Nr. 85
Montag, den 10. April 19ü5
14. Jahrgang
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Wvt«M»»Opr^O t Die ettckväge Petit-eile für ganz über* Mm, die Kreise Wetzlar oft Marburg 10 Ps«. sonst 15 Pfg. Reklame« He Petit-eile 30 resp. 40 Pfg.
Redaktion u. HauptexpMti-»: Gießen, Geltersweg 88. Ker«s»recha«schl»ß Nr. Ml,
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Das Blatt erscheint an allen Werttagen nachmittags.
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Neueste Dachrichlen
(Gießener HageLtatt)
NnaSHLvgige Tageszeitung
(Gießener Zeitung)
für OSerheffm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtttchen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheße«. > I— riiiiwil II IIMT— lurTT MI H'HFTWlTHf —1 i^— »»WMT7mMe..J.mK>aiMJ! J“!
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Bekanntmachung.
Wegen Vornahme von Wasserleitungsarbeiten wird die Kreisstraßenortsdurchfahrt Trohe vom 11. d. Mts. ab auf 4 Tage für den Fuhrwerksverkehr gesperrt.
Gießen, den 8. April 1905.
Grotzherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Haberkorn
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Ddcassés Verlegenheiten.
Der französische Minister des Auswärtigen hat sich nach J langem Zögern entschlossen, der Deputiertenkammer über die Marokkofrage Ausschluß zu geben. Er hatte dabei die ziemlich peinliche Aufgabe, vor seinem vielköpfigen Souverän und vor der Öffentlichkeit Europas ein Schuldbekenntnis ä abzulegen, das sich natürlich in eine Unschuldsversicherung kleidete. Er mußte eine Art ehrenvolle Buße leisten, ohne sich doch den Anschein zu geben, als hätte er es irgendwo ■ an der schuldigen Rücksicht fehlen lassen. Er mußte einen Rückzug antreten und dabei betonen, daß er keinen Anlaß ' hibe, einen Schritt aus seiner Position zu weichen. Solcher diplomatische Eiertanz ist für niemand erquicklich, nicht für r den Ausübenden und nicht für die Zuschauer; beide Teile . können den Eindruck des Gequälten und Unaufrichtigen nicht L verwinden. Herr Delcass^ hatte eine verlorene Sache zu verteidigen — seine eigene — und konnte nicht mehr erreichen, als er erreicht hat: daß man seine Exekution verschob. Doch verurteilt bleibt er, auch wenn ihm Frist gelassen worden ist, das Harakiri selbst an sich zu vollziehen. Vielleicht h wäre seine Verteidigungsrede etwas schneidiger ausgefallen, p hätte nicht die englische Regierung ihm daS Konzept ver- - derben, indem sie tags zuvor im Londoner Unterhaus die
deutsche Behauptung bestätigte, daß von dem französisch- englischen Marokko-Abkonunen keine offizielle Mitteilung nach Berlin gelangt sei. Da hiergegen kein Widerspruch nröglich war, mußte Herr Delcass6 sich darauf beschränken, dem anderen Fehler seines Vertreters in Fez in Abrede zu sollen, daß Frankreich sich dem Sultan von Marokko gegenüber als den Wortführer Europas fälschlich ausgegeben b/lbe.
Im übrigen lief Delcass6s Verteidigung seiner Maro5ko- Politik darauf hinaus: daß Frankreich, mit langer Grenze Marokko benachbart, an der inneren Ordnung Marokkos mehr als jeder andere Staat interessiert sei, daß der Sultan von Marokko selbst diese Ordnung zu wahren nicht imstande sei, daß er keine überstürzte Lösung der Marokkofrage gesucht ! habe, daß en nicht beabsichtige, die Interessen Dritter zu L verletzen, und daß er bereit sei, jedes Mißverständnis zu be
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Nicht ohne einen gewissen Humor ist eÄ, daß zwar nicht : Herr Delcass6 selbst, aber seine Presse den Fürsten Bismarck als Eideshelfer anrief. Fürst Bismarck habe im Jahr 1880, als die Frage des Diplomatenschutzes in Marokko auf der Tagesordnung stand, die französischen Anschauungen und Bestrebungen vorbehaltlos unterstützt. Diese Erinnerung ist gerade kein Meisterstück. Im Jahr 1880 war Freycinet französischer Minister des Auswärtigen, der in Marokko keine heimliche Politik trieb, sondern seine Absichten nach Berlin offen mitteilte. Zum Dank dafür fand er, freundnachbarliche Beihilfe. Telcass^ wollte etwas erschleichen, und das durfte man nicht zulassen. Der Unterschied im Verfahren Frankreichs ist augenfällig, und darum mußte die Einwirkung auf Deutschlands« Verhalten ebenso augenfällig verschieden sein. Außerdem ist seit 1880 Deutschlands Anteil am marokkanischen Handel außerordentlich gestiegen.
Ganz gewiß ist Deutschland heute wie immer bereit, Frankreich zu gönnen, was Frankreich zukommt. Ob das identisch ist mit dem, was Frankreich beansprucht, muss von Fall zu Fall untersucht und festgestellt werden. Herr Delcass^ hat durchblicken lassen, daß Frankreich sich als den Erben des Sultans von Marokko betrachte, wenn es auch kein ungeduldiger Erbe sein wolle. Er ist nicht ganz sicher, daß Deutschland sich mit dieser Aufteilung Nordafrikas einverstanden er- Hären wird. Jedenfalls wird er seine Vorbehalte machen. Zwar steht fest, daß Deutschland in Nordafrika keine Landerwerbung beabsichtigt; doch ebenso bestimmt hat es die Absicht, eine Verschlechterung seiner handelspolitischen Situation in Nordafrika nicht zu dulden. In dem englisch-französischen Marokko-Abkommen von 1904 ist die „offene Tür" auf 30 Fahre garantiert, d. h. von Frankreich zugestanden worden. Deutschland hat jedoch keinen Grund, in solche zeitliche Beschränkung zu willigen. Marokko ist ein selbständiges Land, cm dessen Selbständigkeit Deutschland wirtschaftlich interessiert ist. Es ist eine grobe Anmaßlichkeit, menn Frankreich I dieses Interesse als unl^acktlich behandelt und nicht einmal der Form wegen Dei Han^ Zustimmung einholt, diese vielmehr stillschweigend v.raussctzl.
Es ist möglich und sogar wahrscheinlich, daß Deutschland in seiner bekannten großen Friedfertigkeit in die Berufung einer Marokko-Konferenz willigt, wenn Frankreich oder Marokko selbst einen solchen Wunsch ausspricht. Doch auf dieser Konferenz würde Herr Delcass6 als Vertreter Frankreichs einem allzu vertrauensseligen Deutschland zu begegnen nicht hoffen dürfen. Er ist zwar bereit — und daran soll nicht ge-
zwei-felt werden —, alle Missverständnisse zu beseitigen-, aber besser ist es schon, mit einem Minister zu tun zu haben, der weniger zu Mißversrändnisün neigt.
Der Krieg in ertasten.
Was bisher nur Vermutung war, die sich allerdings aus gewichtige Gründe stützte, ist jetzt zur Tatsache geworden. Die baltische Flotte, auf die man in Petersburg so große Hoffnungen setzt, ist auf dem Wege zum Kriegsschauplatz und befindet sich bereits in den chinesischen Gewässern.
RoschdjestwenskW Erscheinen vor Malakka wird durch mehrere /Telegramme aus Singapore und London bestätigt, dem wir das Folgende entnehmen:
In Singapore lief am Morgen des 8. April der englische Dampfer „Tara" mit der Meldung ein, daß er am Tage vorher in der Malakkastraße 47 russische Kriegsschiffe angetroffen habe. Am Nachmittage desselben Tages passierte denn auch das russische Geschtnader mit nordöstlichem Kurs in der Richtung nach dem chinesischen Meer Singapore.
Daß Noschdjestwensky den Weg durch die Sundasee wählen würde, war vorauszusehen. Dort hatte er die meisten Aussichten, sein Vorrücken einigermaßen zu verschleiern. Allerdings ist nicht daran zu zweifeln, daß ihm die Japaner lüjarf auf den Weg passen.
Ein japanisches Aufklärungsgeschwader ist seit Wochen schon unterwegs und kreuzt in den Gewässern der Sundainseln. Seine Anwesenheit wird durch folgendes Telegramm aus Penang bestätigt:
Der Dampfer „Kumanny" berichtet, zwölf Kreuzer, vermutlich japanische, gesichtet zu haben, die in einiger Entfernung vor ihm her dampften; augenscheinlich ein japanisches Aufklärungsgeschwader. Hier und in Singapore herrscht Erregung, da man vermutet, daß ein Treffen in den malaiischen Gewässern stattfinden wird.
Um für diesen Fall die englische Neutralität strikt zu lvahren, hat das englische China-Geschwader Befehl erhalten, von Hongkong aus in See zu gehen.
Auf dem Landtriegsschauplntz wird von den Japanern auf allen gegen Kirin führenden Straßen der Vormarsch in kurzen Etappen weiter fortgesetzt. Die Armee Oyamas soll jetzt etwas anders als vor der Schlacht von Mukden disponiert sein. General Nogi, welcher damals bekanntlich den äußersten linken Flügel innehatte, und dann den für Kuropatkin so verhängnisvollen Flankenmarsch über Sinmintin unternahm, soll jetzt mit General Nodzu im Zentrum, also beinahe genau längs der Eisenbahntrasse, vorrücken. Im übrigen kommandiert General Oku den linken Flügel, während General Kuroki und General Kawamura die rechtsseitigen Armeen Oyamas befehligen, deren Zielpunkt Kirin bildet. Die Bevölkerung dieser Stadt ist in größter Unruhe. Viele Familien verlassen ihr Heim in eiliger Flucht.
Aus russischen Quellen vernimmt man jetzt auch Einzelheiten über das heftige
Gefecht bei Chiuchiatun.
General Liniewitsch stattet darüber dem Zaren folgenden Bericht ab: Das Gefecht bei Chinchiatnn am 4. d. Mts. dauerte zwölf Stunden. Der Feind hatte bedeutende Verluste. Auf unserer Seite fielen ein Offizier und vier Kosaken; verwundet wurden zwei Offiziere und einige dreißig Kosaken. Am 5. d. Mts. drängten unsere Vorhutmannschaften die japanische Vorhut bis Taipinlin zurück. Am 6. d. Mts. besetzte unsere Infanterie das Dorf Kujuschu, nachdem sie den Feind aus dem Dorfe vertrieben hatte; der Feind trat einen eiligen Rückzug an. — In jgpanischen Berichten wurde der Verlauf dieser Gefechte als wesentlich günstiger für die Truppen des Mikado hingestellt.
Größer aber als die Freude über diese kleinen angeblichen Erfolge wird in Petersburg die Trauer über ein schweres Mißgeschick sein, das die russischen Truppen betroffen hat.
Ein russischer Militärzug entgleist.
Wie aus Chailar gemeldet wird, entgleiste ein von Charbin kommender Militärzug. Der Maschinist, sein Gehilfe und der Heizer lagen infolge von Uebermüdung in tiefem Schlafe und konnten weder durch eine gelegte Petarde noch durch Zurufe geweckt werden. Der Zug fuhr über die Weiche auf einen ihm entgegenkommenden Müitärzug. Acht Soldaten sind tot, 26 verwundet; der Maschinist ist schwer verletzt.
Die Politik.
c? Auf dem Wege nach dem inzwischen noch etwas weiter nach Osten verlegten Schauplatz des russisch-japanischen Krieges ist Prinz Friedrich Leopold von Preußen in Peking üngetroffen, wo er am Sonnabend vom Kaiser von China empfangen worden ist. Man hat dem Prinzen die merkwür-
ügsten Aufgaben — allerdings von unberufenster Seite —, gestellt: er sollte Deutschlands Einfluß in China gegenüber dem englischen und japanischen verstärken, Bestellungen an deutsche Waisenfabriken erwirken und was solche Aufgabeir mehr sind, die man während eines halbstündigen Besuchs bei dem Kaiser von China erledigen kann. Das sind natürlich alles Phantastereien ohne Verstand und manchmal auch ohne gute Absicht.
d Die Strapazen unserer Soldaten in Deutsch-Südwest- afrifa müssen ganz außerordentliche fein. Ein aus der Provinz Hannover stammenden Soldat, der am 14. Januar in Lüderitz land eingetroffen war, schreibt in seine Heimat:.
„Hier in Lüderitzbucht trat nnB gleich ein Kriegsbild vor Augen; in den Bergen hatte man eine Patrouille verdurstet aufgefunden. Der Gefreite lebte noch, war aber vom Drirst wahnsinnig geworden, seine beiden Kameraden fand man tot mit geöffneten Pulsadern —• sie hatten ihr eigenes Blut getrunken . . . Was das Reiten hier heißt, kann man sich klar machen: eine glühende Hitze, der glühende feine ^andstaub schlägt einem ins Gesicht, nirgend ein Baum oder Strauch, ohne Trinkwasser, ^dw mit wird hier in der Wüste gespart, als ob ein Glas 20 Mark koste. Der schlimmste Tag war der 27. Januar, unseres Kaisers Geburtstag, wir hatten über 5(1 Grad Hitze."
-£ Am 21. Mai wird 'n Köln die „Unterstützungsvereini- gung der in der modernen Arbeiterbewegung tätigen Angestellten" tagen. Mit anderen Worten heißt das: am genannten Tage wird in Köln eine Konferenz der sozialdemokratischen Agitatoren stattfinden. Ob auf der Tagesordnung auch die Beratung eines etwaigen Streiks der Agitatoren steht, ist nicht bekannt geworden. Die Vereinigung gewährt den Witwen ihrer Mitglieder Jahrespensionen bis zu 800 Mark. Die Witwe muß nicht unbedingt die leartime Ehe- frau des Verstorbenen gewesen sein.
Englancl.
G Die Wahlniederlage in Brighton ist der englischen Re- gierung schmerzlich, aber die Zumutung des Rücktritts lehnt sie ab. Sie will im Amt bleiben, so lange sie im Unterhaus eine noch so kleine Mehrheit hat. Handelsminister Gerald Balfour hat diesen Entschluß des Kabinetts in einer Rede kundgetan, die er am Freitag in Leeds gehalten hat.
Russland»
* Die russische Regierung, die sich im eigenen Lande der Nihilisten nicht erwehren kann, hört deswegen doch nicht auf, von fremden Regierungen zu verlangen, diese sollten ihr zur Bekämpfung der aufständischen Elemente behilflich sein. Sie hat an die Schweiz eine recht scharfe Note gerichtet, in der die Duldung revolutionärer russischer Agitatoren als ein Akt der Unfreundlichkeit gegenüber Rußland bezeichnet wird. Zweck der Note ist die Herbeiführung zahlreicher Ausweisu«. gen von Russen aus der Schweiz. Der Zweck wird schwerlich erreicht werden. Die Sck)weiz ist nicht Rußlands Nachbar und braudü nach Rußland nichts zu fragen. Außerdem hat die Schweiz nicht nötig, russischen Vorstellungen gegenüber gefügiger zu sein, als es die russische Negierung selbst gegenüber den Befehlen des Zaren ist. Daß feindliche Ukase des Zaren von russischer! Behörden mißachtet werden, dafür liegen neuerdings schreiende Beispiele vor: Schon im Mai 1903 hat Zar Nikolaus ein Toleranzedikt angekündigt, und seitdem sind verschiedene Erlasse ergangen, die nicht nur alle wegen angeblicher Religionsverbrechen bisher Verfolgten von Schuld und Strafe freisprechen, sondern auch fernere Verfolgungen verbieten. Trotzdem hat am 31. März in Ssumy das Bezirksgericht gegen Anhänger der halblutherischen Sekte der Stundisten verhandelt und 5 Männer und 7 Frauen unter Aberkennung der bürgerlichen Rechte zur Deportation nach Sibirien verurteilt! — Infolge anl)altender ähnlicher Rellglonsverfolgungen durch Polizeibehörden imb orthodoxe Geistliche verlassen jetzt 200 Molotanenfamilien ihren reichen Distrikt bei Kars, um nach Amerika auszuwandern. Die Molokanen sind eine im südlichen Rußland verbreitete christliche Sekte, deren Anhänger sich stets durch Nüchternheit, Arbeitsamkeit und Bildung ausgezeichnet haben. In ihrer Mitte gibt es keine Analphabeten. Durch Fleiß und Ausdauer haben sie inmitten einer Wüste ein Paradies geschaffen. Ihre Auswanderung wird den Verfall der ganzen Gegend nach sich ziehen.
Burkel.
□ Die französisch-türkische Anleihe ist endgültig abgeschlossen. Die Uebermittelung der betreffenden Jrade hat sich verzögert, weil eine Nebenbedingung eine neue Fassung erhalten mußte.
Hfrlha.
=f= Aus einem Räuberhauptmann rann unter Umständen ein sehr tüchtiger Kaid (Gouverneur) werden. Mohammed Charzui, der Kommandant von Mehalla, der kürzlich in Tanger gewesen, hat den früheren Wegelagerer Raisuli in Zinat besucht, der dem hohen Gast zu Ehren zwei Tage lang Feste veranstaltete. Die Sicherheit der Gegend ist jetzt voll- ständig. Das Einvernehmen mit dem Sultan ist ungetrübt.