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Nr. 211.

Freitag, den 8. September 1905.

14. Jahrgang

2«sertio«Spreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­hessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

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Ker«sprecha«schl»ß Nr. 368.

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Meue^le Machrichten

(Ht-ßener Gagevla«) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)

für Oberhefim und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Betr : Beurlaubung des Großh. Kreisveterinärarztes Neunhöffer in Grünberg.

Bekanntmackuna.

Der Gr. Kreisveterinärarzt Neunhöffer in Grün­berg ist von heute ab bis zum 16. L Mts. beurlaubt und wird während dieser Zeit bei Dienstgeschäften so­wie in der Ausübung der Fleisch-Oberbeschau in den Orten Ruppertenrod, Ober-Ohmen, Ermenrod, Groß- Felda (mit Klein-Felda und Schellnhausen), Zeilbach, Kestrich und Windhausen von dem stellvertretenden Kreisveterinärarzt Dr. Hofmann in Alsfeld, bei Dienst­geschäften und in der Oberbeschau in den übrigen Orten seines Bezirks von dem stellvertretenden «ssistenzveterinär- arzt Dr. Fauerbach in Homberg a. O. vertreten.

Alsfeld, den 5. September 1905.

Großh. Kreisamt Alsfeld.

Dr. M e l i o r.

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KailermanÖvcr 1905.

(Von unserem Spezialberichterstatter.

Krieg im Frieden. Der große Generalstab. Das dies­jährige Manöver. Die Truppenformationen. Das Ge­lände. Die Paraden. Die Kriegslage. Hilfsmittel und Neben-Veranstaltungen.

Der moderne Krieg stellt Massen einander gegenüber. Massen ringen um den Sieg, Massen müssen bewegt werden, Massen sind zu verpflegen und auf gedrängten: Raume unter- zubringen. Tie Erfordernisse des Krieges sind bestimmend für die Form der Friedensübungen. Zur gleichmäßigen Durckchildung der gesamten Armee finden deshalb in geord­netem Wechsel von Truppe und Gelände jährlich Manöver großen Stils zwischen zwei oder mehreren Armeekorps statt. Unter des Kaisers Augen vollziehen sich, zusammengedrängt auf 45 Tage, diese Kriege im Frieden als Proben 00m Friedensfleiß der Truppen.

Schon im zeitigen Frühjahr beginnt der Große Ge­ne r a l st a b seine Riesenarbeit, die sich nach und nach unter Heranziehung aller Kommando-, Verwaltungs- und Ver- kehrsbehörden bis zum Gegenüberstehen zweier Armeen mit der Hand am Säbelknauf verdichtet; ein Räderwerk mit Schwungrad und tausenden von Rädern und Rädchen, keinS zu klein und zu unwichtig, um entbehrlich zu sein. Die Anlage dieser großen Uebungen ist besonders schwierig, weil mit kriegsmäßig formierten Truppenmassen zu rechnen ist, aber aus unumgänglichen Friedensrücksichten zum Ansatz und Auslauf der Bewegungen beider sich gegenübertretender Ar­meen der dem Ernstfälle entfpredfenbe Raum nicht bean­sprucht werden kann. In diesem Jahre werden das 8. Ar­meekorps (Coblenz) unter General der Kavallerie von Deines und das 18. Armeekorps (Frank­furt a. M.) unter Generalleutnant von Eichhorn ma­növrieren. Beide Armeekorps haben Zuteilungen an Jn- fanterie, Kavallerie und Artillerie von anderen Armeekorps erhalten und finb mit diesen Zuteilungen auf annähernd gleiche Stärke gebracht worden; das 8. Korps umfaßt dem­nach 34 Bataillone, 40 Eskadrons, 36 fahrende Batterien, worunter 6 Feldhaubitzen, 2 reitende Batterien, 2 Maschinen- gcwehrabteilungen, 4 Kompagnien Pioniere und 3 Kom- pagnien Train; das 18. Korps 37 Bataillone, 40 Eskadrons, 35 fahrende Batterien (3 Feldhaubitzen), 3 reitende Batte­rien, 2 Maschinengewehrabteilungen, 4 Kompagnien Pio­niere, 3 Trainkompagnien. Für die Kaisermanöver wird die Kavallerie kriegsmäßig zu Kavallerie-Divisionen formiert, eine Formation, die im Frieden sonst nur beim Gardekorps bereits besteht. Zum 8. Armeekorps tritt die Kavallerie- Division A, aus der 34., 15. und 14. Kavallerie-Brigade, ber reitenden Abteilung des Feldartillerie-Regiments Nr. 8, den Maschinengelnehrabteilungen 10 und 11 und einer Pio­nierabteilung des 8. Pionierbataillons bestehend, zum 18. Korps die Kavallerie-Division B mit der bayerischen 4., der 28. und 25. Kavallerie-Brigade, der reitenden Abteilung des Feldartillerie-Regiments Nr. 11, den Maschinengewehrabtei­lungen Nr. 2 und 3 und einer Pionierabteilung vom 21. Pionier-Bataillon.

Die Kanermanöver beginnen am 12. September und werden sich bis zum 15. September im Gelände zwischen Frankfurt a. M. und Coblenz bewegen. Wie immer gehen dem Manöver Paraden der beteiligten Korps vor dem Kaiser voran; die Parade des 18. Armeekorps wird am 8. Sep­tember vormittags 9 Uhr bei Nieder-Eschbach, 4 Kilometer von Homburg v. d. H., die des 8. Armeekorps zur gleichen Stunde am 11. September beim Bahnhof Urmitz nordwest­lich Coblenz stattfinden. Tie sogenannteallgemeine Kriegs­lage", die ihre Gültigkeit während des ganzen Manövers bis zu deren Abschlusse beibehält und aus der heraus die täglich sich veränderndenbesonderen Kriegslagen" für jede Armee herausgegriffen werden, wird den beteiligten Ar­meeführern und gleichzeitig der Presse erst bekannt gegeben, wenn das Manöver seinen Anfang nehmen soll.

Jedenfalls darf das eine aber vorausgesagt werden, daß das Manöver viel Interessantes bieten wird. Die Anteil­

nahme von 30 Mitgliedern des deutschen freiwilligen Auto­mobilkorps, die Verwendung von Brieftauben, die laut Ab­kommen mit dem Kriegsministerium seitens dreier Frank­furter Privatzüchter gestellt werden, die ausgiebige Be­nutzung aller modernen Verkehrs- und Nachrichtenmittel (Rad, Motorrad, Nachrichten- und Lastautomobile, Nach­richten-Fesselballon, Funkentelegraphie, Winkerflaggen, Feld­telegraph) und nicht zuletzt die Erprobung gewisser dem russisch-japanischen Kriege entnommener Erfahrungen dürften viel an der besonderen Gestaltung des diesjährigen Kaisermanövers mitwirken.

Neben den eigentlichen militärischen Aktionen gehen an­läßlich der Anwesenheit des Kaiserpaares und heimischer und fremder Fürstlichkeiten, sowie der großen Zahl fremdherr­licher Offiziere verschiedene, die in der Manövergegend gewiß stark erwachte Schaulust befriedigende Veranstaltungen her. So wird, wie üblich, in Homburg und Coblenz das land­ständische Kaiserdiner, ferner am 8. September abends in Homburg, am 11. in Coblenz der große Zapfen­streich von sämtlichen Militärkapellen stattfinden, außer­dem am 9. September in Homburg die Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. und schließlich am 10. Sep­tember ein Feldgottesdienst.

JVIittel ftandspolitik.

In allen Tonarten vernehmen wir seit geraumer Zeit, daß das Handwerk schon längst keinen goldenen Boden mehr hat, daß es vielmehr danieder liegt und als Stiefkind um ferer Politik behandelt wird. Wehrhafte Männer in allen Lagern predigen diese Erkenntnis, und von der Rednertribüne des Parlaments wird immer unb immer wieder verkündet: dem Handwerk müsse geholfen werden. So kam allmählich Bewegung in die Massen; Verbände wurden gegründet; Versammlungen wurden abgehalten. Das nächftliegenbo Ziel müsse die Organisation des Handwerks und im weiteren Sinne des gesamten Mittelstandes sein; nur ber Organi­sation verdanke die Arbeiterschaft die sozialpolitischen Er­rungenschaften der letzten zwanzig Jahre, nur ihr der Bund der Landwirte die Aenderung der deutschen Zollpolitik im rgrarfreundlichen Sinne. So entstanden denn der Bund ber Handwerker und die Mittelstandsvereinigung; so entstanden weiter nach schnell eingetretenen Differenzen > der Hand­werkerbund und der Mittelstandsbund. Das Ziel soll das gleiche sein; nur der VK" auf dem man es zu erreichen ge­denkt, ist verschieden, beide Gründungen noch in den Kinderschuhen stecken, ist.es schwer zu sagen, welcher der Vor­zug zuzubilligen ist. Sie befehden einander im Kleinkriege und stehen nur zusammen bei Mittelstaitdssragen von ein­schneidender Bedeutung. Sagen die Gegner der ganzen so­genannten Mittelstandspolitik den: Mittelstands b u n b c mit dem Handwerkerbund nach, er segele im Schlepp­tau der beutjeben Reformpartei, so hat sich andererseits durch Indiskretion des ehemaligen Geschäftsführers der Mittel­stands Vereinigung mit dem Bunde der Hattdwer- ker herausgeslellt, daß diese von: Bunde der Landiuirte pekuniär unterstützt wird und naturgemäß auch bei Wahlen mit diesem geht . . . Die Regierung läßt bei jeder Geleg.'n- Heit erklären, daß sie der Mittelstandsbewegung wohlwollend gegenüber stehe, daß ihr die Interessen dieser Gruppen des deutschen Volkes sehr am Herzen lägen. Aehnlich so äußern sich fast sämtliche Parteien des Parlaments. Tie Hand­werker, kleinen Kaufleute und kleinen Beamten aber stehen demWohlwollen" von allen Seiten recht skeptisch gegen­über; sie weisen darauf hin, daß den schönen Reden niemals die Taten gefolgt wären. Sie wollen sich nicht mehr partei­politisch engagieren, sondern erst abwarten, wer denn nun am letzten Ende in Wahrheit ihre Interessen vertritt. Sie sagen sich; Haben wir erst eine kraftvolle Organisation, wer­den uns die Parteien ganz von selbst kommen, weil wir ihnen dann nicht mit leeren Händen entgegentreten, son­dern eine nicht zu unterschätzende Gegenleistung bieten können . . . Die Regierung will von einer Einschränkung der Gewerbefreiheit nichts wissen und hat nur bezüglich des Befähigungsnachweises im Baugewerbe Konzessionen ge­macht. Die Handwerker aber vergleichen diese Abschlags­zahlung mit dem Tropfen auf den heißen Stein und wollen durchaus die Zeiten zurück, in denen nicht jeder ein Handwerk ausüben durfte. Dieser Sehnsucht hat der Handwerks- und Gewerbekammertag in Köln eine herbe Enttäuschung gebracht. Die dort versammelten Sekretäre der Handelskammern und Obermeister, die als Delegierte entsandt worden waren, haben nämlich nach sehr lebhafter Debatte den allgemeinen Befähigungsnachweis a b ge­lehnt. Dieser Beschluß hat eine erregte Preßkampagne hervorgerufen, in der auf Handwerkerseite besonders betont wurde, daß diese Delegierten die von ihnen vertretenen In­nungen nicht gefragt, sondern nach ihrer eigenen Meinung abgestimmt hätten. Man wollte die Lesart, daß die berufene Vertretung des Handwerks selbst den Befährgung-nachweis abgelehnt'hätten, nicht gelten lassen. Die erste Gegen­demonstration fand in Würzburg statt und ^war sertens i Handwerksvertreter, die in Köln ln der Mrnderhert gäben waren. Hier wuroe einstimmig Protest gegen die Kolne

V^ der allgemeine Befähigungsnach- den Schild erhoben Das Gleiche geschah in Frank- ^^ser ^age die Mittelstandsvereinigung ihre Ge- uerârsammlung abhielt und sämtliche aktuellen Mittel­standsfragen eingehend abhandelte. Trotzdem ist es eine

0 r Kölner Beschluß dadurch an agitatorischer Kraft verliert. . vKder, der cs gut mit unserem Vater- lande memt, wird nur von Herzen wünschen können, daß das Handwerk wieder goldenen Boden erhält, daß dem schwer um feine Existenz ringenden Mittelstände wirksam aufgeholfen muß eine der dringendsten Aufgaben unserer Politik sein. Der Wege aber, die da empfohlen werden, sind so viele, daß die Mahnung wohl am Platze scheint erst recht ernsthaft zu wägen, ehe man wagt, damit nicht'am Ende der Schaden größer ist als der Nutzen

Marokko gibt nach!

Die marokkanische Regierung hat ihren Widerstand gegen die Forderungen Frankreichs anfgegcben. Alle vor­der französischen Republik gestellten Ansprüche in der An­gelegenheit des Algeriers Bu Mzian wurden erfüllt.

Wie der Gesandte Graf Taillandier berichtet, erschien auf Befehl des Sultans der Großvezier Si Feddul Garnit in der französischen GesandtMft zri Fez, wo er in Gegen- wart des Gesandtschaftspersonals, des Bu Mzian und einer Anzahl Mitglieder der europäischen Kolonie dem franzö­sischen Gesandten die Entschuldigung der marokkanischen Re­gierung in höflichen Worten zum Ausdruck brachte. Der Großvezier erklärte, die scherifische Regierung habe ihn be­auftragt, ihre Entschuldigung wegen der Festnahme und Ein­kerkerung des Algeriers Si Bu Mzian el Miliani, eines französischen Untertanen, 311 übërbrmgen. Ter Maghzen hat den schuldigen Kaid abberufen. Ter Vezier übergab die vereinbarte Entschädigungssumme für Bu Mzian und be­tonte weiter, die scherifische Regierung werde es sich zur Pflicht machen, daß ähnliche Zuwiderhandlungen gegen Verträge und Gewohnheiten sich in Zukunft nicht wieder­holen. Der Großvezier übergab außerdem dem Gesandten Taillandier ein Schreiben des scherifischen Ministers des Aeußern, in welchem die Entschuldigungen der Regierung schriftlich wiederholt und die Absetzung des schuldigen 5taids bestätigt wird. Taillandier antwortete dem Großvezier, daß er im Namen der französischen Republik die Entschuldi­gungen des Maghzen und die Maßnahmen zur Genugtuung annehme, durch welche diese bekräftigt werden. Er nehme ferner die von der^rifischen Regierung für die Zukunft gegebenen Zusicherungen zur Kenntnis.

Damit ist ein Zwischenfall aus der Welt geschafft, der bei der augenblicklichen Konstellation der Dinge leicht den An­laß zu ernsteren Verwickelungen hätte geben können. Dieser plötzlich zu unverdienter Berühmtheit gelangte algerische Söldner Bu Mzian kam mit seiner Verhaftung den fron« zösischen Staatsmännern allerdings sehr gelegen. Hatte das aufdringliche Vorgehen des über seine Taten gestolper­ten Ministers Delcasss der französischen Marokkopolitik eine scharfe Schlappe gebracht, mußte sie angesichts der festen um entschlossenen Haltung Deutschlands reuig zugeben, daß ihr Minister des Auswärtigen schwere Fehler begangen hatte, die nur durch seine Entfernung ans Amt unb Würden zu sühnen waren, so bot sich durch Herrn Bu Mzian Gelegen­heit zu Auswetzuug des Schadens. Vielleicht mar die ge­waltige Entrüstung infolge der vom Sultan als berechtigt angesehenen Gefangennahme etwas übermäßig künstlich^kow struiert aber immerhin man dankte innerlich in Paris bem Geschick inbrünstig. So günstig konnte gar sein Zufall kommen. Aber auch auf deutscl)er Seite war man auf bei Hut. Schleunigst zollte man dem französischen Vorgehen zur Wahrung der Interessen der fremden Untertanen aller Rationen Beifall und sicherte Unterstützung zu. Damit war der Differenzlust aller Wind aus den Segeln genommen. Was blieb da dem Sultan übrig? Die zur Flottendemon- stration bestimmten französischen Schiffe wurden schon aus- gerüstet, an bewaffnete Gegenwehr durfte nicht ge acht werden. , . .. r.

Nun kann man ruhig am Ouai d'Orsay auch einen diplo­matischen Sieg buchen und getrost in die Kampagne der Marokkokonferenz eintreten. Ministerpräsident Rouvier empfing den deutschen Botschafter Nadolin und hatte mit ihm eine halbstündige Unterredung über die Einzelhe ten des Konferenzprogramms. Dr. Rosen, der künftige deutsche Gesandte in Marokko, ist in Paris eingetroffen. Er soll zur Wegräumnng der letzten Schwierigkeiten behllstich sein. Die für R'arokko bestimmten Kriegsschiffe erhie.ten Konterorder. Und so wird estel Frieden und Wohlgesa. len sein

Deutsches ixcicü, -

* Die Missionsstation Maffassi in Deutfch-Oftafrika sollte von aufständischen Eingeborenen zerstört lein. So sagten Berichte aus englischer Quelle. Wie stchietzt ^amltellt, ist bie Nachricht unrichtia gewesen. Die Mststonsstatron Mas-