto Niedner von der Kaiser Wilhelms-Akademie aufgerückt.
Studium fremder Sprachen durch Offiziere. Auf besondere Anordnung des Kaisers sind im Laufe des vergangenen Sommers eine größere Anzahl Offiziere des Heeres und vornehmlich der Marine zu verschiedenen Zeiten ins Ausland kommandiert worden mit dem Sonderzweck, sich daselbst im Gebrauch der Landessprache zu vervollkommnen. So wurde derartiger Urlaub erteilt nach Frankreich, Spanien, Italien, England, der Schweiz, Rußland. Zu dem etwa acht- wöchigen Urlaub wurde den Offizieren eine beträchtliche Zulage gewährt.
Neuer Generalftrö f der sächsischen Armee. Der König hat den Oberst des Infanterie-Regiments Nr. 178, Wermuth zum Chef des Generalstab ernannt.
Hus den Parlamenten.
Reichsta. sabgeordneter Stöcker als Siebzigjähriger. Udolf Stöcker, der frühere Hofprediger und Gründer der khristlich-sozialen Partei, kann heute auf ein Alter von 70Jahren jurücksehen. Seine politischen Freunde beabsichtigen, ihn durch tine „Stöckerstiftung" zu ehren.