Nr 109
Mittwoch, Den 10. Mai 1905.
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(chi-he«-r GageSLatt)
Nnavyängig« Tageszeitung
(chi-ß-nev Keitimg)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalameiger für Gieße» und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Ore ßcrgwtrkdkommission auf Reisen.
(Nachdr. Verb.) Dortmund, 9. Mai.
Die Bergwerkskommission des preußischen Abgeordnetcnr- Hauses hat, wie man weiß, zlvei GesetzeSnovellen zu beraten Die eine betrifft das Stillegen der Zechen, das verhütet oder wenigstens beschränkt werden soll, die andere Novelle handelt von einer Erweiterung des Bergarbeiterschutzes. Sue Kommission hat die wichtige Arbeit zuerst vorgenommelt, und man muß ihr das Zeugnis ausstellen, daß sie mit großer Gründlichkeit verfährt. Sie hat sich nicht genügen lassen, eingehende theoretische Erörterungen anzustellen, sondern an diese Erörterungen und gewissermaßen zrir Erprobung der aufgestellten Theorien eine Reise in unsere Bergwerks- gegenb unternommen, um hier durch den Augenschein von den einschlägigen Verhältnissen Kenntnis zu gewinnen.
Da die Kommission möglichst viel sehen will, die Zeit aber nicht auslangt, alle Mitglieder in alle Bergwerke zu führen, haben sich die Herren in secl)s Gruppen gesondert, von denen jede eine bestimmte Anzahl von Bergwerken besuchen will, darunter zunächst die Zechen Hansa, Sck>arnhorst, Acheil- bach, Kaiserstuhl, Schamrock und Monopol. Oberbergrat Meißen hat namentlich den älteren Herren den Rat erteilt, sich von der Besichtigung von Gruben mit hohen Tempo,i.^° Nu'en fernzuhalten. Die jüngeren Mitglieder aber werden es Wh nicht nehmen lassen, auch diesen minder angenehmen Teil der Besichtigung durchzumacl)en. Wenn sie es über sich gewinnen wollten, einmal eine volle Tages- und dann eint volle Nachtschicht in heißer Grube auszuhalten, so würden sie für ihr Urteil über die zulässige Marimalzeit einer Schicht bei hoher Temperatur eine zwar subjektive, aber doch ziemlich feste Unterlage gewinnen- Dem Einwand, daß das Urteil unsicher bleiben würde, weil die Herren sich Ungewohntes zumuten, könnte man dadurch begegnen, daß man an die Herren Abgeordneten nicht das Ansinnen stellt, auch eigentliä)e Bergarheit zu leisten, 6 bis 8 Stunden lang Kohle zu hauen und in Wagen zu Tage zu fördern. Dieser Nachlaß würde einen ausreichenden Ausgleich bilden. Unter allen Umständen ist es erfreulich, daß die Kommission"- Mitglieder dem Gegenstand so große und eifervolle Aufmerksamkeit schenken. Um so sicherer darf man darauf rechnen, daß das Ergebnis ihrer Beratungen allgemein und ganz besonders die Nächstbeteiligten befriedige« wird. Gestern waren die Herren mit einem weniger anstrengenden Teil ih^er Aufgabe beschäftigt, damit nämlich, sich von der Stadt Dortmund begrüßen und feiern zu lassen. Oberbürgermeister Schmieding betonte, wie natürlich, in seiner An- sprack)e die Bedeutung des Bergbaus für die Stadt Dortmund, und ebenso natürlich war es, daß Herr Neichsgerichtr- rat Spahn nennens der Kommission Worte lebhafter Anec- kennung für die Leistungen der Bergwerksindustrie fand und auf die gastfreie Stadt Dortmund ein Hoch ausbrachte.
Hier hofft man zuversichtlich, daß das Abgeordnetenhaus die Regierung nicht im Stiche lassen und ihre, den Berg- arbeitern gegebene Zusage erfüllen wird. Man hält dies im Interesse der Autorität der Staatsregierung für dringend notwendig, aber auch deswegen für wünschenswert, weil im anderen Salle die Regierung karmr umhin könnte, die Angelegenheit vor den Nenl'-stag zu bringen, wo ihrer eine weniger objektive Behandlung warten würde
Lez Krieg in Ostasien.
Noch immer ist es nicht aufgeklärt, ob sich Noschdjest- Wensky auch jetzt noch in französischen Territorialgewässern bei Indochina befindet. Die französische Regierung beschränkt sich darauf, auf die japanischen Vorstellungen immer wieder zu versichern, daß Roschdjestwensky aufgeforbert worden sei, schleimigst Ne französische Machtsphäre zu räumen.
Weitere japanische Beschwerden.
Alle französischen halben Entschuldigungen vermögen nicht, den japanischen Verdacht, daß Roschdjestwensky in Indochina begünstigt worden ist und weiter,gefördert wird, zu beseitigen. Auch von Schanghai aus sollen für die baltische Flotte Kohlen gebracht werden. Der dortige japanische Konsul erhob Widerspruch gegen die Einnahme von Kohlen seitens gewisser Schiffe, da der Verdacht vorliege, daß Die Kohlen für die baltische Flotte bestimmt seien. Ter Hafenkommissar weigerte sich daraufhin, fünf von jenen Schissen die Ausfahrt zu gestatten.
Die Vereinigung der russischen E Schwader
soll unmittelbar bevorstehen. Das Gescho'-ader des Admirals Nebogatow soll sich in der Nähe der Pulo Condor-Jn- seln, 100 engl. Meilen südlich von Saigon, befinden. Es wartet dort auf zwei Dampfer mit Vorräten aus Saigon. Nach deren Eintreffen wird Nebogatow sein Geschwader mit Dem Roschdjestwenskys vereinigen.
Ein japanisches Panzerschiff gesunken?
Nach Londoner Meldungen soll das japanische Panzerschiff erster Größe „Mikasa" in der Straße von Korea gesunken sein, sei es, daß es auf eine schwimmende Mine, sei es, daß es ini Nebel auf einen Felsen auflief. Die ganze Mannschaft von 700 Mann soll mit dem Schiff gesunken
sein. Es ist möglich, daß die Wmbridjt nib! weiter ist, als die sensationelle Aufbauschung eines Gerüchts, wonach die ..Mikasa" vor längerer Zeit schon beschädigt worden sein soll.
Russisch-japanischer Gefangenenaustausch.
Im Dezember des vergangenen Jahres bot Japan bürd) Vermittelung des Gesandten der Vereinigten staaten in Petersburg der russischen Regierung den Austausch von Gefangenen an. Vor einigen Tagen nun hat der französische Gesandte in Tokio im bunten der russischen Regierung dieses Anerbieten angenommen.
D Kinder von Stieren getötet. Eine Schar Don zwanzig Mädcl)en spielten in dem spanischen Städtchen M'wmau- rique. Sie zogen in feierlichem Zuge durch einen Hohlweg, als ibne" acht Stiere entgegenkamen. Die Tiere stürmten plötzlich auf die Kinderschar los, von der neun getötet und sechs schwer verwundet wurden.
A Feuersbrunst in Rußland. In der Stadt Ehenzing im Gouvernement Kielin brach ein Feuer aus, das über 200 Wohnhäuser mit allen dazu gehörigen Nebengebäuden ein- äscherte. Bei dem Brande sind auch mehrere Menschen ums Leben gekommen.
Die Politik.
A Den. Abschluß eines Frenndschafts- und Handelsvertrages zwischen Deutschland und Amerika befürwortet bei amerikanische Generalkonsul Mason in Berlin in seinem Bericht an das amerikanisch« Staatsdepartement.
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© In Rom ist der deutsch-italienische Handelsvertrag von deutschen Botschafter Grafen Monts und dem italienisch Minister des Auswärtigen Tittoni ratifiziert worden.
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4= Nach aus Süddeutschlaud kommenden Stimmen soll es mit der Eisenbahn - Betriebsmittelgemeinschaft in diesen Jahre nichts mehr werden. Die Hemmnisse sollen in bei Meinung der Mehrheit des bayerischen Landtags liegen, fid aber lediglich auf politische Gesichtspunkte beschränken.
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4= Das Ansiedlungsgebiet in der Provinz Posen und West- preußen für Deutsche wird gegenwärtig von den Miuisterr Freiherrn von Rheinbaben und von Podbielski, Unterstaatssekretär von Conrad, sowie von den Mitgliedern der Budgetkommission des Reichstages besichtigt. An der Inspektionsreise nehmen auch die Oberpräsidenten von Waldow uni Delbrück und Angehörige der Ansiedlungskommission teil.
t^- Dom südwesiafrikanischcn Kriegsschc nplah wissen èpg. lische Blätter an3 Kapstadt Schaaermären über eine Nieder- läge der deutschen Truppen ^u verbreiten. Die Deutschen hätten Vorrat? und Muniüon verloren. An amtlidicr Stelle ist in Deutschland natürlich nichts von solchen Vorkoinm» Nissen bekannt. Es wnd sich wieder um englische Erfindungen handeln wie schon in früheren Säßen*
Russland«
< Der in Moskau Tiber die inneren Reformen beratende Semstwokongreß sprach sich mit 127 gegen 8 Stimmen für das allgemeine Stimmrecht, mit 87 gegen 49 Stimmen für direkte Wahlen und mit 107 gegen 29 Stimmen für die Bildung zweier Kammern aus. Dagegen verwarf er mit allen gegen 13 Stimmen den Vorschlag, daß die Volksver- tretui. j nur beratenden Chalvckter haben soll. Der Minister des Innern plant für die Volksvertretung die Errichtung eines Landständörats als Unterhaus. Die Wahlen für diesen Landständerat sollen auf ständischer Grundlage borge- uommen Iver den. Den Abgeordneten, deren Zahl gegen 550 betragen soll, wird Immunität zugesicljert- Außer den Llb- geordneten, deren Mandat drei Jahre dauern soll, si^eu im Landständerat auch die von der Regierung ernannten DUnister. Die Unruhen hören übrigens nicht auf. Als Militär, in Jscheyueti (Kreis Schorapau) zwei Persojwir wegen Mordversuchs verhaftete, wurde es von der bewa' - neten Bevölkerung angegriffen. Die Truppen töteten und vonmindeten etwa 20 der Angreifer. Ueber die Warsck)aij-- Wiener Bahn wurde der Velagerlmgszustand verhängt. Eine Militärbefreiungsaffäre nwcht in Moskau von sich reden. DaZ gesamte Vezirkskonunando, einschließlich der Obersten von Staden und Ostruchow, mehrerer Hauptleute und Leutnants, ist verhaftet wordeiu Durch die Verniitte- lung des Koinmandos soll eine Reihe veylhabender Vur- gerssöhne vom Militärdienst befreit worden sein. — Am 7. Mai ist eine furchtbare Judenverfolgung in Shitmuir e 3« gebrochen. Bewaffnete Leute übersielen'die Juden r:nd richteten ein furchtbares Blutbad cn. Man zählt viele Totc und Verwundete. Das in der Nähe befindlillje D/llitär greift ni^ ein, trotzdem die Verfolgung noch andauert. In Lod- Winde ein in der Kirche entdeckter Geheimpolizist von der wütenden Menae erdolcht.-
CiirheL
<£ Ein neues Flnonzprojekt für Mazedonien hat bot öfterreichisck)e Votscl>after von Calice im Namen aller frenü ;n Botschafter der Pforte zur Begutachtung überreicht.
c? Die revolutionäre Bewegung auf Krata zeitig imu t neue unliebsame Vorkommnisse- In dem Dorfe lidow (Bez irrk Netimo) hat Ler Chef desj Nevolutionskomitegs Birakis die Gendarmen eingcfdßoffen und entwaffnet. Er stellte ihnen-srei, sich entweder den Allfständischen anzu- schließen oder unbehelligt in die Stadt zurückzukehren. Eine Anzahl von Gendarmen entschloß sich zu den Aufständischen überzugehen»
Dos und Gesellschaft.
*** Der Kaiser nahm gestern in Straßburg die Parade über die dortige Garnison ab. Nachdem er des Morgens früh eine Automobilfahrt gemacht hatte, begab er sich um 11 Uhr mit Gefolge zu Fich nach der Kaiser Wilheliustraße, wo er vor dem Hauptportal des Postgebäudes Aufhellung nahm. Hier hatten sich bereits der Kaiserliche Statthalter, der Staatssekretär v. Köller und die Generalität eingefunden. Der Kaiser begrüßte den Statthalter und den Staatssekretär und nahm den Frontrapport vom Kommandierenden General Ritter Hentsck)el von Gilgenheinrb entgegen. Der Vorbeimarsch wurde kommandiert vom Generalleutnant Frhrn. von Hoiningen, gen. Huene. Tie Fußtruppen gingen in Kompagniekolonnen vorüber, die berittenen Truppen ebenfalls zu Fuß. Nach dein Vorbeimarsch hielt der Kaiser Kritik und nahm eine Reihe militärischer Leibungen ent- 3 egen. Er begab sich alsdann unter begeisterten Zurufen der augesammelten Menschenmenge zu Fuß nach dem Kaiserpalast. Hierher wurden von einer Kompagnie deS 143. Infanterie-Regiments die Fahnen und Standorten überbracht. Um 1 Uhr nahm der Kaiser mit Gefolge an einem Frühstück beim Konimandierenden General Ritter Hentschel von Gilgenheimb teil.
Hutomobil-Rowdies.
Es vergeht keine Woche, daß man nicht da» einem nutomobilunfall hört, d. i. von einem Unfall, den das Auto. jiob ii herbeigeführt hat. Der regelmäßige Vorgang ist ber,
ein Kraftwagen in überschneller Fahrt Menschen zu schaden, wenn nicht gar zum Tode gebracht hat, und daß bei ^agrer, es sei der Besitzer oder der Chauffeur, sich burct tf/W der Verantwortung zu entziehen sucht, ohne sich um me Geschädigten zu kümmern oder ihnen Hilfe zu leisten Die Herzlosigkeit, die sich in einem solchen Verhalten offenbart, ist es in erster Reihe gewesen, die die öffentliche Wi.
Zorn .und Entrüstung über die rücksichtsloser schnellfahrer erfüllt und die Forderung veranlaßt hat, es foUten strengste Maßregeln gegen diese neueste Forni bei Sicherheitsstörung ergriffen werden.
In manchen deutschen Großstädten, speziell in Berlin, waren es vor Jahren die Bierfahrer, die sich durch übor- schnelles Fahren bösen Namen gemacht, Emvöriing burd die von ihnen angenommene Gewohnheit erregt hatten, das sie nach angerichtetem Unheil nur auf ihre eigene Rettung bedacht waren und davonjagten. Das überschnelle Fahrer war bei ihnen zu einem förmlichen Sport geworden. Das ist allmählich besser geworden. Me Gerichte sprack^en strengt und immer strengere Strafen aus, und heilsamer Schrecker faßte die Uebermütigen, die nun sahen, daß sie sich selbß ebenso wie bisher andere gefährdeten. Sie wurden rücksichtsvoll. .
Es wird sich vielleicht als notwendig erweisen, daß dir Gerichte den Lenkern von KraftNxigen gegenüber in derselben Weise größere Strenge an den Tag legen sobatt diese durch übergroße Fahrgeschwindigkeit die Sicherheit au! den Straßen,auch nur gefährden- daß die Gerichte gründ- ,abhd) auf nicht zu kurze Gefängnisstrafe erkennen, wenn durch übertriebeiie Schnelligkeit Sckjaden angerichtet toirb: und daß sie mit schwerer Gefängnisstrafe den Kraftfahrer treffen, der nach angerichtetem Schaden flieht, ohne fid nach besten Kräften zu bemühen, den angerichteten Schader wieder gutzumachen.
xsm Herzogtum Altenburg ist dieser Tage eine Vererb- nung erlassen worden, die das überschnelle Fahren bet Kraftwagen aller Orten verbietet, wo Menschenansammlungen sind und ein stärkerer Verkehr herrscht. Die normal; Geschwindigkeit eines Pferdes soll innerhalb von Städter, lind Ortfdxiften unter keinen Umständen überboten werden, auch da nicht, wo der überholenbe Kraftwagen Zugtiere scheu machen könnte-
Man darf wohl darauf rechnen, daß das Altenburger Beispiel anverwärts Nachahmung finden wird. Jedenfalls ist es nachahmenswert. Fraglich ist nur, ob derartige Ner- fügungen ausreichen werden, die Mißstände zu unterdrücken, die sich herausgebiloet haben und die ganz gewiß von den Automobilisten selbst, soweit sie nicht vom Schnelligkeits- mabnfinn befallen sind, nicht am wenigsten beklagt werden. Es könnte wohl sein, daß sich die Notwendigkeit herausstellt, durch besondere gesetzgeberische Bestimmungen das Derant- lnortlichkeitsbewußtwin der Kraftnxigenbesitzer und ihrer Chauffeure zu schärfen. In erster Reihe wird es sich vielleicht empfehlen, bnrdi Gesetz anzuordnen, daß der Kraft- Wagenführer unter Mithaftung des Wagenbesitzers für den Don dem Kraftwagen angerichteten Sckjaden gutzustehen hat, wobei die Beweislast nicht dem Geschädigten zufällt, sondern