Nr. 239
Mittwock, den 11. Oktober 1905
14. Jahrgang
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(chießener Gagektatt)
Mnaöyängige Tageszeitung
(Hießener Zsitung)
für Lberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gietze« und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Der Kampf in den Ostmarken. ,
Aus Berlin wird uns geschrieben:
Vor wenigen Monaten hat der Kaiser die Provinz Posen besucht und in Gnesen eine Ansprache gehalten, in der den Deutschen zur Pflicht gemacht wurde, daß sie nicht um persönlicher Vorteile willen, des Gewinnes oder des Behagens halber ihren Grundbesitz in den Ostmarken abgeben. Sie müßten wie der Soldat auf dem Posten aushalten, um den Boden, den das Deutschtum dem Polenium abgerungen, nicht dem neuerdings erstarkenden Polentum toller auszuliefern und dadurch die Kräfte des Polentums weiter zu vec mehren.
Das war eine bedeutsame Kundgebung zugunsten unserer Ostmarkenpolitik, ein hallender Aufruf von höchster Stelle mi alle die, die es anging, diese Ostmarkenpolitik zu unter- stiren, auch mit perfönlidjen Opfern. Selbstverständlich hat man den Ausruf gehört. Man konnte nicht umhin, darin ein Bekenntnis, ein persönliches Bekenntnis des Monarchen zu der sogenannten Polenpolitik zu erblicken, die von der Regierung nun schon seit vielen Jahren beobachtet wird und für die bereits Hunderte von Millionen Mark aufge- lvendet worden sind.
Es ist jetzt zwanzig Jahre her, daß man zum erstenmal von der Gefahr einer Nepolonisierung der dem Deutschtum gewonnenen weiland polnischen Landesteile sprach. Fürst Bismarck als Reichskanzler und Herr von Puttkamer als Minister des Innern verfügten zunächst die Massenausweisurigen Fremdbürtiger polnischer Zunge. Zehntausende, die aus Galizien oder Russisch-Polen stammend, über die Grenze gekommen waren, um sich hier dauernd niederzulassen, wurden des Landes verwiesen. Der Erfolg war aber sehr gering. Denn eine vielfache Zahl polnischer Arbeiter zog fort* gesetzt aufs neue über die deutsche Grenze. Man konnte ihrer eben nicht entraten. Man brauchte ihre billigen Kräfte in der Landwirtschaft, die keine hohen Löhne zahlen kann, bei Kanalbauten und nicht zuletzt in den Bergwerken. Zwar wurde Wert darauf gelegt und auch mit Strenge darauf gehalten, daß die fremden Saisonarbeiter nicht dauernd im Lande blieben, daß sie zu bestimmter Zeit wieder in ihre Heimat zogen. Doch immer nach kurzer Frist kehrten sie zurück. Noch beweglicher vielleicht war die inländische Bevölkerung polnischer Zunge. Sie stellte das Hauptkontingent für die Sachsengänger, die irrt Westen Saisonarbeit suchten, an großen Bauarbeiten teilnahmen, in den westfälischen Bergwerken sich verdangen. Ihre karge Lebensführung gestattete ihnen, Ersparnisse zu machen, die sämtlich den Weg in die polnischen Banken fanden. Viele Millionen Mark
Der Eselsmüller und die Falschmünzer
<27 Schluß)
Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.
Alle Rechte vorbehalten.
(Nachdruck verboten.)
Als Kernein des Nachts spät vom Frankenburger Nackte bet der Mühle ankam, fand er nur noch rauchende Trümmerhaufen.
Wo war aber der Eselsmüller? Derselbe hatte sein Grauchen vor die Mühle auf einen freien Platz zeführt. Dann ging er noch einmal rings um die Mühle, es schien, als könne er sich nicht von ihr trennen, warf sich im Garten auf den Boden und weinte bitterlich. Endlich raffte er sich auf: „Müller, ft ein Mann", so sprach er zu sich. Dann nahm er eine Zündschnur, schlug mit dem Stahl Feuer und setzte das Stroh in der Mühlscheuer in Brand. Eilends nahm er vom brennenden Stroh und trug es zur Mühle. Als er sah, daß sie an vier Stellen brannte und Annelis nebst Peter heraussprangen, setzte er sich auf ftn Grautier und fort ging es in die Nacht hinein.
ritt nur ihm bekannte Waldwege durch den Fils- jchen Grund bis Ramsbeck. Daselbst machte er, nachdem er den Wirt geweckt hatte, kurze Rast.
Der Wirt zum „Silberstollen" kannte ihn sehr gut. Auch war er schon öfters des Nachts dort eingekehrt, deshalb fiel es ihm jetzt nicht auf. Etwas einsilbig oder verstört schien ihm ja der Eselsmüller zu sein. Doch derselbe war ja oft eigenartig, zahlte aber gut, das war die Hauptsache.
Weiter ging es dann die Nacht nach Neheim. Dort standen gerade die Leute auf und gingen an die Arbeit. Der Wirt, bei dem Eselsmüller anhielt, begrüßte ihn, sand aber in der frühen Ankunft ebenfalls nichts besonderes. Dieses war auch bei ihm schon öfters vorgekommen. Der Eselsmüller stellte sein Grauchen in den bekannten Stall, ließ ihm reichlich Futter mit Brod und Hafer vermischt reichen. Dann bestellte er für sich I eine Morgensuppe. Als er etwa eine Stunde später soctritt, ließ er sich ein Krüglein Nordhäuser noch mitgeben. Es sollte biepr der letzte sein in der deutschen Heimat. „Heimat" - lachte er, „ich habe keine Heimat lnehr, höchstens das Zuchthaus."
jährlich wurden auf diese Weise gesammelt, und die Ersparnisse dienten zum Landankauf. Die Bedürfnislosigkeit des Polen gestattete ihm, aus einem Stück Landes zu leben und auszukommen, das den deutschen Bauer mit seinen höheren Ansprüchen nicht ernähren konnte, weil es zu klein oder zu wenig ertragreich war. Damit begann, zunächst in aller Stille, der Üebergang deutschen Landes in polnischen Besitz. Als man es bemerkte, schuf der Staat die Ansiedelungskommission, deren anfängliches Ausstattungskapital von 100 Millionen Mark bald verdoppelt und dann abermals vermehrt wurde. Die Ansiedelungskommission sollte auS polnischen Händen Grundbesitz erwerben und an deutsche Ansiedler aufteilen. Man mußte sich logischerweise bald entschließen, auch solchen Grund und Boden zu erwerben, der in schwachen deutschen Händen war und von bem man besorgen mußte, daß er in polnische Hände übergehen könnte. Selbstverständlich setzten sich die Polen zur Wehr, kauften gleichfalls Grund und Boden an; und ebenso selbstverständlich war, daß die von zwei Seiten kommende Nachfrage zwar nicht den Wert, aber den Preis des Landes erheblich steigerte. Damit wuchs wiederum die Neigung und die Versuchung zum Verkauf, und die Ansiedelungskommission war trotz ihrer mehrfach erhöhten Mittel nicht in der Lage, auch nur einen erheblichen Teil der Landanerbietungen zu berücksichtigen.
Des Kaisers Appell hat den Verkauf deutschen Grundbesitzes an Polen nicht völlig zu hindern vermocht. Gerade in der letzten Zeit sind mehrere ganz besonders ausfallende Verkäufe an Polen vorgekommen. Zum Teil wird Gedankenlosigkeit als Entschuldigungsgrund angeführt, zum Teil ein wirtschaftlicher Zwang, dem man sich nicht länger entziehen konnte, nachdem die Ansiedelungskommission ihre Mitwirkung verweigert hatte. Wir fühlen uns nicht berufen, ein Nichteramt auszuüben, am allerwenigsten auf Grund unkontrollierbarer Gerüchte und Ausstreuungen. Es muss aber hervorgehoben werden, daß auch polnische Besitzer ihr Land an die Ansiedelungskommission oder sonst in deutsche Hände verkauft haben. Das hat dann auf polnischer Seite genau so viel Anlaß zu lärmendem Tadel gegeben, wie das Gegenteil auf deutscher Seite. Die Polen waren vielleicht noch ein Teil gröber und unnachsichtiger. Die Familie v. Grabsko beispielsweise, die ihr Gut in deutsche Hände verkauft hat, ist von den eigenen Angehörigen wegen dieser „schändlichen Tat" in förmliche Volksacht getan wordm.
Wir hegen gewiß den lebhaftesten Wunsch, daß die Gefahr der Nepolonisierung deutsch gewordener Landesteile vermieden werde, daß das Deutschtum dem Polentum immer ■MMMMMMBMmHMWBHMMBWMMWtl II■ »Will 1 PW II — l^ll■llll f I
Der Eselsmüller verabschiedete sich kurz und ritt in den Iserlohner Wald hinein. Dort stieg er von seinem Grautier ab, nahm die Geldsäckchen und tat den Inhalt in einen starken Gurt. Eine Tasche hing er um die Schulter, steckte das Krüglein und etwas Brod nebst Schinken hinein. Dann nahm er seinen Esel und schlang beide Arme um dessen Hals. Tränen erstickten seine Stimme als er zu demselben sagte: ,,Du liebes, altes treues Tier, hast mich viele Jahre getragen, jetzt stehst und trägst Du mich nicht mehr". Einen Augenblick siegte das Tier seinen Kopf an des Eselsmüllers Schuldern, derselbe überließ sich jetzt ganz kurze Zeit seinem Schmerze. Dann aber machte er sich los, gab dem .Esel einen leichten Schlag und sprach: „Hans, jetzt gehst Du heim."
Tags darauf fand ihn Weishaupt bei dec abgebrannten Eselsmühle weiden. Er lockte ihn zu sich und nahm ihn mit zu den anderen, wie ec versprochen hatte.
Wie war es aber den Gendarmen ergangen, weichenden Eselsmüller an der Grenze fangen wollten? Sie warteten bis zum Abend, ja bis zur Mitternacht. Als aber ihr Warten vergeblich schien, gingen sie langsam der Nutzen entlang zur Eselsmülle. Dort fanden sie nur noch^glimmende Balken, aber keinen Eselsmüller, oder sonst ein lebendes Wesen. Schauerlich rauschte deri'seines Dammes entledigte Mühlbach in die Tiefe, erleuchtet durch die Feuerbalken. Die Beamten gingen nach Sassenburg zurück in der Annahme, der Eselsmüller und die beiden Gehilfen in der Mühle lägen als verbrannte Leichen in den Trümmern.
Während der Eselsmüller zu Fuß seines Weges weiterschritt, verbreitete sich die Kunde, an ihm sei ein Gottesgericht geschehen; er sei in seiner Mühle verbrannt. Man mied sogar den Weg an dec Eselsmühle vorbei, ging viel lieber einen weiter abgelegenen. Weishaupt und die anderen so reich Beschenkten hörten diese Gerüchte, schwiegen aber, denn sie selbst wußten ja von seinem Verbleib nichts.
-^ Nach etwas über einem Jahr seit dem Verschwinden des Eselsmüller erhielt der Zollwächter Stuhlmann im Frankenburger Zollhause einen Brief. Derselbe wurde ihm von einem Manne aus Nöttenau bei Frankenburg überbracht. Derselbe war erst vor einen Tagen aus
abgewinne. Darum aber sollte man ooch nicht Pre^n polnischer Zunge, daß die SDenU polnischer Zunge doch eben Preußen und Deutsche sind, ^re haben Sondermteressen, die wir bekämpfen müssen; aber diese bedauerliche Notwendigkeit hebt unsere Lands, genossenschaft Nicht aus und darf uns nicht zum „nationalen Boykott verleiten. Wir sind darauf angewiesen mitein» ander auszukommen und wollen es auch. Des Kaisers patriotischer Appell hat ganz sicher das Gegenteil nicht ge- N^allt. Wir sollen gute Deutsche und des Deutschtums über« au eingedenk fern, wir sollen uns nicht kolonisieren lassen, sondern nach Kräften germanisieren. Nach Kräften — aber nicht mit Gewalt. Wir sollen und wollen die Polen dem Deutschtum gewinnen. Der nationale Boykott ist dazil fein geeignetes Mittel. Daß diyEPolen mit dem ungeeigneten Mittel vorgehen, zeugt für die Schwäche ihrer Sache und darf uns nicht zur Nachahmung verleiten.
Die Hnarcbie in Russland.
Trotz der von offiziöser Petersburger Seite ausge n- den Beschönigungen muß es als Tatsache angesehen wer r, daß die blutigen Straßenkämpfe in Moskau und andc en Städten des Zarenreichs ihren Fortgang genommen haben. Wie schon vor einiger Zeit angekündigt wurde, hat die neu äüfflackernde Revolution von Moskau ihren Ausgang genommen. Die dort aufsprühenden Funken haben überall Zündstoff gefunden. Offenbar ist eine einheitliche Organisation tätig, und wenn man auch von den Machern nichts sieht, so merkt man doch ihr Treiben in den wilden Szenen,
die überall sich darstellen.
In Moskau hat der Schrecken des sich in die Woche hinein fortgesetzt.
Es herrscht vollständiger Aufruhr, in die Wirtschaften und die Häuser alles, wirft Straßenbahnwagen um
blutigen SolintagZ
Die Menge dringt ein, demoliert dort
und rottete sich zu einem regelrechten Angriff auf das Palais des General-
gouverneurs zusammen, zu dem Agitatoren durch revolutionäre Reden die Menge anfeuerten. Dort, vor dem Straßny-Kloster, auf dem Twerskoje-Platz und auch in den Vorstädten kam es zu blutigen Zusammenstößen zwischen den Volksmassen und dem Militär. Dieses gab Salven ab; die Kosaken ritten in die Menge hinein, und auf beiden Seiten stürzten Tote und Verwundete zu Boden.__________________________
Amerika in seine Heimat zurückgekehrt. Er hatte am Mississippi den Eselsmüller getroffen. Als derselbe hörte, daß er heim nach Deutschland wolle und seine wirkliche Heimat erfuhr, gab er ihm den Brief mit.
Der Müller beschrieb seine Reise darin. Als er seinen Esel heimgetrieben hatte, ging für ihn eine gefahrvolle Wanderschaft erst an. Papiere hatte er keine. Allenthalben wurde er an den Grenzen der Kleinstaaterei angehalten. Nur sein Gold brachte ihn bis Harlem in Holland. Ec nahm dort auf einem Dampfer ersten Kajütenplatz, dieses half ihm ohne Papiere durch. Fort ging es über den atlantischen Ozean nach Amerika. Ec reiste, als er dort angekommen, weiter bis an den Mississippi, fand dort einen alten Bekannten, einstmaligen Studenten der Medizin. Bei demselben blieb er.
Eines Tages machte er seinem Gastgeber einen Vorschlag, sie lcollten beide gemeinsam die Farm betreiben, dabei aber auch Handel. Häute, Vieh, alles war billig. Nur fehlte es dem Farmer an Geld. Der Eselsmüller aber hatte noch reichlich. Beide einigten sich, der ehemalige Doktor bestellte die Ländereien und der Eselsmüller trieb Handel. Bald ging auf der Farm alles glatt. Doch der Eselsmüller bekam Heimweh. Wenn über die Falschmünzerei Gras gewachsen, dann gedachte er wieder zurückzukehcen. Dazu ist es aber nie gekommen.
Wie ging es aber dem Mätzel? Tie Strafe wurde ihm, als er kaum die Hälfte verbüßt, erlassen. Als er heimkam, totkcank, gebrochen an Leib und Seele, und von dem vielen Geld hörte, welches der Eselsmüller ihm geschenkt und durch Weishaupt hatte aufbewahren lassen, mußte er weinen.
Als Meister Schlierbach und seine Tochter aus dem Gefängnis kamen, reisten beide bald mit Hilfe des von Mätzel zurückgelaffenen Geldes nach Amerika. Seine Frau war in der Irrenanstalt B. gestorben.
Die Mätzel-Lina betrauerte jetzt zwei Tote. Den Sohn und den Vater, den Eselsmüller. Sie erreichte ein hohes Alter, aber ihre Liebe bewahrte sie bis an ihr Ende dem Eselsmüller, von dem niemand wieder etwas hörte. Ec war verschollen. —
Ende.