Nr. 237
Montag, den 9. Oktober 1905
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14. Jahrgang
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Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Die deutsche Kolonialpolitik.
Von einem maßgebenden Kolonialpolitikec wird unS ^schrieben:
I In den afrikanischen Kolonien Deutschlands sieht es zurzeit nicht gut aus. In Deutsch-Südwestasrika dauert der Ausstand nun schon das zweite Jahr, und man ist darauf tcTbcreifet, daß noch ein drittes Jahr vergehen wird, ehe er völlig erloschen ist. Es liegt in der Natur des Banden- Krieges, daß er sich lange hinzieht. Nicht Schlachten erzwingen seine Beendigung, sondern Erschöpfung erst bringt ihn zum Mschluß. Und um einen Bandenkrieg handel^ ^s sich. Das ausgedehnte Terrain läßt keine Massenentwicke- luiig zu, weil das Land keine Nahrung, namentlich, weil es fein Wasser bietet. Uuf ungebahnten Wegen müssen Vieh- gespanne Speise und Getränk für die Mannschaften und das eigene Futter schleppen. Die Soldaten zeigen in der Ueberwindung von Strapazen eine Ausdauer, die höchste Anerkennung verdient, sie leisten in jedem Betracht Außerordentliches; aber nach jedem kühnen Vorstoß müssen sie warten, bis „die schwer hinwandelnden Rinder" ihnen gefolgt sind. Das gibt langsame Arbeit und ungeheure Kosten. An fünfzehntausend Freiwillige führen den Krieg, dessen Aufwand jetzt schon nach Hunderten von Millionen zählt. In Ostafrika ist es gleichfalls zu einem Aufstand gekommen. Seine Unterdrückung, so hofft man, wird bald gelingen und ohne daß es nötig wird, Truppen aus Deutschland heranzuholen. In dieser Zeit ist der zweite Kolonialkongreß Msammengetreten, und seine Beratungen haben eine ganz ungewöhnliche Beteiligung gefunden. Das ist ein erfreuliches Zeichen. Es ist keine Hurrastimmung vorhanden, aber ernste Entschlossenheit. Der Unternehmungsgeist, ohne den es keine Kolonialpolitik geben kann, ist nicht geringer geworden, er hat nur an Erfahrungen und Sachkunde gewonnen. Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg eröffnete als Ehrenvorsitzender die Verhandlungen, als deren Zweck er bezeichnete, die Unveräußerlichkeit des Besitzes unserer Kolonien zu betonen und alle Vaterlandsliebenden in dem Bestreben zu vereinigen, daß unsere Kolonien das strahlende ^uwel in der kaiserlichen Krone Deutschlands werden. Staatssekretär Graf Posadowsky legte in seiner Be- ngcüßungsansprache den Hauptnachdruck darauf, daß man in schweren Zetten still und zähe durchzuhalten verstehen müsse. Knltt sei angebracht, aber erst nach Wiederherstellung ge° ordneter Verhältnisse könne man pine sichere Grundlage für ein gerechtes Urteil und für weitere Entschließungen über .etwaige Reformen in der Verwaltung gewinnen. Mit dem Staatssekretär und dem Ehrenvorsitzenden stimmte Kolonial- .ouektor Stübel in dem Preis unserer braven Schutztruppen und in der zuversichtlichen Erwartung einer gebeiblieben Entwickelung unserer Kolonien überein. Ein empfindlicher Rückschlag sei eingetreten, Fehler seien begangen worden, £ber Ausdauer und Tatkraft werden zum schönen Ziele fuhren. Ji: der Tat darf eine Kolonialpolitik nicht kleinlich an Ausgaben mäkeln, auch an beträchtlichen nicht; sie darf niebt bei leocr Aufwendung fragen, ob sie auch unmittelbar und bald zuruckkomme. Steht doch die Kolonialpolitik im Dienste iU!:>erer Weltwirtschafts^politik, deren seitherige glänzende Entwickelung erhebliche Opfer nicht bloß gestattet, sondern zur Pfl:cht macht. Der Außenhandel Deutschlands hat sich Rangig Jahren seit 1885 verdoppelt, während in der gleichen Zeit der amerikanische um 80, der englische rm .n^i^e uur um 24 Prozent zugenommen hat. ^lc Nettoemfuhr von Nahrungs- und Genußmitteln hat im I11 ^gangenen Jahr etwa 1430, die Nettoeinfuhr von Rohlfen m Deutschland rund 1930 Millionen Mark be- gen, bei den Fabrikaten aber belief sich der Ausfuhrüber- 11 o 2225 Millionen Mark. Diese Zahlen beweisen, ' Deutschland auf den Außenhandel angewiesen ist. utschland muß seine Handelsbeziehungen zum Ausland cch Handelsverträge regeln, und das kann es mit um so 'ßerem Vorteil tun, je größere Produktionsmöglichkeiten n sein unter anderen klimatischen Bedingungen stehender lonialbesitz bietet. Gewiß sind wir industriell und kom° cziell auch ohne eigene Kolonien gewachsen; doch der eng- te Imperialismus, der neueren Datums ist, fordert einen stärkeren Wettbewerb heraus, als wir ohne Kolonien leisten können. Eine starke Flotte und in den Kolonien eigene gute Vertkehrâvege, das sind bie unerläßlichen Voraussetzungen für den Bestand Deutschlands als wirtschaftliche und politische Weltmacht.
Eine starke Flotte! Generalleutnant von Liebert hatte den Mut, das treffende Wort zu sprechen: Eine schwache ^Flotte ist Verschwei:dung, eine starke Flotte allein ist ihre Kosten wert und macht sich bezahlt. Für dieses ist England idas Beispiel, für jenes sollten wir nicht länger das Beispiel fein. Generalleutnant von Liebert stellte ^- ?iel auf: eine Schlachtflotte in zwei Doppelgeschwad ^ 38 Linienrissen von mindestens je 16 000 Tour», eine Kreuzerflotte .An 8 Panzerkreuzern mit mindestei:s je 10 000 Tons und ^ geschütztem Kreuzern, eine Torpedoflotte von 53 großen 47 kleineren Torpedobooten.
Das ist viel, sehr viel. Doch die Leistung verteilt sich -auch auf eine lange Reihe von Jahren, so daß von einer A Ueberbürbung kaum die Rede sein kann. Es handelt sich ^bei nicht um „uferlose Pläne", nicht um eine irgendwie
geartete Eroberungspolitik, |onbern um die sachgemäße Fürsorge, daß unser Wachstum cn Bevölkerung nicht verloren gehe, daß wir nicht gezwungen werden, unseren Bevölkerungsüberschuß, den wir im anderen Fall nicht länger ernähren können, an das Ausland abzugeben, das ihn mit offenen Armen empfangen würde, damit nicht in bezug auf uns das Dichterwort zu neuer Wahrheit werde: „Furchtbar blüht durch Künste unsres Landes Britannien".
Ein nicht unwesentliches Moment ist es übrigens, daß die Ausgaben des Reichs für die Flotte in der Hauptsache als Arbeitslöhne der arbeitenden Bevölkerung wieder zufließen, ohne Abzug eines Unternehmergewinns. Das ist immerhin von Gewicht auch für den, der dem Unternehmer seinen Gewinnanteil sonst gern gönnt.
Der Kolonialkongreß kann nur Wünsche äußern, seins Verfügungen treffen. Das veranlaßt ihn vielleicht — in der Voraussetzung, daß doch mehr oder weniger starke Abzüge gemacht werden und nur ein Teil zur Ausführung kommt —, den Mund etwas voll zu nehmen, damit die Abschlagszahlung nicht allzu sehr hinter dem wirklichen Bedarf zurückbleibe. Bundesrat und Reichstag werden das pflichtgemäß prüfen, ehe sie ihre Entschließungen fassen.
Mas Ddcassé wollte.
Aufsehenerregende Enthüllungen bringt der Pariser „Ma- tin" über die Pläne des ehemaligen Ministers Delcass6. Danach sagte am 4. Juni 1905 Delcass^ im Ministerrate, er besitze von England die mündliche Zusage, Frankreich in einem Kriege gegen das angreifende Deutschland durch Beschlagnahme des Kaiser Wilhelm-Kanals und Besetzung von Schleswig-Holstein mit 100 000 Monn beizustehen.
1 Nach den Angaben im „Matin" soll von englischer Seite später — also nach dem Sturze Delcassss — das Angebot erneuert worden sein mit der Maßgabe, daß es schriftlich fixiert werden sollte. Man nimmt in Paris allgemein an, der seit seinem Rücktritt im Departement Ariège sich aufhaltende Exminister habe die Auslassungen des „Matin" selbst veranlaßt oder doch inspiriert. Bestätigt sich diese Annahme, so würde das Bestreben Delcassös offenbar sein, nach der freunbfdjaftlidjen Vereinbarung Frankreichs unk Deutschlands in der Marokkofrage abermals neues Mißtrauen zu säen und die sichtliche Annäherung der beiden Staaten zu hindern. Eine solche intrigante Absicht aber wäre Grund genug, gegen Delcass^ das Gesetz über die Verantwortlichkeit der Minister zur Anwendung zu bringen. Es würde sich um offensichtlichen Verrat von Staatsgeheimnissen handeln. Immerhin ist eine weitere Aufklärung in der Angelegenheit wohl abzuwarten, denn die behauptete Handlungsweise der britischen Regierung würde das viel gebrauchte Wort vom „perfiden Albion" zu einer nicht mehr abzuleugnenden Tatsache machen. Deutschland hätte mehr wie je Ursache, vor britischen Winkelzügen auf der Hut zu sein und die Agitation der deutschen Politiker, die zur entschiedenen Abkehr von England raten, fände mit Recht üppigen Boden. — In der denkwürdigen Ministersitzung vom 4. Juli soll übrigens der verständige Rouvier Herrn Delcass^ gehörig die Leviten gelesen haben. Rouvier sagte angeblich seinem Kollegen: „Sie haben eine zu starke antideutsche Politik getrieben, Sie haben Spanien von Deutschland losgerissen, England für Frankreich gewonnen, Italien abgefischt." — Hier hätte Delcass^ sich entrüstet erhoben und ansgerufen: „Entschuldigen Sie, ich habe als Minister Frankreichs gehandelt; die Interessen Deutschlands zu wahren, lag außerhalb meiner Aufgabe."
Jedenfalls wird weder die französische Regierung noch die Deputiertenkammer achtlos an diesen Veröffentlichungen vorbeigehen. Man glaubt, die Kammer werde schon in den nächsten Tagen dem gewesenen Minister einen Tadel aussprechen, ohne dabei die Tatsache der Konferenz von Algeciras irgendwie zu berühren. Die Persönlichkeit des ehemaligen Leiters der französischen auswärtigen Politik wird durch die Enthüllungen immer mehr zu einer „schwankenden". Seine Landsleute sind froh, den sonderbaren Heiligen abgeschüttelt zu haben, der ihnen einen aussichtslosen Krieg mit Deutschland auf den Hals laden wollte. Was sie sonst tun wollen, kann uns Deutsche wenig kümmern. Wir werden uns mit der Verachtung der dunklen Machinationen des gewissenlosen Herrn begnügen. Die deutsche Politik in der Marokkofrage kann durch das Bekanntwerden der Umtriebe nur an Rechtfertigung gewinnen.
Kinderschutz.
. — Ein Rundblick in verschiedenen Staaten. —*
So empörend die Mißhandlung wehrloser Geschöpfe, die Grausamkeit gegen Kinder und Unmündige auf jeden e:m- germaßen menschlich Empfindenden wirkt, so wenig hat sich bisher selbst bei den Kulturnationen diese Schmach emdam- men lassen. Die Fürsorge für die Kinder zum Zweck ihres Schutzes vor Ausnutzung und Grausamkeit hat erst in aller- neuester Zeit eine planmäßige Tätigkeit begonnen. EM Vorbild von vorläufig noch unerreichbar scheinender Großartigkeit ist die große englische Nationalgesellschaft für die Verhütung der Grausamkeit gegen Kinder. Sie hat leyt
erst ihren 16. Jahresbericht veröffentlicht. Es ist erstaun- lm), welchen Umfang dieser Verein in so kurzer Zeit gewonnen hat. Ter Verein verfügte im letzten Jahr über eine Einnahme von mehr als 1% Millionen Mark, und es zeugt von einer ernsten Auffassung und weiten Verzweigung seiner Tätigkeit, daß er trotzdem noch mehr ausgegeben als eingenommen hat. Es ist nun nicht zu verkennen, daß eine solche Gesellschaft, die ihre Tätigkeit in der Regel im Gegen- satz zu den Angehörigen der Kinder ausüben muß, ihre Ge- walt mißbrauchen und in einer ungünstigen Weise in das Familienleben eingreifen könnte. Es ist daher die größte Vorsicht und Rücksicht geboten, und daß die englische Gesellschaft diese Vorbedingungen in weitgehendem Grade erfüllt hat, wird durch Tatsachen bewiesen. Im letzten Jahr wurden vier Fünftel aller Fälle, in denen eine grausame Behandlung von Kindern zur Kenntnis der Gesellschaft gelangt war, zunächst in der Weise erledigt, daß die Eltern eine Verwarnung empfingen, während im Jahr 1891 nur wenig über die Hälfte der Fälle in dieser Form behandelt wurden. Diese große Verbesserung hat nur erfolgen können durch den starken Anhalt, den die Gesellschaft zur Verhütung der Grausamkeit gegen Kinder bei den englischen Gerichtshöfe!: findet. Eine von ihrer Seite ausgesprochene Verwarnung hat dadurch eine besondere Wirksamkeit erhalten. Im übrigen ist die Zahl der Fälle von gewalttätiger Grau- famfeit während der letzten 16 Jahre von mehr als ein Viertel auf weniger als ein Zehntel gefallen, und nur 6 Prozent der Fälle mußten zu gerichtlicher Entscheidung gebracht werden. Es ließen sich noch andere Beweise dafür erbringen, daß die englische Gesellschaft eine wirklich vorbildliche Tätigkeit entfaltet hat.
In anderen Ländern ist eine ähnliche Organisation bisher nicht zu finden. In den Vereinigten Staaten sind zwar über 300 Gesellschaften vorhanden, die sich ausschließlich oder zum Teil mit dem Schutz von Kindern gegen Mißhandlung beschäftigendes fehlt ihnen aber der richtige Zusammenschluß. Aehnliches gilt von Canada. Eher vergleichbar mit der englischen Gesellschaft wäre noch die Französische Union zur Rettung der Jugend, die in elf Städten Frankreichs Zweigvereine unterhält. Ferner gibt es kleinere Gesellschaften, in England, in Ungarn, in Holland, Italien, Spanien, Belgien, Algier. In Deutschland hat der seit 1896 bestehende Verein zum Schutz der Kinder vor Ausnutzung und Mißhandlung mit dem Hauptsitz in Berlin eine größere Organisation anzubahnen versucht, die jedoch noch sehr der Entwickelung bedarf. In England eine Jahreseinnahme von 1% Millionen, hier eine solche von wenig über 20 000 Mark ; dort Gelegenheit zur Unterbringung von Hunderten schutzbedürftiger Kinder, hier nur ein eigenes Haus für 70 Insassen, das erst im nächsten Jahr zur Eröffnung gelangen wird. Der englische Verein unterhält in 980 Ortschaften des Landes eigene Verwaltungsstellen, die deutsche Gesellschaft hat Zweigvereine nur an fünf Orten (in Hamburg- Altona, Hameln, Harzburg, Magdeburg und Witzenhausen).
— Im englischen Verein wurden seit dem Jahr 1889 bereits über eine Million von Fällen der Mißhandlung von Kindern untersucht und im letzten Berichtsjahr etwa 40 000, während der deutsche Hauptverein im Jahr 1904 352 Fälle behandelt hat. Immerhin liegt das Bestreben beider Vereine in der gleichen Richtung. Es sollen Zweigvereine allmählich auch in Deutschland entstehen, das zu diesem Zweck in 50 Gruppen geteilt ist. Der weiteren Entwickelung zu einem großen geschlossenen Verband steht vor allem eine erhebliche Zersplitterung entgegen. Der Berliner Hauptverein hat des- halb die Entstehung und den Aufschwung ähnlicher Vereine in Leipzig, Dresden und Chemnitz freudig begrüßt und ein Zusammenwirken mit ihnen nachgesucht. Außerdem sind Verbindungen mit Gesellschaften ähnlicher Richtung im Aus- land, namentlich in Wien, in Budapest, in Madrid, London, Edinburgh und Newyork angeknüpft worden. Es liegt kein besonderer Grund dazu vor, diese Entwickelung im einzelnen für ungünstig zu halten. Die Hauptsache ist, daß das unbedingt notwendige Interesse für den Schutz der Kin- der überall tatkräftige Vertretung findet.
Jedenfalls sehen wir in Deutschland ebenso wie anderswo mehr und mehr die Frage nach dem Schutz der Kinder vor Grausamkeiten in den Vordergrund des Interesses treten. Und das ist von jedem Freunde menschlicher Entwickelung und Kultur freudig zu begrüßen.
politische Rundschau,
D^titscbee Reich,
♦ Gegen den Bund deutscher Militäranwärter hatte kürz- lich der preußische Kriegsminister einen geheimen Er la^ aerichtet, der durch eine Indiskretion an d:e öeifentWui fam und dabei scharf kritisiert wurde. Jetzt nimmt bu ministerielle „Berl. Korrespondenz" das Wort und fühlt aus t>af> der Erlast durch die Agitation des Bund^, ins. besondere aber seines Organs, der „Zeitung des Bunde, deiitscher Militäranwärter", gerechtfertigt war. Die Au... lassiing sagt ferner: „Mag der Bund sich auf seine Satzuw gen berufen, mag die im allgemeinen nicht zu bezweifelnd« Legalität seiner Mitglieder unter anderem dadurch bewiesen sein daß sich der Berliner Zweigverein einstimmig den, Reichsverbande gegen die Sozialdemokratie angeschlosten