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Nr. 212.

Erstes Blatt.

Samstag, den 9. September 1905.

14. Jahrgang

ZrsrrtiovSpreiS: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- Hessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Hauptexpedition: Gießen, Seltersweg 83.

Fer«sprecha«schluß Nr. 363.

ÄbouuemeutSpreiS: abgeboit monatlich bi) Vf». in's HauS gebracht b0 Pfg., durch dje Post bezogen vierteljährl. Mk. 1.50. Gratisbeilage«: Qberhesfiscke Familie«zeitu«g (täglich) und die Gießener Seife«blase« (wöchentlich).

^as ^lütt alaeint an alle« Werttagen nachmittags.

(Gießener Hagevratt)

Anabhängige Hageszertung

(Gießener Bettung)

für Dberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizemmtes Gießen und anderer Behörden von Oberheiien.

Aufruhr in £ohiö.

Die Enttäuschung über die nach der Volksmeinung ge­ringen diplomatischen Erfolge Japans in der Friedenskon­ferenz hat zu heftigen Unruhen in der japanischen Residenz geführt. Viele Tausende von aufgeregten Menschen veran­stalteten lärmende Demonstrationen auf den Straßen, so daß es zu Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht kam und Blutvergießen nicht vermieden wurde.

Leider flackerte auch der Fremdenhatz mächtig auf. Ein Volkshaufe brannte zehn christliche Kirchen und die Schule einer Missionsgesellschaft nieder. Der Grund für diese An­griffe auf die Fremden ist in der von Agitatoren verbrei­teten Legende zu suchen, die europäischen Staaten hätte.! auch diesesmal wie bei dem Frieden von Shimonoseki Japan um den Preis seiner kriegerischen Erfolge gebracht. Den äußeren Anlaß zu den Unruhen gab die Verhaftung von fünf die Massen beeinflussenden Männern, die heftig gegen die Regierung gehetzt hatten. Eine Protestversammlung wurde am Mittwoch veranstaltet, zu der sich hunderttausend Menschen einfanden, welche umflorte Nationalflaggen trugen. Die von der Polizei errichteten Absperrungen wur­den einfach zerstört. In erregten Reden wurde die Fort­setzung des Kampfes mit Rußland gefordert. Der jetzige Frieden sei eine Schande für die Nation. Den Kaiser wollte -man durch eine Petition bitten, den Friedensvertrag nicht zu ratifizieren.

Als die Leute den Park verließen, hörten sie, daß Graf Katsura und der Polizeipräfekt Adachi sich im Hause des Ministers des Innern befänden; sie griffen darauf das Haus an und schossen darauf. Die Menge gebrauchte gegen die Polizei Messer und Stöcke; tausende von Studenten hatten sich den Aufständischen angeschlossen. Bewaffnete Männer drangen in den Palast Katsuras ein und suchten nach dem Minister. Die Minister hatten sich aber bereits unter dem Schutz von Kavallerie in den Palast des Mikado begeben, da­durch entging Katsura dem ihm Zugedachten Lose. Gegen Abend wurde der Lärm auf ^en Straßen immer größer. Der Palast des Ministers des Innern wurde gänzlich demoliert. Nach einer Reihe von Demonstrationen griff der Volkshaufen an, fegte die Polizei fort und schlug die Torwege ein. Polizei und Dienstpersonal leisteten kräftigen Widerstand; doch die Tumultuanten schwärmten um sie her, drangen in das Palais ein und brannten es nieder. Schließlich gelang es der Polizei, wenigstens soweit Ruhe zu schaffen, daß die übrigen Ministerhäuser unzerstört blieben. Zweihundert Personen wurden verhaftet, jedoch zum Teil wieder frei­gelassen, da man die zu erwartenden Szenen bei der ge­planten gewaltsamen Befreiung vermeiden wollte. Soweit bekannt geworden ist, wurden bei den Angriffen auf das . Haus des Ministers des Innern eine Person getötet und 14 I tödlich verwundet. Einer der Aufrührer sagte, man habe ; das Haus niedergebrannt, um die Aufmerksamkeit des ! Kaisers darauf zu lenken, daß das Volk mit den Friedens- - bedingungen unzufrieden sei; man wünsche, daß er sich wei­gere, den Friedensvertrag zu ratifizieren.

; Die Unruhen wiederholten sich am Donnerstag, so daß : öcr Mikado den Belagerungszustand für Tokio anordnete. Stadtkommandant Sakuma erließ eine Bekanntmachung, worin er das Volk auffordert, sich von den Aufrührern fern halten. Ein kaiserlicher Ukas ermächtigt ferner den Grafen Katsura, alle Zeitungen zu unterdrücken, welche die öffentliche Ordnung stören. Das heißt also, die gesamte oppositionelle Presse kann suspendiert werden. Daraufhin ist der Zeitung Niroku bereits das Erscheinen verboten wor­den. Fortwährend durchziehen Haufen von Demonstranten die Straßen, man befürchtet die Einäscherung von weiteren Gebäuden. Um die aufgeregte Menge anscheinend zu be­ruhigen, wird von Newyork aus die Nachricht verbreitet, es existiere noch ein Geheimvertrag mit Rußland, der Japan große Vorteile sichere. Doch findet bi: Meldung keinen Glauben.

Trotzdem aus den schon angeführten Gründen die Er­bitterung gegen die Europäer ziemlich groß ist, ist kein Frem­der getötet worden, obwohl mehrere Mißhandlungen vor­gekommen sein sollen. Doch werden die ausländischen Ge­sandtschaften militärisch bewacht. Mehrere von ihnen, so die britische und russische, sollen angegriffen worden sein. Die allgemeine Erregung war gestern noch groß, Gar^^truppen und Kavallerie gehen gegen die Menge vor.

s^ie im Auslande lebenden japanischen Dipl omaten sind der Meinung, die Regierung werde bald mit den Tumultuan­ten fertig werden, es handele sich nur um eine vorüber­gehende Erscheinung.

politische Rundschau.

Deutsches Reid).

In den aufständischen Gebieten von D-iüsch-Südwest. afrika hat das allgemeine Vorgehen gegen Xenons Witbcn begonnen. Die Truppen haben am 25. August den Vor­marsch angetreten. Die Abteilungen Estorfs und ^ngerte erreichten nach Säuberung des Nananib- und Hanam-

Platèaus die Linie KleinfonteinChamis. Der Marsch über die mit Felsgeröll bedeckte, von tief eingeschnittenen Schluchten durchzogene Hochfläche war außerordentlich schwierig. Die Truppen fanden tagelang kein Wasser. Sie mußten daher teilweise die Pferde zum Tränken nach dem Leberfluß zurücktreiben. Vor der Front wichen mehrere kleinere Hottentottenbanden nach Westen zurück. Eine stär­kere, auf etwa 150 Reiter und 200 Fußgänger geschätzte Bande mit zahlreichem Vieh überschritt die Linie Gorab- Duwisib in nordwestlicher Richtung und wandte sich in Höhe von Nam nach Westen. Sie wird vom unteren Gorab aus durch die Abteilungen Maercker und Meister unter dem Be­fehl des Majors Meister verfolgt. Die Abteilung Koppy, verstärkt durch die 7. Batterie der Abteilung Lengerke, mar­schiert von Numis über Namtob auf Sinclair-Mine zur Säuberung des Tiras-Gebirges und der Arnab-Berge. Das Hauptguartier der deutschen Truppen verbleibt in Chamis. Hendrik Witboi hat erst vor kurzem in einem Briefe erklärt, er denke nicht an Friedensschluß und Unterwerfung.

Aus Teutsch-Ostafrika kommt die Meldung über ein Ge­fecht. einer kleinen Abteilung der Schutztruppe gegen die Aufständischen. Der deutsche Führer der Truppe fiel, die schwarzen Soldaten aber schlugen sich zu ihrem Bestimmungs­orte durch. Ueber den Kampf wird berichtet, daß Sergeant Thiede, der von Liwali zum Entsatz von Songea mit zwölf schwarzen Soldaten ausgesandt war, mit seinem schwarzen Feldwebel am 26. August fiel. Die übrigen elf Soldaten erreichten Songea in guter Ordnung. Der Telegraph zwischen Kilwa und Lindi ist serf^"'

* Dein Verueymen nach ist die Einrichtung eines selb- ständigen Kolonialamtes geplant. Das selbständige Amt soll einen Staatssekretär, einen Unterstaatssekretär und einen Direktor erhalten. Der engere Verkehr zwischen dem Auswärtigen Amt und dem projektierten Reichskolonialamt soll dadurch gepflegt werden, daß je ein Dezernent von beiden Aemtern als vermittelnde Persönlichkeit dient.

»

* Im Monat August hat die Preissteigerung der wichtig­sten Lebensrnittel in Deutschland eine weitere Aufwärtsbe­wegung erfahren. Alles ist teurer wie im Vorjahre, im Gegensatz zu benachbarten Ländern. In Frankreich stehen die Preise durchweg unter denen des Vorjahres. Fleisch hat in Frankreich gegenüber 1904 eine erhebliche Verbilli­gung erfahren: für 1 Kilogramm wurden im Durchschnitt für alle Sorten 1904 1,79 Franken bezahlt, 1905 dagegen nur 1,65 Fr. Speck ging von 1,78 Fr. 1904 auf 1,70 Fr. im laufenden Jahre zurück. Butter notierte 1904 für 1 Kilogramm 2,94 Fr. gegen 2,79 Fr. im Jahre 1905.

Aehnlich Belgien.

Die

ist die Bewegung der Lebensmittelpreise in

*

Berliner Stadtverordneten-Versammlung be­sieh mit der Fleischteuerung. Einstimmig wurde

schäftigte , , , .

beschlossen, einen deutschen Städtetag einzuberufen, auf web

chem eine gemeinsame Kundgebung gegen die Fleischteuerung erfolgen soll. Ebenso wurde die weitere Beratung der An­gelegenheit in einer gemischten Deputation angenommen.

Frankreich,

** Der deutsche Gesandte Dr. Rosen, der über die Ma­rokko-Angelegenheiten verhandeln soll, hatte bereits eine Zu­sammenkunft mit dem Ministerpräsidenten Rouvier, bei der auch der deutsche Botschafter Fürst Radolin anwesend war. Wie verlautet, umfassen die jetzigen Verhandlungen den Konferenzort, die Anleihe, die Mole von Tanger und die Grenzpolizei. Als Konferenzort stände Tanger und eine Stadt in Südspanien in Frage.

Cngland,

Die in denTrade Unions" organisierten englischen Arbeiter hielten in Hanley einen Kongreß ab, auf dem dic Zollfragen einer lebhaften Besprechung unterzogen wurden. Die Gewerkschaftsvertreter nahmen schließlich mit sehr großer Mehrheit eine Resolution an, daß jede Abweichung von den Grundsätzen des Freihandels den Interessen der arbeitenden Klassen schädlich sei. Die Annahme dieser Re­solution wird in Londoner Blättern als Beweis dafür be- trachtet daß die häufig aufgestellte Behauptung, die arbeiten­den Klassen neigten der Zollpolitik Chamberlains zu, unbe­gründet sei.

Spanien»

** Da die Urheber des Bombenattentats in Barcelona bisher nicht entdeckt sind, erheben sich heftige Anklagen gegen die Behörden. Die Regierung beabsichtigt deshalb, die Po­lizei in Barcelona zu reorganisieren und zu vermehren. Die vereinigten Präsidenten der verschiedenen Vereine in Barcelona haben beschlossen, auf Kosten der Vereine ein Polizeikorps zu gründen und eine Liga gegen die Anarchisten zu bilden. * - -

Niederlande*

** Die Regierung gibt amtlich Kenntnis von einem äs­tigen Kampfe in Riederländisch-Jndien zwischen holländi­schen Truppen und Eingeborener!. Im Lande der Gaius

Soldaten verwundet. Die Angreifer wurden zuruckge,chlagen und hinterließen 41 Tote.

Ruföland,

* Die Greuelszenen in Baku sind durch einen vorläufsgkll Friedensschluß zwischen Armeniern und Tataren beendet;'es tragt sich nur, wie lange dieses Abkonnnen anhält. Der an- gerichtete Schaben ist enorm, die Feuersbrunst in dem Raphthagebrete ist nicht zu löschen, die Betriebe brennen aus. In Baku und anderen Städten wurde ein surchtba -es Blutbad angerichtet. Ueber tausend Personen sind getötet, mehrere Tausende sind verwundet. Der angerichtete Scha­den wird auf 500 Millionen Rubel geschätzt. Die armeni­schen und christlichen Arbeiter, stellenweise auch'das Milii ir, waren von Tataren umzingelt. Auf dem Grubenterrain in Balakany, wo eine beträchtliche Streikraft mit Artillerie zusammengezogen war, entstand eine wahre Schlacht. Ban­den, die in einem Hospital verschanzt waren, wurden mit Gewehrfeuer und Bajonett vertrieben; andere Banden grif­fen das Militärlager und das Vorratsdepot an, wurden aber durch Truppen zurückgetrieben. Balakany ist vollständig ausgebrannt; die Tataren schleppten alles, was nur den ge­ringsten Wert hat, fort. Bibi-Eibat brennt noch. Vielfach töteten sich die Armenier gegenseitig, um den furchtbaren Grauwmkeiten der mohammedanischen Bevölkerung zu ent­gehen. Armenische Männer töteten ihre eigenen Frauen, um sie vor mohammedanischen Verfolgern zu retten. An­gesichts der Ereignisse in Schuscha, Baku und anderen Orten erbat General Schirinkine vom Statthalter die Genehnii- gung, in elf von den Truppenstandorten abgelegenen Be­zirken eine Landmiliz aufstellen zu dürfen, um mit dieser, bie von Offizieren und Unteroffizieren der Lokaltruppen befehligt werden soll, die Wohnstätten der Arnrenier schützen zu können.

Amerika.

** Ter Präsident Castro in Venezuela geht weiter gegen die französische Kabelgesellschaft Dor. Castro hat den Leiter der französischen ^abcIgefeUfdxift Brun ausgewiesen, weil dieser gegen den Erlaß, daß das Kabel geschlossen werden sollte, Protest erhoben hatte.

beer und flotte

Die Kaiscrparadc von Homburg. Bei Nieder-Eschbach nahm der Kaiser die Parade über das 18. Armeekorps ab. Der Kaiser in der Uniform seines hessischen Regiments Nr. 116 war im Automobil auf das Paradefeld gefahren, die Kaiserin mit der Kronprinzessin zu Wagen, eskortiert von einer Eskadron des bayerischen Ulanen-Negiments Kaiser Wilhelm II. Am Paradefelde angelangt, ritt der Kaiser an der Spitze der Fahnenkompagnie auf das Feld, übergab die neuen Fahnen mit einer Ansprache den Kommandeuren und ritt dann die Front der Kriegervereine ab. Beim Vor- beimarsch führte der Kaiser sein hessisches Regiment, sein badisches Regiment Nr. 110 und sein bayerisches 1. Ulanen- Regiment. Die Prinzessin Friedrich Karl führte in Uni­form das Füsilier-Regiment (hessisches) Nr. 80. Nach Schluß der Parade ritt der Kaiser an der Spitze der Fahnenkom­pagnie und Standarten-Eskadron zwischen dem Kronprin­zen und dem Prinzen Eitel-Friedrich nach Homburg zurück.

Soziales Leben.

3= Begründung eines Fravcnstifts. Der VerlagsbLch- Händler Adolf von Marks in Petersburg stiftete für die Er­richtung eines Altfrauenstifts in Stettin 160 000 Mar?^

=f= Fleisch-Vertriebsgenossenschaft. 76 Fleischermeister aus Kassel und Umgebung haben eine Aktiengesellschaft be­gründet zur Herstellung und zum Vertrieb von Fleisch-, Wild- und Geflügelkonserven und Wurstwaren, lohne zum Verkauf von Fleisch in frischem und bearbeitetem Zustande.

Daö Grundkapital beträgt 152 000 Mark.

JVah und fern.

t Hochwasser und Überschwemmungen. Starke Regen­güsse haben im südlichen Teile des Harz viel Unheil ange­richtet. Besonders sind auch im Rhumetal in Hannover große Ueberschwemmungen vorgekommen. In Bad Lauterberg ist die Oder aus den Ufern getreten und hat an dem Neu­bau der Wehrbrücke arge Verwüstungen angerichtet. Bks Herzberg hinauf bietet der Lauf der Oder ein Trümmer­feld' Die Nhume hat auf Feldern und Aeckern arge Ver­wüstungen angerichtet. Es sieht im Nhume- und Leinetale trostlos aus. .... - ..,

+ Blutiger Ueberfall. In Greiz iiâerriel ein früherer Nessortchef der Firnka Frisch und Gulden den Prokuristen im Comptoir und versetzte ihm mit einer geschlissenen drei­eckigen Feile zehn Stiche. Das Gesicht des Ueberfallenen

völlig zerfetzt die Nasenwurzel ist verletzt, und außer- bmk^hak m lebensgefährliche Sticheln Brust und Nucken. Es liegt ein Racheakt nor. Der frühere Beamte, i er rote, berjolt wegen Nervenerkrankung in Behandlung war, inhrte