fr. 266.
Erstes Blatt
Samstag, den 11. November 1905
14. Jahrgang
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D«fert1o«Spre1S i Die einspaltige Peritzeile für ganz Ober* lesen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
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DaS Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittag--
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(Hieße«er Uageölatt)
MabhänKige Hageszettung
(Oießener Weitung)
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für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Siegen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Die Hrmee revoltiert!
In Rußland geht alles aus den Fugen. Karnpf aller jegen alle! — das wird mehr und mehr Losung. Alles, was von beginnender Beruhigung gemeldet wurde, erscheint in Frage gestellt; und die Uvsach ist diesnial die bewaffnete Macht. Auch in ihrer Mitte hat der Bruderkrieg begonnen.
Wieder ist es die Flotte, von der die Bewegung ausgeht. Was einst im Schwarzen Meer begann, hat sich jetzt an der vstseeküste wiederholt.
Der Aufruhr in Kronstadt.
Kronstadt, der Hafen von Petersburg, ist gefährdet. Diese Meldung bringt eine ganz neue Wendung. Kronstadt in Flammen. Das bedeutet einen weiteren Einschlag in das Gewebe der Revolution, dessen Folgen nicht abzusehen sind. Ueber die Vorgänge wird aus Petersburg gemeldet:
Wie auf Konnnando brachen alle Flotten-Equipagen und Lehrkommandos in Kronstadt in Meuterei aus. Die Offiziere, die sich den Meuterern entgegenstellen wollten, wurden über den Hmffen geschossen. Der Matrosen-Haufe erhielt fortgesetzt Verstärkung, und in der wachsenden Trunkenheit schloffen sich die Seeleute dem Plötzlich vorgehenden Pöbel an, und Brand und Plünderung waren ' an der Tagesordnung.
Sofort wurden von Petersburg alle verfügbaren Truppen gegen die Meuterer entsendet. Indessen zum Teil schlossen sie fich -eu Meuterern an, die übrigen konnten gegen die iebeniemiben Seeleute nidjtâ ausrichten, da diese die Kriegsschiffe besetzten und aus diesen die Gegner und die Stadt beschossen. Dann nahmen auch die Landbefestigungen am trLlnpfe teil, aber ihre Geschütze trafen auffälliger Weise nicht täte meuternben Kriegsschiffe, sondern Handelsschiffe fremder Stationalität, die im Hasen lagen. In dieser Beziehung wird taud Petersburg berichtet:
Eines der meuternden Kinegsschiffe beschoß, unterstützt von der Artillerie der Landforts, einen englis 'en Dampfer. Aus diesen und ähnlichen Vorkommnissen können Verwickelungen mit fremben Mächten entstehen.
Aber die Kronstädter Ereignisse haben schon weitere, .sehr bedenkliche Folgen gezeitigt.
Die Garde meutert.
I In der Nähe von Kronstadt lieg Peterhof, der Aufenthaltsort des Zaren. Wenn der Ausiuhr von dem Seehafen dort- ^hin übergreift, wo Zar Nikolaus mit seiner Familie, umringt von Truppen, weilt, dann kann es soweit kommen, daß die persönliche Sicherheit des Zaren gefährdet erscheint. Es ukhlt nicht" an Anzeichen für diese Gefahr. Die meuternden ^Kriegsschiffe können vom Krvnstädter Hafen aus Peterhof erreichen. Dort aber beginnt auch die Garde wankend zu werden. Diese Meldung wird durch folgende Meldung aus Petersburg anged-mtet:
Schiller.
Aus lang gehäuften schweren Aergernissen Brach los das Ungewitter deiner Zeit. Da fand der Sturm erwachender Gewissen Auch Dich, den Jüngling, rasch entflammt bereit; Da hat auch Dich dec Glaube hingerissen An Menschenliebe und Gerechtigkeit, Als könnte die Vernunft in wenig Tagen Die Torheit von Jahrtausenden zerschlagen.
Du wurdest Mann, das Leben hieß Dich dämpfen Die allzu rasche ungestüme Glut.
Es galt geduldig um das Ziel zu kämpfen, Zu fern dem Sprunge. Und Du kämpftest gut. Aus der Enttäuschung ersten bittern Krämpfen Wuchs Dir ein ruhig abgeklärter Mut, Den keine nah geträumte Zukunft blendet, Der sich an's Mögliche bescheiden wendet.
Doch wenn auch nicht mit allen tausend Masten Du von der ersten Ausfahrt heimgekehrt, Es war kein Grund für Dich zu faulem Rasten, Dir blieb der große Wille unversehrt.
Hast mit der jungen Träume falschem Hasten Nicht fortgeworfen ihren Kern und Wert, Hast, treu Dein Selbst stets edler zu gestalten, Den Glauben auch zur Menschheit fest gehalten. Bist nie gesunken zu den kleinen Feigen, Die träge folgen der Gewohnheit Macht. Du wagtest, freien Blicks hinabzusteigen In der Geschichte schätzereichen Schacht. Du machtest die Gedanken Dir zu eigen, Die Dir die kühnsten Denker vorgedacht, Und Dir ist nie im Qualm der Alltagsstunden Der Ewigkeiten Sternenlicht entschwunden.
Hast mit der Stumpfheit dieser Welt gestritten Um Menschenstrebens heiligstes Gebiet, Bis Dich erbarmungslos der Tod inmitten Des reinsten, schönsten Schaffens fort beschied, Und still gefaßt hast Du auch ihn erlitten, Den ohne Schmerz kein Fleißger nahen sieht. Das ist's was wir aus Deinen Werken lesen: Du bist ein wahrhaft großer Mensch* gewesen.
* Edle Menschlichkeit, reichste und reinste Entfaltung aller dem Menschen eigenen Kräfte, Humanität, das galt allen unsern klassischen Denkern und Dichtern als höchstes, erstrebenswertes Ziel.
weinen, die nicht in einem kleinen Kreis von Anschauungen ein für alle Male festgefroren sind. Das Selbstdenken lernen ist nach Schiller (Philos. Briefe) die Hauptaufgabe und es muß uns wichtiger sein, auf dem Wege der Wahrheit vorwärts zu kommen, als die eigene Ueberzeugung unverändert behalten zu wollen. Da nun Neugier und Freude an der Betätigung des Verstandes jedem gesunden Menschen angeboren ist, so wird auch jeder in diesem Punkte Schiller seine Anerkennung nicht versagen können, mag er auch in noch so vielen Einzelheiten anderer Meinung sein.
Dazu kommt ein weiteres. Gerade, wenn wir unS immer lernend vorhalten, so gewinnen wir dadurch zwar immer neues W-sseo, andererseits aber behalten wir dabei auch das Gefühl, mit unserer Erkenntnis der Welt nie fertig zu werden. Wir müssen unS in den Gedanken finden, daß oll unser Wissen und Glauben Stückwerk bleibt. DaS hat etwas unbefriedigendes, und um unS darüber zu ti öften, weisen die philosophischen Briese zum Schluß aus den einzigen Ersatz hin, den eS für die Unvollkommenheit menschlicher Welt- auffassungen gibt, daS ist daS Handeln. „Träges Anschauen fremder, auch der göttlichen Größe, kann nie ein höheres Verdienst sein; denn edleren Menschen fehlt eS nicht an Kräften, um selbst in seiner Sphäre Schöpfer zu sein." So wird auf die Arbeit, auf das Wirken mit der Menschheit und für die Menschheit als Hauptinhalt unseres Leben- hivgewiesen, ein Gedanke, der dann bei Schiller immer und immer wiederkehrt.
(Schluß folgt.)
Das Peterhofer Dragoner-Regiment, eine Elite-Truppe der Garde, hat sich ohne Kampf den Aufrührern ergeben. - Das Garde-Infanterie-Regiment wurde in einem furchtbaren Kampfe fast gänzlich aufgerieben.
Ob diese Meldung als eine Bestätigung der dunkeln, wildelt Gerüchte aufzufassen ist, die von blutigen Kämpfen
^ Peterhof und aud) in den Straßen von Petersburg zu
'anbtOlW11'1 «eiben wissen, bleibt abzuwarten. Eine neue Unterbrechung je« gelten jwtu/"7 ^ Verkehrs, die von dem Beschlusse der Beamten der Warschau-Wiener- und der Weichselbahn, den Streik fortzusetzen, t^^-—— Zerrührt, droht für den Nachrichtendienst weitere Stockungen.
2>-<^j Witte s Ministerium.
Es bleibt auch abzuwarten, ob durch die neuen Er- tignisse Graf Witte's Werk eine Unterbrechung erleidet, da R ller Bar, falls er der Gefahr entrinnt, stark dadurch beeinflußt L ' Die Bildung des Ministeriums ist Witte in
Ljoh. Seihe1 (
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r jHein wird. Die Bildung des Ministeriums ist Witte in
Ä.sagender Form gelungen:
Zu Ministern sind ernannt worden für die Finanzen QAoMcb»^T- Schipow, bisher Abteilungschef des Schatzamtes, für Acker-
”reinenT1<6 bau Kutler, bisher Gehilfe des Finanzministers, für Handel
Timirjasew, bisher ebenfalls Gehilfe des Finanzministers, ' und für Verkehrswege Nemeschäff, zur Zeit Direktor der Südwestbahnen. Zum Neichskontrolleur wurde Filissofow, der Gehilfe des bisherigen Reichskontrolleurs, ernannt.
iZim* t(Ht f der Gehilfe des bisherigen Reichskontrollcurs, Mfe Ctiri ^ 9® Vielfach veröffentlichen die Gouverneure @1
^- Vielfach veröffentlichen die Gouverneure Erklärungen, in tonen sie allen Polizeibeamten, die sich an Unruhen und J Übergriffen oder Verbrechen beteiligt haben oder beteiligen, ifff °- °'^strenge Strafen androhen. Auch werden schon Verhaftungen 'ff. u- ^getreuer Beamter gemeldet.
Auch gegen die Radikalen wird vorgegangen. So ist die ^ Nummer des sozialdemokratischen Organs „Nowoja Echisn" konfisziert worden. Gegen den Redakteur wurde 7; IäCSw1 I hegen Veröffentlichung des Programms seiner Partei Straf-
Schillers Volkstümlichkeit.
Es ist eine Sache die zu denken gibt, daß gerade Schiller der Dichter ist, der bei unserem deutschen Volke am meisten Eingang und Beliebtheit gefunden hat, in der großen Masse sogar entschieden mehr, als sein großer Freund Göthe. Es hat das vor allem deswegen etwas auffallendes, weil Schiller durchaus kein einfacher Kopf war und in seinem Denken sich von den Anschauungen des alltäglichen Lebens oft recht weit entfernte. Er ist durch und durch Philosoph und gerade die Philosophie pflegt doch als eine der unpraktischsten und fernliegendsten Wissenschaften betrachtet zu werden.
Man versteht aber die Aufgabe der Philosophie gewöhnlich ganz falsch; man denkt sich, daß sie ihre Lehrsätze, etwa ähnlich wie die Kirche ihre Glaubenssätze, aufstellen wolle. In diesem Sinne ist natürlich Schiller so wenig wie irgend ein anderer großer Denker „Philosoph" gewesen. Er hat weder an irgend ein anderes System sich gläubig angeschloffen (auch gegenüber gewahrt), noch hat er von sich aus ein neues System zu begründen gesucht. Ec war vielmehr Philosoph in der echten, ursprünglichen Bedeutung des Wortes, das einen „Freund der Weisheit", einen „Freund des Nachdenkens" bezeichnet. Daher ist auch ein vielseitiges gründliches Nachdenken der Grundton, der aus all seinen Werken, Gedichten und Dramen, Erzählungen und wissenschaftlichen Aufsätzen herausklingt. Auf welchem Standpunkte nun auch der Leser selbst stehen mag, er sei katholisch oder protestantisch, konservativ oder liberal, wenn er selbst nur ehrlich nachdenken will, wird er bei Schiller stets Gedanken finden, die ihm entgegenkommen, die das berechtigte seines Standpunktes hervorheben, seine Mängel ausdecken, mit einem Wort, er wird von Schiller lernen können. Schiller selbst ist ein redlich und eifrig suchender Mensch geblieben, bis zuletzt, und das ist es, was ihn zum Freunde aller anderer Menschen machen muß, die es mit dem Suchen auch noch ehrlich
Lokaler.
11. November 1905.
V Zur Landtagswahl. Der heute mit seiner 1. Nummer für dieses Jahr erschienene „Stadtanzeiger" schreibt an der Spitze:
Heuchelheim, 10. Nov. 1905.
Die Landtagswahlen
resp, die der Wahlmänner dazu, stehen kurz vor dec Tür. Die Landesausschüsse der großen Parteien haben ihre Aufrufe veröffentlicht, in welchen — gewiß zur Freude aller Wähler— dem direkten kaut el en- freien Wahlrecht das Wort geredet wird.
Es gilt also für die kommende Wahlperiode Männer in den Landtag, der ohne Zweifel eine neue Wahlgesetzvorlage zu beraten hat, zu entsenden, die die Wünsche und Rechte des Volkes mit Ueberzeugung vertreten, mit den Verhältnissen ihrer Kreise aufs engste verbunden, an Kleinlichkeiten sich nicht festhalten, sondern auch ab und zuzugeben wissen zur rechten Stunde.
Im Wahlkreise Gießen-Land stehen sich der Hospitant der Freien Vereinigung, dec mehr nationalliberale Bürgermeister Leun von Großen-Linden und der Sozialdemokrat Vetters von Gießen gegenüber. Wir wollen hier kein Für und Wider über die Politik dieser beiden Herren sprechen, aber das steht fest, Bürgermeister Leun hat regen Anteil genommen an den Kammerverhandlungen, hat oft mit einer anerkennenswerten Sachlichkeit in die Debatten eingegriffen und hat initiativ die Interessen seines Wahlkreises zu wahren gesucht. Er ist aufgezogen und alt geworden im Kreis, er ist hier seßhaft, es wird also nicht der Fall eintreten können, daß er den Wahlkreis verläßt. Bür germeister Leun ist ein Anhänger der direkten Wahl, er ist Landwirt, Verwaltungsbeamter, mit den Interessen von Handel und Gewerbe hat er sehr enge Fühlung, was man wohl bedenken muß. Ec kennt keinen Stolz, freundlich zu Jedermann, hilfsbereit dem Nächsten, das sind seine Empfehlungen, die die Wähler ihm hochanrechnen und i h m durch eine Wiederw ahl das danken sollten.
wo. Edle (Stiftung. Rentner Ludwig Bücking Mi Gießen beging am 8. d. M. in körperlicher und geistiger Frische seinen 90. Geburtstag. Oberbürgermeister Mecum hat dem alten Herrn, der vor Einsührung der Stâdte-Ordnung Mitglied der Gemeinderat- und Beigeordneter war, namens der Stadt aus diesem Anlaß gratuliert. Bon der Entsendung einer Deputation an das Seburtrtagikmd mußte auf Wunsch der Familie abgesehen »erben. Sestern empfing d» Oberbürgermeister folgenden den Stadlv-rordneten sofort in Abschrift mitgeteilten Brief unseres greifen Mitbürger-.
Sehr acchrtcr Herr Oberbürgermeister I
Erfüllt von dem Gefühl der Dankbarkeit dafür, daß e- nur vergönnt war, meinen 90jâhrigen Geburtstag gesund zu feiern,