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Nr. 6.

Samstag, dm 7. Januar 1905.

14. Jahrgang.

J»sertio«Spretö r Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- Neffen, die Kreise Wetzlar mrd Marburg 10 Pfg. sonst 15 Psg. Reklamen die Petttzelle 50 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Hauptexp^ittoni Gießen, Geltersweg 88. Fernfprechnmschlvst Nr. SSL.

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Ab»L«eme«tSpreis: abgeholl monatlich 50 Psq., in^ Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mk. 1.50, GrâttSbeUage« r Oberhesfische Familienzeitnvg (täglich) und die Gießener Ceifenblafe« (wöchentticL).

DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

M DAsrhesieN und die Kreise Marburg und Wetzlar; LrälMZeGsr für GieszZA und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großln Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Der Krieg in Ostasien.

In Port Arthur sind die Japaner energisch bemüht, nach allen Richtungen hin Ordnung zu schaffen. Die Aufräu- mungsarbeiten sind in vollem Gange, nachdem

die kriegsgefangenen Russen

die Stadt verlassen haben. Das vorläufige Ergebnis 8er von General Nogi eingestellten Ermittelungen über deren Anzahl und Chargen bildet die folgende von chm telegra­phisch nach Tokio übermittelte Aufstellung:

8 Generale, 4 Admirale, 57 Obersten und Majore, 100 Schiffskapitäne bezw. Kommandanten, 531 Haupt- Heute und Leutnants des Landheeres, 200 Schiffs leut- nants und Marimbeamte, 99 Heeresbeamte, 109 Stabs­ärzte, 20 Kapläne, 22 434 Unteroffiziere und Gemeine des Landheeres, 4500 Marinemannfchaften, 3645 Nicht- kombattanten des Landheeres und 500 solche von der Marine, insgesamt 32 207 Personen. Die Freiwilligen sind der Mehrzahl nach bei den Nichtkombattanten mit eingeschlossen. Außerdem befinden sich 15 000 oder 16 000 Kranke und Verwundete in den Hospitälern. An Pferden find 100 Sattelpferde und 1870 Zugpferde über- geben worden.

Die Sorge um die Gefangenen ist eine mühevolle und kostspielige Aufgabe. Es ist möglich, daß Japan deshalb später Vorkehrungen zu deren Rücksendung nach Rußland treffen wird. Die Frage wird gegenwärtig in Tokio in Erwägung gezogen. Man glaubt, daß General Nogi auf Geheiß des Kaisers nach Tokio kommt, wo ihn ein begeisterter Empfang krwartet. Die fremdländischen Attachees sind in Port Arthur vngekommen.

General Stössel

hat sein Ehrenwort gegeben, an dem Kriege nicht mehr teil- Annehmen, und kehrt über Nagasaki in die Heimat zurück. Wie freundschaftlich der Verkehr zwischen dem besiegten und dem siegreichen Feldherrn ist, geht aus folgender Meldung hervor: Um 11 Uhr vormittags am Mittwoch trafen Gene­ral Stössel und General Nogi in einer Hütte des Dorfes Schuischi zusammen und hatten, imchdem sie sich begrüßt hatten, eine lange Unterredung. Sie schüttelten sich dann die Hände, worauf General Stössel zu Pferde stieg und nach Port Arthur zurückkehrte.

Die Sorge für die Verwundeten.

Ebensowenig, wie es möglich war, die Ziffer der russi- hhen Gefangenen festzustellen, ist die genaue Zahl der russi- Khen und japanischen Verluste während der Belagerung von Port Arthur noch nicht bekannt. Es ist unmöglich, die Mehr­zahl der Kranken und Verwundeten fortzufchaffen. Die Japaner sind bemüht, eilig Medizin und Nahrungsmittel

Ignaz von Tzargos, -er Schäfer

Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.

Alle Rechte vorbehalen.

24) Nachdruckverboten.

Mit vielem Dank und stammelnder Einladung, die Mutter doch einmal zu besuchen, schied Mine von Tzargos. Beim Beerenpflücken hatten sie soviel Zeit gefunden notdürftig von ihrem Lebenslaufe zu erzählen. Sie fühlten, daß beiden zusammengehörten ähnlich Leid, auch Iwohl noch gemeinschaftliche Freude erwarten dürften. Von dieser Zeit an, sahen sich die beiden jungen Leute öfter.

Wochen sind vergangen, da tritt eines Abends Tzargos in das kleine Stübchen des Hirtenhäuschens, zur kranken Mutter seiner Mine, wie er glaubte schon sagen zu dürfen.

m c^ seiner Herde schlief diese Nacht sein alter Beschützer Clemens. Diesem treuen Freunde hatte er sein Herz, seine Liebe und Pläne für die Zukunft offenbart. Er hatte also Zeit. Nachdem man sich begrüßt und mancherlei gesprochen hatte, frug Tzargos, ob die Mutter ihm die Mine zur Schäfecfcau geben wolle.

Die Mutter war durch ihre Tochter auf des Tzargos Frage schon vorbereitet, deshalb sagte sie freudig:Tzargos, ich gebe Ihnen mit Freuden mein Kind zum Ehegemahl, es geht dann nicht, wie mir törichten Mädchen. Brot, auch Schäferbcot macht satt. Armut schändet nicht. Sünde schändet und ist der Leute Verderben. Die Mutter, welche sich auf ihrem Lager etwas aufgerichtet hatte, erzählte dann: Ich war ein junges lustiges Mädchen. Meine Heimat ist an der Havel. Häßlich war ich gerade auch nicht, aber doch auch keine Schönheit. Nur leben wollte ich in Freuden. Gedankenlos gab ich mich allem hin was nur Freude bereitete.

nach Der Festung zu schicken. Man hofft, durch die verbesserten Sanitätsverhältnisse und Pflege Tausende zu retten.

In Tschifu sind 1000 Nichtkombattanten aus Port Ar­thur eingetroffen. Die europäischen Kolonien in den Häfen an der Küste hatten die Absicht, die Kranken und Verwun­deten aus Port Arthur in den Hospitälern von Tschifu, Tientsin, Schanghai, Weihaiwei und Tsingtau zu verpfle­gen. Eine Besprechung zwischen dem Tschifuer englischen und dem japanischen Konsul ergab, daß dort nur für 60 Verwundete Platz ist. Auch Tientsin und Schanghai ge­nügen nicht annähernd, und alle genannte Orte zusammen­genommen können nur einen Teil der Kranken und Ver­wundeten aufnehmen: infolgedessen wird die Mehrzahl der Kranken in Port Arthur bleiben müssen.

Die versenkten russischen Schiffe.

Die japanischen Marineoffiziere haben die gesunkenen Schiffe noch nicht untersucht, und über den Zustand derselben ist nichts bekannt. Eine sorgfältige Untersuchung wird so­bald als möglich vorgenommen werden. Die Russen haben klugerweise das Trockendock vor der Kapitulation blockiert, dadurch, daß sie das TransportschiffAmur" quer vor dem Dock versenkt haben. Die Werften und zehn kleine Dampfer liegen zu sofortiger Verwendung bereit. Die Minenbeseiti­gung wird begonnen werden, sobald die russischen Pläne über die Lage der Minen ausgehändigt sind. Man hofft, einige der gesunkenen Schiffe heben zu können. Laut Mit­teilung Der Marineverwaltung sind durch Die Japaner vor der Kapitulation Port Arthurs die russischen Torpedoboote Gaidamak" undVsadnik", sowie die Torpedobootszer- störerJetirny",Sesy" undBoiroi" zum Sinken gebracht worden. Der KreuzerBajan" liegt schwer beschädigt an der Südseite des Osthafens. Das KanonenbootBobr" ist durch das japanische Granatfeuer völlig zerstört. Mehrere Hundeick japanische Fachleute unter V-sehl eines Kontreadnn- rals sind von Sasebo nach Port Arthpr in See gegangen, um den Hafen und die benachbarten Gewässer von Minen zu säubern.

Die russische Hauptarmee ist bisher von dem Fall Port Arthurs noch nicht in Kenntnis gesetzt worden, doch zirku­lieren trotzdem unter den Truppen Gerüchte darüber. In Mukden behauptet man, die Japaner bauen bei Finhuan- tscheng eine Brücke über den Jalu, um eine Verbindung der Bahnen in Korea mit den chinesischen herzustellen; offen­bar verstärken die Japaner ihren rechten Flügel.

Roschdjestwenskys Flotte

befindet sich augenscheinlich in einer recht knifstigen Situa­tion. Zwar wird energisch von Petersburg aus dementiert, daß sein FlaggschiffFürst Suwarow" in der Antongilbai (Madagaskar) auf einen Felsen gestoßen und gesunken sei. Doch mißt man diesen Dementis allgemein recht wenig Glauben bei. Es ist ein offenes Geheimnis, daß die Flotte, als sie den Hafen von Libau verließ, durchaus nicht mit allen

Eine adelige Familie, welche in Wien Verwandte und dorthin zum Besuch reisen wollte, suchte ein Mädchen für ihre Kinder. Ein immer munter und fröhliches Mädchen wurde gewünscht. Ich wurde vorgeschlagen, und als ich mich vorstellte, angenommen. Meine Mutter lebte noch. Vater und die beiden Brüder waren schon tot. Die Mutter redete mir ernst­lich zu. Die Gefahren, welche mir leichtlebigen Mädchen in der Ferne drohten, zu bedenken und zu überwinden. Ich versprach alles, um nur vor ihren ernsten Mahn­ungen Ruhe zu haben.

Nach vierzehn Tagen ging es fort. Zwei große herrschaftliche Wagenj waren bepacktj mit Kleidern, Wäsche und anderen Sachen. Kaum war Platz für die Familie. Im ersten Wagen saß der Herr uud die gnädige Frau. Kutscher und Diener tronten auf dem Bocke. Im zweiten war die Kammerfrau, ich und zwei Kinder, liebe Mädchen von 8 und 10 Jahren. Auf dem Hinterteile des Wagens hatte der Diener seinen Platz genommen. Der Kasten, auf dem er saß, enthielt reichlich Waffen verschiedener Art. Der Kutscher saß auf seinem Bocke.

Wir kamen ungefährtet bis in die Nähe von Wien. Dort begegnete uns ein Reiter mit einem Diener. Kaum war unser Herr seiner gewahr, als er auch schon halten ließ und ausrief: Aberzum Teufel Grafvon V... Mensch, wie kommst du hierher. Du sollst in . . na, nenne mir mal die Herrschaft, wohnen und bist hier. Geh' her alter Junge, gib mir die Hand, dann erzähle. Doch erst vocstellen: Hier meine getreue Cecalie geborene von V. . . , dort meiner beiden prächtigen Mädels. Der Graf ritt mit uns bis Wien, ja er besuchte uns später gar oft. Auch sagte er unter anderem, er habe unten in Ungarn eine Pasta gekauft, eine große ausgedehnte Fläche. Dieselbe sei zu einsam für ihn, deshalb überlasse er dem Verwalter die Führung der Geschäfte und reise lieber je nachdem er Lust habe.

Hilfsmitteln moderner Navigation zur Genüge ausgerüstet war. Genaue Seekarten seien nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Wie es heißt, soll sich jetzt die ganze baltische Flotte, also außer der Roschdjestwenskyschen Abteilung auch die des Admirals Fölkersam, die durch den Suezkanal ging, in den madagassischen Gewässern befinden. Wie man in Paris behauptet, wäre Roschdjestwenskys Flaggschiff des­halb in so pekräre Lage geraten, weil es sich Beobachtungen durch englische Kriegsschiffe entziehen wollte. Roschdjest- Wensky habe, um sich zu verbergen, einen gefährlichen Weg durch Klippen gewählt, der auf den russischen Schiffskarten nicht verzeichnet war. Roschdjestwenskys Geschwader wird in den madagassischen Gewässern höchstwahrscheinlich bis Ende März verweilen, um die Monsumstürme vorüber zu lassen.

Unser Kolonialkrieg. ,

Nach wochenlangen anscheinend unorganisierten Streif­zügen und Ueberfällen auf wehrlose Personen oder schwach und gar nicht geschützte Plätze haben sich die Witbois endlich zu einem festen Feldverband zusammengeschlossen und sich den deutschen Truppen gestellt. Sie haben mit unverkennbarer Tapferkeit selbst mehrfachen Bajonettangriffen standgehalten.

Wie General Trotha aus Windhuk unterm 5. Januar meldet, kam es zu einem blutigen

Gefecht bei Stamprietfontein, bei dem von morgens bis abends heftig gekämpft wurde und das schließlich mit dem Rückzüge der Hottentotten endete. Nachstehend die bis jetzt bekannten Einzelheiten:

Major Meister stieß am 1. Januar 6 Uhr abends bei Stamprirtfontem auf 500 bis 600 Hottentotten. Diese hielten trotz wiederholter Bajonettangriffe bis 9 Uhr 30 Min. abends nach Eintritt völliger Dunkelheit stand und zogen sich erst unter dem Schutz der Nacht auf beiden Ufern des Auob in Richtung auf Gochas zurück. Major Meister folgte am nächsten Morgen. Verluste des Feindes, welche bedeutend gewesen sein müssen, sind noch nicht fest­zustellen gewesen.

Dieses Gefecht hat sich offenbar aus der taktischen Aus­führung des neuesten Kriegsplanes ergeben, Der den Zweck ocrfolgt, die Hottentotten in Dem Gebiet zwischen Keetmans- hoop, Gochas und Rietfontein zufammenzudrängen und dort Den Feldzug zur Entscheidung zu bringen. Oberst Deimling rückte daher vor Wochen schon gegen Rietfontein vor, das als das Zentrum der feindlichen Stellung galt, und er lieferte ihm dort ein blutiges Gefecht. Der Feind hielt Kunals nicht stand, sondern verzog sich nordöstlich nach dem gebirgigen Terrain, während Oberst Deimling mit Der

Ignaz Tzargos? horchte auf, Ungarn sein Geburts­land.O Nitra", wär ich noch einmal dort, so ent­rang es sich seiner Brust. Er mußte kurz erzählen, daß er dort geboren und erzogen sei.

Dann erzählte die Kranke weiter, der Graf habe sich viel mit den Kindern zu schaffen gemacht sie geneckt und sonst allerlei Scherz getrieben. Ihr aber habe er dabei oft so tief in die Augen geblickt, daß sie dieselben niedergeschlagen habe. Später, so fuhr sie fort war ich über sein Benehmen erschrocken. Er brachte mir aber so viele und schöne Geschenke mit, daß ich schließlich Vertrauen zu ihm gewann. Ich will es kurz machen.

Noch war kein Jahr vergangen, da wurde ich schon mit Schande aus dem Hause gejagt. O Mutter, Mutter schrie ich. Hätte ich deine Worte beachtet? Erst suchte ich den Tot in den Wellen der Donau, wurde aber zurückgehalten und mit ernsten Ermahn­ungen aus der Stadt gelassen. Ich wollte heim. Die kostbaren Geschenke des Verführers verkaufte ich. Sie waren mir doch nichts nutze, gaben mir aber Zehrgeld So bin ich gewandert, immer zu Fuß. Nur selten traf ich einen Fuhrmann, der aus Mitleid, mich einige Stunden mitnahm. Leider hatte ich die Orte vergessen, über welche wir gezogen waren. Die Sprache der Landbewohner verstand ich nicht immer, deshalb reiste ich in einer falschen Richtung. Hier kam ich endlich krank, ja bis zu Tode erschöpft an, fand Aufnahme und meine Mine wurde hier geboren. Jetzt aber war die Kraft der Kranken zu Ende. Noch einmal in kurzen Zügen hätte sie ihren Lebensgang vor diesen beiden jungen Leuten vorübergeführt. Tzargos konnte aus dieser Erzählung nicht erfahren, was für ein Graf eigentlich der Vater seiner Mine sei. Nachdem die Frau sich ein wenig erholt hatte, wurde die Verlobung ihrer Kinder, wie sic jetzt sagte, vollzogen. Ihr Hände erfassend segnete sie dieselben.

(Fortsetzung folgt)