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Nr. 35.
$nftrtU«9*¥ti« 8 Die einspaltige Petit-eile für ganz O-er- Mfen, die Kreise Wetzlar «* Marburg IVPfg. sanft 15 Pfg. Reklamen die PetitzeUe 30 resp. 40 Psg.
Redaktion u. HauptexpMtionr Gießen, Selter-weg 88. ^tx*fHte*e*f*l*^ Nr. »«»
Freitag, den 10. Fchruar 1905.
Gie ßener
______________ 14, Jahrgang
AH,n«e»e«t-prei-: abgeholt monatlich 50 Vfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen Mertel jLhrl.Mk. 1.50.
Gratt-beUage«: Oberhesftsche Familienzeitnug (täglich) und die Gießener Eelfenblasen (wöchentlich).
Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Neueste Nachrichten
(Kietzener Uergevratt) Nnav-ängige Tageszeitung schießener Zeitung)
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für Okerheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalaazeiger für Metzen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden Mn Oberhesten.
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pieue Verträge,
Was wir jüngst als eine Vermutung ausgesprochen haben, Las hat am Mittwoch der Reichskanzler Gras Bülow Let Lem Festbankett des deutschen Landwirtschaftsrats ange- funbigt: daß die Reichsregierung gewillt ist, außer den dem Reichstag bereits vorgelegten sieben Handelsverträgen noch weitere Handelsverträge abzuschließen. Die sieben Verträge, deren Beratung im Reichstag am Donnerstag begonnen hat rmL sehr schnell zu Ende geführt sein wird, umfassen nur ein Dritteil unseres Handelsgebiets. Es ist natürlich, wenn unser Streben sich darauf richtet, auch für die übrigen zwei Drittel »der wenigstens für einen großen Ausschnitt daraus die gleiche oder eine ähnliche vertragliche Grundlage zu gewinnen. Mit den Staaten, mit denen wir nicht langjährige Handelsverträge mit Konventionaltarifen abgeschlossen haben, stehen wir meist in einem Meistbegünstigungsver- haltnis, das von Jahr zu Jahr kündbar ist und die Zolltarife im einzelnen nicht bindet. Der Wert solcher Meistbegünsti- gimgVerträge hat eine schwere Beeinträchtigung erfahren. Früher glaubte man überall, daß sie für den beteiligten Staat die Verpflichtung enthielten, jede Zoll-Ermäßigung ohne Ausnahme, die er irgendwem einräumte, ohne weiteres auch dem andern beteiligten Staat zu gewähren. In den Vereinigten Staaten von Amerika erst ist man auf den Gedanken gekonnnen, die Meistbegünstigungsverpflichtung so zu deuten, daß jede Zollermüßigung von dem kontrahierenden Staat durch besondere Zugeständnisse erst zu erkaufen sei. Es half kein Protest, als die Vereinigten Staaten von Amerika den deutschen Zucker, trotz der Meistbegünstigung, mit einem Zuschlagszoll belegten. In mehrjährigen Verhandlungen wurde nur ein sehr geringes Zugeständnis erreicht. Ganz unstreitig war vorher schon das Recht der Vereinigten Staaten gewesen, ihren Zolltarif zu ändern. Von diesem * Recht haben sie wiederholt den ausgiebigsten Gebrauch gemacht, indem sie ihre Zölle immer mehr und bis-zu prohi- bitiver Höhe steigerten/ Deutschland dagegen war durch die Meistbegünstigungsbesttmmung, aus deren richtiger Deu- tung es sich nicht herausdrängen lassen mochte, Amerika gegenüber an seinen für die Dauer seiner Handelsverträge festgelegten Konventionaltarif gebunden, durfte ihn nicht entsprechend der amerikanischen Zolltarifänderung erhöhen und mußte sich überdies eine differenzierende Behandlung zu seinen Ungunsten gefallen lassen.
Selbstverständlich war das kein auf die Dauer erträglicher Zustand. Man mußte umso mehr auf Abwehr bedacht sein, als man weiß, daß böse Beispiele gute Sitten verderben, und daß in England durch Chamberlain eine Bewegung angeregt war, die von der Politik der „offenen Tür" abgehen und den englischen Kolonien einen Vorzrrg vor den übrigen Ländern eingeräumt wissen will. Was in Amerika bereits geschehen, das konnte in England jeden Augenblick rintreten.
Demgegenüber war mit den Meistbegünstigungsverträgen nicht auszukommen, mußte auf andere Mittel Bedacht genommen werden. Es geht nicht an, daß von zwei Staaten einer alle wirtschaftliche Freiheit in der Bestimmung seiner Zölle behält, nicht einmal zur besten Behandlung der Einkünfte aus dem anderen Staat sich verpflichtet, während der andere Staat langjährige Bindungen auf sich nimmt. Die Reichsregierung wird daher an England, an die Vereinigten Staaten von Nordamerika, auch an einzelnen südamerikanischen Staaten (namentlich Argentinien) mit dem Vorschlag langfristiger Tarifverträge herantreten.
Es ist nicht wahrscheinlich, daß besonders die Vereinigten Staaten von Amerika auf diesen Vorschlag so bald eingehen werden. Doch darauf ist man vorbereitet. Auch England wird sich vielleicht eine Weile sträuben. Aber andere Staaten werden sich bereit finden^ erkennend, daß für die gedeihliche Entwickelung von Handelsbeziehungen Stetigkeit der Zollverhältnisse die wirksamste Voraussetzung ist. Unter allen Umständen werden die Vereinigten Staaten von Amerika und England sich darein finden müssen, die Meistbegünstigungsverträge durch Reziprozitätsverträge ersetzt zu sehen, die eine gerechte Gegenseitigkeit verbürgen und beiden Teilen Bewegungsfteiheit lassen.
Die Ankündigung des Herrn Reichskanzlers zeigt, daß man auf wirtschaftspolitischem Gebiet bei uns keineswegs bloß „fortwursteln" will, sondern auch auf neuen Wegen zu gehen entschlossen und vorbereitet ist. Wird die Absicht erreicht, um derentwillen die neuen Bahnen eingeschlagen werden sollen, so wird ein großer Fortschritt von dauerndem Gewinn erzielt sein. Vielleicht werden jetzt auch die Gegner des gegen Ende des Jahres 1903 etwas geräuschvoll ^ur Annahme gebrachten autonomen Zolltarifs eingesehen haben, daß so mancher Zollaufschlag, der unbegründet schien, schon damals im Hirrblick auf die nunmehr aktuell werdenden Dinge ersonnen und vorgeschlagen war, als Kompensationsarbeit für die guten wirtschaftlichen Freunde, die wir zu noch besseren Freunden gewinnen wollen.
ein deutscher Prinz nach Ostasien gehen. Die
Reise des Prinze« Friedrich Leopsld
nach dem russischen Hauptquartier auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatz, welche im vorigen Jahre auf Wunsch des Kaisers von Rußland verschoben mürbe, wird nunmehr Ende dieser oder Anfang nächster , Woche stattfinden. Es geschieht dies auf persönlichen Wunsch des Zaren, welcher telegraphisch hierher gemeldet hat, daß jetzt die Verhältnisse günstiger liegen, wie im Vorjahre und man deshalb den Prinzen gern erwarte. Dieser hat inzwischen seine umfangreiche Ausrüstung beendet. Etwa zehn Personen seines Hofhalts werden mit ihm die Reise antreten.
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Der Eselsmüller und die Falschmünzer.
Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.
Alle Rechte Vorbehalten.
; 5) (Nachdruck verboten.)
Kam der Steuerbeamte aus W . . . ., so sagte er ich zahle nach Preußen und deshalb gebe ich nichts, kam aber der Preußische dann zahlte er nach Kurhessen. Eigentlich wußte niemand genau in welches Land die Mühle zu rechnen sei. Die Kinder aus der Mühle waren seit Jahrhunderten in Rannkirchen in die Schule gegangen; aber in Ranngshausen konfirmiert. Es war eine unklare Sache. Deswegen konnte kein Steuer- bote einschreiten.
Als der Müller heimgekommen, und zwar erst den Tag nach der Begegnung mit Heiner, war der Rangsh .... Pfarrer, ein untauglicher Mann zum geistlichen Amte, in der Mühle. „Nun alter Freund glücklich wieder da?" frug der Pfarrer.
„Halts Maul Chorrock", schrie der Müller.
„Potztausend, was soll das heißen? Höflich warst Du zwar immer wie Dein Esel, aber so habe ich Dich noch nicht gesehen, spottete der Psarrer. Die guten Geschäfte die Du gemacht hast, scheinen Dir zu Kopfe gestiegen zu sein. Warte ein wenig, die Rannkirchens i Anna kommt sogleich vom Wernatsbange her, ich sehe I sie schon durchs Fenster. Sie mag Dir mal zehn l Schrebbköppe ansetzen, das wird Dir wohltun."
„Ich aber sage Dir noch einmal hal'ts Maul und zlaß mich heute Abend in Ruh, sonst — Du kennst »mich," so sprach der Eselsmüllec zu seinem guten Freunde und Helfershelfer. „Ja ich kenne Dich nur m gut, es wäre besser ich kennte Dich nicht, doch es ist zu spät. Doch nun Spaß bei Seite, hast Du Geschäft gemacht?" so sprach der Pfarrer weiter. „Ich tottl Dir offen sagen, erwiderte schon etwas umge- Istimmt der Eselsmüller, die Krontaler sind alle fort.
Der Krieg m Oftasien.
Was man lange gemunkelt hat, ist jetzt zur Tatsache geworden. Mair hat sich in Petersburg entschlossen, den Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch nach dem Kriegsschauplatz zu entsenden.
Das kommt der
Enthebung KnropatkinS vom Oberbefehl
gleich, ob nun der Großfürst diesen selbst oder nur die Würde eines Statthalters, wie sie Alexejew bekleidete, übernimmt. Man war ja schon seit langem mit Kuropatkins zögernder Taktik unzustieden. Man wirft ihm vor, daß er den rechten Moment nicht auszunutzen verstehe.
Gemeinsam mit dem russischen Großfürsten wird auch
Verlegung des Bergarbeiter streike.
Der schwere Kampf zwischen den Bergwerksbesitzern und den Bergarbeitern des Ruhrreviers scheint dicht vor seinem Abschluß zu stehen. Die Revierkonferenz der streikenden Bergarbeiter in Esten hat nach fünfstündig/er Beratung eine Resolution angenommen, durch die die sofortige Aufnahme der Arbeit empfohlen wird. , ;
Wir erhalten dazu folgenden Bericht aus Essen: Die Sicbenerkommission ist in einer recht peinlichen Lage. Auf der einen Seite spricht ihr der Bergarbeiterverein die Aktiv- legitimation für eine Vertretung der Bergarbeiter ab, aus der anderen Seite droht ihr ausdrückliche Desavouierung durch die Bergarbeiter. Es verdient Anerkennung, daß die Kommission sich dadurch in Erfüllung ihrer Aufgabe nicht beirren läßt. Sie hat jetzt an den Reichskanzler Grafen Bülow eine Eingabe gerichtet, in der sie ihre Wünsche hinsichtlich des preußischen Berggesetzes ausspricht. Sie wünscht vom 1. April d. J. an eine Höchstdauer der Schicht von 8%, vom 1. Januar 1907 an von acht Stunden. Von zu nassen oder zu heißen Arbeitsorten (über 28 Grad Celsius) soll die Schicht nur 6 Stunden zwischen Anfahrt und Ausfahrt für den einzelnen Mann betragen. Ueberschicht>en und Sonntags- arbeiten sollen, abgesehen von notwendigen Ausnahmen, verboten fein. Das Wagennullen soll aufhören, ein Arbeiterausschuß soll eingesetzt werden. Strafen sollen in einem Monat höchstens 4 Mark für den Mann betragen.
Donnerstag trat die Revierkonferenz zusammen, die der Kommission gegenüber eine höhere Instanz darstellt. Aus ihren langen und durch Ruhe sich auszeichnenden Erörterungen ging hervor, einmal daß die Streikenden sich nicht stark genug fühlten, den Arlsstand weiterzuführen, daß namentlich die Unterstützungen von außerhalb in unzureichendem Maß, gekommen sind; sodann daß man zu der Regierung das Vertrauen hat, sie werde im Berggesetz für die Erfüllung der von der Siebenerkommission formulierten Forderungen der Bergarbeiter sorgen. Demgemäß wurde die Wiederaufnahme der Arbeit beschlossen.
Mit den doppelten preußischen gings diesmal schlecht. Ebenso mit dem „Braunschweiger Trefforscheinen." Die Brabanter sind eben immer noch die beliebtesten. Doch jetzt Kerl, so wandte er sich an den Pfarrer, eine Frage: „War Figge hier?"
„Nein," sagte der Pfarrer. „Er läßt aber durch Weishaupt sagen, er und Mütze kämen nächste Woche." „Leinewand in Bielefeld sei reichlich (mit doppeltem bezahlt) angekauft. Das Geschäft sei sehr gut. Er läßt auch anfragen, wie es mit dem Ankauf von Holländerund Sauerländer-Kühen sei. Weil in Medebach habe keine mehr. Dann ließ Kornain durch die Botenfrau anfragen, wie es mit dem Iserlohner Nudelngeschäft und den Solinger und Remscheider Messern und Schnrucksachen stehe."
„Ist alles besorgt," erwiderte der Eselsmüller und bezahlt mit ächten Brabanter, dabei lachte er fast bis zu Tränen. „Alles hat herrlich dieses Mal (gefloppt In Iserlohn, Solingen und Remscheid habe ich noch weitere Geschäfte gemacht. Da begegnete mir der neue Grenzaufseher Heiner, demselben habe ich einen kleinen Denkzettel gegeben. Du kennst ja sein Ernst. So viel ich weiß, habt Ihr ja zusammen in M . . : . studiert. Er ist ein Pfarrer ohne Stellung und Du bist einer mit Stellung, aber ohne Brot. Dec Eselsmüller füttert Dich "
„Still", unterbrach ihn der Pfarrer, laß es gut sein. Erzähle mir lieber wie Du Heiner abgeschüttelt hast. Nur ganz kurz. Ec kommt auf mich zugeritten, um mir meinen Spaß zu verkreuzen. Da habe ich ihm eine Lektion gegeben, andere stärkere werden folgen, wenn er nicht zahm wird. Das ist also kurz alles. Doch nun zum Abendessen ich habe Hunger. Denke Dir meinen Weg, mein „Grauchen" dauert mich, von Küstelberg hierher ohne anzuhalten.
„Ja ich glaube Dir, altes Bruderherz, daß Du da Hunger hast, Durst wohl and)," so antwortete spottend der Pfarrer.
„Höre mal, nenne mich nicht Bruderherz, denn eigentlich verachte ich einen solchen wie Du bist. Wer ich bin, das weiß ich, ein Betrüger, ein Spitzbube und ein Falschmünzer. Du aber bist noch tausendmal schlechter. Hättest Du nicht gar zu große Vettern gehabt, so hättest Du dieses elende Nest R . . . hausen noch nicht mal als Deine Pfarrei erhalten. Ja der Teufel hätte Dich schon längst geholt. Du bist eigentlich der Betrüger noch viel größer, als man von Dir glaubt. „Sage mal, wie viel Predigten hälft Du denn eigentlich im Jahre? Du müßtest doch sechzig halten, an Sonn- und Festtagen. Du hälft keine dreißig. Zu Dir in die Kirche gehe ich so wie so nicht. Einmal habe ich eine Predigt von Dir gehört, ich hätte mich totlachen mögen über Dein albern Geschwätz. Du predigtest gegen Kartenspiel, Lügen, Saufen und Betrügen. Kerl heute noch würde ich es nicht glauben, wenn man mir sagte, Du habest also gepredigt, ich habe es aber mit eigenen Ohren angehört. Sage mir mal Alter, ein Gewissen mußt Du überhaupt nicht mehr haben. Ich rate Dir, ziehe Deinen Chorrock aus I
„Ihr sollt auferstehen, Ihr sollt vor Gottes Gerichte gehen," bis dahin hatte ein etwa zwölfjähriges Mägdlein diesen Gesang gesungen. Jetzt riß der Müller die Türe auf, dadurch erschrak das Kind und hielt bestürzt inne. Mitten in seiner Straf- und Spottrede gegen seinen Collegen im Falschmünzern, den Pfarrer hatte er innegehalten und diesem Gesang gelauscht. Er wußte ja, daß das Lied alle Bettler beteten oder fangen, um dec Gaben willen. Aber der Schrecken über diese zitternde Mädchenstimme und dann den Text des Liedes? Er kannte es nur zu gut aus seiner Kindheit, wo seine fromme Mutter es ihn gelehrt hatte.
(Fortsetzung folgt.)