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Nr. 7.

Montag, den 9. Januar 1905.

14 Jahrgang.

Jxfertio«Svre1S: Die einspaltige PetitzeUe für ganz Ober- heften, die Kreise Wchlar «nd Marburg 10Pfg. sonst 16 Pfg. Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Hauptexpâitionr Gießen, Gelter-weg 88.

Ser»sprecha«fchl«ß Nr. 86Ä,

Gie Kencr

Ab»»«e«e«tspre1S: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's HauS gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljâhrl. Mk. 1.50.

GrätiS-eUa-em : Oberheffifche Familienzeitung (täglich) und die Gießener Seifenblasen (wöchentlich).

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Deuche Nachrichten

(Gießener Gngevrâ Unabhängige Tageszeitung (Gießener Iettnng)

für Oberheffen und die Kreise Marburg mrd Wetzlar; Lokalauzeiger für Metzen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Grokh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Vie Zukunft Deutsch - Südwestafrikas.

Von kolonialkundiger Seite wird uns geschrieben: Gene- ralleutnant v. Trotha hat aus eine Eingabe der Windhuker Bürgerschaft, die um eine feste Besatzung bat, eine ablehnende Antwort erteilen müssen, weil die volle Kriegsmannschaft, wie er sich wörtlich ausdrückte, zur Vernichtung der auf­rührerischen Stämme notwendig sei. Hieran' knüpft die heimische Presse teilweise sehr unfreundliche Bemerkungen über die Haltung unserer Feldtruppe in den Kolonien, und es wird hierbei mit besonderem Nachdruck darauf hingewiesen, daß die Eingeborenen zu den Kolonien gehören, wie das Pferd zu dem Reiter. Indes darf man die Worte eines Sol­daten nicht mit dem Feingewicht des Logikers und des Stilisten messen. Ein Krieger ist ein Mann der Tat und nicht ein Mann des Wortes. Wir glauben kaum, daß Gene­ralleutnant v. Trotha von einer Vernichtung der einge­borenen Stämme schlechthin, d. h. von einer restlosen Ver­tilgung sprechen wollte, sondern von einer Vernichtung, d. h. einer völligen Auflösung bet* feindlichen Kriegsverbände. Diese aber ist ebenso notwendig, wie ein grundsätzlicher Rasse­krieg ein unverzeihlicher Fehler wäre.

Eine Niederwerfung der Eingeborenen ist unbedingt er­forderlich, weil durch einen ohne die völlige Zertrümmerung der feindlichen Kraft geschlossenen Frieden die Unruhen nur vertagt, aber nicht beseitigt würden. Durch die Unter­drückung des Aufstandes verändert sich unser ganzes Ver­hältnis zu den Eingeborenen. Selbst Oberst Leutwein hat sich neuerdings dahin geäußert, daß das Schutzverhältnis durch das Untertanenverhältnis zu ersetzen sei. Durch dieses Schutzvertragssystem sind die Eingeborenen die Herren des . Landes, wenn wir aber richtig kultivieren wollen, müssen wir Herren des Gebiets sein. Der Schwarze ist Nomade;

d. h. er treibt sein Vieh dort zur Weide, wo die reinen Naturkräfte ohne Zutun des Menschen eine Vegetation g-r- fchaffen haben. Der Nomade ist unstät und schafft keine ®ulh iranlagen. Unsere Tätigkeit aber gvbt darauf aus, die Menschheit fest anzusiedeln und an die Stelle der völligen Indolenz die Entfaltung der persönlichen Kräfte im engen Rahmen einer durch Arbeitsteilung zugewiesenen besonderen 1 Tätigkeit zu fetzen.

Dazu aber ist allen gegenteiligen Meldungen zum Trotz unsere Kolonie völlig fähig. Etwa 75 Prozent des Landes ist bebauungs- und besiedelungsfähig, etwa 40 Prozent sogar ohne besondere Anlagen für die Wasserbeschaffung. Auf Grund dieser Feststellung hat man berechnet, daß etwa 5000 Farmen eingerichtet werden können, Äe alle lebensfähig sind. In Wirklichkeit aber bestehen nur etwa 500 Farmen in den Kolonien. Mit dem erforderlichen weißen Personal, mit den Geschäftsleuten und mit der Beamtenschaft bietet I also Deutsch-Südwestafrika eine Aufnahmefähigkeit für viele Tausende von weihen Ansiedlern sofern das Reich sich entschließt, den Landgesellschaften die Konzessionen zu ent­ziehen und durch eine Wertzuwachssteuer, wie in Kiautschau, dafür gesorgt wird, daß das Land nicht für Spekulations­zwecke mißbraucht wird. Die Basis für eine gesunde Ent- ? Wickelung der Kolonien ist auch dadurch geschaffen, daß vier Banken in den verschiedenen Schutzgebieten mit einem Ge- samtkapital von fünf Millionen Mark arbeiten und zwar Banken, hinter denen die Dresdener, die Deutsche Bank und die Diskontogesellschast stehen. Wenn diese Strategen des Geschäftslebens sich für die Kolonien interessieren, dann Hüften diese lebensfähig sein. Der Krieg aber, der uns die j ipSv^ien als erobertes Land überliefert, wird uns die Mög- ru einer zweckmäßigen Besiedelung geben. Vielleicht blüht auch neues Leben aus den Ruinen. -

Nach Meldung Generals v. Trotha hatte Major Meister ; am 2 / 3- und 4. Januar hartnäckige Gefechte beim Vor- ! von Stamprietfontein bis Groß-Nabas. Mit dieser j . ist ^scheinend Gei-Nabakarus gemeint. "^^bas wurde nach fünfzigstündigem Kampf genommen. fDer Feind war 1000 Mann stark, darunter nach Aussage .Gefangener Friedrich Mahartt^t 250 Herero.

Der Krieg in Öftesten.

Die russische Garnison hat Port Arthur verlassen. Die Mannschaften sind vorläufig in Dalny und Umgegend inter­niert, ehe sie nach Japan in Kriegsgefangenschaft geführt werden, die Offiziere, die auf Ehrenwort freigelassen wur­den, bereiten sich auf die Rückkehr nach der Heimat vor Die Shaner aber zögern noch, ihren Einzug in die so lange be­stürmte Feste zu halten. Ein unheimlicher Gast ist in deren Straßen und Häuser eingezogen, der' den Eroberern vor­läufig noch den Eintritt wehrt.

Der Typhus in Port Arthur.

Port Arthur ist total verseucht und die Japaner würden ^roße Gefahr laufen, wenn sie ohne geeignete Vorsichtsmaß­regeln ihren Einzug hielten. Aus Tokio wird darüber ge- Meldet:

In Port Arthur herrschen Typhus und andere an­steckende Krankheiten; der ganze Ort und die Einwohner müssen vor denl Einmarsch der Japaner desinfiziert werden

Die Japaner müssen eben ihre Ungeduld, in den Besitz der ersehnten Beute zu gelangen, zügeln. In der Zwischen­zeit beginnen sie schon damit, auf allen Zufuhrstrecken Ma­terial heranzuführen, um den

Ausbau der Festungswerke von Port Arthur ungesäumt in die Wege zu leiten. Sie haben die Absicht, Port Arthur zu einer uneinnehmbaren Feste umzugestalten. General Nogi hat seit Monaten chinesische Arbeiter anwerben lassen, die sofort mit der Reparatur der Befestigungswerke von Port Arthur beginnen sollen. Gewaltige Zement- und Bauholzlager finb zu diesem Zweck am Jalu eingerichtet worden, und in Japan liegen Stahlplatten und andere zum Festungsbau notwendigen Materialien zur Verschiffung be­reit. Port Arthur stärker zu machen, als es jemals war, glauben die Javaner um so leichter erreichen zu können, als sie durch die Belagerung alle Mängel in der russischen Ver­teidigung kennen lernten. Obgleich sie der Ansicht sind, daß geraume Zeit verstreichen wird, ehe Rußland in der Lage sein dürfte^ die Stadt wieder zu belagern, menn es dazu überhaupt jemals kommen sollte, werden in der Stadt doch Vorräte an Munition, Lebensmitteln und Lazareftbedürf- nissen in solcher Menge aufgehäuft werden, daß dis neue Garnison eine Belagerung auf Jahre hinaus auszühalten imstande sein würde.

Im Hafen von Port Arthur befinden sich zur Zeit nur zehn brauchbare russische Schiffe. Diese wurden von den Russen benutzt, um von den ge­sprengten Kriegsschiffen wieder an Land zu gehen. Der Hafen ist durch die gesunkenen Kriegsschiffe fast völlig ge­sperrt, und es ist gefährlich, durch die Minenfelder Schiffe hindurch zu bringen. Bei dem Mangel an Tauchermaterial konnten die gefundenen Schiffe bisher noch nicht untersucht werden.

Die Blockade.

Die Einnahme von Port Arthur hat am Fortbestand der Blockade bisher nichts geändert, trotzdem diese jetzt offiziell als aufgehoben bezeichnet wird. Der Sonderberichterstatter desDaily Telegraph" machte mit dem eigenen Dampfer einen Versuch, sich Port Arthur zu nähern, wurde aber von dem gegenwärtig aus zehn Torpedobooten und einigen Kreuzern bestehenden Geschwader in aller Forni benach­richtigt, daß die Blockade einstweilen unverändert fortbestehe. Handelsschiffe dürfen sich nicht über eine Linie von 20 See­meilen der Küste nähern.

Ein Telegramm des Admirals Kataoka meldet, daß die nach Tschifu und Kiautschau entsandten Schiffe auf ihre Stationen Zurückgekehrt seien, nachdem sich die Komman­danten überzeugt hatten, daß die nach den bärtigen Häfen geflüchteten russischen Torpedobootszerstörer völlig ° des- armiert wären.

Eigenartig berührt es, daß die großen Erfolge der Ja­paner in einer Adresse des Repräseillantenhauses an den Mikadoden großen Tugenden des Kaisers" zugeschrieben werden.

Bei den Hauptarmeen

ist seit einigen Tagen wieder ein heftiger Geschützkampf im Gange. Ein bei der Armee des Generals Oku befindlicher englischer Berichterstatter behauptet, daß die Russen viele neue schwere Geschütze in Position gebracht haben und seit dem Falle Port Arthiws unaufhörlich feuern. Seit sechs Wochen habe man auf der ganzen Linie ein derartiges schweres Feirer nicht vernommen. Wie General Ssacharow meldete, wurde am 5. Januar auf dem rechten Ufer des Hun ho beim Dorfe Kudiatse, 9 Werst nördlich vom Dorfe Syfontai eine japanische Streifwache aufgehoben, die aus einem Offizier und 5 Mann bestand. Der Offizier und ein Mann wurden beim Bajonettkampf getötet, die übrigen vier 'Dragoner und die sechs Pferde fielen in Gefangenschaft. An demselben Tage kehrte eine russische Streifwache zurück, die zusammen mit einigen anderen am l. Januar die Eisen­bahn bei ^aitfärng zerstört hatte. Später hatte sie in der Unkgegend von Niutschwang den japanischen Feldtelegraphen zerstört.

Die japanische Herrschaft in Korea wird von Tag zu Tag mehr akzentuiert. Infolge der neu­lichen Unruhen ist jetzt auch die Polizeigewalt den Koreanern entzogen worden. Der japanische Militärkommandant in Söul hat wegen der herrschenden ungeordneten Zustände an­geordnet, daß in Zukunft japanische Gendarmen den Poli­zeidienst versehen sollen und daß alle Ausländer, ebenso wie die Koreaner, ihnen zu gehorchen haben. Diese Bestimmung wurde den fremden Gesandten durch den japanischen Ge- fanbten mitgeteilt.

Eine neue Version der Hnller Schießaffäre wird von dem russischen Admiral Dubassow vor der Pariser Kommission vertreten werden. Japanische Kundschafter seien mit Erfolg bemüht gewesen, dänische Piloten zu ge­winnen, um mehrere Schiffe der Ostseeflotte in den dänischen Gewässern zum Scheitern zu bringen. Eclair will wissen, daß Roschdjestwensky diese Piloten an Bord gefangen hielt, während verläßliche Personen den Pilotendienst besorgten. Aus Berger setzten nachher die Japaner den Torpedoairgriff bei Hull ins Werk. Die Geschichte nurb immer dunkler.

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_Die Politik. -

oT Von Berliner Finanzkreisen ist die Nachricht verbreitet worden, daß der deutsch-österreichische Handelsvertrag perfekt und unterzeichnet ist. Me Nachricht hat einige Wahrschein­lichkeit für sich, da die eigentlich schwebenden Fragen aus diplomatischem Wege ihre Erledigung gefunden habw,

A Nachdem bereits durch die Haltung der Verwaltung der Zeche Bruchhausen in der Frage der Seilfahrt die Er­bitterung unter den Arbeitern geweckt worden ist, wird neuer­dings die Lage durch die Verweigerung der Hausbrandkohlen kompliziert. Deshalb ist zum mindesten ein Lokalausstand, wenn nicht ein Generalstreik im Grubenrevier sicher zu er* warten. Es liegen hierüber folgende Meldungen vor: Zu» nächst fand in Langendreer eine Bergarbeiterversammlung statt, in welcher beschlossen wurde, am Sonnabend nicht anzu­fahren, falls die Abgabe von Hajusbrandkohle verlneigert werde. Da das geschah, so weigerte sich die Morgenschicht. kmzufahren. Auch die Mittagsschicht fuhr nicht ein. Doch bleibt der Ausstand vorerst auf die Zeche Bruchstraße be­schränkt, da die Arbeiter auf Vorschlag ihrer Führer das Einigungsamt anrufen wollen, damit es den Frieden ver­mittelt. Das Einigungsamt hat das Recht, die Parteien unter Androhung einer Geldstrafe von 100 Mark zur Ver­handlung zu laden, es hat aber keine Befugnisse, seinen Spruch unter Zwang durchzuführen. Es kann lediglich, um durch die öffentliche Meinung einen Druck auszuüben, den Spruch nebst Begründung veröftentlichen. Hoffentlich ge­lingt es, den Ausstand auf seinen Herd zu beschränken.

1" Ein neuer oldenburgischer Thronprätendent ist aufge-» taucht und will die Anerkennung seiner Rechte im Klage­wege vom Großberzog erzwingen. Es ist Graf Welsburg, ein Sohn des Herzogs Elimar von Oldenburg.

Oeftardcb-Ungam,

Die Tschechen planen in Forrn, einer Interpellation über die angebliche Depesche des Kaisers Wilhelm an Dr. Körber, worin er seinem Bedauern über dessen Rücktritt ausgesprochen haben soll, eine deutschfeindliche Kundgebung-

afrika.

cf Ueber Paris wird eine neue Niederlage der Truppen des Sultans von Marokko gemeldet, und zwar soll bei Udscha die neue Schlacht geliefert worden sein. Die Truppen des Prätendenten wurden zunächst geschlagen, zogen sich aber nach einem schon vorher ausgewählten Punkt zurück, wo Verstärkungen bereit standen. Als die Negierungstrnppen die Fliehenden verfolgten, gerieten sie in diesen Hinterhalt und wurden vollständig aufgerieben. Der Verlust an Toten und Verwundeten beträgt 400 Mann.

Amerika.

4= Die Vereinigten Staaten haben ein Ultimatum jm Venezuela ergehen lassen, wonach eine starke Flotte die Hä­fen voir La Guaira, Puerto Cabella und Macaraibo be­setzen und vielleicht auch einen Truppmtransport nach Ca- raccas abschicken wird, wenn nicht die aus dem Jahre 1903 restierenden Forderungen erfüllt und für die Ausweisung eines amerikanischen Bürgers Genugtuung geleistet wird.

Dos und Gesellschaft.

Das Testament der Herzogin Alexan- d r i n e v o n S a ch s e n ° K o b u r g - G o r h a ist jetzt ver­öffentlicht. Zum Universalerben ist der Herzog Karl Eduard eingesetzt. 200 000 Mark sind zu einer Stiftung bestimm^ hiernach dein Gatten der verstorbenen FürstinErnst-Stif- ümg" heißen soll. Weitere 200 000 Mark sind zum besten Don Witwen unter dem NamenErnst-Alexandrinen-Süf- tung" ausgesetzt und 120 000 Mark zur Errichtung eineâ Volksbades in Koburg. - prinz Ludwig von Bayern.

München, 7. Januar.

Prinz Ludwig von Bayern, der künftige König des Landes, vollendet heute sein 60. Lebensjahr. Aus diesem Anlaß sind ihm von den fürstlichen Familien des In- und Auslandes Glückwünsche in reicher Zahl eingegangen; durch besondere Herzlichkeit und Wärme zeichnen sich die freund- lichen Wünsche des beutfdj.cn Kaisers und des Kaisers von Oesterreich aus. Für das bayerische Land aber ist der hur­tige Tag ein besonderer Festtag, denn toenn das bayerische Haus im allgemeinen schon eine große Volkstümlichkeit ge­nießt, so ist Prinz Ludwig von Bayern wohl unter allen die beliebteste Persönlichkeit mcgcn der Schlichtheit seines Ails- tretens und seines lebhaften Interesses für alle Interessen der Bevölkerung. Seine Persönlichkeit iinb sein Denken hat er im Vorjahre selbst am besten gekennzeichnet, als er die Notwendigkeit einer modernen Anschauung betonte. Prinz Ludwig ist in der Tat eine durchaus moderne Persönlichkeit. Selbst praktischer Landwirt und Besitzer eines wahren Mustergutes, ist er doch vorurteilslos genug, um auch die Interessen des Handels und der Industrie zu fördern. Ins^