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^^. Mr. 58

Donnerstag, den 9. März 1905

14. Jahrgang

H«ferti»«-pre1S t Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober* Hessen, die Kreise Wetzlar *nb Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Nedaktion u. HauptexpMüoU: Gießen, SelterSweg 83. Ker«fprechtmschl»ß Nr. 86».

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Das Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.

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Ilnabhängige Tageszeitung

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(Hießener Weitung)

für Oberheffen und die Kreise MarMrsi und Wetzlar; Kokalanzetger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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Das Cliquenwesen.

Im Reichstag würde es am Dienstag wahrscheinlich recht stürmisch geworden sein, wenn er nicht gar so schwach besucht gewesen wäre, und wenn man die manchmal mehr als derben Worte des sozialdemokratischen Abgeordneten Zubeil für etwas anderes als den Ausdruck übler Laune gehalten hätte. Herr Zubeil zauste an Herrn Dr. Mugdan l>erpm, weil dieser in einer früheren Reichstagssitzung vom dem Cliquenwesen in den Krankenkassen gesprochen hatte, wo namentlich die Sozialdemokraten bei der Aerztewahl nur Parteigenossen bevorzugten, überhaupt eine Herrschaft ausübten, die sittlich verwerflich sei, und ihre Entscheidungen nach Gunst träfen.

Es soll hier gar nicht erörtert werden, ob Dr. MugdanZ Behauptungen zutreffend waren. Es sei nur festgestellt, daß Mp Zubeil ganz Aehnliches von den Krankenkassen be- Hanptete, deren Vorstände der freisinnigen Richtung ange- Hör«n. Die bloße Tatsache ist lehrreich, daß zwei Parteien von einander das Nämliche behaupten, jede der anberen das gcämliche zum Vorwurf macht, jede für sich als Recht wenn

auL) nur in der Abwehr in Anspruch nimmt, was sie bei der anderen als Unrecht bezeichnet und empfindet.

Cliquenwesen ist in der Tat ein böses Ding. Es unter­miniert die Gesellschaft, es hebt die Gerechtigkeit auf, setzt die Willkür auf den Thron, läßt das Verdienst der Gunst unter-

liegen. Glücklicherweise ist nicht alles das Cliquenwesen, was so genannt wird und was so scheint. Der Verdacht der- . größert und vergröbert, so daß selbst das Zulässige sich in boß'm Lichte zeigt. Am meisten aber versündigen sich die uigenbbolbe, die für andere ein überstrenges Sitten­gesetz aufstellen, das gar nicht innegehalten werden kann und dessen Innehaltung auch gar nicht gut wäre, bloß um über die Verderbnis der Welt mit ihrer Ausnahme, na= Oirlich schmähen zu können. Solch ein Tugendbold mochte gern nicht nach seinen Theorien beurteilt sein, sondern nach lieft Ansprüchen, die er an die Tugend der anderen stellt. Ik ist in seinen Anforderungen maßlos, damit man ihn erst gar nicht auf seine Praxis prüfe, die vielleicht auch einer nur bescheidenen Anforderung nicht genügen würde. Welchen Vorm haben kürzlich die Pharisäer erhoben, als bei Aus­schreibung einer privaten Bcamtenstelle der Ausschreibende Ingle, daß er einem früheren Corpchtudenten den Vorzug geben würde! Warum der Lärm? Der Ausschreibende ist vermutlich selbst Corpsbursche gewesen und sagte sich, daß leimen Ansprüchen am sichersten ein Mann gleicher Erziehung und gleicher Anschauungen genügen würde. Er hat nur zweckmäßig gehandelt: er hat vermieden, daß Meldungen von Personen kamen, die von vornherein ungeeignet waren.

Handelt es sich um öffentliche Stellen, namentlich Staats­stellen, so muß natürlich die bessere Qualifikation allein aus­schlaggebend sein. Doch auch hier bleibt ein gewisser Spiel- Irnnm. Es ist nur menschlich begreiflich und ganz einiomib*

frei, daß unter sonst gleichen Umständen die Wahl zwische-r gleichbewerteten Bewerbern durch persönliche Bekanntschaft, durch zuverlässige Empfehlung, die sogar eine indirekte sein kann, bestimmt wird. Feldmarschall Graf Moltke pflegte zu sagen:Wenn ich von zwei Bewerbern um eine Stelle den einen selbst kenne und ihn für nur eben geeignet halte, der andere aber mir von dritter ^eite durch ein dickes Eichen­brett gelobt wird, so gebe ich jenem den Vorzug. Bei ihm weiß ich. moran ich bin; mit den Augen eines anderen kann ich nicht sehen." Niemand wird auf den Gedanken kommen, daß der große Feldmarschall Stellen nach Gunst vergeben hätte; niemand wird demnach bestreiten, daß man der per­sönlichen Bekanntschaft Einfluß einräumen kann, ohne un­gerecht zu werden.

Man hat oft darüber geklagt, daß unter den Verwal- tungsbeamten der ehemaligen Corpsstudenten so mele seien. Diese, hieß es, münden bevorzugt. Im Zusanunenhang damit sprach man von Cliquenwesen. Man hat Unrecht h.' mit. Ein solcher Vorwurf dürfte nur erhoben weroen. nach­dem der Beweis erbracht worden, daß untaugliche Bewerber die Stellen erhalten haben, wo taugliche zurückgewiesen wor­den sind. Und das müßte so häufig geschehen sein, daß die Entschuldigung mit unvermeidlichen Fehlbeurteilungen aus­geschlossen wäre. Der Nachweis ist nicht erbracht, ist nicht einmal versucht worden. Darum sollte man auch mit dem Urteil Zurückhalten, das unbegründet genannt werden muß, da ein Verdacht noch lange keinen Beweis abgibt. Unsere höheren Beamten rekrutieren sich naturgemäß, unseren staatlichen und gesellschaftlichen Gewohnheiten entsprechend, in der Regel aus den Kreisen, die ihre studierenden Söhne bei Corps eintreten lassen. Sollten diese deshalb in ihrer Karriere zurückgestellt werden? Das wird billigerweise nie­mand verlangen. Es ist selbstverständlich, daß die Bekannt- schaft aus der Studentenzeit nachwirkt, ganz in dem Sinne des oben angeführten Moltkeschen Ausspruchs.

Was würde denn geschehen, wenn man von allen per­sönlichen Beziehungen völlig absehen, wenn man alle Mensch­lichkeiten das Wort in seiner besten Bedeutung un­bedingt ausschalten wollte? Es wäre nur noch Raum für den ödesten Schematismus, die Anziennität allein bliebe entscheidend und höchstens noch das Los, der Würfel! Man braucht das bloß .auszusprechen, um die Unmöglichkeit und Unerträglichkeit eines solchen Verfahrens zu erkennen: der älteste Richter wind Reichsgerichtspräsident, der älteste Offizier wird Generalfeldmarschall . . . .!

Gewiß kommen Menschlichkeiten, auch in weniger idealer Bederitung, jetzt wie zu allen Zeiten vor. Gewiß kann es Bevorzugungen und Zurückstellungen geben, und gewiß ist das eine wie das andere zu beklagen. Aber besser noch diese unvermeidlichen Flecken und Schönheitsfehler, als die Herrschaft des Schematismus, des Maschinenwesens. Fehl­griffe lassen sich korrigieren, gegen eine Mißwirtschaft kann

man Vorstellungen erheben wer dürfte es unternehmen, einer Maschine Vernunft zu predigen oder einem Schema ins Gewissen zu reden?

Die Mirren in Russland wollen nicht enden. Kaum ist an einem Ort bw Ruhe not­dürftig wiederhergestellt, flackert das Feuer des Aufstandes oder der offenen Rebellion an einer anderen Stelle wieder um so lebhafter auf. Waren es gestern die Arbeiter, die sich auflehnten, sind es heute die Bauern. Fanden die Fahnen der Revolution bisher unter den Studenten der Universitäten ihren eifrigsten Zulauf, so treten jetzt auch die Schiiler der höheren Lehranstalten in die aufrührerische Bewegung ein, Schülerrevolte in Kntais.

Diese neueste, nur aus russischer Eigenart, nur aus ruf» fischen Verhältnissen sich erklärende Erscheinung hat in Kutais bereits zu blutigen Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht geführt. Von dort wird über Tiflis telegraphisch be­richtet:

200 Realschüler beantworteten die Nachricht von der Einstellung des Unterrichts mit Hurrarufen, Pistolen­schüssen, der Entfaltung roter Fahnen und zogen unter lärmendem Unfug über die Boulevards und durch die Hauptstraße. Altersgenossen aus bem Stand der Handels­gehilfen schlossen sich ihnen an. Die zügellose Jugend schoß auf die Patrouillen, schleuderte Steine gegen sie, auch aus den Fenstern wurde auf die ^ofafen geschossen.

Nach unseren Begriffen sind solche Vorkommnisse einfach unmöglich und undenkbar. Dieselben Worte haben eben in Rußland und bei uns nicht immer denselben Sinn. Wenn m Rußland, namentlich im Südosten ^iropas, von Schülern die Rede, ist, so darf man nicht an unsere Gymna­siasten denken. _ Körperlich früh vollständig ausgereift, sind jene nur einer sehr lockeren Schuldisziplin unterworfen. Sie fühlen sich als Männer, auch ihren Lehrern gegenüber, und zeigen oft eine erstaunliche Zügellosigkeit, von der die obige Reibung eine Probe gibt.

Wer Rußland kennt, wird sich nicht wundern, daß jetzt wieder die dort zu außerordentlicher Fertigkeit gebrachte Kunit geübt wird, eine vorhandene Mißstimmung von ihrem ursprünglichen Ziel abzulenken und der Unzustiedenbeit eine Beute förmlich zuzuwerfen. Wie die gewöhnlichen Mittel der Massenverhastungen undadministrativen Verschickungen^ versagen, so wird immer mit erstaunlichem Geschick die Mög­lichkeit gefunden, der sich regenden Zerstörringsunck sofort er­reichbare Objekte auszuliefern. Wer in Rußland die Order ausgibt:Schlagt!", der darf unbedingten Gehorsams sicher sein, wenn er nicht hinzuzufügen vergißt, wer ge- schlagerr werden soll.

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Der Eselsmütter und die Falschmünzer.

Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H. Alle Rechte vorbehalten.

9) (Nachdruck verboten.)

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C «fjNfMeine Frau und acht Kindlein wollen essen," er- . Härte der Förster.Woher nehmen? Mein ältestes ist ) Mölf Jahre. Himmel, wenn die des morgens früh Hunger haben und ist nichts da . ."Na, Esels- Mller, davon weißt du nichts! Da wird aus dem treuesten Beamten ein Schurke. Da verschreibt man sich dem Teufel, nur daß die Kinder Brot haben. Balzer, Kerl, wisfen Sie nicht auch ein Liedlein da­von zu fingen ?"

Ja, ja, erwiderte seufzend Balzer, er spürte so ein bis­chen das gute Frühstück.Ja", Förster, sprach er,Ihr habt recht, könnte ich meiner Frau und meinenWürmern" wie

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Fhc Eure Kinder nanntet, reichlich Brot verschaffen, ich wollte gern mein Leben dafür lassen."Kinder haben und sie hungern sehen, mein Gott, das tut weh."Fort, Förster," ruf jetzt der Eselsmüller," Mehl kommt heute uoch 'nauf, auch ein Schinken nebst einigen Würsten." ^Der Oelkrug wird auch leer sein, wie bei der Witwe Sarpta."Schicke dir also Ecbsen, geschälte Gerste und Hafer zur Suppe mit."Aber.cster! Hirschbraten Isoll gut schmecken, ich hätte Lust, mal einen zu essen. Bist doch wirklich ein Esel", sprach der Förster . . ." Ialzer hört nichts mehr", sprach, ihn unterbrechend, der Eselsmüller. Der arme Kerl hatte Hunger, der ^ocdhäuser hatihnWeinselig" gemacht."Ec schlummert letzt,laß ihn ruhen". Er und seine Kinder sollen nicht mehr hungern, ich versorge sie." Der Förster wollte ihm noch sagen, daß der liebe Gott dem Eselsmüller alle diese, den Armen erzeigten Wohltaten segnen tourde. Jedoch der Eselsmüllec konnte dieses nicht ver­tragen, deshalb schob er schnell den Förster zur Türe hinaus.

Jetzt ging er nach seinen Eseln, dann sah er das Wasser zu den Mehlgängen na w. Die Hauptsache aber war, er schaute aus nach Rüsseler aus Nuttlar, den Leinwandhändler. Dieser blieb ihm viel zu lange aus. Endlich sah er von Rennkirchen denselben herunter kommen. Mit eigentümlichen Gefühlen sah er ihn der Mühle sich nähern. Ec ging wieder in die Wohnstube, wo Balzer eingeschlafen war, und erwartete daselbst den Rüsseler. Es verging noch eine halbe Stunde, ehe derselbe da war. Diese wollte er noch ausnutzen. Ec weckte den Balzer und sprach:Höc mal, Du gehst heim, die Weiden lasse ich dir nachbringen, meine Esel tragen sie leichter als Mr." Laß sie deshalb nur ruhig liegen; der Förster mag dann glauben, es habe sie ein anderer geholt. Gehst Du jetzt hin und willst sie mit­nehmen, dann gibt es ein Unglück. Der Förster hat sich sicher irgendwo versteckt, um Dich abzufangen". Weißt Du was?Ich gebe Dir zwei Laib Brot, eine Wurst und ein Stück Schinken, ein Teil Mehl nimmst Du auf deine Schulter und dann gehst Du ruhig heim. Der Vorteil ist klar, Du hast für dich, deine Frau und Kinder einige Tage Nahrung. Der Förster sieht aber, daß Du die Weiden hast liegen lassen und ohne dieselben heimgehst. Er geht dann ebenfalls heim. Nachher lasse ich die Weiden holen und Dir bringen". Der Eselsmüller sprach gerührt:Balzer, vergebt alles, was ich vorher gegen Euch ausgesprochen habe . . .Still Balzer", währte er ab, als Balzer ihn unterbrechen wollte,komm so oft Du Mangel hast, Dir soll in Zukunft nichts mehr fehlen, wenn Du mir nur gelegentlich ein klein wenig gefällig bist.Dieses sage und verspreche ich Dir, so gewiß ich der Esels­müllec bin".Eselsmüllec, hier ist meine Hand", rief begeistert Balzer;für Euch gehe ich durchs Feuer." Ist nicht nötig, Du Narr, geh nur jetzt heim, über­morgen komm wieder zu mir", damit schob er ihn zur Türe hinaus. Draußen übergab Peter dem Balzer das vom Eselsmüller versprochene Brod, Mehl usw.

Dann eilte ec frohlockend heim zu den hungernden Seinigen.

Gerade kam jetzt dec Leinwandweber Rüsseler um die Waldecke auf die Mühle zu. Der Eselsmüller setzte sich gemütlich in seinen Lehnstuhl und erwartete den Ankömmling. Rüsseler trat ein.Guten Tag Eselsmüller!"Guten Tag Rüsseler", so war die Be­grüßung.Nun, Rüsseler, wie waren die Geschäfte?" forschte der Eselsmüller.Schlecht, Eseismüllec", gab dieser zur Antwort,schlecht schlecht."Schlecht, sagte gedehnt der Eselsmüller,"was soll das heißen?" Nun, ich habe sehr wenig verkauft, den größten Teil der Leinwand, Bildzeug und Damast habe ich in Elber­feld müssen liegen lassen. Der Verkauf war fast nicht nennenswert", erzähte Rüsseler.Wie kam das?" frug der Eselsmüller.Sonst hat Dir die Warenmenge nicht genügt, es mußte stets durch Fuhrwerk nachge­bracht werden . . ."Ich weiß es selber nicht, ent­gegnete Rüsseler, wie es ist. Wo ich hinkam, hieß es, augenblicklich keinen Bedarf. Sogar alte gute Kunden nahmen mir nichts ab."Nun, und dieBrabanter"

forschte der Eselsmüller weiter.

schlecht," erwiderte Rösseler.

Auch damit ging es

In Remscheid und Lüden-

scheid wäre ich beinah verhaftet worden, weil man arg­wöhnte, einzelne Braunschweiger, welche ich ausgegeben, seien nicht ächt. Meine dortige Bekanntschaft und Un­erschrockenheit, rettete mich vom Gefängnis. Es ist nicht mehr geheuer dort," so berichtete er weiter.Rüsseler", sprach hierauf etwas bitter dec Eselsmüller, ich glaube Du fängst an, deine Rolle zu wechseln. Früher warst Du der gesuchteste Leinwandhändler bis über Köln hinaus. Schon deine vorige Reise war nichts wert. Entweder mache es wie früher, oder höre ganz auf."Eselsmüllec", rief jetzt empört der Rüsseler,bin ich etwa dein Knecht?"Nein nicht Knecht, sondern noch zehnmal weniger," so entgegnete mit Spott der Esels­müller.

(Fortsetzung folgt.)

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