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Kk. 135.

Zweites Blatt

Samstag, den 10. Juni 1905

14. Jahrgang

AtserliouSpreis» Die einspalttge Petit-eile für ganz Ober- Heffm, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzetle 30 resp. 40 Pfg.

Kedaktion u. Hauptexpedition: Gießen, Eeltersweg 83.

Aerusprechauschluß Nr. 368.

Gießener

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(Gießener Tageötatt)

AbouuemeutspreiS: abgehslt monatlich 50 Pfg., in'S Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljähll. Mk. 1.50. Gratisbeilage« : Qberheffifche Familieuzeituug (täglich) und die Gießener Eeifeublafc« (wöchentlich).

Das Blatt erfd eint an alle« Werktagen nachmittags.

Unabhängige Tageszeitung

(Gießener Weitung)

für Oberheffm und die Kreise Marburg urld Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Grvfih. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

pfingftmorgen

aiglöcf di di läutet im Morgenwind, Da hören's die Vöglein im Traum, Und breiten ihre Flügel geschwind, Und jubeln von Baum ?u Baum.

Die Blumen duften, es schäumt der Bach, Und tausend Zweige flüstern es nach 3m jungen Frühlingshain: Das Fest der Freude )og ein!": Und über der Ströme Silberband, weit über Berg und Tal, Trägt es ins sonnbeglänste Land Der Glocken festlicher Schall;

Da lauschen die Herren dem Heil'gen Alang, Da stehen im brausenden Lhorgesang Die Lieder jum Himmelszelt, Zu preisen den Schöpfer der Welt.

ihres Gottes führende Hand gespürt. Geliebte Binder haben ihr Haus belebt und sind eins nach dem anderen von dannen gezogen, die Eltern einsam lassend. Aber auf dem freundlich milden Antlitz der alten Frau, wie in den edlen Zügen des silberhaarigen Mannes liegt immer noch etwas von dem Sonnenglanz jener ersten Tage, nicht funkelnd und strahlend wie damals, aber still und friedvoll wie der holde Abendschein. r

Sanft beugt sich die schlichte Frauengestalt zu dem Sessel ihres Mannes hinüber und mit einen: Strauß blühender Rosen, die ihr ihr jüngstes Enkelkind gebracht, berührt sie seine Hand.Heute war es, weißt du noch?" sagt sie mit ein­facher Innigkeit. , ,

Und wie er sich zu ihr wendet, wie ihre Blicke und Hande so voll herzlich vertrauender Liebe ineinander ruhen, da füh­len sie, daß es auch heute noch in ihren Herzen klingt und singt:

Noch sind die Tage der Rosen I"

fahren in den Adern steckt. Pfingstrennen find noch an hin­derten von Orten eine unentbehrliche, Nummer des Ber- gnügungsprogramms. In Oberbayern findet vereinzelt auch noch der Zug des sog.Wasservogels" statt, ein be.ntte- ner Maskenzug, dessen Mittelpunkt ein auf einem besonders starken Pferde sitzender Reiter ist, dem man, ein moderner, deutsches Seitenstück 311m griechischen Kentauren, durch Reisig und weiße Draperien die Gestalt eines Schwanes gegeben hat. Man reitet aber auch nicht nur im wilden Jagen auf den vom Alpenbauern wegen ihres lebhafteren Temperamentes bevorziigten Hengsten über die Dorfaue, um den am Ziele winkenden goldenen Dukaten samt der Blumen­krone zu erringen; denn der Pfingstritt hat vielfach auch einen religiösen Inhalt angenommen, indem die ländliche Kaval­kade sich in feierlichem Zuge um die Grenzen des Gemernde- territoriums bewegt, wobei man durch das Absingen an­dachtsvoller, frommer Lieder den Segen des Himmels auf die Fluren herabwünscht, auf denen das Korn in grünen Wogen wallt, der Sense der Schnitter entgegenreifend.

Unter der JVIaienlaube.

Skizze von Erna Baldwin.

(Nachdruck verboten.)

In der duftenden Laube von Maienzweigen, in die die Veranda der kleinen Villa dort draußen vor dem Tore heul verwandelt ist, sitzt ein greises Paar am wohlgedeckten 6affeetisch. Es ist erst 8 Uhr morgens, aber schon prangen zwischen den Prunkstücken aus Großmütterchens Porzellan- schrank, die heut zu Ehren des Pfingstfestes hervorgeholi worden sind, farbenfrohe Blumensträuße, die Kinder und Enkel, wie alljährlich, dem allen Paar in aller Frühe als Zeichen der Liebe gebracht. Auf ein Stündchen hat es im ganzen Haus von Hellem Lachen und frohem Kinderjubel geschallt jetzt ist es wieder still geworden um die beiden Alten. Die lieben Besucher sind hinausgezogen in die früh­lingsschöne Gotteswelt, Pfingsten zu feiern am Herzen der grünenden, blühenden Natur. Heut Abend erst werden sie zuräckkehren und den beiden, die dort einsam zurückgeblieben sind, erzählen von all den süßen Wundern, die sie geschaut

mib erlebt.

Großvater und Großmutter aber unter der Maienlaube träumen von alten schönen Tagen, da auch sie durch die Som- luerpracht dahin wandelten. Damals war's, als blühe und dufte die ganze sonnige Welt für sie allein, als sei sie nur ein Abglanz dessen, was in ihrem Innern sich regte, wo auch alles Schönste und Tiefste auferblüht war unter dem Helden Sonnenschein der gegenseitigen Zuneigung. Die Vöglein auf schaukelnden Zweigen schienen alle, alle nur ein einzig Lied zu kennen, das sie jauchzend zum Himmels­blau eniporjubelten:

(Ihr Glücklichen, singt, weil das Leben noch mait, Noch ist die goldne, die blühende Zeit, Noch sind die Tage der Rosen!"

Jahr auf Jahr ist vergangen, ein jedes hat Rosen ge­bracht, Rosen und Dornen, Freuden und Schmerzen. Viele Pflichten, Sorgen, Mühsale und Entbehrungen sind des jungen Ehepaares Teil gewesen, in allem aber haben sie

pfingstbräuebe.

Das liebliche Pfingstfest ist dasjenige unserer Feste, das am wenigsten des Schmuckes von Menschenhand bedarf, da dies die Natur selbst mit verschwenderischer Pracht über­nimmt. Prangt doch die Erde ringsum in ihrem hochzeit­lichen Festgewande, dessen zarte grüne Falten durchstickt sind von tausend und abertausend der duftigsten Blüten, und der Vögel Jubelchor mischt sich mit dem rauschenden Ge­murmel der Quellen. Auch die Pfingstbräuche alter Zeit bedienten sich nur des schlichten Grüns zum trauten Sym- bol. Noch heute sehen wir in Thüringen die Brunnen zur Pfingstfeier im festlichen Schmucke prangen. Schon Wochen vorher ziehen Kinder in den ländlichen Gemeinden von Haus zu Haus, um kleine Beiträge für jenen Pfingstbrauch zu sammeln. Kränze werden gebunden, Girlanden aus Tannengrün geflochten, Gewinde aus buntem Papier und künstlichen Blumen hergestellt, Fahnen und Bandschleifen angefertigt. Am Abend vor Pfingsten werden vier schlanke Lärchenbäume aus dem Walde geholt, deren unterer Stamm von den Blättern entkleidet wird; diese Bäume werden im Viereck um den Brunnen eingerammt, und nun werden all die Kränze, Ketten und Gewinde von Baum zu Baum ge- zogen. So erhält jedweder Brunnen sein Festkleid. We­nige wissen, daß diese liebliche Sitte einem uralten Brauch aus heidnischer Vorzeit entstammt. Die alten Germanen pflegten zur Frühlingszeit den mit verjüngter Kraft mäch­tig anschwellenden Quellen Opfer darzubringen.

Auch die Maienfeste gemahnen an die altheidnische Früh­lingsfeier. DerMaienbaum" hat nur seine Krone be­halten, sein Stamm ist spiegelblank abgeschält, damit die Kleltttei <4 nicht gar ^ leicht haben, wenn sie sich die ver­lockenden Preise in Gestalt von Messern, Tüchern, Tabaks­pfeifen, Mützen, Geldbeuteln usw. aus seiner Krone her­abholen wollen. Dielustige Person" darf bei diesem Pfingst-Maienfeste nicht fehlen, ein komisch gekleideter Jüngling reitet auf einer Kuh rückwärts, den Schwanz als Zügel führend. Eine höchst eigenartige Erscheinung find die sogenanntenLaubmänner"; halbwüchsige Burschen sind vom Kopf bis zu den Füßen in frisches Birkenlaub gehüllt, plötzlich kommen sie aus einem Gebüsch hervor, eine Gerte schwingend, undLaubmann",Laubmann" tönt es jubelnd von allen Seiten. Durch Markt und Gassen, Wiesen und Felder geht die oft tolle Jagd nach demLaubmann". Und wenn ihn ein Mägdlein erhascht, so wird aus beiden für die Feiertage ein vergnügtes Paar und im Ansastuß daran oft aus dem wildenLaubmann" ein zahmer, ge­fügiger Ehemann seiner Partnerin vom Pfingstfest.

In einzelnen Gegenden zeigt es sich auch, daß dem deut­schen Volke noch gar viel von dem Reiterblute seiner Vor-

pfingstfreuden.

Festplauderei von Heinz Anjck. ' (Nachdruck verboten.^

Die zehn Tage nach Himmelfahrt sind vollendet, auf dem Markt prangen die Pfingstmaien und die besorgte Familien­mutter überschlägt die Stullenanzahl, die zum Festausflug einzupacken ist. Herr Johann Wolfgang von Goethe kommt zu Ehren, denn alle Welt zitiert mit Wohlbehagen die Worte aus dem ersten Gesang des Reinecke Fuchs:P f i n g st e n , das liebliche Fest, war gekommen." Es ist wirklich da und zur rechten Zeit, das liebliche Fest, und mehr wie in anderen Jahren übten ein fröhliches Lied die neu ermunterten Vögel; jede Wiese sproßte von Blumen in duf­tenden Gründen, festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde." Wie lange wird es noch dauern, dann verstummen die leicht beschwingten Kammermusici des Früh­lings. Familiensorgen treten an die Stelle der schwärme* rischen Poesie; auch der ausgiebigste lyrische Dichter pro- duziert nicht mehr in so ausgedehntem Maßstabe, wenn erst die Königin seiner Muse am Kochtopf steht und Brei für die kreischende Nachkommenschaft quirlt. Aber noch vereinigen sich alle Stimmen und (Stimmten zu dem unendlichen Ka­non:Pfingsten, das liebliche Fest ist gekommen." Herr Goethe hat genau zugehört und die Sache niedergeschrieben.

An bunter Toilette mangelt es der farbigen Erde wirklich nicht. Die würzige Nelke haucht ihren Wohlgeruch, der Goldregen läßt seine gleißenden Trauben hernieoertropfen, tief am bescheidenen Grund legen die blau- und rotsammete- nen Stiefmütterchen ihren Teppich, der Schwarzdorn zeigt keusche Röschen und schon stehen die Rosen in prunkender Fülle. Wie sollen sich da die Menschen nicht auch mit den Farben der jungen Jahreszeit schmücken., Das Gros der Schmetterlinge schläft noch in der unscheinbaren Raupen- Hülle. Und doch fehlt es nicht an dem Seidenglanz, an den lichtfreudigen Farbentönen und der duftigen Grazie der Sommervögel. Tie schönere und schwächere Hälfte deS Menschengeschlechts ist in der Jetztzeit ganz exfüllt von der hohen ihr Angewiesenen Aufgabe, ein Schmuck zu sein und eine Zier. Weiß und zart getönt sind die, Gewänder, auf den schwarzen und blonden Köpfchen nicken die Frühlings- gedichte der Putzmacherin, und im Herzen regt sich, soweit es noch nicht den allerseits beliebten Halt- und Stützpunkt für sein Verlangen nach Zärtlichkeit und Liebe gefunden bot, ein Ahnen und Drängen, ein Regen und ein Rufen. Wev mit Bedacht zur Dämmerzeit durch die grünen Gassen den Parkanlagen wandelt, der wird erkennen, wie viel knospen-- des Glück der Frühling zeitigt und wie viel süße Geheimnisse

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