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Nr. 289

Freitaq, den 8. Dezember 1905

14. Jahrgang

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(Gießener Gagevtatt)

Anavyängize Tageszeitung

(Gießener Zeitung)

für ObsVhesseu und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheske«.

Deutschlands auswärtige politih.

Reichskanzler Fürst Bülow hat die erste ihm darge­botene, vielleicht sogar von ihm selbst ein wenig herbeigeführte 'Gelegenheit benutzt, dem Reichstag über die auswärigen Be­ziehungen Deutschlands näheren Aufschluß und damit eine Erklärung zu der Thronrede zu geben, mit der die Reichstags­session in vergangener Woche eröffnet worden ist. Die un­umwundene Wahrheitsliebe der Thronrede, die ohne Schminke die Dinge nach der Natur zeichnete und sie bei ihrem richtigen Namen nannte, hat auch der Rede des Reichskanzlers den Stempel aufgedrüclt. Vor dem deutschen Volk und vor aller Welt hat Fürst Bülow in großen und festen Umrissen die "Lage gezeigt, so wie sie wirklich ist, nicht pessimistisch, aber auch ohne verlogene Schönfärberei.

'Nicht durchaus befriedigend" nannte Fürst Bülow die Lage, weilVerstimmungen erst überwunden und neue zu be­fürchten sind." _ Dabei exemplifizierte der Reichskanzler ganz ausdrücklich auf England, wowir jetzt mit einer tiefgehenden Abneigung der öffentlichen Meinung gegen uns zu rechnen haben," während die Beziehungen von Negierung zu Ne­gierung korrekt sind. Erst in allerjüngster Zeit haben ernste englische Kreise den Versuch unternommen, diese bedenkliche Spannung zu beseitigen. Der Versuch ist dankenswert, und man mag ihm gern vollen Erfolg wünschen. Aber der Er­folg gehört der Zukunft an. Einstweilen ist diebedenkliche Spannung" noch vorhanden, einstweilen ist das wechselseitige Verständnis zwischen den Völkern Deutschlands und Englands noch unterbrochen.

Das ist, was Fürst Bülow über unsere Beziehungen zu 'England sagte. Mit gleicher Deutlichkeit beleuchtete er unser 'Verhältnis zu Italien und Osterreich-Ungarn, unsere Stellung im Dreibund, den nicht sentimentale Regung, sondern prak­tisches Bedürfnis hat entstehen lassen. Den Frieden auf der Grundlage des Status quo zu erhalten, ist des Dreibunds Wille, weil es seiner Mitglieder Wille ist. Italien wie Oesterreich-Ungarn haben ans dem Dreibund Gewinn und bedürfen seiner; Deutschland sieht in ihm eine willkommene "Unterstützung seiner Friedenspolitik, ohne auf ihn angewiesen !zu sein, da es für sich allen stark genug ist, selbst ohne Bundesgenossen jeder Koalition die Spitze zu bieten.

Die nächste Betrachtung des Reichskanzlers galt den Verhältnissen in Ostasien.Daß durch den neuen japanisch­englischen Vertrag unsere Stellung in Ostasicn berührt werben sollte, ist bisher nicht anzunehmen." Man braucht 'nicht besonders hellbörig zu sein, um aus diesen Worten zu 'entnehmen, daß es als in der Möglichkeit liegend betrachtet wird, Japan und England, richtiger England durch Japan möchte die Räumung von ^iautfdjou auf Grund der Be­stimmungen des Friedensvertrages von Schimonoseki ver­langen, die jede Besitzergreifung chinesischen Gebiets durch eine europäische Mach: untersagen. Nicht zu England, aber zu Japan hat Fürst Bülow das Vertrauen, es werde seinen !neugewonnenen Platz unter den Großmächten durch eine ver­trauenerweckende Politik festigen und sichern, es werde nicht vertragsmäßige und wohlbegründete Rechte verletzen wollen.

Von Japan zu Rußland ist nur ein Schritt. Unser Ver- h en Rußland gegenüber charakterisierte Fürst Bülow in negativer Weise. Kein Angebot, feine Intervention, keine Ratschläge l Ins Fabelreich gehören alle Ausstreuungen, die etwas anderes sagen. Sache der Russen allein ist es, was sie in ihrem Lande tun wollen, von uns aus ist keine Ein­mischung denkbar. Daß die Unruhen auf unser Gebiet nicht übergreifen, dafür ist gesorgt.

Ausführlich ging der Reichskanzler auf die Marokkosrage ein. Er bemerkte zwar, daß er neue Tatsachen vorzuführen nicht in der Lage sei; aber ein kundiger Mann kann über eine Sache gar nicht sprechen, ohne zu belehren und Auf­schlüsse zu geben. Die Marokkoangelegenheit ist durch die Rede des Fürsten Bülow erst in das volle Licht gerückt, das Urteil darüber jedem Zweifel entzogen worden. Deutschland verfolgt in Marokko kein Sonderinteresse, will keine territoriale Erwerbung, nur Wahrung unserer wirt- . schaff liehen (Gleichberechtigung und Achtung vor unseren politischen Beziehungen zu dem selbständigen scherifischen Reich. England konnte durch sein vorjähriges Abkommen mit Frankreich seine Desinteressierung zugunsten Frankreichs aussprechen, aber deutsche Rechte konnte es nicht ausheben. Wollte Frankreich auf Grund des Abkommens mit England Sonderrechte in Marokko erwerben, die mit dem Meist­begünstigungsrecht anderer Staaten nicht in Einklang waren, so mußte es dazu die Zustimmung Marokkos und dieser anderen Staaten gewinnen.

Diejen Rechtsstandpunkt haben wir in entgegenkommender, freundlicher Haltung eingenommen und gewahrt. Wir haben auch erlangt, daß eine neue Marokkokonferenz unter Beteiligung aller interessierter Staaten berufen wird, und auf dieser Konferenz werden wir alles, was recht und billig ist, auch weiter vertreten, unbekümmert um Neid, Haß und Mißgunst, die sich gegen die deutsche Politik und ihre Friedensliebe richten.

Deutscher Reichstag.

(7. Sitzung). CB. Berlin, 7. Dezember.

Nach der hochgehenden Erregung, die der Schluß der gestrigen Sitzung hervorgerufen hatte, setzte die heutige ziemlich matt ein. Der Staatssekretär des Reichsmarineamts von T i r p i tz eröffnete den Reigen der Redner, um die Flotten- Vorlage zu begründen. Er vermied es geflissentlich, auf die Politik der Parteien nur mit einem Worte einzugehen. Er setzte auseinander, daß die neuen Erfahrungen, namentlich die des russisch-japanischen Krieges, eine Aenderung des gesetzlich bei uns festgelegten Flottenplanes notwendig erscheinen lassen. Große Schiffe, schwere Artillerie, mehr Torpedo­boote, infolge dessen auch mehr Personal sind erforderlich, wenn unsere Marine ihren Aufgaben im Kriege und im Frieden genügen soll. Denn auch im Frieden ist es von großer Be- deutung, für den Schutz des Handels zur See ordentlich ge­rüstet zu sein, weniger im einzelnen Falle, als wegen des allgemeinen moralischen Eindrucks. Das gelte wie von den eigentlichen Forderungen für die Marine auch für die Verbreiterung des Kaiser Wilhelm-Kanals, die schon durch den größeren Umfang der Handelsschiffe bedingt würde. Der Staatssekretär hofft auf ein Zustandekommen der Flotten­vorlage, d'e nach allem was er gehört und gelesen hat, eine günstige Aufnahme bei den meisten Parteien findet. Nach dem Staalsiekretär sprach Bebel zunächst über die aus­wärtige Politik in oppositionellem Sinne; wenn er recht hat, ist alles schlecht, und es wäre vorzüglich, wenn man auf die Sozialdemokraten hören wollte oder gehört hätte. Der Kanzler habe nicht recht, wenn er von einer tiefgehenden Abneigung des englischen Volkes gegen uns spreche, die Abneigung bestehe nur in einzelnen Kreisen. In einem Kriege mit Englmid würden wir alle unsere Kolonien innerhalb vierzehn Tage verlieren. Trotz dieser Auffassung stimmen aber die Sozialdemokraten den Marineforderungen nicht zu. Bebel kritisierte die Flotten- Vorlage und die Reichsfinanzen, letztere insbesondere wegen der Belastung der inneren Bevölkerung sehr scharf, aber im wesentlichen sachlich und trocken. Am Anfang und am Schluß seiner Rede war er temperamentvoller, erregte manchmal Heiterkeit und manchmal Widerspruch, ohne doch einen größeren Eindruck zu erzielen. Während er noch im vorigen Jahre gesagt hatte, in der Not würden es die Sozialdemo­kraten nicht an sich fehlen lassen, sagte er hellte am Schlüsse seiner Rede, sie würden es sich noch sehr überlegen, ob sie sich an der Verteidigung des Vaterlandes beteiligen sollten, wenn das Vaterland nicht so eingerichtet würde, daß sie es freudig tun könnten. Es läßt sich denken, daß der preußische Finanzminister Freiherr von Rheinbaben im Beginne seiner folgenden Rede zunächst diesen Ausspruch festnagelte. Ferner polemisiert der Minister unter dröhnendem Beifall und großer Heiterkeit der Rechten gegen die Sozialdemokraten und gegen die Auffassung, daß die ärmeren Bevölkerungs- schichren übermäßig belastet seien. Frankreich habe nach einem unglücklichen Kriege für die Ordnung seiner finanziellen Ver­hältnisse 556 Millionen aufgebracht. Da werde wohl Deutsch­land zu gleichem Zivecke nach 30 Jahren des Friedens und einer glänzenden wirtschaftlichen Entwicklung die Hälfte auf­bringen können. Nach dem Minister legte Freiherr von R i ch t h o f e n den Standpunkt der Konservativen dar.

Der erste Cag der Gtatsdebatte.

(Bon unserem parlamentarischen Mitarbeiter.)

Berlin, 7. Dezember.

Die gestrige Reichstagssitzung erfordert angesichts der Bedeutung, die sie namentlich "durch den Schluß erhielt, ein nochmaliges Eingehen. Es war eine merkwürdige und denk­würdige Sitzung, deren Anfang und Ende Reden des leiten­den Staatsmannes bildeten, eine Sitzung, in der Enttäuschung und Ueberraschung wechselten und die mit einer gewaltigen Steigerung ausklang, wie ein ergreifendes Drama.

Die Enttäuschung brachte, das darf nicht verschwiegen werden, die einleitende Rede des Reichskanzlers. Der Kanzler berührte keine eigentlich politische Frage, er erwähnte nicht die auswärtigen Angelegenheiten, ja nicht einmal die mit auf der Tagesordnung stehende Flottenvorlage und eben­sowenig den Etat; er beschäftigte sich lediglich mit der Reichs- sinanzreform, die er für die Hauptsache hielt. Er begründete sie nicht nur unter allgemeinen Gesichtspunkten, stellte nicht nur in großen Zügen dar, was fr bezwecke, sondern erging sich, wie ein Ressortminister in Einzelheiten, und das steht ihm nicht gut zu Gesicht. Man mußte staunen, wo er die Zeit hergenommen hatte, das reiche Material zusammen zu suchen, aber man merkte der Rede zu sehr die Arbeit an, die ihre Vorbereitung gekostet hatte, man spürte den Aktenstaub, was sonst beim Kanzler nicht einmal der Fall ist, wenn er Akten verliest. Fand Fürst Bülow immerhin noch völliges Gehör, zuletzt, als er etwas wärmere Töne anschlug, sogar auf der Rechten lebhaften Beifall, gegen dessen Berechtigung nur wenige Zischer protestierten, so lichteten sich bei ben Ausführungen des Freiherrn von Stengel die Reihen der Zu­hörer in bedenklichem Maße. Er machte es ihnen aber auch gar zu schwer aufzupassen, indem er so leise sprach, daß es offenbar schon wenige Schritte von der Rednertribüne nicht

mehr zu verstehen war. Schließlich standen etma ein Dutzend Abgeordnete vor ihm, die vielleicht erfahren haben, was er eigentlich sagte, wer sonst Interesse dafür hat, muß auf : das Erscheinen des stenographischen Berichtes märten. Lebhaf­ter wurde die Stimmung, als nachher der Abg. Fritzen für das Zentrum das Wort ergriff. Die vorher verschwundenen Abgeordneten strömten wieder in den Saal, und nicht lange dauerte es, da hatte der Sprecher der ausschlaggebenden Partei das Ohr des ganzen Hauses. Herr Fritzen gehört nicht zu den Rednern großen Stils, aber er hatte gestern i seinen guten Tag, er sprach gewandt und deutlich, imb faßte, 1 was er vorzubringen hatte, geschickt zusammen und verstand Wichtiges von minder Wichtigem so hervorzuheben, daß es niemanden entgehen konnte. Seine Ausführungen riefen denn auch lebhafte Bewegung hervor.

Den Höhepunkt aber erreichte die Sitzung erst mit der zweiten Rede des Kanzlers, der alsbald dem Wunsche des Abg. Fritzen nachkam, und sich über die Auswärtige Politif äußerte, so weit er sich glaubte äußern zu dürfen. Der; Kanzler sprach, ganz von dem Ernste seiner Aufgabe erfüllt; mit rückhaltloser Offenheit, in äußerst energischem, aber niemand verletzendem Tone. Daß er nicht viel neues sagte, liegt auf der Hand; viel neues kann bei der Bedeutung, die die Presse in allen Ländern gewonnen hat, überhaupt in keinem Parlamente mehr gesagt werden. Aber manches bekam durch die (Gruppierung ein neues Gesicht, und dann wurde doch manche tatsächliche Mitteilung, die man schon hier oder da gelesen, erst dadurch, daß der Kanzler sie hier vorbrachte, zur Tatsache erhoben. Es ist ein anderes, ob man es in Artikeln, die der Regierung nahe stehen, findet oder ob der verantwortliche Leiter der Politik offiziell verkündet, daß ge­wisse Verstimmungen überwunden, nie aber zu befürchten sind. Wie der Kanzler später die Entstehung unb Entwicklung der Marokkofrage mit plastischer Klarheit schilderte, wie.: er entschieden den Rechtsstandpunkt Deutschlands wahrte, ohne den Rechten anderer zu nahe zu treten, das war ein; Meisterstück. Mit Spannung lauschten die Vertreter des Volkes, lauschten das Publikum auf den Tribünen der Rede, der bedeutendsten vielleicht, die Fürst Bülow im Reichstage überhaupt gehalten hat. Kein Ton des Widerspruchs wurde laut, wohl aber begleitete der lebhafte Beifall aller mög­lichen Parteien die Ausführungen, ein deutliches Zeichen, daß in diesen Fragen der auswärtigen Politik das ganze demsche Bürgertum mit der deutschen Regierung einig ist.

Gin neues Attentat.

Wieder hat in Rußland ein neuer Anschlag eine der an der Spitze der rückschrittlichen Richtung stehenden Persönlich­keiten dahingerafft. Der frühere Kriegsminister Sacharow ist von einer Frau ermordet worden. Es handelt sich nicht um eine Privatrache, sondern die Tat geht von der revolutio­nären Partei aus.

Ueber die näheren Umstände der blutigen Tat liegen bereits ausführliche Nachrichten vor. i

Der General als Wüterich.

Als General Kuropatkin nach dem ostasiatischen Kriegs­schauplätze abging, war General Sacharow an seiner Stelle zum Kriegsminister ernannt worden. Er vermochte die Des­organisation der Armee nicht zu hindern und nahm im letzten Sommer seinen Abschied. Neuerdings war er in die Provinzen entsandt, um dort die Unruhen zu unterdrücken. Er bewies dabei eine anßerordentiliche Strenge und ließ viele Auf-! ständischen nach Belieben auspeitschen ober erschießen. Diel, Zentralleitung erließ gegen ihn nun ein förmliches Todes­urteil und betraute ein weibliches Mitglied mit der Vollstreckung,

Die Tat der Mörderin.

In Saratow erfolgte die Ausführung dieses Befehles. Ans Petersburg wird darüber berichtet:

In der Wohnung des Generals Sacharows er­schien eine schöne, junge Frau und Verlangte, zum General geführt zu werden. Sacharow, ein bekannteri Lebemann, trat heraus, um die Frau zu empfangen. Sofort zog diese einen Revolver und traf den General dreimal in den Kopf, so daß der Tod auf der Stelle eiutrat. Die Mörderin wurde entwaffnet und ins Gefängnis gefüll t. Sie betrachtete ihr Opfer mit Befriedigung und erklärte, daß sie nur das Urteil der fliegenden Kampfabteilung" der sozialrevolutionären Partei vollstreckt habe.

Welche Folgen diese neue Bluttat nach sich ziehen wird, ist vorderhand nicht abzuseben. Jedenfalls steht schon fest, daß die Erregung dadurch eine weitere Steigerung er­fahren hat.

Die Reaktion an der Arbeit.

Immer stärker mehren sich die Anzeichen, daß die dem Reformwerk feindlichen Elemente eifrig an der Arbeit sind, die Konstitution zu hintertreiben. Den Mittelpunkt dieser, Bestrebungen bildet nach wie vor Durnowo, der Minister des Innern. Es wird darüber aus Petersburg gemeldet:

Im Ministerrate empfahl Durnowo, bis auf den Standpunkt des August-Manifesteszurückzugehen. Witte> ist entschieden gegen das allgemeine Wahlrecht. Auch über.