Nr. 110-
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Donnerstag, den 11. Mai 19u5.
Gieße wer
__________________14. Jahrgang
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für Lberhefsen Mld die Kreise Marburg unb Wetzlar; Lokalauzeiger für Gieße« und Umgebung.
Eiitbält aßt amtlichen Bekanntmachungen der Grotzh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Die cngliscb-franzöriscbe freundsebaft.
Seit dem englisch-französischen Marokko-Abkommen, das > England die unbestrittene Anerkennung seines egyplifchen Besitzes eintrug und dafür Frankreich das Zugeständnis machte, es dürfe ein Protektorat über Marokko — becm- fpruchen, seitdem gilt die englifch-französifche Freundsck)aft F für so innig, daß sie an Innigkeit durch kein Bündnis über- f boten werden kann. Das ist wenigstens die Meinung des Herrn DelcassS gewesen, der an der Spitze des Auswärtigen Ministeriums Frankreichs steht. Und nicht feine allein. Auch Herr Fitzgerald hat sie geteilt, der iiidjt mehr englischer Admiral ist und ohne jede Verantwortlichkeit sagen unb glauben darf, was er mag. Tie übrige Well aber, darunter die französische selbst, bat ein anderes Urteil gewönnest. Ihr hat - sich die Ueberzeugung aufgedrängt, daß England durchaus nicht gesonnen ist, den französischen Ansprüchen mehr als siine Duldung zu schenken, ftanii Frankreich durchsetzen, was 1 es verlangt und mit Englands Zustimmung verlangen darf, » so wird England zufrieden fein; doch es denkt nicht daran, / seine Macht für Frankreichs Wünsche einzusetzen.
Lon Paris aus ist durch Herrn Delcasss verbreitet worden. daß Deutschland von dem Marokko-Abkonunen beizeiten ! amtlich in Kenntnis gesetzt worden sei, und datz erst die russische Niederlage bei Mulden in Berlin den Gedanken wach, gerufen habe, es möchte möglich sein, das feines Bundesgenossen tatsächlich beraubte Frankreich in der Verfolgung seiner marokkanischen Pläne zu hindern. Man hat in London keinen Augenblick gezögert, diese Darstellung amtlich als * falsch zu bezeichnen. Die korrekte Stellungnahme, die hierin zum Ausdruck kommt, verdient Anerkennung und hat sie auch • gefunden, nicht zuletzt in Frankreich, wo Delcassä den Rest seines Ansehens verlor und zum Minister zweiter Klasse gemacht, innerhalb seines Ressorts unter Aufsickst gestellt wurde.
Vergeblich ist Admiral Fitzgerald dem französischen Mi- nistcr zu Hilfe gekommen, in dem er von der Möglichkeit und sogar Ratsamkeit eines englischen Angriffskrieges gegen Deutschland schrieb, wobei er stillschweigend voraussetzte, daß Frankreich die Last und die Folgen des Landkrieges auf sich : nehmen würde. Der gewesene Admiral wurde von der englischen Regierung und von der englischen Presse mit Tadel, mit Hohn und Spott überschüttet. „Verstandeslos" war noch die sanfteste Bezeichnung, die man für ihn hatte.
, Wiederum offenbarte sich hier der gesunde englisch Instinkt, jener Wirklichkeitssinn, der sich von keiner Plzonta- stik irreleiten läßt, wo cs sich um praktische Dinge handelte. In den unterrichteten englischen Kreisen wußte man, daß Adniiral Fitzgeralds unausgesprochene Voraussetzung nicht zutraf, daß in Frankreich kein Verantwortlicher und nicht einmal ein Unverantwortlicher gewissenlos genug ist, das gefährliche Abenteuer eines Krieges mit Deutschland zu wagen, bloß damit England durch die etwaige Vernichtung der deutschen Kriegs- und Handelsflotte ein verstärktes Uebcrgcwicht
Der Eselsmüller «nd die Falschmünzer.
Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.
Alle Rechte Vorbehalten.
I 2q) (Nachdruck verboten )
Wie kamen aber der Kreisrichter und der Gendarm unter das Mühlrad in den Mühlbach?
1 Wir wissen schon, daß auf ein Zeichen des Esels- Aiüllers vom stummen Mahlknappen die Falltür losgelegt wurde. Als die Haussuchung sich nun auch auf die eigentliche Mühle erstreckte und die beiden Beamten, /Gendarm Etgenbrod voran, bet dem Mahlkasten an- /gelangt waren, rief der Eselsmüller: „Vorsicht, Vetter i Gendarm". Der stand aber schon auf der verhängniS- ' vollen Klappe. Ein Schrei — ein dumpfer Fall und . Eigenbrod war verschwunden. Noch ehe aber der Kreis- wichler eigentlich wußte, was geschehen, war er auch schon mit einem Schrei verschwunden.
So, das Bad ist die erste Lektion vom Eselsmüller, (Ihr .... Beamten. Steckt Eure Nasen in andere Löcher, aber bleibt vom Eselsmüller. Erst schluckt «ordentlich Wasser, dann rettet Euch der barmherzige 'Eselsmüller, triumphierte der Eselsmüller.
Ec wandte sich eilends um und mit schnellen Schritten ging es bie Treppe hinauf, aus der Mühle hinaus und auf die Stelle zu, an der schon Kernein den Gendarmen aufgefischt hatte.
Die „unfreiwilligen Badegäste", wie der Kcei»- cichter, als er seinen Humor wiedergefunden hatte, sich und Eigenbrod nannte, wurden gut und reichlich gepflegt. Dann wurde man einig, in Gemeinschaft mit dem Eselsmüller nach Frankenburg auf den Jahrmarkt zu gehen. Der Eselsmüller stellte bereitwilligst seine Esel den .Herren „Vettern" zur Verfügung.
Kernein war unterdessen schon vorausgeritten. Bis 1 jegen Mittag stieg der Humor des Kreisrichters be- l,)enk1ich. Ec freute sich wie ein Kind auf den ^selsritt.
über — Frankreich gewinne. Ebenso ist man in England selbst weit von den Plänen entfernt, die Admiral Silage- rald angedeutet hat. Man kann eben an der Themse nickt den Wunsch haben, eine antienglisch« Flottenkoalition mit Gewalt heraufzubeschwören. Gewiß will man in England das Ucbergewicht zur See behalten. Das ist beinahe selbst, verständlich und kann ihm in keiner Weise verdacht werden. Dazu aber braucht es keinen Krieg, brauch! es nur fortzu- fahren, für die Ausgestaltung feiner Flotte zu sorgen.
Die englisch-französische Freundschaft ist, trotz des wiederholten Vergnügungs-Aufenthalts König Eduards in Paris ziemlich brüchig und keineswegs den freundlichen Beziehungen zwischen Deutschland und England, nicht einmal denen zwischen Deutschland und Frankreich gleichwertig. Das wird sich in nicht langer Frist zeigen, sobald erst der Fehler ausge- llidien fein wird, den Delcassä in Beschränktheit und K-urz- sicktigkeit begangen hat. Zwischen Frankreich und England ’cftebt eine schwer überbrücklicke Kluft durck den Krieg in Ostasien. Zwar sind beide Mächte neutral. Aber zugleich ist Frankreich der Verbündete Rußlands und England der Der- èündete Japans. Das englisch-japanische Abkommen macht England ein Eingreifen zur Pflicht, sobald irgend eine Macht jugiinften Rußlands eingreift. Das kann-durch bloße Neu- lralitätsverletzung geschehen, und nach japanischer Behauptung ist es bereits geschehen, indem Frankreich in der Kam- mnhbucht der russischen Flotte des Admirals Roschdjestwens- ly einen mit den Gesetzen der Neutralität nicht zu verein- hörenden Vorschub leistete. Das muß nicht zum Bruch führen, wird es wohl auch nicht; aber die Grundlage für nnen neuen und festen Freundschaftsbund oder gar für ein Schutz- und Trutzbündnis bildet es gewiß nicht.
Der Krieg in Ostasien.
Die Spannung zwischen Japan und Frankreich wahrt weiter an. Wenn auch Nachrichten von einem japanischen Ultimatum, die von London aus verbreitet werden, wohl als sensationelle Uebertreibung angesehen werden müssen, so läßt es sich doch nicht leugnen, daß die Lage recht ernst ist und zu schweren Verwickelungen führen kann.
Schon jetzt droht der politische Hader- auf die Handelsbeziehungen beider Länder äußerst ungünstig einzuwirken.
Japanische Repressalien.
Aus Tokio kommt das folgende Telegramm, das die tiefe Erregung im japanischen Lande über den französischen Neutralitätsbruch treffend wiederspiegelt:
Die Mitglieder der Handelskammer haben den Antrag gestellt, mit Rücksicht auf die Neutralitätsbrüche alle Handelsbeziehungen mit Frankreich aufhören zu lassen.
Wenn der Antrag durchgeht, wird ein gemeinsames Vor
Nie hatte er ihn probiert. Nun, es ging ja immer durch Wald, da sah ja kein Mensch den gestrengen Kcetsrichter als Eselsritter.
Ja, er mußte nach Frankenburg und dort mit dem Landrat reden. Möglich, daß er sich heute einen Wischer von „oben" verdient. Ec kannte die heiklen Sachen zwischen den „Ländchen" und „Standesherren". Die Eselsmühle unterstand dem Landratsamt. Er hatte tatsächlich nichts darin zu suchen. Nun, der ehrliche Eselsmüller — er halte ihn jetzt ja als ehrlichen Menschen erkannt — verklagte ihn nicht. Bei einer Flasche Wein wollte er dem Landrat schon etwas von seinem „Versehen" erzählen.
„Also, wir reiten bis zum Waldesende," wandte er sich an Eigenbrod.
Eigenbrod war garnicht so humoristisch zu Mute, wie seinem Vorgesetzten, doch er mußte einfach mitreiten.
Endlich brach man auf. Der Herr „Vetter" Kreis- richter setzte sich auf das alte Grautier und Eigenbrod erhielt einen etwas jüngeren Esel. Der Eselsmüllec selbst aber nahm den jüngsten.
Dem Kreisrichter gefiel das Reiten so gut, daß er cs wagte, den Esel in „Galopp" zu treiben. Die anderen ritten gemächlicher hinterdrein. Durch des Vorgesetzten Humor angesteckt begann auch Eigenbrod, Witze zu machen. Ec erzählte dem Eselsmüller köstliche Anekdoten aus seiner Dienstzeit. Er gewahrte dabei nicht, daß die Lippen des Ejelsmüllers ein schalkhaftes Lächeln umspielte.
Als die drei Reiter in die Nähe des Hülsgrundes, einer schauerlichen Talschlucht, kamen, ging auf einen Kniff in die Ohren dem Eselsmüller sein „Junger" in ein Galoppbocken. Ja, sein Liebling, wenn auch noch jung, wurde gut. Ec saß fest, ihn warf auch sein altes Grautier nicht ab. Als der Eselsmüllec wie geschüttelt am Herrn „Vetter" Kreisrichter vorbeisauste, sah ihm derselbe mit einem eigentümlichen Gefühle nach. Aber auch des Kceisrichters altes Grauchen hatte seinem
gegen Der Hanüewtammcrn Des Haube« cuigeleitet ......
Auch ber französische Gesandte Harmand in Tokio erschließt sich ber Einsicht nicht, daß die zweideutige Halt mg der französischen Behörden endlich ein Ende nehmen und eine kategorische Lösung der Neutralitätsfrage unbedingt erfolgen müsse. Offiziell verlautet aber immer noch nichts Zuverlässiges aus Paris über die Vorgänge in den indochincsi ß! eu Gewässern. Man behauptet, daß die Regierung nicht für sie verantwortlich zu machen fei, da die Kamranhbucht, wo Roschdjestwenskv sich tagelang verproviantieren konnte, al-- Konzession dem Marquis Barthälemy-Pontalis gehöre. Doch ist das natürlich eine bloße Ausrede. Die Verproviantier-. n,, gefettob unter den Augen des französischen Admirals Ju- auières, der die Pflicht gehabt hätte, den Konzessionär fc' ter Legierung an Neutralitätsverletzungcn zu hindern. Ob Konzessionsgebiet aber nicht, Kamranh und sein: Ducht stehen unter französischer Oberhoheit. Deshalb trifft auch die französische Regierung die volle Verantwortlichkeit für alles, was sich dort ereignete.
Wo ist Noschdjestwcnskh?
Man glaubt außerdem noch immer in Tokio, daß Ro.ch- djesnvensky sich weiterer französischer Unterstützung zu erfreuen hat. trotz aller gegenteiligen Versicherungen, Sie von der Pariser Presse geflissentlich verbreitet werden. Das „Petit Journal" läßt sich aus Saigon vom 9. Mai melden: Das Geschwader des Adniirals Älebogatow wurde bei Tagesanbruch etwa zwanzig Meilen von der Küste entfernt beim Kap St. Jacques gesichtet. Es schickte sich an den Fluß bis Saigon hinaufzufahren, wo es die für feine Vereinigung mit der Flotte des Admirals Rofchdjcstwcnsky erforderlichen Nachrichten vorzufinden und sich mit frischen Lebensmitteln versehen zu können hoffte. Es wurde jedoch auf offener See von einem Aufklärungsschiff der Flotte Noschdjest- wcnèkys eingeholt, tncldfc« ihm den von der französischen Regierung ausgesprochenen Wunsch übermittelte, daß die Vereinigung der beiden Geschwader außerhalb der indochinesischen Gewässer stattfinden möge. Nebogatolu segelte hierauf nach der offenen See, um sich mit dem Geschwader Roschdjestwenskys zu vereinigen, mcldfc« zweifellos an der Küste von Annam auf ihn wartet. Dafür svricht, daß das französische Geschwader an dieser Küste zusammengezogen wird. In Hongkong liegen z. Zt. 23 englische Kriegsschiffe.
Togos Flotte
vermutet man bei den Pescadoresinseln. Amtlich wird nämlich in Tokio bekannt gegeben, daß die Annäherung an diese Inselgruppe auf 10 Meilen im Umkreise gefährlich ist, da in den Gewässern Minen gelegt worden sind. Man schließt daraus, daß bie Häfen der Fischerinseln zugleich mit Formosa von Togo für seine Flottenbasis ausersehen und stark befestigt worden sind.
Die öffentliche Mieinung in Japan beschäftigt sich weiter lebhaft mit jungen Kollegen nachgeschaut. Einen Augenblick spitzte es die Ohcen, warf einen Blick auf das andere Tier, das ihm, dem alten, erfahrenen es nicht zuvortun durfte, und---Gerade, als der Eselsmuller mit seinem „jungen" an einer Waldecke verschwand, sah er in weitem Bogen den „Vetter" Kreisrichter von seinem Grauchen abfliegen.
„Hast mich verstanden, altes Tier," sprach er halblaut vor sich hin. Dann «in Ruck und sein bockender Esel stand wie ein Baum. „Einer flog, der andere fliegt auch. Jetzt ruhe ein wenig, mein Liebling." Liebkosend streichelte der Eselsmüller sein Tier.
Ein Schrei, der in dec Schlucht widerhallte, sagte ihm, daß der Gendarm Eigenbrod gleichfalls abgeflogen sei. Der Eselsmüller setzte sich wieder auf sein Tier und ritt ruhig weiter. Als er vor Frankenburg am Gosberge ankam, waren seine beiden anderen Esel schon bei ihm, natürlich ohne Reiter.
Hohnlachend koppelte er die Esel an fein Reittier. Ja, Herr Kreisrichter nebst Eigenbrod, Ihr habt Euch in dem dummen Eselsmüller verrechnet. Heute geht Ihr nicht nach Frankenburg.
Und so geschah es auch wirklich. Der Kreisrichter hatte bei seinem Sturz eine recht schmerzhafte Quetschung davongetragen unb Eigenbrod klagte über Schmerzen im Rücken, er war beim Bocken des Esels rücklings abgeflogen. Beide waren froh, als der Putzmüller-Wilhelm mit beladenem Wagen die Straße von Schw ... herunterkam. Sie riefen ihn an und nach Durchwatung der Ruhne setztcn sich beide mit ihren durchnäßten Kleidern auf die Fruchtsäcke. So wurden sie mit in die nahe Mühle genommen. Dort wurden die Beamten aufs neue ausgezogen und zu Bett gebracht. Die kundige Müllerin hatie bald Getränke bereitet, die den Abgeworfenen gut zu statten kamen und nicht lange darauf fielen Kreisrichter und Gendarm in einen tiefen, erquickenden Schlaf.
(Fortsetzung folgt.)