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Nr. 213

Montag, den 11. September 1905

14. Jahrgang

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Fer«sprecha«schluß Nr. 368.

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(Gießener Gagevtatt)

Unabhängige Tageszeitung

(Hießener Zeitung)

für Oberheffm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umaebuna.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhesten.

Oie Hnarcbie im Kaukasus,

(Ein. Bericht.) Petersburg, 9. Septembers

Abermals ist eine Katastrophe hereingebrochen, die mehr noch wie vor kurzem die entsetzlichen Vorkommnisse in Odessa geeignet ist, das ganze Wirtschaftsleben Rußlands zu Mdr- gen. Die fürchterlichen Metzeleien in Baku und im ganzen Naphthabezirk dauern ununterbrochen an, trotz des angeb­lichen Friedensschlusses. Mehr wie tausend Menschen sind der entfesselten Volksleidenschaft bereits zum Opfer gefallen und ein Ende der gegenseitigen Erbitterung ist noch gar nicht, abzusehen, obwohl Bajonettangriffe und Kanonensalven gegen die kämpfenden Tataren und Armenier angewandt werden. Ungezählte von streikenden und beschäftigungslosen Arbeitern durchziehen die Industrieviertel von Baku und be­geben sich auf die benachbarten Orte, um Brand und Ver­nichtung weiterzütragen. Baku selbst ist in dichte Rauch­wolken' gehüllt, riesige Feuergarben steigen aus den seit Tagen brennenden Naphthaschächten auf, dazwischen knattert das Gewehrfeuer der Soldaten, gellt der Mordruf des fana­tisierten Armeniers oder Tataren eine grauenerregende Orgie des Verbrechens und der Gesetzlosigkeit, wie sie schlim­mer kaum ausgedacht werden kann. Die Negierung hat den letzten Nest von Autorität verloren. Durch ihre eigene Schuld. Nach dem GrundsatzTeile und herrsche" hat sie seit Jahren die verschiedenen Völkerschaften des Kaukasus, die christlichen Armenier, die mohammedanischen Tataren und ' die orthodoxen Georgier gegeneinander ausgespielt, so daß über kurz oder lang das heutige Resultat sich zeigen mußte Kampf aller gegen alle.

Die russische Herrschaft im Kaukasus steht vor dem Zu­sammenbruch. Das ist kaum noch zu bezweifeln. Der augenblickliche Aufstand, so gräßlich und verwüstend er für Bevölkerung und Wohlstand ist, wird wahrscheinlich durch die brutale Gewalt der Waffen noch einmal niedergeworfen wie lange? Nur ein Mann mit weitschanendem, versöhn­lichen Blick, ein Mann mit fester Hand und unbestechlichein Gerechtigkeitsgefühl, der entschlossen ein anderes System an die Stelle des bisherigen pflanzte, sonnte hier helfen. Ter jetzige Statthalter Graf Woronzow-Daschkow mag gute Ab­sichten haben, aber das genügt allein nicht. Und wie das russische Zentral-Gouvernement nicht ohne die schlimmsten Rebler auszukommen glaubt, das ^eigt sich wieder in der Entlassung des einzigen Mannes im Kaukasus, der allge­meines Ansehen genießt. Es ist das Sultan Krim-Girej, ein eingeborener Fürst, der bisher als Haupt der Zivilver­waltung dem Statthalter beigeordnet war. Geht er wirk­lich, so kann sich die Situation nur noch verschärfen, nur noch mehr zuungunsten der Ruhe und Sicherheit im Lande verschieben. Denn an tüchtigen Männern ist Rußland nicht reich, der unglückliche Krieg gegen Japan hat der Welt eine Summe von Unfähigkeit und Verkümmerung in der hohen Beamtenhierarchie gezeigt, die selbst bei den Voreingenom- menen Erstaunen Hervorrufen mußte.

Immense Werte wurden in Baku zerstört, die Hälfte der Naphtha-Industrie ist nach einer Aeußerung Eduard No­bels, des Vertreters der großen Naphthafirma, dahin. Die in Flammen aufgegangenen Naphthavorräte übertreffen alles, was bisher bei den nicht seltenen Bränden in Baku verloren wurde. Die Industrie ist nahezu ruiniert. Nicht allein Rußland leidet darunter, wenn auch seine Staatsein­nahmen sicherlich einen Ausfall von mehreren hundert Mil- . Honen haben werden. Das Ausland ist in schlimmster Weise betroffen, englisches, amerikanisches und deutsches Ka- ottal arbeitet im Naphthagebiet, und viele Menschen sind in den Tagen der Greuel zu Bettlern geworden. Der eng­lische Minister Balfour hat bereits Schritte getan.

Nach den Feststellungen der Gesellschaften sind von den in Baku befindlichen 3600 Fontänen sicherlich 3000 ausge­brannt. Die Wiederherstellung dieser würde 30 Millionen erfordern, während der Bau neuer Arbeiterkasernen und Maschinen eine Ausgabe von annähernd 50 Millionen nötig machen würde. Da die Wiederaufnahme des Betriebes erst nach 6 bis 12 Monaten möglich ist, erleiden die Industriel­len einen Verlust von etwa 86 Millionen, während die Wolga-Kaspi flotte durch die Einstellung der Kerosin- und Naphthatransporte einen Ausfall von 100 Millionen Pud Fracht im Betrage von 7 bis 10 Millionen Rubel zu ver­zeichnen haben wird. Die der transkaukasischen Bahn drohen­den Verluste dürften sich auf etwa 6 000 000 Rubel be­laufen. Insgesamt erreichen die Verluste durch die Ereig­nisse in Baku eine Höhe von 193,7 Millionen Rubel. Die offiziös nach der üblichen Manier verkündeten Bcschwichti- aungsdepesctxm scheinen nicht viel auf sich zu haben. Die Petersburger Bankiers lmben ein Schreiben an die Regie­rung gerichtet, in dem sie erklären, der Waffenstillstand in Baku sei nur ein scheinbarer. Die arbeitslos gewordenen 35 000 Arbeiter haben sich den Aufständischen angeschlossen. Jede Stunde kann einen neuen Ausbruch der wildesten Leidenschaften bringen. Die Stadt Suscha in der Nähe von Baku ist zum größten Teil niederaebrannt. Regelrechte Schlachten wickeln sich ab. Die Petersburger Bankiers be­fürworten die Entsendung weiterer Militäraufgebote.

Für den Augenblick wird das bewaffnete Eingreifen un­erläßlich sein, gewiß. Aber auf die Dauer ist damit nichts Getan, wenn die Regierung bei ihrem bisherigen Nichtver-

ständnis beharrt. Schon im Dezember vorigen Jahres wußte man, daß die Bewegung zum Ausbruch kommen würde. Damals erklärten die Arbeiter, sie würden den Kampf durch­führen unter der DeviseE n t w e d e r R e f o r m e n oder das Naphtha geht zugrunde." Sie haben ihr Wort gehalten, die Industrie wurde tödlich getroffen, die Regierung gab weder Reformen noch traf sie Vorbeugungs­maßregeln, sie entfesselte vielmehr durch ihr Verhalten den Rassenhaß, der die Schrecken in so schlimmer Weise ver­mehrte. Wenn heute einige Tausend arme Menschenkinder erschlagen werden, wenn die Schrapnells durch die Straßen sausen und Tod und Wunden säen, so macht man damit nie­mand glauben, daß sobald wieder geordnete Zustände ein­kehren. Wie weit das Mißtrauen gegen die Verwaltung geht, kann man aus den in Baku und Tiflis allgemein bei Hoch und Nieder geglaubten Gerücht erkennen, die russische Polizei habe die Tataren zur Niedermetzelung der armeni­schen Arbeiter aufgahetzt, um die revolutionäre Bewegung im Kaukasus auszurotten.

Wird Zar Nikolaus die Kraft haben, den richtigen Mann zu finden, der dem unglücklichen Rußland endlich Erlösung aus jahrhundertelangem Elend bringt? Der Mann und der Weg muß gefunden werden, muß bald gefunden werden zur Rettung des Reiches vor schmachvollem Bankerott und Untergang, zum Heile für das arme russische Volk.

politische Rundschau.

Deutsches Reich,

* Bemerkenswerte Aeußerungen über den dentsch-ameri- kanischen Handelsvertrag hat Präsident Roosevelt in einem Schreiben an den deutschen Botschafter Speck von Sternburg getan.

Roosevelt sagt, Deutschland fordere einen Handelsver- trag, der ihm größere Vorteile gewährt, als der Präsident nach dem Dingley-Akt zu bewilligen ermächtigt ist. Wäh­rend Deutschland Konzessionen wünscht, welche die Vereinig­ten Staaten keiner anderen Nation gewähren, wolle es der Union keineswegs alle nach seinem Konventionaltarif vorge- sehenen Vorteile gewähren, da der Reichstag nicht dafür gewonnen werden sönne. Unter solchen Umständen läge für Amerika kaum ein Anlaß vor, einen Vertrag zu schließen, unter dem es von Deutschland weniger empfangen würde als die meistbegünstigten Nationen. Amerika habe stets das Prinzip befolgt, andere Staaten in Handelssachen so zu be­handeln, wie es behandelt zu werden wünsche. Aber im Notfalle könne der Kongreß leicht dazu kommen, das gleicht Verfahren einzuschlagen, welches gegenüber Amerika beliebt werde. Das ist eine recht deutliche Sprache, die viel zu denken gibt. Da der Präsident aber den deutschen Bot­schafter zum Schluß auffordert, feinen Argumente zu be­antworten, ist die Hoffnung auf eine schließliche beide Teile befriedigende Lösung nicht aufzugeben.

*

* Wie jetzt bekannt wird, ist die Abberufung des Generals von Trotha aus Südwestafrika für Mitte November zu et- warten. Der neue Gouverneur von Lindequist soll zu diesem Termin eintreffen. Lindequist soll durchgesetzt haben, daß Der Truppenkommandant ihm unterstellt wird. Es soll ein Offizier mit dem Range eines Brigadekommandeurs das Kommando in Südwestafrika erhalten. Ueber die Persön­lichkeit ist noch nichts bekannt.

In Deutscy-Ostafrika gewinnt der Aufstand weitere Aus­breitung. Graf Götzen berichtet, daß nach einer über Kap­stadt bei ihm eingegangenen Meldung des Bezirksamts Langenburg auch der Wangoni-Stamm aufständig sei,

*

* Eine neue Auszeichnung und zwar ein Kolonialorden oll nach angeblich zuverlässigen Quellen demnächst gestiftet werden. Ter in erster Linie für militärische Verdienste n den Kolonien zu verleihende Orden würde mehrere Klas­en haben. Die Entwürfe sollen bereits in der Ausarbeitung sein. *

* Nach Berliner Meldungen soll demnächst ein Wechsel in der Leitung des Militärkabinetts bevorstehen. Graf Häseler trägt sich angeblich mit Rücktrittsgedanken. Als sein Nachfolger wird der Generalleutnant v. Mackensen, Kommandeur der 36. Division in Danzig, bezeichnet. Tie Bestätigung der Nachricht wird jedenfalls abzuwarten sein.

* Fn einer Besprechung, die der Landwirtschaftsminister pobbielâfi mit dem engeren Vorstand der deutschen Fleischer- innung über die Fleischteuerung hatte, sagte der Minister zu, die Erhöhung des russischen Schweinekontingents und die Oesfnung der holländischen Grenze in Erwägung, ziehen zu wollen. Er werde nach der erneuten Prüfung bei dem all­gemein zuständigen Bundesrat, sobald dieser Ende des Mo­nats zusammentrete, das Erforderliche veranlassen.

*

Mehrfach wurde bei Erörterung der kommenden Reichs­finanzreform die Aenderung der Branntwcinsteuer-Geseh- Hebung angeregt Wie eine Berliner Tageszeitung erfahren haben will, denken die maßgebenden Stellen nicht daran,

1 Oesetzgebung vor dem festgelegten Termin im Jahre

3.u rudern - insbesondere beabsichtigte man nicht, die Reichsnnanzreform mit einer Abänderung der Branntwein- Itcuergeiebe zu belasten.

Das Ergebnis der Reichstagtzwnhl im Kreise Thorn- Kulm, das dem deutschen Kandidaten den Sieg gegenüber dem bisherigen polnischen Vertreter brachte, verdient in mehr wie einer Beziehung Beachtung. Der Wahlkreis war 1893

Deutschen verloren gegangen. Die Zurückeroberiing geschah letzt ungeachtet des Umstandes, daß der gewählte Herr Ortel auf dein Gebiete der Politik ein ziemlich neuer Mann ist. Man erblickt in dem Wahlausfall eine Stiftung per Gncyener Kaiserrede, durch die namentlich die deutschen Zentruinsanhängcr bestimmt worden seien, ben national- liberalen Kandidaten zu wählen

Die Landtagswnhlen in Schwcuzburg-Rudvlstndt hcüen die Wahl -von acht Sdzialdemokraten, zwei Liberalen, zwei Bund der Landwirte, einem Konservativen ergeben/ Die Sozialdernokraten haben also absolut die Laiidtagsmehr- Heit. Zwei Stichwahlen finden noch statt

Russland.

. ** In Warschau hat die Hinrichtung des polnischen So. zialistenführers Kasprznk, eines dentscheii Staatsangehöri­gen, stattgefunden. In Warschau und Unigegend sind die Polizisten ermordet und zwei verwundet worden. Von: Kriegsgericht in Sebastopol sind vier Matrosen, die aus dem PanzerschiffPruth" gemeutert hatten, zum Tode durch den Strang verurteilt.

Balkan-Staaten,

In Serbien wurde der Kronprinz Georg für volljährig erklärt. König Peter hat es anscheinend eilig mit dex Be­festigung seiner Dynastie. In einer Proklamation sagt der König, er sei überzeugt, daß sein Sohn als Verweser der Königswürde beim Eintritt von Fällen, die durch die Ver­fassung vorgesehen seien, ebenso wie er, der König, selbst das Volk lieben, feinen konstitutionellen Rechte hüten und für sein Glück und seinen Fortschritt Sorge tragen werde. An der türkisch-montenegrinischen Grenze herrscht lebhafte Beunruhigung, angeblich hervorgerufen burd) strenge Maß­nahmen der türkischen Behörden gegen die Grenzzwischen­fälle. Viele albanesische Familien flüchten nach Montenegro, wo sie Unterstützung finden.

Amerika.

** Eine Untersuchung über die Handelsbeziehungen zwi­schen Südamerika und Europa hat Präsident Roosevelt an­geordnet. Anscheinend ist es das Auftreten der Vereinigten Staaten, auch 'm dreier Beziehung ^i^un zu ^mH-ieiL

Rficn,

* Die Unruhen in Japan haben nachgelassen, obwohl noch vereinzelte Exzesse gemeldet werden. Der Waffenstillstand vom 1. September ist amtlich proklamiert worden. In Kobe kam es zu Ruhestörungen; das Standbild des Marquis Ito wurde vom Sockel gerissen und durch die Straßen geschleift. Dem Wunsche des Volkes und dem Rate der Führer der po­litischen Parteien nachgebend, hat die Regierung beschlossen, den Wortlaut des Friedensvertrages zu veröffentlichen. Graf Katsura gab, wie verlautet, die Erklärung ab, Japan sei da­mit einverstanden, daß die La Perouse-Straße eine freie Straße sein solle, habe sich aber nicht verpflichtet, sie nicht zu befestigen. Man nimmt an, daß diese Erklärung zu­sammen mit der Versicherung, daß Japan völlig freie Hand in Korea genießen wird, dazu beitragen werde, die öffent- idie Trr'gunq m kämpfen.

Soziales Leben.

M= Strcikunruhen in Rorschach. Ueber die Stadt ist bot Belagerungszustand verhängt worden. Sie wurde durch Truppen besetzt. Fortgesetzte Gewalttätigkeiten gegen die zugereisten Arbeiter waren der Grund. Die Zahl der Auf­rührer beträgt über 1000. Die Fahrscheinabgabe der sämt­lichen schweizerischen Stationen nach Rorschach an Arbeiter ohne Ausweis wird gänzlich verweigert

beer und flotte.

Abermaliges Festfahren desSeeadlers". Der Kren.'cr Seeadler", der bereits vor kurzem im Hafen von Labu^n festgefahren war, ist abermals an den Kentfelsen test- gefommen, als er Singapur auf der Reise nach Ostafrika verließ. Es wurden sofort energische Arbeiten zur Los- machung des Schiffes begonnen.

bof und Gesellschaft

,\ Großherzog Friedrich von Baden, der älteste deutsche Bundesfürst, trat am 9. September in fein 80. Le-

^er Oberbürgermeister von Mainz, Dr. Gaßner, ist gestorben. .

* Dem Generalmajor Leutwein ist vom Km) er der Kronenorden 2. Klasse verliehen worden.