' Nr. 236
Zweites Blatt
Samstag, den 7. Oktober 1905
14. Jahrgang
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(Gießener TagevFatt)
Unabhängige Tageszeitung
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für Overhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Wtersweg 83.
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Die goldene JVIittelstrarse.
^Politische Wochenschau.^
Die Weisheit des Sprichworts ist es, die von der „goldenen Mittelstraße" redet. Wer sich etwas feiner ausdrücken will, spricht von der „Mittellinie", die man finden müsse, um allen billigen Anforderungen soweit gerecht zu werden, w« das in unserer unvollkommenen Welt überhaupt möglich ist. Und genau dieselbe Lehre predigt der $ Satz von der „politischen Diagonale", mit der sich zu begnügen habe, wer sich ein erreichbares Ziel gesteckt hat und nicht die Befriedigung eines seltsamen Ehrgeizes barin sucht, Kraft und Zeit auf das zu verschwenden, was sich nicht erlangen läßt. Die vergangene Woche hat überreiche Gelegenheit zu Beobackümgen gegeben, wie es dem einen glückt, auf goldenew Mittelstraße zu wandeln und, den Blick fest auf das Erreichbare gewandt, mit froher Entschlossenheit auf das Unerreichbare zu verzichten, während der andere in fruchtlosem Ringen sich müht, der Natur „mit Fibeln und mit Schrauben" abzuzwingen, was sie einmal nicht offenbaren mag. Was haben Berater, die ebenso ungeduldig wie unberufen waren, die Leitung der deutschen Politik gescholten, daß sie nicht sofort „mit eiserner Faust" dreinfuhr, als auf des Fürsten Bülow stolzes Wort „Deutschland in der Welt voran" das englisch-französische Marokko-Abkommen das höhnende Echo bildete! Wie hat man von derselben Seite schmä/)end über den „Bankbruch der deutschen Politik" gezetert, als der englischjapanische Vertrag in Ergänzung jenes Abkomniens die Isolierung Deutschlands zu bestätigen schien! Wie hat man wiederuni daran gemäkelt, daß Deutschland um Marokko willen sich mit dem immerhin mächtigen und ohnedies unfreundlich gesinnten französischen Nachbar verfeinde und dabei Interessen aufs Spiel setze, ungleich wertvoller, als die deutschen Interessen in Marokko je werden könnten! Die Unkenrufe sind allmählich verstummt. Die Nichtachtung Deutschlands, die in dem englisch-französischen Marotko- Abkoinmen lag, ist mit Frankreichs ausdrücklicher, mit Englands stillschweigender Billigung aus der Welt geschafft, Deutschlands Recht vorbehaltlos anerkannt, der gute Wille Deutschlands, mit Frankreich in freundschaftlichem Einvernehmen zu sein, findet zum erstenmale bei den leitenden Staatsmännern der Republik aufrichtige Erwiderung. Gleichzeitig liebten sich auch die Beziehungen Deutschlands zu England, die eine Weile umwölkt waren, und den zuversichtlichen Friedenshoffnungen des Fürsten Bülow wird von jenseits des Kanals lebhafte Zustimmung zuteil. Am bedeutungsvollsten vielleicht ist daß die Nebel der Mißverständnisse, die seit langen Jahren zwischen Deutschland und Rußland lagerten, sich völlig gelichtet haben und verschwunden sind. Wenig fehlt, und die frühere „turmhohe Freundschaft" ist wieder da, die einen Grund- und Eckpfeiler des europäischen Friedens bildete. Zwischen dem französisch-russischen Bündnis aber steht Deutschland nicht mehr als der mögliche Gegner, sondern als der Dritte, der beiden freundschaftliche, sichere Anlehnung gewährt. — Auf goldener Mittelstraße wandelnd, im Notfall ruhig abwartend, die günstige Gelegenheit vorbereitend, hat die deutsche Politik dieses wünschenswerte Ziel
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£ erreicht.
Ter radikale Frauentag in Berlin — trenn man kleines mit großem vergleichen darf — bildet das Gegenstück. In überstürzender Hast, ohne Plan und ohne Prüfung, aus der Tiefe des Gefühls, aber ohne gründliche Sachkenntnis, wollte man hier immer den zweiten Schritt zuerst tun, nicht im Schreiten, sondern im Sprung das unklar vorschwebende Ziel erreichen. Infolge dessen waren die
Debatten mit Unfruchtbarkeit geschlagen. Uebertreibeude Forderungen und Ansichten wurden laut, die gerade den
Freund der Frauenbewegung mit Bekümmernis erfüllen mußten, weil sie Mißtrauen und Abneigung gegen diese Bewegung zu erregen angetan waren. Glücklicherweise fehlt es gegenüber den Ueberspanntheiten des Radikalismus nicht an einem Gegengewicht. Die gemäßigten Frauenrechtlerin en werden durch ihre Besonnenheit die Fehler der anderen R'ch- tung auszugleichen wissen.
Ueberaus betrüblich ist es, daß in Berlin Leiter unk Arbeiter der großen Elektrizitätswerke die goldene Mittelstraße verfehlt haben und nicht zu einer Verständigung gekommen sind. Ganz besonders bedauerlich ist, daß es den Anschein hat, als sollte die ohnehin schon sehr ausgedehnte Arbeitsniederlegung noch größeren Umfang annehmen, indem bald die Arbeitgeber, bald die Arbeiter selbst recht entfernt verwandter Berufe „aus Sympathie" sich der Aussperrung oder der Arbeitseinstellung anschließen. In schrofser Ablehnung stehen die beiden Parteien einander gegenüber, gleich bereit, schwere Opfer zu bringen, deren Wert über jeden möglichen Gewinn weit hinausragt. Noch ist die Stimmung zu erregt, um einen Ausgleich erwarten zu lassen. Doch wird hoffentlich bei den Beteiligten bald bessere Erkenntnis Oberhand gewinnen, der Eigensinn zum Schweigen kommen, und Klugheit die weiteren Schritte zum Frieden bestimmen.
In der mährischen Hauptstadt Brünn haben die T s ch e - chen nach ihrer Art sich kulturell betätigt/ indem sie sich an den deutschen Mitbürgern vergriffen. Im österreichischen Abgeordnetenhause setzten die tschechischen Führer das Werk der von ihnen Vertretenen fort, indem sie den Versuch eines Tadels für das Verhalten ihrer Volksgenossen mit rohen Schimpfworten und sogar mit Brutalitäten zurückwiesen. Die cisleithanische Regierung steht ratlos einer Entwickelung gegenüber, die sie selbst hervorgerufen hat, indem sie zugunsten augenblicklicher Zwecke dauernden Brand schürte, anstatt die Nationalitäten kraftvoll zu zwingen, daß sie friedlich gemeinsam die goldene Mittelstraße einschlugen. Derselbe Fehler ist in Ungarn gemacht worden^ wo man kannegießernden Magnaten und Magnätchen gestattet hat, das Staatsinteresse hinter ihr persönliches Eitelkeits- und Popularitätsinteresse zurückzustellen. Der Typus dieser randalierenden Worthelden ist Herr Gheza Polonyi, der das Märchen von einer deutschen oder, wie man in Budapest lieber sagte, einer hohenzollernschen Einmischung in ungarische Angelegenheiten aus der Luft griff, um auf der Gasse Eindruck zu machen und die Massen aufzuwiegeln. Er wurde prompt Lügen gestraft, und der abgestrafte politische Komödiant, der auf die Ehre eines schnellen Widerspruchs nicht gerechnet haben mochte, quittierte lächelnd mit der Versicherung, daß er sich der Belehrung freue. Aber nicht belehrt ist der Edle, sondern bloß ertappt, und kein Schamgefühl wird ihn hindern, bei der ersten Gelegenheit das noble Handwerk von neuem auszuüben.
Oti est la femme?
(Eig. Bericht.) Paris, 5. Oktober..
Wenn man den französischen zeitgenössischen Schriftstellern glauben darf, ist die Frage: „Wo ist die Frau?" nicht bloß da am Platze, wo man nach der Ursache eines Verbrechens forscht, sondern nicht minder da, wo es gilt, die nur aus ihrer Entlohnung erkennbaren Verdienste einer Mannes ans Licht zu bringen. Die Frau ist in Frankreich allmächtig, denn sie beherrscht die Mächtigen. Die S ch w i e germutter spielt dort eine andere Rolle, als in den deutschen Witzblättern schlechten Geschmacks; sie ist die gute Fee des Schwiegersohnes, der ihr gütiges Malten höher schätzt, als selbst eine hohe Mitgift. Freilich muß der Schwiegersohn die Gunst der Schwiegermutter durch dauernde gute Behandlung der Tochter verdienen, was nicht immer leicht sein mag. Sonst wird die Schwiegermutter zur Parze, die zwar nirfjt den Lebensfaden, aber die Karriere plötzlich ab
schneidet. Denn die Frau in Frankreich ist nicht bloß im Guten allmächtig. Herr Franco, Unterpräfeft von Joigny, bat es zu seinem Schaden erfahren. Er war in der Wahl der Schwiegereltern recht vorsichtig gewesen, da er die Tochter des radikalen Senators Rivet heiratete. Papa Rivet ist ein einflußreicher Herr, unb selbstverständlich ist es Fran Rivet, die über feinen Einfluß verfügt. So wurde Franco in jungen Jahren Unterpräfekt. Er hätte es schnell zu noch höheren Wurden gebracht, wenn er nicht bei einem Streit zwischen seiner Frau und seiner Schwester, in Verlaus die geborene Rivet recht unzart gegen die Familie Franck wurde, sich hätte hinreißen lassen, dem Senatorstöchterlein durch einen Backenstreich zu Gemüte ^"führen, daß sie selbst durch Heirat der Familie Franco angehöre. Frau Franco nahm das übel — was man ihr nicht verdenken kann— unb kehrte mit ihren beiden Kindern in das Haus ihrer Elterr zurück, was vielleicht etwas übereilt war. Frau Rivet aber wurde aus einer guten zur bösen Fee. Mit der Entschlußfestigkeit, die wir an der Tochter bereits kennen gelernt haben und die sie offenbar nicht restlos der Tochter vererbt hatte, bearbeitete sie den Herrn Senator, daß er sein eigen Werk zerstöre und durch seinen Einfluß den Schwiegersohn aus der Unterpräfektur von Joigny entferne. Herr Rivet mußte deswegen bei Herrn Etienne, dem Minister des Innern, vorstellig werden, und Herr Etienne hatte seinem Freunde Rivet nichts abzuschlagen. Franco wurde abgesetzt und mit geringerem Gehalt und niedrigerem Rang an die Armeeverwaltung nach Pau versetzt. Das war hart, sehr hart. Herr Franco wollte nicht bloß nicht gern, er wollte überhaupt nicht gehen. Er weigerte sich, seine schöne Amtswohnung in Joigny zu verlassen. Erst der sanften und zwingenden Ueberredungskunst der Gendarmerie gelang es, seinen Eigensinn zum Schmelzen zu bringen. Vielleicht lag dem Eigensinn auch etwas Berechnung zugrunde. Ein Unterpräfekt, der aus seiner Amtswohnung ermittiert werden muß, ist keine alltägliche Erscheinung. Von der Affäre mußte gesprochen werden, sie mußte die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und dadurch gewann Herr Franco Gelegenheit, von den Erfahrungen zu erzählen, die er als Schwiegersohn gemacht hat. Er brauchte nicht länger den Diskreten zu spielen und konnte dabei die Dinge in einem ihm günstigen Lichte darstellen, das noch keineswegs das richtige Licht zu sein braucht. - •
Vermischtes.
= Ausgaben der Hansestädte. In Hamburg hat jetzt die Bürgerschaft der vom Senat beantragten 6 910 000 Mark zum Zweck der Errichtung eines Werftplatzes für den Stettiner „Vulcan" zugestimmt. Die Bremer Bürgerschaft bewilligte für die Erweiterung des Holz- und Fabrikhafens 1 370 000 Mark für ein neues Verwaltungsgebäude und 19 600 Mark Unterstützung für bremische Künstler zur nächstjährigen Dresdener Kunstgewerbeausstellung.
— Dor älteste Handwerksbursche. In Sachsen reist ein Handwerksbursche, umher, der 95 Jahre alt ist. Er war 22 Jahre in Amerika und 18 Jahre in Rußland, ist trotz seines hohen Alters noch sehr rüstig und wird überall, wo er hinkommt, reichlich mit Geschenken versehen. Von der Polizeimannschaft in Meerane, wo er dieser Tage auftauchte, wurde ihm außer dem üblichen Stadtgeschenk noch eine besondere Unterstützung zuteil.
— Eine gestohlene Sammlung. In einem Pariser Hotel wurde dem amerikanischen Aegyptologen Bimmermann seine Sammlung ägyptischer Altertümer im Wert von angeblich einer Million Francs gestohlen. Ein in demselben Hotel wohnhafter Engländer wurde verhaftet; es wurden bei ihm nur einige wenige Stücke der Sammlung gefunden.
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