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Nr. 36

Erstes Blatt

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(chießerrer UageSkrtt)

Unabhängige Tageszeitung

Dr Oberheffeu und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalameiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtliche» Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden »an Oberhesse«.

Der Krieg in Oftaficn.

Da keine Nachrichten von irgendwelcher Bedeutung vom Kriegsschauplatz vorliegen, so sind die politischen Zeichm- deuter, um auf ihre Kosten zu kommen, an der Arbeit,

allerlei Friedensgerüchte

zu kolportieren und zu glossieren, die wahrscheinlich alle mehr ober weniger phantastischen Ursprung sind. Außer der be­reits neulich erfolgten sonderbaren Meldung von einer Petersburger Grotzfürstenversammlung, die den Frieden vorbereitet habe, muß jetzt noch

Minister Witte als Friedensfteuud

aus der Versenkung auftauchen. Er soll gesagt haben:Wir müssen Frieden um jeden Preis schließen." ^Als Bedingun­gen soll er angeführt haben: 1. Rußland räumt die Man­dschurei; 2. Rußland willigt ein, daß Japan die Man­dschurei von China für die Dauer von 99 Jahren pachtet; 3. Rußland willigt ein, daß Japan unter gleichen Bedin­gungen die Liaotung-Halbinsel pachtet; 4. Rußlcmd behält die Insel Sachalin, Wladiwostok sowie das Usurigebiet; 5. Rußland zahlt keine Kriegsentschädigung.

Diese dem Minister Witte in den Mund gefegten Vor­schlag sind sicher müßige Kombinationen. Man weiß in Petersburg recht gut, daß Japan darauf nicht eingehen würde. In Tokio verlangt man die vollständige Kontrolle über Korea; zweitens die Kontrolle über einen Teil der Mandschurei oder sogar über die ganze; drittens den Besitz von Port Arthur und Wladiwostok; viertens eine große Kriegsentschädigung. Um diesen Preis werden die Russen aber sicher erst Frieden schließen, wenn sie garnicht mehr an­ders können. Vorläufig hat man die Hoffnung auf Sieg in Petersburg auch noch garnicht verloren.

Die Schiffe des dritten Geschwaders , laufen täglich zum Manöverieren aus dem Hafen von QiBcru aus; sie verlassen den Ha-fen mit Unterstützung von Bugsier- bantpfern und Eisbrechern. Der EisbrecherJermak" ist dort eingetroffen. Das Geschwader soll Ende nächster Woche die Ausreise antreten. |

General Kuropatkins Gesundheit soll ernstlich gelitten haben. Er soll infolgedessen den Anforderungen, die die Leitung der Armee an ihn stellt, nicht mehr gewachsen sein.

pseue Unruhen in Russland.

Petersburg, 10. Februar.

Selbst die Diktatur des Generals Trepow ist nicht im­stande, Ruhe zu erzwingen, obwohl es an Rücksichtslosigkeit des Vorgehens nicht fehlt. Diese Rücksichtslosigkeit hat auch ein angesehener deutscher Reichsangehöriger, Friedrich Hoch aus Mecklenburg, zu kosten bekommen. Er wurde wegen angeblicher politischer Umtriebe verhaftet. Zu seinem Glück genügte die Intervention des deutschen Botschafters, um schon nach 24 Stunden die Freilassung zu erwirken und die fieststellungt daß eine Personenverwechselung vorlag-, die das russische Ministerium selbst als bedauerliches und grobes Versehen bezeichnete. Der Polizeibeamte, der das Versehen begangen, ist bestraft worden. Sind die Verhafteten rup tische Staatsangehörige, so kommt die Aufklärung lang­samer, manchmal sogar für russische Geduld zu langsam, ^n Moskau ist man infolge des Verschwindens zahlreicher angesehener Einwohner, die man im Gefängnis weiß, über- ! m3 eraegt. In den Putilow-Werken wird wieder ge- Ein Umzug der Arbeiter, der zur allgemeinen Ar- kltvernstellrmg führen sollte, wurde ohne Blutvergießen ge­sprengt. ^m Vergleich zu den Warschauer Vorkommnissen ; dort ist ein Gewehrladen geplündert worden kann man mit den hiesigen Verhältnissen noch leidlich zufrieden sein. Mehr noch, wenn man an Sosnowice denkt, wo es zu einem : Zusammenstoß zwischen Arbeitern und Truppen kam und mehrere Salven abgegeben wurden. Ueber die Zahl der lZefallenen erfährt man einstweilen gar nichts Es muss noch Mige Zeit vergehen, ehe die Unwahrheit gesagt wird.

 - Die Politik.

M * Im westfälischen Kohlenrevier haben die Bergarbeiter großen Mehrzahl nach die Arbeit wieder ausgenommen. Daß es Mißvergnügte gab, die das sieglose Ende des Streiks Q^eic^ ruhig hinnehmen wollten, ist selbstverstänSlich. Im Ältern und ganzen aber hat sich die ruhrnliche Bedachtsamkeit Belegschaften gut bewährt. Die Wiederkehr wirklich ruhiger Verhältnisse hängt wesentlich von der versprochenen Berggesetznovelle und davon ab, ob die Regierung dem Trotz Rancher Bergwerksbesitzch: mit Entschiedenheit entgegen treten Ö^irb. Vorläufig ist dieser Trotz ungebrochen und wendet mit gleicher Schroffheit gegen die Regierung ebenso wie Ipen die Bergarbeiter. Dein Geheimen Kommerzienrat "Erdorf sagt man sogar nach, daß er sich dem Minister des Innern gegenüber direkt ungezogen benommen, von der schlappen Haltung" und derRückgratlosigkeit" der Re- Gerung in der Streikangelegenheil gesprochen habe.

Samstag, Den 11. Februar 1905

L«ssrtio«-Pre1K» Die einspaMge Pettt-eUe für ganz Ober- i-rffw, die Kreis.- Wetzlar «ck Marburg 10 Pfg. sanft Ib Psg- Reklamen die PetitzeUe 30 resp. 48 Pfg.

^ebaftion u. HaaptexpMttoxr Gießen, Gelter-weg 83.

Ker«s»rech«tfchl»ß Nr. MS.

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Oefterretcb-Ungam»

* Graf Andrassy arbeitet noch immer an der Bildung des ungarischen Kabinetts. Die liberale Partei soll darin keinen Sitz haben, nur die vereinigte Opposition vertreten sein. Das gibt kein mögliches Ministerium-, es müßte denn seine Auf­gabe einzig darin sehen, die Geschäftsordnung wieder einzu­führen, bte im Abgeordnetenhaus eine Minorität in den Stand setzt, durch Obstruktion jede Geschäftsführung zu hin­dern. Danach müßte das Ministerium zurücktreten und das alte Spiel könnte von vorne beginnen.

OurkeL.

() Ob die Franzosen gute Kaufleute sind, mag dahin­gestellt sein; jedenfalls sind sie rücksichtslose Geschäftsleute, wo sie die Macht haben. Ihnen ist die Lieferung der Schnellladegeschütze für die Türkei entgangen deutsche Fabrikanten haben sie erhalten und nun drohen sie mit Verbot der Kotierung türkischer Werke an der Pariser Börse. Der Finanzminister des Sultans und der Vakufminister (d. i. der Minister der geistlichen Güter) haben alsbald dem französischen Botschafter Constans einen Beschwichtigungs­besuch gemacht. Der Erfolg ist die Wiederaufnahme der Verhandlungen wegen Unterbringung einer türkischen An­leihe in Frankreich. Selbstverständlich bedingen sich die Franzosen dabei Ersatz für den bei den anderweitig ver­gebenen Lieferungen entgangenen Gewinn.

Hmerika.

G Die Vereinigten Stanken von Amerika haben, wie er­innerlich, einen tüchtigen Streifen Landes längs des Pana­makanals von Kolumbien fich loâtmmen lassen und den da­raus neugebildeten Pauamastaat anerkannt. Dieser neue Staat ist jetzt von dem Präsidenten Roosevelt zu der Ueber­zeugung gebracht worden, baß er einen Teil der Schulden des kolumbischen Staats auf sich nehmen müsse, wie das auch die europäischen Staaten verlangt hätten. Ueber die Größe des von Panama zu übernehmenden Schuldanteils ist eine Verständigung noch nicht erzielt.

Rof und Gesellschaft.

A Der Kaiser verlebt den Abend des 9. Februar als des Tages, an dem er im Jahre 1877 in das 1. Garde­regiment z. F. eintrat, im Kreise der Offiziere dieses Elite- Regiments in Potsdam. Diesmal erschien der Kaiser in Begleitung des Prinzen Heinrich von Preußen und des Fürsten von Bulgarien. Nach der Tafel wurden von den Offizieren mehrere kleine Lustspiele zur Aufführung gebracht. Der Kaiser verblieb die Nacht in Potsdam und nahm am folgenden Morgen mit den auswärtigen Fürstlichkeiten an einem Vorexerzieren des Regiments Garde du Corps und darauf an dem Frühstück tm Offizier-Kasino des Regiments teil. Dem Prinz?m von Bourbon und dem Fürsten von Bulgarien ist der Schwarze Adler-Orden verliehen worden. Für die nächste Zeit ist ein aus einen Tag berechneter Besuch des Kaisers und der Kaiserin in Neustrelitz in Aussicht genommen

Eine Ulelt-Landwirtscbaftskammer

soll nach einem Wunsch des Königs von Italien in Rom eingerichtet werden. Sie soll ein internationales Institut zum Schutz der Interessen des Ackerbaues sein, in das die verschie­denen Staaten unb größeren interessierten Vereine Vertreter entsenden. Ueber die Einzelheiten liegt uns folgender Be­richt vor: '

Rom, 9. Februar.

Die Zivilliste des Königs von Italien ist, wie man weiß, von beträchtlicher Höhe, und doch verlangt sie große Spar­samkeit, denn sie ist mit ungewöhnlichen und außerordent­lichen Abgaben belastet. Was die sieben Königreiche, Groß­herzogtümer und Herzogtümer, die das jetzige Königreich Italien bilden, an Kronlasten hatten zur Erhaltung von Italien bilden, an Kronlasten hatten zur Erhaltung von auf die Krone Italiens übergegangen. Die Erbschaft war so schwer, daß unter König Viktor Emanuel II. die Zivilliste in arge Bedrängnis kam und einmal sogar eine große Anleihe bei Ismail Pasck)a, dem ersten Vizekönig von Egypten, nötig mackste. Der Staat trat mit einer stattlichen Aufbesserung der Zivilliste ein, unb allmählich sind durch gute Wirtschaft ge­ordnete Verhältnisse eingekehrt. Die teilweise freigewordenen Mittel nun will der König für gemeinnützige Kulturzwecke im engsten Sinne des Wortes verwenden. Den Plan der Verwendung hat ihm ein AnDenkaner, David ^ubin, einge­geben. Es handelt sich dabei um eine Zentralisation der Ackerban-Jnbustriie, die gekräftigt werden soll, um her Macht des Kapitals und der industriellen Arbeit gegenüber stand- halten zu können. Alle Staaten sollen eingeladen werden, Vertreter in die internationale Landwirtschaftskammer nach Rom zu schicken, Negierungsvertreter wie Vertreter der gro­ßen landwirtschaftlichen Verbände. Jeder Staat soll auch ersucht werden, nach dem Muster der internationalen Kam­mer eine nationale in seinem Gebiet einzitrichten, wobei Modifikationen nach dem örtlichen Bedürfnis vorbehalten

14, Jahrgang

»e**H»e*i<ttei»: abgeh-lt monatlich SOPfg., in's Hans gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mk. 1.50.

GGUttSSeUage«: Oberhesstsche FamMe«zett»«g (tägltch) u«d die Giebe«er GeifeUblafe« (wöchentlich).

Das Blatt erscheint an aLe« Werttagen nachmittag-»

richte«

(Hreßener Zeitung)

sind. Aufgabe der internationalen Kammer würde es sein, Untersuchungen anzustellen, die zur Belehrung und Rater­teilung, zu Vorschlägen an die einzelnen Staaten führen können, ohne diefe in irgend einer Hinsicht zu binden. Der Kammer würde es zukommen, internationale Abmachungen borgubereifen und vorzuschlagen, die für den Ackerbau von Nutzen find, beispielsweise zur Bekämpfung von Erkran­kungen der Früchte, Pflanzen und des Viehs, zur Entwicke- lrmg des landwirtschaftlichen Genossenschafts-, Versicherungs­und Kreditwesens, zur Leitung und Verteilung der Aus­wanderung, zur .Kundmachung der Marktverhältnisse unb zur geeigneten Preisfestsetzung.

Der Zweck der geplanten Einrichtung ist somit der denk­bar friedlichste, auch im wirtschaftlichen Sinn. Der Streit des Wettbewerbs soll stündlichem Zusammenwirken Platz machen; das gemeinsame Beste soll nicht durch kräftevergeu­dende Konkurrenz, sondern dadurch erzielt werden, daß jeder vorhandenen Kraft durch Anleitung und Belehrrmg die größtmögliche Wertschaffung zum Vorteil des Produ» zenten gesichert wird.

Zu den Vorzügen der von dem König mit wärmsten Eifer empfohlenen Einrichtung gehört, daß sie nicht notwendig international sein muß, daß ihr internationaler Charakter erst aus der Summierung nationaler Bestrebungen entsteht. Es gibt keine Bevorzugung und keine Zurücksetzung; jeder einzelne Staat hat für seine Landwirtschaft vollen Anteil an dem zu erwartender! Nutzen wie an den Schadensabwen­dungen. Es ist t^shalb zu ermatten, daß die italienischen Bevollmächtigten, die von dem Ministerpräsidenten Giolitti angewiesen worden sind, bei den Staaten, bei denen sie funktionieren, den Vorschlag des Königs in Anregung zu bringen, entgegenkonunende Zustimmung finden werden. Man braucht ben Segen be£ freien Wettbewerbs durchaus nicht gering anzuschlagen, um gleichwohl zu erkennen, daß der Schritt vom freien Wettbewerb zur organisierten Gemein­schaftsarbeit einen Fortschritt bedeutet. Vielleicht ist die Zeit dazu noch nicht reif. Doch selbst in diesem Fall würde das Mißlingen des Plans nicht gegen seine Güte sprechen. Ist er der Zeit Do rauf geeilt, so wird seine Zeit eben noch kommen,

Deutscher Reichstag.

CB Berlin, 10. Februar.

(138. Sitzung.)

Die heutige Fortsetzung der ersten Beratung der Han­delsverträge vollzog sich, wie ihr gestriger Beginn bei Zut besetztem Hause vor stark besuchten Tribünen. Die Dis­kussion hatte von Anfang an eein lebhaftes Gepräge, da zuerst Herr G a m p von der Reichspartei das Wort erhielt, der ein recht temperamentvoller Redner ist. Er erklärte, daß seine Freunde den Verträgen zustimmen, mit denen der Reichskanzler sein Wort eingelöst habe, der Landwirtschaft erbebten Schutz zu gewähren. Schwere Bedenken hingegen äußerte Herr Gamp gegen die Viehseuchenkorwention mit Oesterreich-Ungarn, die er ablehnen würde, wenn damit nicht zugleich der Handelsvertrag fiele. Nur um diesen nicht zu gefährden, werde die Reichspartei auch die Konvention annehmen, aber sie stellt dann die Forderung, daß dem Reich die Pflicht der Entschädigung für Verseuchung inländischen Viehs durch ausländisches auferlegt werde. Zum Schluß er­ging sich der Redner in einigen polemischen und allgemeinen Betrachtungen über die Bedeutung der Landwirtschaft und des Getreidebaues. Da er hierbei auf Widerspruch bei der Linken stieß und seiner Gewohnheit gemäß auf alle Zwischen- rufe sofort einging, so daß man die Herren im Sitzungs­saale bald Oho, bald Bravo rufen, bald laut lachen hörte, erregte dieser Teil seiner Ausführung bei den Unbeteiligten auf den Tribünen erhöhtes Interesse. Nach ihm kam der Abgeordnete Gothein von der freisinnigen Vereinigung an die Reihe, der den zuletzt vom Vorredner gezogenen Spuren folgte, und Bemerkungen allgemeiner Natur an die Spitze seiner Erörterung stellte. Herr Gothein, der bei der Rechten nicht gern gesehen ist, wurde von ihr mit Unruhe begrüßt, erzwang sich dann aber Ruhe, die allerdings wiederholt burch lärmenden Widerspruch unterbrochen wurde. Der Redner reizte nämlich die Rechte, indem er im Tone der Zolltarifs- Obstruktions-Debatten gegen die Getreidezölle zu Felde zog, die er geradezu alsmassenmörderisch" bezeichnete. Auch sonst zeigte Herr Gothein eine große Vorliebe für Schlagworte, sprach vonSchlnein-eglück" des Kanzlers, daß Rußland in derniederträchtigen" Zwangslage gewesen sei, den Vertrag schließen zu müssen, den Deutschland mit einer Anleihe be­zahle, und meinte, diese Handelsverträge nenne man befiel Mißhandelsverträge". Kein Wunder, daß der Aerger bat Rechten des öfteren recht drastisch zum Ausdruck kam, unb bis äußerste Linke schmunzelnd Beifall zollte. Die Wirkung wurde durch die Dauer der Rede abgeschwächt. Herr Gothein» sprach mehr als zwei ©tunben, und das wurde den Abgeord­neten zu viel, sie hörten nicht mehr zu, sondern widrneten sich ihren Privaten Unterboihingen. Der Gesamteindruck wcw jedenfalls der, daß dem Grafen Posabowsky stürmische Zu­stimmung zuteil wurde, als er meinte, bcm Vorredner <mj allen seinen Wegen zu folgen, sei unmöglich. Der Staats­sekretär des Innern verteidigte die Borträge und auch die